"Ich möchte in dieser Stadt nicht begraben sein"
Lotte Ansbacher - Ein jüdisches Leben in Erlangen gestern
und heute
Von den rund sechzig jüdischen Bürgerinnen und Bürgern,
die während des Dritten Reichs aus Erlangen vertrieben oder
verschleppt wurden, kehrte nach 1945 nur eine einzige auf Dauer
dorthin zurück. Es war Lotte Ansbacher, die 1922 in Erlangen
geboren worden war und 1939 die Stadt verlassen hatte. Nach 41
Jahren im Exil in Großbritannien ließ sie sich 1980
wieder in Erlangen nieder. Doch auch diesmal war ihr hier kein
friedliches Leben beschieden. Ein weiteres Mal um ihr Vermögen
gebracht, lebt sie heute vereinsamt, mittellos und blind in der
1000jährigen Stadt.
Behütete Kindheit
Die frühe Kindheit von Lotte Ansbacher verlief überaus glücklich. Sie war das
einzige Kind von wohlhabenden Eltern, die in der Erlanger Bismarckstraße 26 nahe
dem heutigen Lorlebergplatz wohnten und Teilhaber der Uhrengroßhandlung
Aufseeser waren. Den Grundstock für das Unternehmen hatte Lottes Großvater
Samuel Aufseeser gelegt, der sich 1911 in Erlangen niedergelassen hatte. Nach
seinem Tod hatten seine Kinder Isaak, Siegmund, Helene, Natalie und Rosa, die
mit Lottes Vater, Wilhelm Ansbacher, verheiratet war, das Geschäft übernommen.
"Wir hatten den größten Uhrengroßhandel im damaligen Deutschen Reich", erzählt
Lotte Ansbacher noch heute nicht ohne Stolz. Und weil die Firma Aufseeser in
größeren Mengen einkaufte als die Konkurrenz, erhielt sie die Uhren günstiger
und konnte sie deshalb auch günstiger wieder verkaufen. "So einfach war das",
sagt Lotte Ansbacher. Dennoch lässt sie keinen Zweifel daran, dass für den
Erfolg der Firma hart gearbeitet werden musste. Jahr um Jahr mussten die
Uhrenfabrikanten aufgesucht und eine neue Kollektion zusammengestellt werden.
Dann mussten die Kunden, das waren Uhrengeschäfte in ganz Deutschland, besucht
werden. Für diese Fahrten schafften sich die Onkel eigens Wagen an. Isaak und
Siegmund Aufseeser waren damals mit die ersten Erlanger gewesen, die sich ein
Automobil leisten konnten.
Die Familie Ansbacher wohnte im zweiten Stock des Hauses Bismarckstraße 26. In
den beiden anderen Wohnungen lebten Lotte Ansbachers Großmutter Fanny Aufseeser
und die Onkel und Tanten. 1927 geriet das behütete Leben des Kindes mit dem
plötzlichen Tod des Vaters jäh aus den Fugen.
Ansbacher: "Er fiel im Büro um und war tot. Ich konnte das nicht begreifen."
Nun hatte die Fünfjährige große Angst, dass auch der geliebten Mutter etwas
zustoßen könnte. Der Verlust des Vaters war das erste Trauma, das Lotte
Ansbacher in ihrem Leben erleiden musste. Darüber konnte auch ihre Familie ihr
nicht hinweghelfen, obwohl sie nun noch enger zusammenrückte als zuvor.
Streicher in der Loge
An die Machtübernahme und die Zeit danach hat Lotte Ansbacher nur ungenaue
Erinnerungen:
"Ich weiß zwar, was sich damals ereignet hat, aber wir selber, unsere Familie
war davon nicht unmittelbar betroffen. Wir haben sehr zurückgezogen gelebt. Das
haben eigentlich alle jüdischen Familien in Erlangen getan. Trotzdem haben
einige schon früh Probleme mit den Nazis bekommen - der Fränkel (Justin Fränkel,
Vorbeter und Schochet der jüdischen Gemeinde von Erlangen wurde 1937 wegen der
Beteiligung an einem angeblichen jüdischen Ritualmord an einem Knaben 1929 in
Manau verhaftet, Anm. d. Verf) zum Beispiel, das war unser Religionslehrer. Und
mein Onkel Siegmund hat auch Ärger bekommen, aber nur einmal. Da war er mitten
in der Nacht von Kundenbesuchen nach Hause gekommen und hatte den Wagen in der
Hofeinfahrt stehen gelassen, statt ihn in der Garage zu parken. Da mußte er zur
Polizei. Aber er hat denen gesagt, dass er den Wagen nur deshalb in der Einfahrt
hat stehen lassen, weil er die Leute, die im Hof gewohnt haben, nicht mitten in
der Nacht durch das Motorengeräusch wecken wollte."
