"Ken Loach. The Navigators"
Ken Loachs neuer Film ist typisch englisch. Kühl, distanziert,
dabei sympatisierend mit den ProtagonistInnen, ohne zu bewerten.
Und regnerisch. Fish’n Chips. In Ken Loachs neuem Film gibt es
keine HeldInnen. Nur VerliererInnen. Diesmal nicht mal eine Hauptfigur.
Die Story ist dünn und schnell erzählt. Die Privatisierung
der Eisenbahn in der Mitte der 90er Jahre. South Yorkshire, so
gut wie irgendwo. Der Film ist kein Unterhaltungsfilm, er ist
kein Dokumentarfilm und keine soziale Milieustudie. Dieser Film
liegt irgendwo in der Mitte und erzählt alltägliches,
das so nah ist, dass es fast schon langweilig ist. Zu oft haben
wir all das gesehen, in den Nachrichten oder von FreundInnen erzählt
bekommen und auch selbst erlebt, als dass es unser Interesse weckt
und uns für die Dauer des Filmes mitreißt.
"Bread and Roses"
Dieser Film, der vor "The Navigators" herauskam, zeigt eine junge Mexikanerin,
Maya (Pilar Padilla), die die Grenze nach Südkalifornien illegal überquert, um
bei ihrer Schwester Rosa (Elpidia Carillo) zu sein, die Jahre früher auf dem
selben Weg in die USA gekommen ist. Maya kämpft, um Arbeit zu finden, für die
sie keine offiziellen Papiere benötigt, und findet sich bei ihrer Arbeitssuche
manipuliert und ausgebeutet. Rosa findet für Maya schließlich eine regelmäßige
Position in der Reinigungsgesellschaft, wo sie ebenfalls arbeitet, obwohl sie
ein volles Monatsgehalt Bestechungsgeld zahlen muss. Sam (Adrien Brody), ein
Vertreter der Gewerkschaft, taucht auf und versucht, die ArbeiterInnen davon zu
überzeugen, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Durch diesen sozialen Kampf
erlangt Maya ein politisches Bewusstsein.
In einem gewissen Ausmaß gehören "Bread and Roses" und "The Navigators" durch
die Gegensätzlichkeit zusammen. "Bread and Roses" durch eine lebendige,
pulsative Erzählweise, der Focus auf die mitreißende Hauptdarstellerin und ihr
soziales Umfeld, der Ort des Geschehens im Sonnenschein. Die ProtagonistInnen in
"Bread and Roses" sind aktiv, sie kämpfen, sie haben zwar viel zu verlieren,
aber sie haben noch ein unterstützendes soziales Umfeld, das sich für sie
interessiert, die Kommunikation zwischen den ProtagonistInnen gelingt, zwischen
den Kolleginnen und Kollegen, eine Kommunikation in der Familie findet statt,
und die Gewerkschaft bzw. der Gewerkschaftler ist jung, motiviert, engagiert und
unterstützt, ja initiiert. Die ArbeiterInnen finden sich zusammen, kämpfen
gemeinsam, wagen viel, verlieren viel, nehmen potentielle Verluste in Kauf und
gewinnen am Ende doch trotz aller Widrigkeiten, es bleibt das Versprechen auf
eine bessere Zukunft für die Streikenden und für Maya, die Hauptdarstellerin,
eine ungewisse.
In "The Navigators" gelingt die Kommunikation zwischen den ProtagonistInnen
nicht, die Gewerkschaft und ihre Stellvertreter sind hilflos, ohnmächtig, alt,
teilweise fettleibig und resigniert, die Kommunikation in der Familie gelingt
nicht (mehr), der soziale Hintergrund bleibt auf der sichtbaren
Oberflächlichkeit beschränkt, der Rest bleibt der/m ZuschauerIn so verschlossen,
wie die Gesichter der Männer. Wir sehen zwar die Gesichter der ProtagonistInnen,
aber wir dürfen nicht ihre Träume, Wünsche und Zukunftsvisionen erfahren wie in
"Bread and Roses". Haben sie denn überhaupt Träume, Wünsche und
Zukunftsvisionen?
Sieht man nicht nur Hoffnungslosigkeit und Resignation und unterwürfige
Akzeptanz nach dem ersten Versuch eines Aufbegehrens? Im gewissen Sinne sehen
wir in "Bread and Roses" einen generellen Aufbau, in "The Navigators" einen
Abbau. In "Bread and Roses" haben wir auch eine weitere Gegensätzlichkeit: die
meisten ArbeiterInnen im Reinigungsgewerbe sind Frauen und spielen demzufolge
die Hauptrolle, in "The Navigators" sind die Hauptpersonen Männer.
In "Bread and Roses" wird beschrieben, was passiert, wenn die ArbeiterInnen
zusammenstehen und zusammen für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, in "The
Navigators" wird die trostlose, resignative Alternative beschrieben. Auch die
Gruppe der Arbeitenden wirkt stärker heterogen, in "The Navigators" gibt es den
Außenseiter, der gehänselt wird, verschiedene Grüppchen und Gruppen, und der
Boss wirkt eher wie eine hilflose Lachfigur, seine Machtposition wirkt doch sehr
viel wackliger als die des allmächtigen bösen Gierschleims in "Bread and
Roses".
Noch eine andere Konsequenz lässt sich aus diesem Filmvergleich ziehen: es wird
immer gesagt, dass es die geringverdienenden ArbeiterInnen in den westlichen
Industrieländern es so gut hätten, und das es ein so soziales Auffangnetz gäbe,
aber im Vergleich zwischen den illegalen ArbeiterInnen in L.A. und den
Bahnarbeitern in South Yorkshire fehlt nicht mehr viel; beide sichern sich das
Überleben, aber zu einem sorgenfreiem Leben in Würde reicht es nicht. Dennoch
bewahren sich die illegalen ArbeiterInnen in L.A. wenigstens teilweise ihre
Würde durch ihr Verhalten, die Bahnarbeiter in South Yorkshire hingegen
verlieren alle die ihre.
Ulla
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