ZERO TOLERANCE - Es gibt keine Entschuldigung
Konzert, Videoperformance und Plakat-Ausstellung zum Thema Gewalt gegen
Frauen
The Flamingo Massacres, The Robocop Kraus, 64k-RAM System
Samstag, 2.März 2002 Zentralcafe K4
"Er verlor die Gewalt über sich. Und er schlug mich. Er verlor
die Gewalt über sich. So einfach war das. Und er schlug mich.
Ich flog durch die Küche. Ich knallte an die Spüle und
stürzte. Ich fühlte nichts, nur den Schock. Und ein
Drehen in meinem Kopf. Für eine Weile wusste ich gar nichts
mehr - wo ich war, was mit mir los war, wie ich auf dem Boden
gelandet war. Dann sah ich seine Füße, dann seine Beine,
wie sie ein Dreieck mit dem Boden bildeten. Er schien ganz weit
über mir zu sein. Meilenweit. Ich musste mich zurücklehnen,
um ihn zu sehen. Dann kam er nach unten, mir entgegen.
Bist du in Ordnung?
Sein Gesicht, seine Augen glitten über mein Gesicht,
über jeden Zentimeter, jede Ecke. Nachsehend, suchend. Nach
Spuren suchend, nach Blut sehend. Er war besorgt. Sein Gesicht
war voller Sorge und Liebe. Er hatte Angst. Er sah mir nicht in
die Augen. Er drehte meinen Kopf und sah sich die Seiten an.
Du bist gestürzt, sagte er, ich wollte nicht,..."
(R. Doyle, Die Frau, die gegen Türen rannte)

Gewalt gegen Frauen ist nichts Seltenes. Weltweit betrachtet
sind Frauen zwischen 15 und 44 gefährdeter, durch einen Mann
körperlich versehrt zu werden oder den Tod zu erleiden, als
durch Krebs, Malaria, Autounfälle und Krieg zusammen. Und
da diese Form von Gewalt auch noch meist im Privaten, meist zwischen
Menschen, die sich nahe stehen, auftritt, wird sie auch noch zur
"Familiensache", bei der sich niemand einmischen will.
Es ist traurig, dass im Gegensatz zu Reaktionen auf rassistisch,
politisch oder religiös motivierte Gewalt hier kaum eine
Medien- oder Öffentlichkeitspräsenz vorhanden ist. Es
scheint, als ob etwas, wenn es nur alltäglich genug ist,
zu einem "blind spot", einem blinden Fleck wird, den
niemand mehr wahrnimmt oder wahrnehmen will. Und wenn es auf dieses
Thema zu sprechen kommt, will eigentlich auch niemand mehr davon
hören - als ob die Probleme damit auch vom Tisch wären.
Aber das sind sie nicht: Die Organisation Terre des femmes berichtet,
dass jährlich 40.000 Frauen in Deutschland vor ihren gewalttätigen
Männern ins Frauenhaus fliehen.