Den von Lotte Ansbacher geschilderten Vorfall belegen Unterlagen im Stadtarchiv
Erlangen. Sie geben Zeugnis davon, dass die Vorladung zur Polizei reine Schikane
gegen Siegmund Aufseeser gewesen war. Daran hat auch Lotte Ansbacher keinen
Zweifel. Dennoch:
"Wir haben keine Probleme gehabt. Wir haben uns ja auch sehr zurückgehalten.
Politisch sowieso. Mit Politik wollten meine Onkel nie etwas zu tun haben."
Ihre vorerst aufwühlendste Begegnung mit den Nazis datiert aus dem Jahr 1934.
Damals besuchte Julius Streicher das Logenhaus in der Universitätsstraße. Es war
zu einem "Museum zur Dokumentation der internationalen Verschwörung der
Freimaurer und des Weltjudentums" umgewandelt worden. Beim Anblick von Streicher
seien ihr kalte Schauer über den Rücken gelaufen, erinnert sich Lotte Ansbacher.
Wie jedes Kind kannte auch sie den "Stürmer". Täglich lief sie am
"Stürmerkasten" vorbei, in dem das Blatt mit seinen hässlichen Karikaturen hing.
"Und das sollten wir sein!"
"Wir alle waren wie betäubt"
An persönliche Kränkungen, Feindseligkeiten oder Zurücksetzungen während der
Zeit des Dritten Reichs erinnert sich Lotte Ansbacher nicht. Sie stellt zwar
fest, dass sie "kaum Kontakt zu anderen Kindern" hatte, die Ursachen dafür
reflektiert sie jedoch nicht. Sie dürften sehr wohl in der damaligen Ausgrenzung
jüdischer Spielkameraden zu suchen sein. Unvergesslich sind Lotte Ansbacher
jedoch die Ereignisse während des Pogroms vom 9./10. November 1938.
Ansbacher:
"Wir haben abends Radio gehört und haben den Hitler
brüllen hören. Da war uns schon ganz seltsam zumute.
In der Nacht zwischen zwei und drei Uhr sind sie dann gekommen
- das war ja ihre bevorzugte Zeit, zwischen zwei und drei Uhr,
dann, wenn die Menschen am tiefsten schlafen. Sie haben an der
Tür geläutet und es wurde ihnen aufgemacht. Dann hat
mich meine Mutter geweckt. Es ging eigentlich ganz zivil zu, nur
unten hat einer meine Tante Helene geohrfeigt, weil sie vor Schreck
einen Schreikrampf bekommen hatte. Wir haben uns angezogen und
sind dann alle auf einen Lastwagen verladen worden. Mein Onkel
Siegmund mit seiner Frau und seiner Tochter Trude, mein Onkel
Isaak, meine Tanten Helene und Natalie, meine Großtante
Rita und ihre Tochter Herta, die sich am Abend aus Nürnberg
zu uns geflüchtet hatten, meine Mutter und ich. Wir wurden
dann in den Innenhof des alten Rathauses gebracht. Dort haben
sie uns stehen gelassen, stundenlang. Es war kalt und feucht.
Meine Mutter hat eine Gallenkolik bekommen und irgend jemand war
so gnädig und hat ihr wenigstens eine Kiste zum Sitzen hingestellt.
Dann haben sie mit einer Sammelbüchse dagestanden und haben
die Leute eingeladen, sich für 10 Pfennig die Juden anzuschauen.
Die Marktfrauen sollten kommen. Aber die sind nicht gekommen.
