Neues aus der Verbrecherei!
Das Kreuzbergbuch. Und: Tom Combo: Vielleicht nur Teilzeit.
Zurücklehnen und lesen, heißt das Programm dieser Seite!
Der Verbrecher Verlag hat gleich zwei Bücher mit wunderschönen,
wahren und absurden Geschichten veröffentlicht.
Klar muss ein ganzes Buch Kreuzberg gewidmet werden, denn Kreuzberg ist ein
eigener Platz im Universum - ein Platz, von dem wir allzu oft geträumt haben,
damals, als es die Mauer noch gab und ganz Berlin sowieso ein Mythos war, eine
ferne, fremde, aufregende Welt, in der wir gerne leben wollten und in die wir
fuhren, um ungeahnte Abenteuer zu erleben, um dann, kaum aus dem Zug gestiegen,
Bekannte aus dem eigenen Provinzkaff zu treffen. "Die Stellung Kreuzbergs im
Universum" heißt denn auch der Beitrag von Stefan Wirner in Verbrechers
Kreuzbergbuch, das uns dieses - ganz Berlin ist von der Regierung besetzt? Nein!
... - eigensinnige Dorf in der Berliner Republik aus verschiedenen Blickwinkeln
näher bringt:
"... Döner und Schultheiss fehlen nirgendwo. Hoch oben auf den
sonnenbeschienenen Balkonen und Hausdächern wachsen Orchideen und andere
Blütenpflanzen. ... Die Kreuzberger nehmen sowohl Alkohol als auch halluzinogene
Drogen zu sich. Will man die Lebensformen der Kreuzberger verstehen, muss man
diesen rituellen, durch den Gebrauch halluzinogener Drogen noch gesteigerten
gesellschaftlichen Veranstaltungen ein weiteres Element zuordnen - die
Straßenschlacht. Gegen Ende ihrer Sommerfeste attackieren die Kreuzberger ihre
Ordnungshüter. Man mag das als abstoßend empfinden, aber die Zeremonie hat etwas
überaus Rührendes und ist nicht im mindesten widerwärtig oder unhygienisch.
Jeder lebende Kreuzberger ist das seinen Vorfahren schuldig, damit ihr Geist
frei wird."
Kreuzberg, das war mal die Factory in einer Zeit, als ganz Berlin New York war
und Iggy (P.) und David (B.) und viele international bekannte KünstlerInnen mehr
da wohnten, und manche, wie Darius James, haben Kreuzberg eben in New York
kennen gelernt. Kreuzberg war die Geburtsstätte der Flyer, die anfangs noch vom
mysteriösen Zettelmann verteilt wurden, von dem Almut Klotz zu erzählen weiß. In
Kreuzberg stand das Fischbüro, in dem Performances stattfanden und Frauen mit
toten Katzen in Tüten mit Tequilas getröstet wurden, die sie routiniert
runtertranken. Aus dem Fischbüro gingen u.a. die Lassie Singers hervor: LASSIE =
Libertäre Assoziation Sämtlicher Sexueller Ideen und Erfahrungen. Kreuzberg ist
der Kiez, Ort der Hausbesetzungen und anderen revolutionären politischen Tuns
und politischer Streiterei, das Zentrum fragwürdiger Integrationsversuche an
türkischen MitbürgerInnen, Ort der Lesben und Schwulen und glamouröser
Transvestitenshows, Ort verkackter Strassen infolge der punk-typischen
Hundehaltung ("Sid, Arschloch und Pogo, hierher, ich hab´ gesagt hierher, aber
sooofort!!!!") der Ort seltsamer, sexueller und sehnsüchtiger Begegnungen, was
wiederum Annette Berr ganz unschnoddrig in eine wunderbare, abgedrehte, lyrische
Sprache fasst:
"Die Schöne blieb auch stehen und wir küssten uns, und sie schmeckte nach
Gummibärchen, nach weißen Gummibärchen, die mag ich von allen Farben am liebsten
... Wir standen an der Wand und sie schmeckte nach Gummibärchen, während zweimal
hundert Augen uns anstarrten, und es waren zweimal hundert Küsse, die küssten
ganz weich und sie warteten auf einen neuen Film, denn alle Filme waren schon
alt und nichts konnte einen noch wundern und so standen wir und die anderen
sahen zu, denn wir waren wie Hunde auf der Straße, und ich mochte es gerne, denn
alle sahen zu, und ich wusste, dass auch sie es mochte, aber ich spürte gar
nicht mehr viel, denn irgendwie waren die Drogen wie ein breiter Fluss zwischen
uns, und ich konnte sie gar nicht berühren, denn meine Arme waren nicht sehr
lang."
Kreuzberg ist jedem und jeder ein eigener Traum, auch wenn sich mancher Traum so
gar nicht erfüllt und jede Geschichte, Wort- wie Bildgeschichten, zeigen uns
eine neue Facette dieser mal desolat, mal paradiesisch schillernden Örtlichkeit.
