Die politische Bühne lächerlich machen
1977 gründeten Alternative, Spontis u.a. in Erlangen die Grüne
Liste als kommunale Wählervereinigung. Die raumzeit sprach
zum 25jährigen Jubiläum mit Wolfgang Lederer-Kanawin,
dem ersten Stadtrat der GL.
rz:
In welcher politischen Atmosphäre fand 1977 der Zusammenschluss
zur Grünen Liste in Erlangen statt?
Wolfgang Lederer-Kanawin: Die Atmosphäre war damals durch das
Auseinanderbrechen der klassischen politischen Diskussionen, die
noch von marxistischen Debatten - die Lohnabhängigen und
die Beleidigten dieser Welt -dominiert waren. Diese Debatten wurden
durch ökologische Fragestellungen z.B. Umweltverschmutzung
im weltweiten Maßstab und die sozialen Protestbewegungen,
die sich eben nicht an dem Schema Lohnabhängige/Kapitalbesitzer
orientiert haben, ersetzt. Der Bezug lag nicht mehr nur auf internationaler
oder bundesweiter Politik, sondern lokale Politik wurde wichtig.
Für mich persönlich war damals mein Ausschluss aus der
SPD als Funktionsträger der Juso-Hochschulgruppe entscheidend
sowie ein allgemeines Abwenden von der großen linken Volkspartei.
rz: Wie sah die Basis aus, die damals das Konzept einer
kommunalen Stadtratsliste mit getragen hat?
wl: Es waren natürlich verschiedene politische Strömungen
und Gruppen aus dem Sponti-Bereich beteiligt. Vielleicht kann
ich mal ein Beispiel nennen: Eine wesentliche Gruppe, in der ich
damals tätig war, war der Kommunalpolitische Arbeitskreis.
Eine zentrale Forderung dieses Aks war die Forderung keine Häuser
zu bauen, die höher sind als Bäume. Wir wurden dann
immer gefragt, ob es sich um Mammutbäume oder Birken handele,
das haben wir natürlich offen gelassen. Man musste aber schon
lernen, einen Bebauungsplan zu lesen oder Verordnungen zu verstehen
und sich dann Gedanken machen, wie Forderungen umgesetzt werden,
wie sie plakativ gemacht werden konnten, also: Keine Häuser
die höher sind als Bäume!
Andere Gruppen waren wesentlich ökologischer orientiert. Die arbeiteten in
Richtung Energieversorgung, Verkehrspolitik, Förderung des Rad- und
Fußgängerverkehrs, Eindämmung des Autoverkehrs und der Umweltverschmutzung.
Wieder andere Gruppen hatten eine starke linke Orientierung z.B. das
Sozialistische Zentrum. Aber wesentliche Träger waren natürlich die ganzen
lokalen Spontigruppen: Die Bürgerinitiative Saumarkt, die sich dafür eingesetzt
hat, dass die Altstadt belebt bleibt, dass dort lokale Märkte und auch
Schwarzmärkte stattfinden, die Stadtindianer, die sich mit ihrer Kritik an der
industriellen Massengesellschaft und der Idee eines einfachen Lebens an der
italienischen Protestbewegung orientiert haben. Eine ihrer Forderungen war die
Schaffung einer großen Fußgängerzone in der Stadt, in der man barfuß laufen kann
- mit Sand überall. Zu guter Letzt darf man nicht vergessen, dass damals auch
schon die AG Reggae dabei war, die natürlich ihre Musik und Lebensweise
propagiert hat, bis hin zum Konsum von Pflanzen und Gewächsen, die in dieser
Szene weit verbreitet sind.
rz: Welche Motive hattet ihr in die parlamentarische Politik
einzusteigen? Was hattet ihr euch davon erhofft? Ging es darum,
auf der parlamentarischen Ebene etwas zu erreichen oder war der
Spaßfaktor entscheidend?
wl: Es gab sicher auch bei der GL in der Gründungsphase Personen und Gruppen,
die Interesse an der Gründung der Grünen hatten, die also klar darauf aus waren,
Mandate zu erringen. Der größte Teil der Grünen Liste setzte sich aber aus
Leuten zusammen, die dem Parlamentarismus gegenüber sehr skeptisch waren oder
ihn auch offen ablehnten. Es ging darum als echte Opposition zu kandidieren,
d.h. weder parlamentarische Spielregeln anzuerkennen noch sich als wesentlichen
Machtfaktor des Parlamentes zu begreifen. Das bestimmende für die GL war die
Idee, dass die tatsächliche Veränderung in den Köpfen, auf der Straße und in
sozialen Auseinandersetzungen stattfinden muss. Unsere Aktionsformen waren nicht
darauf gerichtet, gute Anträge zu schreiben, sondern durch Aktionen innerhalb
der Stadt etwas voran zu bringen.
rz: Wie wirkte sich der Kontrast zwischen Euch und den hochwürdigen
VertreterInnen der Stadt Erlangen aus?
wl: Wir waren damals schon ziemliches Kontrastprogramm. Dass ich z.B. bei einer
Stadtratssitzung nicht auf den Stühlen der Stadtratsmitglieder sitze, sondern im
Publikum und von dort aus mitmache, so etwas hatten die wohl nicht erwartet. Ich
war durch meine Phase in der SPD nicht unbekannt, die hatten wohl erwartet, es
geht inhaltlich kritisch aber formal genau so weiter. Uns ging es darum, dass
man sich durch das Auftreten selber anders verhalten kann. Dass man dadurch
stark antiautoritäre oder Sponti-Elemente praktizieren kann.
rz: Kannst du ein paar Beispiele für diese Sponti-Elemente nennen?
wl: Sponti-Element hieß, dass wir die politische Bühne nicht nur im Stadtrat
gesehen haben, sondern dass wir die Aktion in der Stadt selber gesucht haben.