Denen haben wir sicher leid getan. Es war schrecklich. Und die
Kinder haben geschrien. ... Angst habe ich nicht gehabt, ich war
wie betäubt. Wir alle waren wie betäubt. Ich habe die
ganze Zeit neben meiner Mutter gestanden und neben meinen Tanten.
Am Nachmittag hat man uns dann in so Arrestzellen getan. Später
hat man die Männer dann ins Gefängnis gebracht nach
Nürnberg und uns hat man zur Wöhrmühle gebracht."
Daten"schutz"
Diese Ereignisse, die sich Lotte Ansbacher unauslöschlich ins Gedächtnis
gebrannt haben, wurden von den damaligen Tätern beim sogenannten
"Reichkristallnachtprozeß" im Sommer 1950 vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth gar
nicht bestritten. Zwar versuchte jeder der Angeklagten seine eigene Schuld zu
minimieren, dennoch wird aus den Prozessakten ersichtlich, dass die Zeitzeugin
Ansbacher die Ereignisse eher harmloser darstellt, als sie nach Aktenlage waren.
Vor Gericht schilderten Zeugen Ereignisse, die an Gewaltätigkeit weit über das
hinaus gehen, was Lotte Ansbacher berichtet, und was der Erlanger Öffentlichkeit
bisher über die Ereignisse während des Pogroms bekannt ist.
Der Leiter des Stadtarchivs Erlangen verweigerte im Frühjahr 2000 der
Verfasserin und einem Stadtrat der Grünen Liste (GL) die Einsicht in diese
Akten, die eigens vom Staatsarchiv Nürnberg nach Erlangen zur Einsichtnahme
geschickt worden waren. Seine Begründung: Datenschutz. Erst nach der Rückführung
der Akten nach Nürnberg und Rücksprache mit dem bayerischen Justizministerium
war die Akteneinsicht möglich.
Die beschlagnahmten Kultgegenstände
Die am 10. November 1938 in Erlangen verhafteten Juden wurden am Nachmittag
aufgeteilt. Während man die Männer ins Gefängnis nach Nürnberg transportierte,
wurden die Frauen und Kinder in das Obdachlosenasyl in der Wöhrmühle gebracht.
Zuvor jedoch mussten die Erlanger Juden erleben, wie ihr Betsaal geschändet
wurde. SA-Männer zwangen jüdische Männer, die Kultgegenstände aus dem Betsaal im
Haus Einhornstraße 5 zu holen.
Ansbacher: "Ich erinnere mich sehr gut. Wir haben vor dem Rathaus auf unseren
Abtransport gewartet. Und der Betsaal war doch genau vis-à-vis von da, wo wir
gewartet haben. Das Haus hat dem Fräulein Wassermann gehört. Und da habe ich
dann gesehen, wie die jüdischen Männer die ganzen Sachen aus der Synagoge
herausholen und ins Rathaus bringen mußten. Dort mussten sie sie dann in den
Keller tragen und in eine Ecke werfen.... Es müssen ungefähr fünf oder sechs
Thorarollen gewesen sein. Ich kann mich noch erinnern, dass eine dabei war, die
war besonders schön und groß. Mein Onkel Siegmund hat eine getragen, mein Onkel
Isaak hat eine getragen und der Max Fleischmann hat auch eine gehabt. Wer die
anderen getragen hat, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall: Die Sachen kamen in
den Keller vom damaligen Rathaus."
Von dort verliert sich jede Spur der Kultgegenstände. Ihr Verbleib konnte bis
heute nicht geklärt werden. Unterlagen der Jewish Restitution Successor
Organisation (IRSO), die heute in den "Central Archives for the History of the
Jewish People" in Jerusalem lagern, geben jedoch Aufschluss über Art und Anzahl
der verschollenen Ritualien. Eine 1959 zu Zwecken der Wiedergutmachung erstellte
Liste führt die folgenden Gegenstände auf:
"9 Thorarollen; 9 Paar Thoraaufsätze mit Schellen, Silber; 9 Schilder, Silber; 3
Lesefinger, Silber; 30 Thoramäntel, durchschnittlich; 50 Wimpel, handbemalt und
bestickt; 4 Thora-schreinvorhänge; 4 Decken für Vorlesepult; 1 Ewige Lampe; 1
Siebenarmiger Leuchter; 1 Chanukkaleuchter, Silber; 30 Seelenlichter; 2
Weinbecher, Silber; 1 Hawdallahgarnitur, Silber; 1 Trauhimmel; 2 Megilloth; 2
Schofarhörner; 12 Gebetsmäntel; 5 Paar Phylakterien (Gebets-riemen); 20
Gebetbücher; 20 Festgebetbücher; 20 Pentateuche; Aufrufplatten, 1Satz; 1
Ethrogbüchse, Silber."
