WER HAT ANGST VOR VALERIE SOLANAS?"Das Leben in dieser Gesellschaft ist ein einziger Stumpfsinn, kein Aspekt der
Gesellschaft vermag die Frau zu interessieren daher bleibt den aufgeklärten, verantwortungsbewussten und sensationsgierigen Frauen
nichts anderes übrig, als die Regierung zu stürzen, das Geldsystem abzuschaffen, die umfassende Automation einzuführen und
das männliche Geschlecht zu vernichten. Heute ist es technisch möglich, sich ohne Hilfe der Männer zu reproduzieren und
ausschließlich Frauen zu produzieren. Wir müssen sofort damit beginnen. Der Mann ist eine biologische Katastrophe: das
(männliche) Y-Gen ist ein unvollständiges (weibliches) X-Gen, d.h. es hat eine unvollständige Chromosomenstruktur. Mit
anderen Worten, der Mann ist eine unvollständige Frau, eine wandelnde Fehlgeburt, die schon im Genstadium verkümmert
ist." So lauten die ersten Zeilen des SCUM-Manifests von Valerie Solanas. Valerie Solanas, geboren am 9. April 1936 in New
Jersey, USA, Begründerin und einziges Mitglied von SCUM. SCUM steht für Society for Cutting Up Men - Gesellschaft zur Vernichtung
der Männer. VALERIE: Sie ist hypothetisch. Nein, hypothetisch ist das falsche Wort. Sie ist nur ein literarischer
Kunstgriff. Es gibt keine Organisation mit dem Namen SCUM. INTERVIEWER: Das bist nur du. VALERIE: Das bin noch nicht einmal ich
... ich meine, ich dachte daran, als eine Art Bewusstsein. Mit anderen Worten, Frauen, die auf eine bestimmte Art denken, sind SCUM.
Männer, die auf eine bestimmte Art denken, gehören zum männlichen Äquivalent von SCUM. Das SCUM-Manifest hat
ihrer Autorin (natürlich) keinen Eintrag in die Annalen der Literaturgeschichte verschafft. Genauso wenig wie ihre anderen Werke.
Berühmt, vielmehr berüchtigt, wurde Solanas durch ihr Attentat auf den Pop-Art-Künstler Andy Warhol. Wer war Valerie
Solanas? Am 3. Juni 1968 um 16.15 Uhr betritt Solanas zusammen mit Warhol die "Factory", sein Büro und Atelier.
Wie immer trägt sie Männerhosen. Warhol fällt auf, dass sie Lippenstift und Eyeliner aufgetragen hat. Akribisch genau
notiert er dies später in seinen Memoiren; auch, dass Solanas eine Papiertüte bei sich trägt, die sie "unruhig in den
Händen dreht". Diese Papiertüte beherbergt die 32er-Baretta-Automatik, mit der Solans auf ihn schießt. Er wird dabei
schwer verletzt. Solanas hat durch ihr Attentat das wahrgemacht, was der Pop-Art-Künstler immer proklamiert hatte: Jeder könne
für fünfzehn Minuten ein Star sein. Nachdem sie auf Warhol geschossen hatte, kommt Solanas auf die Titelseiten der Zeitungen. Der
Olympia Verlag bringt ihr SCUM-Manifest heraus und innerhalb der feministischen Bewegung entspinnt sich eine heftige Diskussion, ob Solanas
eine von ihnen sei: "Das schien mir auch ein rhetorisches Instrument zu sein. Ich glaube nicht, dass sie gemeint hat, Männer im
wahrsten Sinne des Wortes zu zerstückeln, als vielmehr sie in ihrem Dünkel zu beschneiden. Doch andere Feministinnen nahmen es
wörtlich und sie waren zutiefst schockiert." (Kate Millet, Autorin des feministischen Klassikers "Herrschaft und
Sexus") Mary Harron, Drehbuchautorin und Regisseurin des Films "I shot Andy Warhol", erzählt: "Wie jeder
andere auch, dachte ich immer, dass Valerie eine Verrückte war. Endlich erhielt ich ein Exemplar ihres Manifests und war erstaunt, wie
brillant es geschrieben ist. Es ist witzig! Keiner hatte zuvor erwähnt, dass Valerie einen Sinn für Humor hatte. Man fragt sich
heute, wie viel davon Satire und wie viel ernst gemeint ist. (...)" In einer Mitteilung des Verlages, der 1996 eine Neuauflage
des SCUM-Manifests herausbringt, wird es als "Mischung von pathologischem Wahnsinn und klarer feministischer Analyse" bezeichnet.