Auch wenn manche, die dann doch aus dem Westen nach Kreuzberg zogen, auf einmal,
nämlich Anfang der 90er, feststellten, dass es inzwischen in Friedrichshain lag.
Mitgeschrieben und -gezeichnet haben Jim Avignon, Francoise Cactus, Christiane
Rösinger, Max Müller, Wolfgang Müller Dietrich Kuhlbrodt, Meike Jansen, Tatjana
Doll und der eine und die andere mehr.
Wer von abgefahrenen Geschichten nicht genug kriegen kann, dem und der sei
gleich auch Tom Combos Buch ans Herz gelegt. In "Vielleicht nur Teilzeit.
Geschichten und Reportagen." vermischen sich nicht nur die Genres, sondern auch
die Erzählebenen, realistische Beobachtungen stehen nicht nur neben Fantasy,
sondern gehen gleich ineinander über und manches, was als schlechter Traum
erscheint, ist wahrscheinlich wirklich passiert. Die ersten Zigaretten, die
erste Liebe, die ersten Selbstmordpillen stehen neben Reportagen vom
Schwulenstrich und (echten?) Fallgeschichten aus der Psychopathologie. Manchmal
erzählt Tom Combo auch Geschichten in zwei Varianten oder baut das Ende der
einen gleich mal in die nächste Geschichte, was vorgefasste Erwartungen flott
durcheinander wirft und nicht unbedingt dazu führt, dass das Ende versöhnlicher
wird: Der Humor ist bei Tom Combo meist recht schwarz, das Lachen bleibt Leser
und Leserin gern mit leichtem Würgen im Hals stecken - skurrile Unterhaltung
muss ja schließlich nicht unbedingt nett sein, die Welt inklusive ihrer
möglichen Parallelwelten ist es ja auch nicht. Die ist möglicherweise gar nicht
wirklich und - beispielsweise - eher so:
"Stell dir vor," sagte sie nach einem Schluck aus dem halbvollen Glas, "du
würdest mit einem Haarausfall zusammenleben. Ein Haarausfall, der starrt. Und
damit meine ich nicht nur die Art zu schauen, nein, ich meine damit den Zustand,
in dem er sich befindet. Er starrt. Nichts weiter."
Hier haben die Häuser, die der Erzähler mit dem Nachtwächter abschreitet, Namen,
und ein totes Ferkel gerät zwischen Pressklappe und Boden des Müllwagens, so
dass nur noch zwei Hinterbeine und sein Hintern zu sehen sind, und ab und an
werden Kinder gewarnt, hier nun lieber nicht weiterzulesen. Dann geht´s ab in
die Abgründe von Physis und Psyche und es wird ein bisschen splatterig und
gruselig. Aber da gibt es ja noch Wok, die Superrobbe, die dank einiger
angeschwemmter Stupsies (die Puppe, die pinkeln und reden kann) sich die Sprache
im Selbststudium beibringt und "die erste Robbe wird, die lesen und schreiben
(und beim Pinkeln Heidegger zitieren) konnte." Wie Wok sich mit einem
schlagzeugspielenden Inuitjungen zusammentut und wie Wok eine Außerirdische
kennen lernt, und welche E-Mails dazu bei Tom Combo möglicherweise wirklich
eingingen, müsst ihr selber nachlesen.
Tom Combo kommt aus Winterthur in der Schweiz (auch über Winterthur gibt es eine
schöne Geschichte), ist Autor, Lohnarbeiter, Entertainer, Teilzeitpapa und
Musiker. Auch bei Poetry Slams hat er mitgemacht und sich diverse Preise
verdient, mit treffender Selbstironie: "You used to be a punk / period / you
used to have no future / now you trade futures." Oder wie es in diesem Buch
eingangs heißt:
"Jedenfalls ist ein Buch was Gutes, weil das was darin steht, auch noch nach
einiger Zeit etwa so ist, wie es am Anfang war. Und noch was: Man soll bei Ebbe
immer noch auslaufen können, auf die Wegelagerer aufpassen und sich jemanden
halten, der einem (wenn nötig) den Weg freischießt. Und gute Handwerker kriegst
du heute ohnehin nirgends mehr her. Und das Klischee in der Hand ist besser als
die Wahrheit auf dem Dach."
Tine Plesch
Verena Sarah Diehl, Werner Labisch, Jörg Sundermeier (Hsg). Kreuzbergbuch. 160
S., Verbrecher Verlag, € 12,30
Tom Combo. Vielleicht nur Teilzeit. Geschichten und Reportagen. Mit Zeichnungen
von Jim Avignon. Verbrecher Verlag.
128 S. € 12.30
Verbrecher Verlag
Rosenthaler Str. 39
10178 Berlin
www.verbrecherei.de
Radiotipp: ZORES im März, 5.3. 2002, 21.00 bis 24.00 stellt euch den Verbrecher
Verlag im Interview mit Jörg Sundermeier vor.
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