Refuse Resist Report!
Indymedia-Kollektiv auch in Nürnberg
Es lässt sich darüber streiten, ob der erfolgreiche Widerstand gegen den
WTO-Gipfel in Seattle als die Geburtsstunde der sogenannten
Antiglobalisierungsbewegung gelten kann. Völlig unumstritten aber ist, dass der
30. November 1999 ein historisches Datum für die nichtkommerzielle
Gegenöffentlichkeit wurde. Ein junges Medienprojekt erlangte dort schlagartig
weltweit enorme Bekanntheit und Bedeutung: Hunderte von AktivistInnen hatten das
erste Indymediacenter (IMC) geschaffen.
Betroffene und AugenzeugInnen sollen über die Inhalte von Nachrichten
entscheiden - keine Redaktion, keine JournalistInnen und keine ökonomischen
Kriterien.
Die Indymedia-Seite beruht auf dem Prinzip des open-posting, d.h. jedeR kann
Berichte über Geschehnisse und Aktionen direkt veröffentlichen, Hintergründe
liefern, oder Fotos, Videos und Radiobeiträge für alle zugänglich machen.
Localize It!
Seit dem Castor-Transport im März letzten Jahres gibt es auch in Deutschland ein
Indymedia-Netzwerk und eine eigene Seite: www.indymedia.de. Hier war der
Anfangserfolg ähnlich überraschend wie ein gutes Jahr zuvor in Seattle. Die Zahl
der täglichen Besuche ist seitdem konstant im fünfstelligen Bereich. Das
deutsche Indy-Netzwerk besteht aus lokalen Moderationskollektiven, die im
Rotationsprinzip die Website betreuen. Seit einiger Zeit gibt es auch in
Nürnberg ein IMC, das sich neben der Betreuung auch um die Berichterstattung von
größeren Aktionen in der Region kümmert: als Beispiele seien hier die Kampagne
gegen den CSU-Parteitag oder gegen die NATO-Konferenz in München genannt.
Was machen "Indys" aber, wenn es mal keinen Gipfel gibt, von dem berichtet werde
kann? Zu den täglichen Aufgaben gehört es in erster Linie, die Seite möglichst
übersichtlich zu halten, zu "moderieren". Alle abgeschickten Beiträge landen
direkt auf der sogenannten open-posting-Seite. Texte, die mehr sind als die
Presseerklärung einer großen Organisation, ein kurzer Termin oder ein reiner
Diskussionsbeitrag, werden von den ModeratorInnen auf die Startseite gehoben. Es
besteht für jedeN UserIn die Möglichkeit, zu jedem Artikel eine Ergänzung zu
verfassen, die ebenfalls sofort veröffentlicht wird. Unter den Beiträgen
entwickeln sich häufig rege Diskussionen über den Wahrheitsgehalt einer
Information. Auf die Art werden Informationen bestätigt oder widerlegt. Wem man
dann glauben soll, bleibt jedeR selbst überlassen, aber das ist bei anderen
Medien ja auch so.
Enthalten Artikel oder Ergänzungen offensichtlichen Datenmüll oder
menschenverachtende Inhalte, schiebt sie das Moderationsteam in die Mülldatei:
Sie werden also nicht mehr angezeigt, nur noch auf Wunsch zugeschickt.
Die im Konsens von allen Indys beschlossenen Regelungen sind das Ergebnis eines
harten Diskussionsprozesses und werden dementsprechend häufig geändert.
Indymedia hat also keine Redaktion und dementsprechend keine gemeinsame
ausgefeilte politische Haltung - abgesehen von dem Grundkonsens, keine Plattform
für menschenverachtenden Inhalte sein zu wollen. Auch bei kontroversen Beiträgen
gilt erst einmal das openposting-prinzip, jede NutzerIn ist für die Inhalte
selbst verantwortlich.
Unter der Tastatur liegt der Strand ...
Sortieren der geposteten Artikel, Erstellen von Zusammenfassungen, Sammeln von
Hintergrundberichten, Diskutieren über Moderationskriterien, Vernetzung mit
anderen IMCs weltweit, Instandhalten und Weiterentwickeln der Technik,
Organisieren von Treffen, Einbindung von neuen Freiwilligen, Finanzierung,
Öffentlichkeitsarbeit - viel Arbeit für noch viel zu wenig Leute.
Die Indys bestehen darauf, dass sich bloß niemand von Internet oder unbekannter
Technik abschrecken lassen soll. Für den Einstieg in die Mitarbeit bei Indymedia
genügt erstmal, Texte lesen und schreiben zu können - und vielleicht noch die
Kenntnis, wie man eMails abruft ... Die Indy-Software ist außerordentlich
benutzerInnenfreundlich, und Grundkenntnisse erlangt man am besten über die
Arbeit.
Die Zahl der geposteten Texte und Zugriffszahlen zeigen, wie wichtig das Projekt
mittlerweile für AktivistInnen und Interessierte ist. Dabei bleibt die
Gratwanderung zwischen zwei wichtigen Zielen schwierig: einerseits der Wunsch,
aus Indymedia ein gutes, möglichst vollständiges linkes Internetportal oder eine
Art Pressedienst zu machen - andererseits der Anspruch, ein emanzipatorisches
Medienprojekt zu sein, das auch gerade Nicht-Profis motiviert, selbst über ihre
Aktionen zu berichten.
Open Your Source!
Indymedia Nürnberg
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