Aber es ging nicht nur um das Auftreten selber, die Provokationen fanden schon
auch auf der Redeseite statt, als Angriffe auf die Veranstaltung selber. Es ging
um den Versuch, die politische Bühne immer wieder lächerlich zu machen und deren
Legitimation in Zweifel zu ziehen. Man darf auch nicht vergessen, dass es
ziemlich anstrengend war in einer 100.000 Einwohnerstadt über alles Bescheid zu
wissen. Bescheid darüber zu wissen, was im Stadtrat gemauschelt und gedreht
wurde und die Wichtigkeit abzuschätzen, was das für die Bevölkerung bedeutete.
Das heißt man musste jeden Monat einen Aktenordnern voll mit Antragsformularen
lesen um dann zu beschließen, was davon überhaupt wichtig war; auch zu sagen,
was interessiert denn der Käse überhaupt oder handelt es sich um etwas
Bedeutsames, steckt da ein Projekt dahinter, das die Qualität des
Innenstadtlebens beeinträchtigen kann.
rz: Freust du dich darüber, dass es die Ökologiebewegung über die Grünen
geschafft hat, in die Regierung zu kommen?
wl: Also Anlass zur Freude besteht da sicherlich nicht. Das was von der
Ökologiebewegung übrig geblieben ist, ist ein Club alternder Männer, die ihre
soziale Basis für kindlich oder naiv halten und sich selber als Ausgeburt dieser
Bewegung begreifen. Was total fehlt, ist das Verständnis darüber, dass man zum
großen Fluss der Gesellschaft nach wie vor in Opposition lebt, und dass man da
nichts mitgestalten und an deren Spitze mitwirken kann. Das gleiche gilt
natürlich auch für den Militär- und Repressionsapparat sowie die
gesellschaftlichen Eigentumsverhältnisse. Damals war ganz klar, dass man dagegen
in Opposition steht. Dass es nicht um das geht, was die Grünen heute mitmachen
z.B. Sozialversicherung von staatlicher Stelle in die Privatwirtschaft zu geben.
Da waren wir, denke ich, politisch erfahrener. Was die Grünen jetzt
mitvollziehen, das ist nicht mehr lustig, das ist kein Erfolg einer sozialen
oder ökologischen Bewegung.
rz: Gibt es Strömungen, die du als eure Erben sehen würdest, oder wo du sagen
würdest, das ist eine Geschichte, die ist mir sympathisch?
wl: Also von Erben möchte ich nicht sprechen. Es ist nicht klar, wer etwas
vererbt oder erbt. Zum Beispiel hat sich der Zugang zu den Informationsquellen
geändert. Heute ist nicht mehr das geschriebene Wort und das Blatt Papier in der
Hand das verteilt wird wichtig, sondern es sind Gespräche, Detailinformationen.
Es werden nicht mehr so viele Bücher gewälzt, wie sie ein Teil von uns noch
gewälzt hat, sondern es werden politische Inhalte aufgegriffen, die sehr breit
und spitz formuliert werden, z.B. die Bewegung um Attac und die
Globalisierungskritiker, die sehr viele der weltweiten Probleme doch sehr
pointiert aufgreifen. Auch in unserer politischen Diskussion war die Ausbeutung
in der Dritten Welt, die Landlosenbewegung und Arbeits- und Sozialverhältnisse
in vielen Ländern dieser Welt, die kurz vor dem Ruin stehen, immer schon ein
Thema. Alle diese Themen werden jetzt wieder mit einer Oppositionsbewegung in
der 1. Welt zusammengebracht, und das ist eigentlich sehr spannend.
rz: Und jetzt unsere Frage zur Kommunalwahl: Fühlst du dich immer noch der GL
zugehörig - nach 25 Jahren?
wl: Mein Herz liegt natürlich bei der Grünen Liste. Sie war ja auch mit meine
Schöpfung, und ich habe wesentlich daran mit gedreht, das sie zu Stande kam. Die
GL Erlangen hat sich ja nie als Partei sondern als lokaler Repräsentant
begriffen, der in erster Linie in der Bevölkerung aktiv sein wollte - mit mehr
oder weniger Erfolg. Auch heute sind dort Gruppen und Strömungen vorhanden, die
mich Hoffnung schöpfen lassen, dass man sich durch parlamentarische Arbeit eben
nicht in das parlamentarische System einbinden lässt und Politik nur als
Karriereleiter auf dem Weg in immer höhere Parlamente versteht.
rz: Hast du dich aus der Politik zurück gezogen, deinen Teil
zur Verbesserung der Welt erledigt, oder gibt es andere Organisationen,
in denen du dich engagierst?
wl: Ich war drei Jahre lang als Arzt in Ruanda. Dort habe ich mir noch mal sehr
viel über die weltweite Lage der Menschen durch den Kopf gehen lassen müssen. Es
ist nicht leicht, nach der konkreten Erfahrung, dass Menschen um das reine
Überleben kämpfen müssen, sich für die Verbesserung der sozialen Lage in der 1.
Welt zu engagieren, für die Absenkung der Abgase um ein paar Promille zu
streiten, wenn man den globalen Maßstab sieht. Meine Sympathie gilt den
Bewegungen, die die verschiedenen sozialen Brennpunkte zusammen bringen und
versuchen die weltweite Unterdrückung und Ausbeutung zu kritisieren.
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