Zur Erstellung ihres Antrags auf Wiedergutmachung hatte die IRSO ehemalige
Mitglieder der Erlanger jüdischen Gemeinde befragt. Zu diesen hatte neben Lotte
Ansbachers Tante Helene Aufseeser auch der ehemalige Vorbeter der Gemeinde,
Justin Fränkel, gehört.
"Der Fränkel wird wohl gewußt haben, was alles da war", meint Lotte Ansbacher
befriedigt darüber, dass ihre Angaben über die Kultgegenstände ihre Bestätigung
gefunden haben. In Erlangen ignoriert man das Ausmaß des materiellen Schadens,
den die jüdische Gemeinde während des Pogroms erlitt, bis heute.
Ilse Sponsel, die seit zwanzig Jahren über die jüdische Gemeinde Erlangen
forscht, lancierte statt dessen zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2000 in
den "Erlanger Nachrichten" einen Artikel mit dem Titel "Der Gesetzesrolle auf
der Spur. Nachforschungen über die 1938 verschwundene Thorarolle der jüdischen
Gemeinde Erlangen". Darin versucht sie den ebenso unsinnigen wie haltlosen
Beweis dafür zu erbringen, dass beim Pogrom am 10.11.1938 im Betsaal der
Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Erlangen keine Thorarolle mehr vorhanden
war. Sie beruft sich dabei auf den damals 14jährigen Max Fleischmann als
angeblich einzigen noch lebenden Zeugen. Max Fleischmann hat der Darstellung
Sponsels in einem Telefonat mit der Verfasserin wider-sprochen. Weitere
Augenzeuginnen wie Irmgard Klawansky (geb. Loewi) und Lotte Ansbacher wurden von
Sponsel nicht befragt. Hintergrund von Sponsels Artikel dürfte der Umstand
gewesen sein, dass die IKG Erlangen sich im Januar 2000 mit dem Hinweis auf die
dereinst beschlagnahmten "fünf bis sechs Thorarollen" von der Stadt Erlangen
finanzielle Unterstützung bei der Anschaffung von wenigstens einer neuen
Thorarolle erbat. Meinte Sponsel mit ihrem Beitrag möglichen Forderungen von
jüdischer Seite an die Stadt zuvor kommen zu müssen?
Der finanzielle Schaden, den die jüdische Gemeinde Erlangen 1938 erlitt, war
jedenfalls beträchtlich: Der Wert der verschollenen Kultgegenstände wurde von
der IRSO 1959 auf DM 71.725,- beziffert. Er dürfte aber schon damals höher
gewesen sein, da die IRSO außer Betracht ließ, dass es sich bei den verschwunden
Ritualien zum Teil um antike und kunst-historisch wertvolle Objekte handelte.
Dies war jedenfalls die Einschätzung des jüdischen Kunsthistorikers Theodor
Harburger, der in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts jüdische
Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern inventarisierte. Harburger hatte die
jüdische Gemeinde Erlangen 1928 besucht und dort mehrere bedeutende Objekte
registriert. Darunter waren ein silberner Thoraschild und Thorazeiger aus dem
18. Jahrhundert, deren heutiger Wert alleine bei ca. 50 000 bis 70 000 DM liegen
dürfte. So jedenfalls die Schätzung des Jüdischen Museums Franken in Fürth.
