Monatsrückblick
Abweichende Meinungen, die über das Massenmedium Fernsehen verbreitet werden,
veröffentlichte Nachrichten und Berichte, die die eigene Propaganda
konterkarieren: Absolut störend und lästig ist das für den eigenen Machterhalt.
Wladimir Putin weiß, dass dies nicht nur für Diktaturen im allgemeinen, sondern
für sich Demokratie nennende Staatsformen im Besonderen gilt. Deshalb lässt der
russische Präsident nach und nach unliebsame TV-Sender abschalten. Dass mit
fehlender öffentlicher Meinungs- und Medienvielfalt ein wesentliches Element
demokratischer Gesellschaften fehlt, das stört nicht. Es fehlt ja auch ein
Medium, dass dies der Masse der Wähler und Wählerinnen vermittelt.
Derartige Demokratie-Defizite finden sich auch in Gesellschaften mit etwas
längerer Demokratie-Tradition. Dabei ist Italiens Regierungschef Silvio
Brlusconi gegenüber seinem Kollegen Putin in einer weitaus kommoderen Situation.
Er braucht die Privat-Sender nicht abzuschalten - sie gehören ihm. Und die
MitarbeiterInnen in den staatlichen Fernsehsendern haben schnell verstanden, wer
ihr neuer Boss ist. Sie eifern den Privaten in der
Berlusconi-Hofberichterstattung pflichteifrigst nach. Das dieses
Medien-Machtpotenzial sich als sehr wirksam erweist, zeigt sich schon darin,
dass Berlusconi immer noch im Amt ist. Seine bisherige Amtszeit, hat er
ausschließlich für private Interessen genutzt. Neue Gesetze erliess er, um sich
vor zahlreichen drohenden Verurteilungen zu schützen und um sein aus trüben
Quellen stammendes Vermögen zu vermehren. Angesichts solch massiven
Machtmissbrauchs hätte eine aufgeklärte Öffentlichkeit ihn schon längst aus dem
Amt jagen müssen.
Doch Silvio Berlusconi kann sich weiter damit beschäftigen, den Staat in ein
Privat-Unternehmen zu verwandeln. Auf einen Außenminister verzichtet er dabei.
Er macht den Job selber. Und da er noch nie davon gehört hat, das Firmen
BotschafterInnen beschäftigen, will er die DiplomatInnen zu
HandelsvertreterInnen umschulen. Erscheinen künftig auf diplomatischen Empfängen
Leute mit großen Kartons, dann weiß man gleich: Die/der italienische
BotschafterIn verteilt mal wieder Prospekte.
Rechtsaußen-Politiker Jörg Haider begnügt sich derweil damit, einen Feldzug
gegen zweisprachige deutsch-slowenische Ortsschilder zu führen und will, um
seine nationalistische Provinzialität zu unterstreichen, die Schilder-Demontage
auch auf Autobahnschilder ausdehnen, auf denen slowenische Zielorte angegeben
sind.
Dass Jörg Haider demnächst auch die Autobahn-Schilder mit Zielort München
abmontieren wird, muss nicht befürchtet werden. München ist ein
deutschsprachiger Ortsname. Und das für die Dauer des Münchner Militärgipfels
geltende Demonstrationsverbot zeigt, dass München die Meinungs- und
Versammlungsfreiheit ebenso gering schätzt wie Genua. Außerdem ist Edmund
Stoiber ein guter Freund Haiders. Ein Freund, der sich aufmacht, Bundeskanzler
werden zu wollen.
Showdown bei Stoibers
In einer durchweg missglückten Inszenierung der Kandidatenkür hatten sich die
Laien-DarstellerInnen Stoiber und Merkel bis zum Finale gequält, dem
Vier-Augen-Gespräch. Einem Showdown, den man sich nur als unfreiwillig komisch
vorstellen konnte, und der schließlich heimlich an Stoibers Frühstückstisch
vorverlegt wurde. Die Union hing so an ihrer Kandidatenkür, weil Kandidaten kein
Sachthema sind. Nach Stoibers ersten öffentlichen Äußerungen als Kanzlerkandidat
wird deutlich, wie hilfreich das war.
Stoiber hält sich selbst für ein cleveres Bürschchen, hat die Niederlage seines
Ziehvaters Strauß analysiert und resümiert: Er kann die Wahlen nicht rechtsaußen
gewinnen. Also keine Sprüche mehr von der durchrassten Gesellschaft und ähnliche
Anleihen aus dem Vokabular der Nazis. Aber was bleibt übrig von Stoiber, wenn
man die Polemik und Hetze wegnimmt? Ein farbloser, machtversessener Bürokrat.
Stoiber muss sich erst mal neu erfinden. Hauptmaskenbildner sollte zunächst ein
Franz-Josef werden, Franz Josef Jung, Ex-Wahlkampfmanager von Koch. Er hätte die
von Stoiber bitterlich beklagte finanzielle Unterlegenheit der Union ausgleichen
können, scheint er doch zu wissen, wo die schwarzen Kassen der Union lagern und
wie die Schätze zumindest einigermaßen unauffällig in scheinbar legale Spenden
umgewandelt werden können. Ihm wäre die Erfindung zuzutrauen gewesen, ehemalige
ZwangsarbeiterInnen wollten mit einer Spende ihr Scherflein zu Stoibers Erfolg
beitragen. Doch Stoiber erkannte die Gefahr, in den Dunstkreis des
CDU-Spendenskandals zu gelangen und wechselte einen ex-BAMS-Chef ein, der ihm
das mediale Know-How verpassen, ihm beibringen soll, wie man etwas richtig in
der Öffentlichkeit sagt. Was er sagen soll, weiß er damit allerdings immer noch
nicht, und es ist keineswegs sicher, ob es ihm bis zum Wahlabend einfällt.
Black Peter Card für Arbeitslose
Schröders Kabinett wankt und wackelt zwar, aber wo ansetzen? Über Rudolf
Scharping empört sich niemand mehr, der ist in der öffentlichen Wahrnehmung
bereits im Comedy-Bereich gelandet; der spielt ergeben den Watschenmann und
steckt die Prügel für Schröder ein, der in Wahrheit den europäischen Partnern
den Kauf des fliegenden Militär-Transporters versprochen hatte, ohne für die
Finanzierung zu sorgen. Inhaltlich hat Stoiber keine Alternative; auch er will
den unsinnigen Rüstungskauf und die Umwandlung der Bundeswehr in eine
internationale Interventionsarmee.
Bleibt der Union vor allem die Arbeitslosigkeit, die inzwischen wieder genauso
hoch ist wie zu Kohls Zeiten. Das hat auch Kanzler Schröder erkannt und versucht
nun, durch die Subventionierung zu niedriger Löhne Aktivität vorzugaukeln.
Ernsthafte Konzepte zum Abbau der Arbeitslosigkeit haben weder Regierung noch
Union. Aber vielleicht kommen ja Schröder oder Stoiber bis zur Wahl noch auf die
große Lösung und schaffen das Gegenstück zur Green-Card.
Wozu hier einen Niedrig-Lohnsektor schaffen, wenn es ihn woanders schon lange
gibt! Die Möglichkeiten der Globalisierung nutzen, Mobilität von den
Arbeitslosen fordern und sie mit der Black-Peter-Card in schlechtest bezahlte
Jobs vermitteln: In die bereits bestehenden Niedriglohn-Länder.
Wolfgang Schlicht
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