Skandal - Gewaltbereite tagten ungehindert in Münchener
Luxushotel
Mit
mehr als 800 Festnahmen stellten Innenministerium und Polizei
während der Sicherheitstagung Anfang Februar sogar die "bayerische
Linie" anlässlich der Proteste gegen den Weltwirtschaftsgipfel
1992 in den Schatten. Faule Tricks setzten das Demonstrationsrecht
außer Kraft und verschafften der Polizei freie Hand. Dennoch
setzten sich Tausende über das Verbot hinweg.
Bis zu 10.000 TeilnehmerInnen erwartete das Münchener "Bündnis
gegen die Sicherheitskonferenz" zu den Demonstrationen. Fast
so viele wurden es dann auch.Zahlreiche Protestwillige wurden
auf dem Weg von Polizeikontrollen aufgehalten und zurückgewiesen,
manch eineR ließ sich vielleicht auch von dem verhängten
Versammlungsverbot schrecken. Doch eben aus diesem Grund waren
viele Münchener auf der Straße, die sonst ihren Samstag
Nachmittag eher bei Kaffee und Kuchen verbracht hätten.
Den bayerischen Behörden und Gerichten und dem Münchener
OB Ude ist es zu verdanken, dass neben dem Protest gegen NATO
und Kriegspolitik aus dem Wochenende in der Münchener Innenstadt
auch eine Demonstration für Meinungsfreiheit wurde.
Wie man den Protest 1.000er kriminalisiert, das hatte das Bayerische
Inneministerium im Herbst vorgemacht, als in Nürnberg gegen
den italienischen Regierungschef Berlusconi demonstriert werden
sollte. Der Protest blieb dennoch erlaubt, vielleicht wegen der
traditionellen Konkurrenz der beiden bayerischen Großstädte
und ihrer Behördenvertreter. Die "Waffenlager"
der DemonstrantInnen, mit denen Beckstein vor die Presse trat,
deren Inhalt sein eigener Pressesprecher hernach auf "Hieb-
und Stoßwerkzeuge reduzierte", wollte ihm offenbar
nicht einmal der Nürnberger Polizeichef so recht abnehmen.
Die Münchener Beamten zeigten sich dann allerdings williger
als ihre KollegInnen der Frankenmetropole. Handfeste Beweise für
ein drohendes Gewaltszenario konnten sie vorweisen: Da wurde schon
das Wort "Genua" auf einem Flugblatt zu einem "Aufruf
zur Gewalt" - die wütenden Foren-Kommentare unbekannter
Internet-User belegten eindeutig, dass Tausende auf dem Sprung
seien um "die Münchener Innenstadt zu entglasen".
"Sorge um seine Stadt" trieb Oberbürgermeister
Ude um. Was die Polizei selbst in München legal nicht konnte,
erledigte er auf andere Weise: Eine Veranstaltungsreihe, mit der
die OrganisatorInnen der Gegenaktivitäten die Demonstration
inhaltlich vorbereiten wollten, brachte er beinahe zum Platzen,
indem er mit Briefen und Drohungen finanziell vom Stadtsäckel
abhängige Initiativen dazu brachte, ihre Räumlichkeiten
zu verweigern. Flugblätter, die dem Stadtoberhaupt nicht
genehm waren, und die man trotz seines Verbots während eines
Diskussionsabends verteilte, wurden zum Anlass, dem Trägerverein
des EineWeltHauses die Kündigung in Aussicht zu stellen,
sollte er nicht alle Folgeveranstaltungen abblasen. Das "Bündnis
gegen die Sicherheitskonferenz" musste ins DGB-Haus ausweichen.
Dorthin reichte Udes Arm dann doch nicht. Das Gewerkschaftshaus
musste er der Polizei überlassen, die dort am Samstag abend
die einzige genehmigte Veranstaltung der KonferenzgegnerInnen
zwar nicht unterband, aber die TeilnehmerInnen stundenlang am
Verlassen des Gebäudes hinderte.