Treffender hätte es wohl kaum formuliert werden können. Manchmal wird versucht Solanas Männerhass auf ihre
Vergangenheit zurückzuführen. Sie wurde jahrelang von ihrem Vater sexuell missbraucht. "Hätte mich auch gewundert, wenn
das nicht der Fall gewesen wäre", meinte eine Freundin von mir dazu lakonisch. Statistiken besagen, dass dies jeder fünften
Frau "passiert". Aber nicht jede von ihnen schießt auf Pop-Art-Künstler und schreibt radikalfeministische Manifeste.
Valerie Solanas als Polizeiprovokateurin. Welch kurioser Einfall! Wir schreiben das Jahr 1967. Solanas hat ihr
Psychologiestudium abgeschlossen und lebt als Gelegenheitsprostituierte und professionelle Schnorrerin. Im Grunde sieht sie sich aber als
Schriftstellerin. Neben einigen Zeitungsartikeln hat sie ein Theaterstück und das SCUM-Manifest verfasst. Mangels eines Verlegers
beginnt sie, Kopien des SCUM-Manifests auf der Straße zu verkaufen. Ihr Theaterstück 'Up your Ass' ('Schieb's dir in den
Arsch') hat sie Andy Warhol zum verfilmen gegeben. Es ist so frivol, dass Andy glatt Verdacht schöpft: "Ich las es quer, dabei
hatte ich plötzlich den Einfall, dass sie für die Polizei arbeitet und das Manuskript so eine Art Falle für uns sein
könnte." (Andy Warhol, Memoiren, Teilabdruck in SCUM-Manifest 1996) VALERIE: Gib mir 15 Cent und ich gebe dir ein
dreckiges Wort. MAURICE GIRODIAS: Wie heißt das Wort? VALERIE: Männer. Endlich hat Solanas einen Verleger
für ihr SCUM-Manifest gefunden: Maurice Girodias, eine zwielichtige Figur und Chef des Olympia Verlages. Er hat bereits William
Burroughs 'Naked Lunch' gedruckt - ein späterer Welterfolg, den er dem Autor mit einem Taschengeld vergütet hat. Einen
ähnlich windigen Vertrag bekommt auch Solanas. Vermutlich hatte sie an jenem 3. Juni 1968 zunächst Girodias umbringen wollen.
Solanas glaubt, dass Maurice Girodias sie ruinieren will, dass er mit Warhol, der das einzige Manuskript ihres Theaterstücks
"verloren" hat, unter einer Decke steckt. Nur durch Zufall konnte Maurice Girodias dem Attentat entkommen. Er war nicht zu
Hause. "Ohne Hemmung durch Anstand, Nettigkeit, Diskretion, öffentliche Meinung, 'Moral', Respekt vor
Arschlöchern; immer feige, schmutzig, unfair so kommt SCUM überall und überall und überallhin... sie kennt die ganze
Schau jedes Stück davon, die Vögelszene, die Lutschszene, die Bullenszene, die Hafenszene sie haben den ganzen Hafen
unterwandert, sie kennen jedes Dock und jeden Pier. (...)" SCUM ist nach dem Attentat immer noch in der Gosse. Die Welt schenkt der
ehemaligen Warhol-Attentäterin und ihrem Manifest keine Aufmerksamkeit mehr. Solanas wandert von der Psychiatrie ins Gefängnis.
Vom Gefängnis in die Psychiatrie. Und schließlich wieder in die Gosse. 1988, 20 Jahre nach dem Attentat, stirbt sie im Alter von
52 Jahren in einem Wohlfahrtsheim in San Francisco an Lungenentzündung. " SCUM wird sich mit der Nichtarbeiterschaft,
mit der Kaputtmacherschaft solidarisieren; sie werden die verschiedensten Jobs annehmen und nicht arbeiten.(...) SCUM wird Ehe-kaputt
spielen, sich zwischen gemischte Paare drängen und sie auseinander jagen. SCUM wird alle Männer töten, die nicht Mitglieder
der SCUM-Männerhilfstruppe sind. Mitglieder der Männerhilfstruppe sind diejenigen, die fleißig daran arbeiten, sich selbst
zu eliminieren." (SCUM-Manifest)
doris day
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