Kommentar: Aufbruch in Argentinien?
Die Aufstände vom 19./20. Dezember und der Tage danach sind gleichzeitig der
Höhepunkt eines 10jährigen Prozesses und der Auftakt eines neuen. Der Höhepunkt:
Der Widerstand der ArbeiterInnen und anderer gesellschaftlicher Gruppen in
dieser Dekade; die Übernahme von Fabriken im vergangenen Jahr (mehr als 30
stillgelegte Fabriken arbeiten nun unter der Kontrolle der ArbeiterInnen), die
Rebellionen der Bevölkerung im Landesinneren seit 93, die Straßenblockaden in
den letzten fünf Jahren, eine Vielzahl kämpferischer und selbstorganisierter
Arbeitsloseninitiativen.
Sie sind aber auch der Beginn eines anderen Prozesses, von dem wir noch nicht
wissen, wo er enden wird. Ich glaube, dass es der Beginn eines revolutionären
Prozesses sein kann - wenn auch nicht in naher Zukunft. Nicht ausgeschlossen
ist aber auch ein Rückschlag.
Doch es gab viele Veränderungen. Zum einen im Bewusstsein der Menschen, in den
Zielsetzungen der Versammlungen: Verstaatlichung der privatisierten Rentenfonds
(AFJP), keine Tilgung der Auslandsschulden, eine konstituierende Versammlung,
Selbstorganisation, Solidarität mit den kämpfenden ArbeiterInnen und ihren
Forderungen, usw.
Zum anderen während der Mobilisierungen - der Zulauf zu der zentralen
Versammlung der Stadtteilinitiativen verdoppelte sich ständig: von 700 Menschen
über 1.500 und 3.000 zu 6.000 Leuten bei der vierten Versammlung. Und
schließlich die Veränderungen in den Formen des Kampfes - zum Beispiel wenn man
sich die Form der Auseinandersetzung in den Tagen um den 20. Dezember herum
ansieht. Außerdem beginnt die revolutionäre Linke (in ihrer großen Mehrheit
trotzkistisch) gerade sich effektiv einzubringen.
Wohin wir nicht steuern
Alle Naslang erinnert sich in diesem Land jemand an die Gefahr des Faschismus.
Aber zuerst einmal waren es die Putschisten, die drei Niederlagen einstecken
mussten. Aldo Rico putschte 1987 ohne Erfolg gegen Präsident Alfonsín. 1988 und
90 scheiterte Mohamed Ali Seineldín, der zur Zeit wegen seiner Putschversuche im
Gefängnis sitzt. 1991 erreichte Rico in der Provinz Buenos Aires 12% und damit
das drittbeste Wahlergebnis, während der Ex-General und Folterer Antonio Domingo
Bussi 1995 Gouverneur der Provinz Tucumán wurde. 1999 nahm man an, dass der
ehemalige Polizist und Folterer Luis Patti Gouverneur der Provinz Buenos Aires
werden könnte. Auch als der jetzige Außenminister Ruckauf, damals Gouverneur der
Provinz Buenos Aires, den Putschisten Rico zum Sicherheitschef der Provinz
ernannte, tauchte das Gespenst (des Faschismus) wieder auf. Es gab sogar
Stimmen, die Patti bei den letzten Wahlen Chancen auf einen Senatorensitz
einräumten.
All diese Versuche schlugen mit großem Getöse fehl. Im allgemeinen sägen sie
sich wegen ihrer Inkompetenz und Korruption selbst ab. Zwar spricht man nun
wieder von Seineldín als einem politischen Führer. Doch seine Leute sind
ziemlich planlos. Trotz der allgemeinen Ablehnung der Diktatur, führen sie ihre
Demonstrationen mit der Lieblingshymne der Staatsstreiche an.
Es ist nicht weiter nötig darüber zu diskutieren, weshalb von dieser Seite keine
größere Gefahr droht - eines der Argumente dafür ist sicher, wie die Bevölkerung
auf die Ausgangssperre vom 19. Dezember reagiert hat. Sicher, einen Putsch
herbeisehnen kann das Regime immer, aber vom Wunsch bis zur Umsetzung ist es ein
langer Weg.
Natürlich werden die inzwischen ständig stattfindenden Versammlungen nicht
direkt in eine Revolution einmünden. Aber auf jeden Fall bringen sie einen
Prozess in Gang. Die Mehrheit der linken Parteien sieht die objektiven
Bedingungen für eine vorrevolutionäre oder revolutionäre Situation für gegeben.
Wir glauben allerdings, es fehlt noch einiges zu einer solchen Situation: Dass
sich diese Verhältnisse weiter ausbreiten, dass sich die Veränderung des
Bewusstsein vertieft und weitere Erfahrungen beim Kampf mit der Macht, die das
Volk hat, gesammelt werden. Und dass eine politische Organisation der
ArbeiterInnen entsteht, die sich als tragfähig erweist. Denn ich glaube nicht,
dass wir der Entwicklung gewachen sind. Dazu fehlt uns noch viel. Etwa ab
1999/2000 begann ein Übergangsprozess eines völlig unartikulierten Widerstandes
gegen die kapitalistischen Offensive hin zu einem besser artikulierten
Widerstand und mit kleinen, offensiven Fortschritten (wie die Straßenblockaden
der Arbeitslosen mit Forderungen wie Arbeitszeitverkürzung, die Übernahme von
Fabriken etc.). Die unermüdliche Predigt der Linken in diesen Jahren war nicht
vergeblich. Leute, die dachten sie würden gute Renten von ihren Versicherungen
bekommen, wollen nun deren Enteignung, Menschen, die mehr Sicherheit forderten,
verlangen nun Gefängnis für die Unterdrücker und Freiheit für die politischen
Gefangenen. Leute, die Privatisierungen richtig fanden, diskutieren nun was mit
diesen Fabriken zu tun sei. Leute, die dachten, dass man nur die UCR (Radikale
Bürgerunion), Peronisten, Rechte oder, ganz kühn, Mitte-Links wählen könnte,
denken nun darüber nach, sich selbst zu organisieren und zu regieren. Die
Erfahrung, dass man etwas gegen die Polizei ausrichten kann, die Erfahrung, zwei
Regierungen gestürzt zu haben und etwas gegen die nächste ausrichten zu können,
wird nicht so leicht vergehen. Was auch immer geschieht, ob wir gewinnen oder
verlieren, die Dinge werden nicht wieder so sein wie früher. Etwas riecht anders
am Río de la Plata, und dieses Mal riecht es nicht nach Fäulnis.
Facundo Bianchini, Buenos Aires
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