Kultur nach Adorno nur noch eine Version von Reklame?Dass die Debatte um Politik und linke Kultur eine Fortsetzung
findet, ist mehr als erfreulich. Schließlich gab es hier viel zu lange Stillstand und gegenseitige Missachtung. Von dieser
stagnierenden Position ist allerdings der/die AutorIn in der letzten Raumzeit-Ausgabe nicht weit entfernt. Kultur nach Adorno nur noch als
eine Version von Reklame zu sehen, greift zu kurz. Kultur ist ein Ausdruck von Lebenshaltung und Lebensgefühl. Wenn sie als Ausdruck
in einer von Oberflächen und Symbolen bestimmten Welt nur noch als Werbung für linke Inhalte wahrgenommen werden
kann, so liegt das erstmal nicht an ihr selbst. Es kommt nun aber darauf an, wie eine linke politische Kultur auf diese Wahrnehmung von
außen reagiert. Veränderung ist von Nöten. Dazu gab's im Beitrag in der letzten Ausgabe wenig Konkretes zu lesen. Die
Worthülsen blieben leer. Wie soll denn eine politisch handelnde Kunst wirksam sein können, wenn ihr von der politischen Linken
nur unnötige Abstraktion und Weltfremdheit vorgeworfen wird, ohne dass mensch sich auf diese Kunst einlässt? Wie soll Musik mit
linkem politischen Inhalt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangen, wenn sie selbst bei Gleichdenkenden keine Unterstützung
findet? Machen wir uns nichts vor, auch in linken Kreisen gibt es Rituale und Mechanismen, die denen der restlichen Welt
ähnlich sind. Diese zu hinterfragen und zu überwinden ist wichtig, die Linke kann dadurch nur an Profil gewinnen. Politischer
Kampf wird auch immer über Kultur ausgefochten. Die Rolle von Medien, Popkultur und Presse in unserer Gesellschaft macht dies
überdeutlich. Das schwierige an dieser Situation der letzten zehn Jahre ist dabei der Stellenwert von Utopien. Der tendiert bei den
meisten Menschen gegen Null. Viel wichtiger scheint eine wie auch immer geartete Individualität der/s einzelnen und
Authentizität geworden zu sein. Kulturelle Strategien müssen daher bei diesen Begriffen und ihrem Ausdruck ansetzen. Nach
Auseinandersetzung und Wirkung auf eine Öffentlichkeit kann vielleicht wieder mit dem Nachdenken über Utopien begonnen werden.
Denn vielleicht können uns Utopien wieder aus dem Jammertal der Reaktion auf staatliche und gesellschaftliche Missstände bringen.
Und unmissverständliche Aktionen brauchen keine Reklame, aber kulturelle Techniken, durch die sie Realität werden. Hier gilt es
in der momentanen Situation anzusetzen.
Tobias Lindemann
DISKUSSIONErwiderungen zu tomek's "Linke Mythen in Tüten"
Lach dich politisch! Eine Kritik an der Politik der ersten Person, der berühmt-berüchtigten Identitätspolitik, ist nicht
gerade neu oder erregend. Warum sie aber das Ende des kritischen Denkens besiegeln soll, das verrät uns Dr. Tomek auch nach etlichen
Soziologie-Grundkursen nicht. Das Problem mit der Identitätspolitik, die eben jene Fraktion, die jetzt so dagegen wettert, jahrelang
zur Qual der ganzen Szene betrieb, war ein anderes: Sie tötete jeglichen Spaß, nicht nur die Inhalte, und vergraulte alle
potentiell Interessierten, die sich nicht in den Kochtopf, ins Bett oder sonstwohin schauen lassen wollten und nicht bereit waren, sich
jedes Wort im Mund herumdrehen zu lassen. Gerade Menschen waren davon angewidert, denen es nicht um Pseudofamilien und cliquenhaftes
PC-Verhalten, sondern schlicht um linke Inhalte mit eigenem Kopf ging. Die Linke als Mythos? Wie postmodern. Aber auch schon etwa 10 Jahre
alt, die Kamelle. Nicht, dass die Kritik an Mythen, gerade an männlichen, plötzlich falsch wäre, aber bitte: Warum immer auf
den eigenen Leuten rumhacken, auf den verbliebenen linken Aktiven? Wie wärs mal wieder, wenn schon old school, dann mit klassischer
Analyse der uns täglich verdummenden Werbe-Mythen, Frauen- und Männerbilder à la Roland Barthes? Warum sich bis zur
Selbstauflösung immer nur selbst dekonstruieren, bis es blutet? Es muss angemerkt werden: Zu Zeiten, als es eine linke kulturelle
Hegemonie gab und die Neue Rechte dieses Terrain noch nicht beackerte, gab es auch noch weniger faschistische Angriffe und Morde. Und mal
ehrlich: Was ist besser mit den Eltern die Mallorca-Dias anschauen oder doch das alte Mainzer-Straßen-Video? Meine Wahl steht fest.