ZERO TOLERANCE - so lautet der Name einer Stiftung, die sich gegen Gewalt an
Frauen engagiert. Ich las von ihr das erste Mal in einem Roman: "Marabou Stork
Nightmares" von Irvine Welsh. Ich fand einige der Plakataktionen, die dort
beschrieben werden, faszinierend, es gab z.B. eines, auf dem zwei spielende
kleine Mädchen zu sehen sind und auf dem steht: "Wenn sie 15 Jahre alt sind,
wird eine von beiden sexuell missbraucht worden sein. Z. Es gibt keine
Entschuldigung dafür." Oder ein schlichtes mit den Sätzen: "Schieb es auf die
Frau. Schieb es aufs Wetter. Schieb es auf den Alkohol. Z. Es gibt keine
Entschuldigung dafür." Faszinierend, weil sich die Plakate in provokanter Weise
an alle Menschen richteten - nicht nur an die Opfer, nicht nur an die Täter,
nicht nur an jene, die wegsehen, wenn sie diese Form der Gewalt in ihrer Nähe
beobachten. 1998 veröffentlichte ZERO TOLERANCE eine Studie, die zeigte, dass
landesweit unter Jugendlichen die Akzeptanz von erzwungenem Sex und körperlicher
Gewalt gegen Frauen sehr hoch lag. Eines von drei Mädchen dachte, es gäbe
Umstände, unter denen es gerechtfertigt sei, eine Frau zu schlagen oder sie zum
Sex zu zwingen. Erzwungener Sex war sowohl für Mädchen als auch für Jungen eher
zu akzeptieren als Schläge. 36% der Jungen dachten, sie könnten ein Mädchen zum
Sex zwingen. Über die Hälfte der Befragten war der Meinung, dass Frauen in
verschiedener Weise Gewalt provozieren, z.B. durch Flirten oder eine Art sich zu
kleiden. Mehr als die Hälfte der Befragten kannte eine Frau, die von ihrem
männlichen Partner geschlagen worden war und exakt die Hälfte kannte ein
Vergewaltigungsopfer. Ich schätze, soviel anders würde eine Untersuchung
hierzulande auch nicht ausfallen.
Die Band The Flamingo Massacres will, unterstützt vom Musikverein, das Thema
"Gewalt gegen Frauen" wieder einmal ans Tageslicht holen: ZERO TOLERANCE nennen
sie in Anlehnung an die im schottischen Edinburgh entstandenen Kampagnen ihre am
Samstag, dem 2. März im Zentralcafe des K4 stattfindende Benefiz-Party. Dort
wird es ein Konzert von The Robocop Kraus und The Flamingo Massacres geben, das
visuell vom Video-Künstler 64k-RAM-System (Henning Kanemann) untermalt wird. Im
Vorfeld und als Ausstellung an diesem Abend wird eine Plakataktion von
internationalen GrafikerInnen durch provokante Motive auf das Thema aufmerksam
machen.
Der Erlös dieser Aktion geht an AURA e.V.. Was AURA ist? Ein präventiv
arbeitender Selbsthilfekurs für Frauen und Mädchen - hier wird versucht, bei
Frauen und Mädchen einer Haltung entgegenzuwirken, bei der irgendwelche Schuld
an tätlichen Angriffen auf sie von ihnen selbst übernommen wird. Hier wird
versucht, dem nachzuspüren, was in Frauen oder Mädchen in Situationen, in denen
sie bedroht werden, vorgeht. Hier wird versucht, ihnen zu helfen, damit
umzugehen. Hier ein Auszug aus ihrer Selbstdarstellung:
"Keine Frau ist vor körperlichen und verbalen Belästigungen und Angriffen
geschützt. Die Einschränkungen, die sich daraus für Frauen und Mädchen ergeben,
bestimmen unseren Alltag: anzügliche Bemerkungen, Hinterherpfeifen, abwertende
Blicke, nicht ernstgenommen werden; die Angst vor sexuellen Übergriffen und die
Angst vor Vergewaltigung machen viele Frauen wütend und hilflos. Die
feministische Selbstverteidigung ermöglicht jeder Frau und jedem Mädchen, ihre
eigenen Kräfte und Stärken kennenzulernen und ihnen zu vertrauen. Es kommt
darauf an, die Situation bewusst wahrzunehmen, realistisch einzuschätzen und
entschlossen zu reagieren. Jede Frau/ jedes Mädchen kann ohne ein jahrelanges
Kampfsporttraining ihre Grenzen erkennen, schützen und verteidigen. Im Kurs
arbeiten wir mit einfachen Selbstverteidigungstechniken, Rollenspielen,
Wahrnehmung, Körperbewusstseinsübungen und geben Hilfestellung bei bereits
vorhandenen oder zu erwartenden Gewaltproblemen. Jede Frau kann an den Kursen
teilnehmen: die sportliche, unsportliche, junge, ältere, zierliche, stärkere,
sensible, robuste...Frau."
