Argentinien: Kein Licht am Ende des Sparstrumpfs
Die
Ruhe nach dem Sturm, könnte man meinen, ist in Argentinien
eingekehrt. Die berühmten Kochtöpfe wieder in der Küche
verstaut, die Barrikaden von den Straßen geräumt, die
Toten, Verletzten und Gefangenen der heftigen Auseinandersetzungen
vom 19./20. Dezember vergessen.
Jedenfalls richtet sich der Blick der hiesigen Medien wieder fast nur auf die
Verlautbarungen der Regierung Duhaldes und die Forderungen des Internationalen
Währungsfonds (IWF). Natürlich, fast täglich werden neue Sparpläne und
Maßnahmenkataloge angekündigt oder eingeführt: die schrittweise Freigabe der
gesperrten Bankkonten, die völlige Abkopplung des Pesos vom Dollar und vieles
mehr, was als Heilmittel gegen das ökonomische Fiasko Argentiniens gilt.
Doch wenige der Maßnahmen haben unmittelbaren Einfluss auf den Alltag, viele gar
negative Konsequenzen für die Protestierenden. Und - deren Geduld ist am Ende:
"Wir haben es satt, dass sie uns um Zeit bitten. Alle, die heute an der
Regierung sind, hatten schon Macht in diesem Land und sie reden, als kämen sie
vom Mond. Sie fordern von der Bevölkerung, dass diese den Gürtel enger schnallt
und nicht von denen, die sich an dieser Wirtschaftspolitik bereichern." So die
Antwort von Juan Carlos Alderete, einer der Anführer der piqueteros, wörtlich
"Streikposten", die seit Jahren mit spektakulären Straßenblockaden auf sich
aufmerksam machen. Die Bewegung, der vor allem Arbeitslose angehören, hatte Ende
Juli 2001 schon mal 500 Autobahnen und zentrale Zufahrtsstraßen besetzt und
150.000 Menschen auf die Beine gebracht. Zur Geduld aufgerufen hatte Präsident
Duhalde, bislang Gouverneur der Provinz Buenos Aires, die Ende Januar ihre
Zahlungsunfähigkeit anmelden musste. Privat dürfte Duhalde seine Schäfchen ins
Trockene gebracht haben: Es gilt als offenes Geheimnis, dass Duhalde selbst in
Korruption und Drogengeschäfte verwickelt ist.
Die Proteste gegen die Regierenden jedenfalls gehen weiter. Fast täglich finden
irgendwo Kundgebungen statt. Immer noch werden Gummigeschosse und Tränengas
eingesetzt, wenn die Menschen ihre Forderungen auf die Straße tragen. Und waren
es anfangs vor allem Parolen wie "Sie sollen alle gehen" (gemeint waren die
PolitikerInnen, egal von welcher Partei), mangelt es nun nicht mehr an konkreten
Forderungen: Keine Rückzahlung der Auslandsschulden, der "corallito" (die
finanziellen Restriktionen), und Privatisierungen sollen zurückgenommen, ein
umfassendes Lebensmittelnotprogramm gestartet, die politischen Gefangenen frei
gelassen und die tödlichen Schüsse vom Dezember aufgeklärt werden. Die Liste der
Forderungen ist lang und könnte hier noch beliebig fortgesetzt werden.
Verringert hat sich die bisherige Distanz zwischen den piqueteros und den
Stadtteilversammlungen, deren Mitglieder sich eher zur - verarmten -
Mittelschicht zählen. Beim sonntäglichen zentralen Treffen der Stadtviertel
werden inzwischen Aktionen mit den piqueteros abgesprochen. Dem Sternmarsch der
"Streikposten" Ende Januar mit mehr als 10.000 Menschen schlossen sich wiederum
viele der in ihren Vierteln Organisierte an. Und einen noch engeren
Schulterschluss hatte auch der erste Ermordete seit Dezember zur Folge: ein
piquetero, der am 7. Februar bei einer Straßenblockade erschossen wurde.
Zwiespältig ist die Situation in Argentinien nach wie vor. Schon die
Straßenproteste vom 19./20. Dezember waren auf kein einhellig positives Echo
gestoßen, wie etwa in einem Bericht aus anarcho-syndikalistischer Perspektive:
"Manchmal konnten diejenigen von uns, die Fernsehen schauten, mitjubeln, als die
Unterdrückten und Vergessenen Argentiniens sich das nahmen, was sie von den
Multis und großen Konzernen brauchten, um ihr Leben zu verbessern, und sei es
auch nur für ein paar Tage. In anderen Augenblicken waren wir fast in Tränen,
als das, was wir sahen, drohte, ein Krieg zwischen den Armen und den
Allerärmsten zu werden".
Bitter auch das Fazit: Die heftige Unzufriedenheit und Ablehnung des Systems,
jedoch ohne klare Alternative, mündete in etwas, was so kaum jemand wollte: "Die
Partido Justicialista (die Peronisten) ist wieder an der Macht und die
Zwei-Parteiendiktatur geht weiter."
Frei gekommen sind inzwischen die etwa 2.000 Gefangenen der beiden Dezembertage;
nur wenige werden sich vor Gericht verantworten müssen. Dass aber die
Verantwortlichen für die tödlichen Schüsse auf über 30 Menschen jemals belangt
werden, daran glaubt - trotz eingeleiteter Untersuchungen - niemand so recht.
Auch wenn weiter dafür demonstriert wird. Zum Beispiel für die Bestrafung eines
pensionierten Polizisten, der drei junge Männer erschoss, nur weil sie ihre
Freude darüber geäußert hatten, dass "nun endlich auch mal ein Polizist Schläge
abbekommt".
Keine Begeisterungsstürme lösten die Forderungen des IWF nach einem stimmigen
Finanzkonzept aus, an das die Vergabe neuer Kredite geknüpft wurde. Die prompte
Reaktion: Ein strenger Sparplan, der von der Bevölkerung weitere Opfer fordert,
wie auch Wirtschaftsminister Lenicov unverhohlen zugab. Alte neoliberale
Konzepte, die in Argentinien gerade erst gescheitert sind, eben jene
Strickmuster, die die Menschen auf die Straße treiben.
Maike Dimar
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