Poetry Slam im muffigen Franken
Über den 1. Erlanger Poetry Slam im Erlanger E-Werk
Besser
hätten es sich die Veranstalter nicht erträumen können:
Schon eine halbe Stunde vor Beginn des Ersten Erlanger Poetry
Slams war die Kellerbühne des E-Werks bis auf den letzten
Platz besetzt. Als dann die beiden Moderatoren die Bühne
betraten, lag eine frohe Erregung im Raum, wie sie selbst vor
Konzerten oder Theatervorstellungen selten ist. Schon von vornherein
war klar: Diese (zumindest im Großraum ER/N/FÜ) neue
Form der Literaturlesung trifft einen Nerv, füllt ein Vakuum,
befriedigt ein von vielen nicht mehr vorhanden geglaubtes Bedürfnis
nach intellektuellem und emotionalem Nährstoff.
Wir erinnern uns an die klassische Lesung: Der/die Poet/in auf einem Stuhl,
vor einem Tischchen, ein Glas Wasser griffbereit, erhöht
auf einer Bühne oder einem Podest, das Publikum still und
konzentriert lauschend, ein Hüsteln unterdrückend, dann
und wann wissend kichernd (selbstredend an der dafür vorgesehenen
Stelle) oder sich bemühend, die träge Durchblutung des
Gesäßes durch nicht zu auffälliges Hin- und Herrutschen
desselben anzuregen; bestenfalls ein spontanes Aufbranden von
Applaus an einer danach heischenden Stelle, vorausgesetzt, der/die
Dichter/in ist mit einem entsprechenden Vortragstalent gesegnet.
Schön und gut und durchaus nicht immer langweilig. Aber Interaktion
zwischen Leser/in und den Belesenen? Selten. Fast nie. Somit haftet
der klassischen Lesung meist der Hauch des Abgehobenen, Elitären
an. Der Poetry Slam hingegen stößt die AkteurInnen
in den Ring, wo sie sich nicht hinter ihren Werken verstecken
können, sondern sich einem (augenzwinkernden) Wettbewerb
untereinander und der direkten Reaktion eines harten, aber herzlichen
Publikums stellen müssen. Und, ganz wichtig, beim Slam treten
keine etablierten Stars der Literaturszene auf, sondern eine breite
Palette an SubkulturpoetInnen, Leute, die ihre Werke oft bestenfalls
ihren engsten FreundInnen anvertraut haben. (In diesem Falle waren
es leider fast nur Poeten und so gut wie keine Poetinnen. Beim
Erlanger Poetry Slam war unter 12 Teilnehmenden gerade mal eine
Frau.)
Nun,
wie gesagt, auch in Erlangen war die stilistische Bandbreite beachtlich.
Alle waren sie da: Der sensible Lyriker mit Schmachtblick hinter
der John-Lennon-Brille, der polternde Heavy-Punk mit einer Mordswut
im Bauch, der Freestyle-MC, der so schnell rappte, dass er mitunter
seinen eigenen Gedanken nicht folgen konnte, der theatralische
Esoteriker mit seinen Drogen-Visionen und der versoffene, puren
Unsinn faselnde Bohème. Das Publikum war ein Nettes und zollte
auch den weniger Begabten Respekt, sofern ein ehrliches Bemühen
beim Vortrag, und zumindest ein aufrichtiger Gedanke beim Inhalt
erkennbar war. Die Wertung erwies sich hingegen als schwierig,
schließlich waren die Beiträge stilistisch so verschieden
wie die Charaktere der Teilnehmenden. Schade, finde ich, dass
sich Menschen, die in ihren Texten zu einem großen Teil
die bestehende Gesellschaftsordnung mit ihrem auf den freien Wettbewerb
basierenden Ellenbogensyndrom anprangern, nun wieder einem weiteren
Wettbewerb unterwerfen müssen. Brauchen wir wirklich diese
ewigen Abstufungen? Müssen wir ewig Äpfel mit Birnen
vergleichen?
Insofern war es schön, dass die Menge letztendlich vier,
statt wie vorgesehen zwei Menschen ins Finale klatschte und sich
zwei Personen den ersten Platz teilten: Nora Gomringer aus Bamberg,
die ihre scharfzüngigen und höchst intelligenten Texte
über Nazi-Walküren oder lästige Verehrer mit Sprechdurchfall
wie aus einer Maschinenpistole ins Publikum feuerte und der durch
Radio Z schon ein wenig bekannte Matthias Egersdörfer aus
Lauf. Er hatte mit seiner unverkrampft spitzbübischen Art
und seiner Geschichte von der Hupe, die ihm einst das erste Aufwallen
seines Geschlechtslebens herbeihupte, die Herzen im Sturm erobert.
Merkwürdig und schade allerdings, dass mit Nora gerade mal
eine Frau unter zwölf Teilnehmenden war. Dies ist natürlich
nicht die Schuld der Veranstalter, schließlich ist die Teilnahme
am Slam Allen offen, auch bedauerten die beiden Moderatoren den
geringen Frauenanteil ausdrücklich. Es besteht hingegen wohl
kein Zweifel daran, dass Frauen nicht weniger schreiben als Männer.
Warum sie sich offensichtlich so scheuen, ihre Werke einem Publikum
zu präsentieren, ist eine Frage, die ich gerne an die leider
omnipräsenten "Ausziehen!"-Rufer weiterreichen
würde.
Trotzdem ist der Start der Poetry Slams im vermufften Franken eine fantastische
Sache. Wo sonst verbinden sich Spaß und Geist, Selbstdarstellung und
Kommunikation auf so unterhaltsame und inspirierende Art und Weise? Hoffen wir,
dass die Slams nicht (wie fast alle begrüßenswerten Trends bisher) dem
Ausverkauf zum Opfer fallen.
Peter Gruner
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