Indessen trat die Polizei mit Erkenntnissen über das Gefahrenpotential,
das angeblich von anreisenden DemonstrantInnen ausginge, an die
Öffentlichkeit und stellte Verbotsantrag beim Kreisverwaltungsreferat
(siehe unten). Die Münchener wurden darauf vorbereitet, dass
sich am Wochenende Szenen der Gewalt abspielen würden. Das
Für und Wider ein Demonstrationsverbot schlug hohe Wellen.
Bereits in der Woche zuvor war es im Stadtrat zu heftigen Streitereien
gekommen: Der grüne Fraktionsvorsitzende Sigfried Benker
sprach in einem Interview von einem "Kesseltreiben"
des OB und bescheinigte ihm, aus Wahlkampfgründen darauf
zu achten, "dass kein Blatt zwischen ihn (Ude) und die CSU
passt". In der Online-Leserbrief-Rubrik der Süddeutschen
Zeitung lieferten sich Hunderte Münchener Bürgerinnen
eine Argumentationsschlacht zum Thema. Doch auch der als kritisch
und liberal geltende Ressortleiter Heribert Prantl erkannte erst
am Sonntag, dass die Entwicklung der polizeilichen "Beweislage"
Teil einer wohlüberlegten Strategie gewesen sein mag: "So
wird das Grundrecht der Versammlungsfreiheit zu kleiner Münze
geschlagen, die man dann Demonstranten nach Gusto, wie einem Bettler,
in den Hut wirft", klagte er in einem Kommentar.
Die Durchsuchung des Infoladens, der als wichtige Kommunikationsstelle
für die Demo-OrganisatorInnen diente, wirft ebenfalls Licht
auf die Fadenscheinigkeit der Polizeiindizien. Dort fanden die
Beamten höchst gefährliches Agitationsmaterial: "Ein
Flugblatt mit der Abbildung einer vermummten Person, die zum Wurf
mit einem unbekannten Gegenstand ausholt", sei Anlass der
Razzia gewesen, so die Presseerklärung des Polizeipräsidiums.
Soll erstmals ein Verstoß gegen das Vermummungsverbot auf
dem Papier geahndet werden, oder bedeutet die Aufforderung, einen
roten Stern (um den es sich unverkennbar bei dem "unbekannten"
Gegenstand handelt) in die Luft zu werfen, einen Aufruf zur Verletzung
des Luftraums?
Auch die Festgenommenen erst des einen Pressesprechers des Bündnisses,
weil er einschlägig als Autonomer bekannt sei, dann des anderen,
weil er Pressekonferenzen unter freiem Himmel abhielt, führte
zur Empörung nicht nur bei den AnhängerInnen der NATO-Gegnerinnen.
So mischten sich dann zahlreiche "SpaziergängerInnen",
mit den dennoch zu 1000en herangereisten Autonomen, um ein Signal
für die Demonstrationsfreiheit zu setzen. Möglicherweise
führte dies zur Verunsicherung bei den Beamten, denen eine
niedrige Einsatzschwelle verordnet worden war. Spazieren gehen
wollte man zwar noch dulden, doch "wenn es zu öffentlichen
Meinungsäußerungen kommt, werden wir den Platz räumen",
so ein Einsatzleiter.
Völlig außer Betrieb war das Grundrecht auf Meinungsfreiheit
an diesem Wochenende freilich dennoch nicht. Völlig ungeniert
unterhielten sich 250 Herren im Bayerischen Hof über ihre
Themen: Den nächste Krieg, den die USA gegen Irak führen
wollen, den Ausbau der europäischen Eingreiftruppe und mehr
Geld für die Bundeswehr.
"BürgerInnen" und Autonome fanden indessen auch
ohne den verhafteten "Rädelsführer" und Demoanmelder
Claus Schreer zu einer gemeinsamen "militanten Strategie",
einer, die nichts mit Gewalttätigkeit zu tun hat. Sie setzten
entschlossen eine Demonstration in München durch. Schreer
hatte schon zuvor prophezeit und Recht behalten : "Die einzigen
Gewalttäter in München treffen sich im Bayerischen Hof."
Michael Liebler
|