Die Kette zu durchbrechen, Opfern zu zeigen, dass sie die Möglichkeit haben,
auszubrechen, dass es Menschen und Institutionen gibt, die ihnen dabei helfen
werden - das ist unser aller Job. Und zu realisieren, dass dies nichts ist, was
außerhalb unserer "Szene" passiert! Diese Form von Gewalt schert sich nicht um
kulturelle, nationale oder Klassengrenzen. Untersuchungen, die in Holland
erstellt wurde, ergaben, dass Armut oder ein niedrigerer Bildungsgrad ebenfalls
nichts damit zu tun haben. Auch bei den Opfern macht es übrigens keinen
Unterschied, aus welchem gesellschaftlichen Hintergrund die Frau stammt: Hohe
Qualifikationen machen es einer Frau nicht leichter, dem Zirkel von Gewalt,
Scham und Depression zu entkommen.
The Robocop Kraus sind eine Band, die den Geist von Bands wie The Who
wiederauferstehen lässt: Rock´n´Roll mit hemmungslosen Exzessen auf der Bühne.
Ihr strikter Dresscode verleiht ihnen noch einen unwiderstehlichen Schuss Glam -
kurz eine Partymaschine, die Pop und Punk vereint. Nach diversem Touren durch
Europa werden sie heuer einen Abstecher in die USA machen, wo sie zusammen mit
The World/Inferno Friendship Society touren werden.
The Flamingo Massacres sind ebenfalls nicht mehr ganz unbekannt und auch das all
female Trio hat seine erste Europatour hinter sich. Im Mai steht schon die
nächste Tour an, gleich sechs Wochen lang mit den New Yorkern Books Lie. Ihre
engagierte, dynamische Definition von Post-Punk ist auf 2x Bass, 2x Gesang und
Drums reduziert. Weirdness und Pop, Wut und Zerbrechlichkeit, herzzerreißende
Melodien, Screamo Parts voller Dissonanz widersprechen sich hier nicht. Die
beiden Bands werden dafür sorgen, dass an diesem Abend die Information zu dem
traurigen Thema "Gewalt gegen Frauen" nicht in Betroffenheits-, sondern in
Partyatmosphäre vermittelt wird - lebendige Kritik muss nicht trist sein!
64k-RAM-System beeindruckt in Nürnberg nicht nur an der Akademie, sondern auch
im subkulturellen Rahmen. So bot er am letztjährigen Endzeit-Festival eine
ausdrucksstarke Videoperformance parallel auf zwei Leinwänden dar - dort
zusammen mit Unmono. Symbolische Bildergewalt trifft bei ihm auf formale
Spielereien. Im Gang wird es eine Ausstellung der gelungensten zehn Plakatmotive
zu sehen geben; darunter nicht nur Ideen aus Nürnberg, wie die von T. Kühn, D.
Krings und M. Müller, sondern auch aus Frankreich (N.Poisson), Tschechien
(A.Gomiscek) und den USA (C.Bickel).
"17 Jahre lang. Es gab keine Minute, in der ich nicht Angst hatte, in der ich
nicht gewartet hätte. Darauf gewartet, dass er ging, darauf gewartet, dass er
kam. Auf die Faust gewartet, auf das Lächeln gewartet. Es war, als hätte ich
eine Gehirnwäsche hinter mir, als sei ich hirntot, stundenlang wie ein Zombie,
Angst davor, zu denken, Angst davor, aufzuhören, ganz und gar alleine. Ich saß
zu Hause und wartete. Ich wischte mein eigenes Blut auf. Ich hatte all meine
Freunde und Freundinnen verloren, und die meisten meiner Zähne. Er ließ mir die
Wahl, rechts oder links, ich wählte links und er brach den kleinen Finger meiner
linken Hand. Weil ich eines seiner Hemden angesengt hatte. Weil sein Ei zu hart
war. Weil der Toilettensitz nass war. Weil weil weil."
(R. Doyle, Die Frau, die gegen Türen rannte, 1996 Frankfurt, Krüger
Verlag.)
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