Klar, dass Erinnerungen an bessere Zeiten einen Halt bieten, aber wenn die Zeiten so rauh wie derzeit sind, kann ich es niemandem
verdenken, wenn Menschen so handeln. Vor allem aber, unbekannter Autor, wenn Sie sich in letzter Zeit mal in linke Treffpunkte begeben
hätten, wüssten Sie, dass derlei Nostalgie-Veranstaltungen nicht zu oft, sondern viel mehr zu selten auf der Tagesordnung stehen!
Die Jugend hat erschütternd wenig Ahnung von den Kämpfen und Debatten der Vergangenheit und das drückt sich in
fehlendem Selbstbewusstsein aus, dass überhaupt noch irgendwas geändert werden kann auf dieser Welt. Wie die Fruststimmung
besiegen? Zugegeben, nicht mit Mythen in Tüten, niemand will hören, dass früher alles besser war, aber doch wohl mit
gemeinsamen Aktionen - welcher Art auch immer. Subjektivität ist erst im Zusammenhang mit anderen, in der Auseinandersetzung,
erfahrbar, daran ist nun mal nichts zu rütteln, sonst drohen Größenwahn, Resignation oder Selbstkasteiung. Was also ist
so grauenvoll daran, wenn Menschen zusammen, zum Beispiel mit Spraydosen in der Hand, durch die Straßen ziehen? Man hört was
trapsen: Den antideutschen Mythos! (Aha, der antideutsche Mythos vom kurzhaarigen, studierten Helden im V-Ausschnitt-Pulli, der den
Wo ist zu Hause Mama-Sampler auswendig kennt, ist also als einziger akzeptabel?!) Das Negative am gemeinsamen Kampf, besteht es
zufällig darin, dass die Beteiligten Deutsche, wenn auch unschuldig daran, sind? Dann viel Spaß beim kollektiven Selbstmord, aber
einige Fragen seien gestattet: Welcher akut bedrohten Migrantin haben frustriert allein daheim vor sich hin brummelnde, immer noch Blumfeld
hörende antideutsche Adorno-Fans je geholfen? Und: Warum so partyfeindlich? Was bitte ist unpolitisch an Spaß? Warum
sollte Lachen Abstriche an den Inhalten bedeuten? Im Gegenteil, gemeinsam feiern gibt Kraft zu kämpfen, aus so manchem spontanen
Quatsch entstand in der Reflexion progressive Politik. Vermittelt sich depressives Rumgehänge und Theoretisieren auf
Uni-Hauptseminar-Niveau genauer als schöne Feste? Ja, ich gestehe: Auch ich bin seinerzeit über Feste und durch Musik politisiert
worden also über die geschmähte Kulturschiene. Den meisten, so behaupte ich, ging und geht es ebenso. Bei entmythologisierenden
Aktionen wie zu dritt durch die Vororte zu ziehen und viersprachig zu rufen: Fremd ist der Fremde nur in der Fremde will mit
Verlaub gesagt keine Sau mitmachen. Aber jene drei wollen ja auch unter sich bleiben in ihrem erlauchten Zirkel. Die Qualität der sich
aus kultureller Politisierung ergebenden politischen Biographien mag unterschiedlich sein, aber immer noch besser als wenn zu bestimmten
Themen Totenstille im Lande herrscht. Ein Beispiel: Besser, es wird in Massen lautstark gegen einen Angriffskrieg wie im Falle Jugoslawien
demonstriert, mögen die Argumente auch verschieden sein, als zu zwanzigst betroffen in der Innenstadt zu stehen und vor aller Welt
sein Versagen als Restlinke zu zeigen. Wem es auf die Menschen in dem gebeutelten Land ankommt, wird zustimmen, wer sich als postmoderner,
identitäts- und herzloser DJ-Culture-Freak permanent selbst bespiegelt und mehr mit dem eigenen Outfit als mit der Politik
beschäftigt ist (könnte ja links aussehen und Pali-Tücher sind sowieso antisemitisch!), mag es bestreiten... C.
S.
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