Kein Mehrkornbrötchenminister für AhausOb ich wohl eher das Innenministerium wähle, oder lieber
Gesundheitsminister werde, frage ich mich, während ich diese Zeilen in meinen Laptop tippe (er ist pinkfarben, Marke steht leider
nicht drauf; notiere mir: Händler anrufen und danach fragen), und bürste mir sorgfältig ein Staubkorn vom Zweireiher
(anthrazit, gestern bei H&M erworben). Meine Frau behauptet ja, ich hätte eine gewisse Selbstgefälligkeit angenommen, seit
wir vor einigen Tagen beim gemeinsamen Durchforsten unserer Erinnerungstruhe auf das Foto gestoßen waren. Dabei hatte der
Grund, mich dem knappen Dutzend Radlern anzuschließen, die für einen Fahrradweg durch Schwanstetten demonstrierten, eigentlich
Carolin geheißen, aber das verrate ich meiner Frau natürlich nicht. Sonst fuhr ich zu dieser Zeit ja schon den roten Polo.
Carolin ist gottlob auch nicht auf dem Bild drauf, dafür erkennt man deutlich den Kotflügel des begleitenden Streifenwagen und
natürlich mich im Kaschmirpullover. Das Foto haben wir schon mal dem Stern geschickt, mit der Bitte es mindestes 15 Jahre
zu archivieren. Ich sehe bereits die Schlagzeilen: Liebler räumt ein: Ja, auch ich war bio. Dazu ein dicker Pfeil, der
zeigt, dass ich auf das Polizeifahrzeug zusteuere, offenbar in der Absicht, es zu beschädigen. Ja, wir waren schon andere Kerle
damals. Nicht wie diese milchgesichtigen grünen Kreisfunktionäre von heute, denen Jürgen Trittin in einem Brief mitteilen
muss, der Parteirat halte Proteste gegen den Castortransport für politisch falsch, egal "ob durch Sitzen, Gehen oder Singen"
protestiert werde. Bemerken Sie den ironischen Unterton. Der Ex-Militante gießt Hohn und Spott über seine aufrechtesten
ParteisoldatInnen, macht ihnen deutlich, dass er sie für Weicheier hält: Sitzen, Gehen oder Singen. Auf der
anderen Seite habe ich selbst mir ja die Frage gestellt: Müssen Grüne eigentlich überhaupt demonstrieren? Können die
denn nicht eigentlich wie bei allen anderen Regierungsparteien ihre Ortsgruppenversammlungen abhalten, ihre Protokolle schreiben, in
Resolutionen Beschlüsse vom Parteivorstand verlangen, die dieser gerade ohnehin beschließen will oder andere
beschäftigungstherapeutische Maßnahmen abhalten, wie sie in jeder normalen deutschen Partei halt üblich sind? Meine
These lautet: die müssen das - zum Mindesten was den Teil anbelangt, der nicht mit Laptop und Handy zum Parteitag erscheint. Bei
diesem - eher konservativen - Teil der Grünen ist es eine Art Reflex, beim Wort Atom die Fahne mit der Sonnenblume aus der
Kiste zu kramen, so wie ich automatisch beim Bäcker die Mehrkornbrötchen wähle ein ähnlicher Reflex ökologischer
Korrektheit. Richtig nachdenken tun aber diese Demonstriergrünen nicht. Wissen sie eigentlich, wie die Strategie heißt, die
gegen den Castortransport angewandt wird? Verstopfungsstrategie. Man demonstriert nur, um den Transport möglichst teuer zu machen,
also den Staatssäckel, das rotgrüne Sparschwein zu verstopfen. Verstanden? Na, das geht doch alles wieder von der Ökosteuer
ab. Also, nachdenken, Grüne!
Michael Liebler
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