In Erlangen ist über diese Dinge nichts bekannt. Man weiß auch nichts von
weiteren Vermögenswerten, die der IKG Erlangen im Zuge der "Arisierung"
gestohlen wurden. Dabei kann man das in einschlägigen Aktenbeständen des
Staatsarchivs Nürnberg nachlesen. In einem Vernehmungsprotokoll vom 16. März
1939 gibt der SA-Obersturmführer Ludwig Aßländer, der als
Kreiswirtschaftsberater mit der "Arisierung" in Erlangen beauftragt war, u.a.
an, dass er sich in den Besitz von Wertpapieren in Höhe vom RM 10 000 brachte,
die der jüdischen Gemeinde gehörten. Dieser Schaden war offensichtlich nicht
einmal der IRSO bekannt, denn er taucht in ihren Wiedergutmachungsforderungen
nicht auf. Vermutlich ist dafür auch nie Entschädigung geleistet worden.
"Das wollen die Erlanger doch alles gar nicht wissen", lautet Lotte Ansbachers
Kommentar zu den Ergebnissen der Nachforschungen über den gestohlenen Besitz der
jüdischen Gemeinde. In der Tat deutet vieles daraufhin, dass sie mit dieser
Vermutung recht hat.
Der silberne Rikscha-Fahrer
Nach dem Pogrom vom 9./10. November 1938 wurden die jüdischen Frauen mit ihren
Kindern in das Obdachlosenasyl in die Wöhrmühle gebracht und dort unter
unwürdigen Bedingungen festgehalten. Es mutet daher mehr als peinlich an, dass
die Stadt Erlangen 1999 ausgerechnet dieses Gebäude ins Auge fasste, als es
darum ging, einen Gebetsraum für die neugegründete jüdische Gemeinde in Erlangen
zur Verfügung zu stellen. Erst nachdem dieser Fauxpas durch einen Leserbrief der
Verfasserin publik geworden war, sah sich die Stadt Erlangen genötigt, der
jüdischen Gemeinde bei der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten behilflich zu
sein.
Bei Lotte Ansbacher weckt die Wöhrmühle jedenfalls schlimmste Erinnerungen. Drei
Tage musste sie damals dort mit den jüdischen Frauen und deren Kindern in
Ungewissheit über ihr weiteres Schicksal sowie das der Ehemänner und Väter
verbringen. Vor lauter Aufregung hatte Lottes Tante Helene Aufseeser auch noch
einen Herzanfall erlitten.
Ansbacher: "Wir mussten dann da putzen. Ich kann mich noch erinnern, ich habe da
die Treppe geputzt. Am Samstag haben sie uns dann endlich nach Hause gelassen.
Nacheinander, damit es nicht so auffällt. Zuhause hat es schrecklich ausgesehen.
Wie wenn eine Hochexplosivbombe eingeschlagen hätte. Wir sind knietief in
Trümmern und Schutt gewatet. Zersplitterte und zerhackte Möbel, zerfetzte
Stoffe, zerschlagenes und zerbrochenes Porzellan, Bettfedern, die überall
herumgeflogen sind. Selbst unsere Kleidung war zerfetzt und dann war alles
mögliche gestohlen worden. Vor allem Silbersachen. Meine Mutter hat doch solche
Sachen gesammelt, solche kleinen Figürchen aus Silber. Da waren auch so
chinesische Sachen dabei. Ein Rikscha-fahrer aus Silber. Die Sachen standen alle
in einer Vitrine. Vor der habe ich als Kind immer gestanden und habe mir die
ganzen hübschen Sachen angeschaut. Und die waren jetzt alle weg. Und Teppiche
haben gefehlt und Möbel und alles Mögliche. Was man wegschleppen konnte, haben
sie weggeschleppt. Und alles Andere haben sie kaputt gemacht. Der
Familienschmuck war natürlich auch weg. Später habe ich die Ringe unserer
Familie wiedergesehen, an den Fingern von einem unserer Mieter. Unsere Wäsche
trocknete bei den Mietern aus dem Hinterhaus auf der Wäscheleine. Die Uhren
waren natürlich auch gestohlen. An dem Weihnachten hat in Erlangen mit
Sicherheit kein Geschäft eine Uhr verkauft."
Die einschlägigen Prozessakten belegen, wie ungehemmt die deutschen
Mitbürgerinnen und Mitbürger mit und ohne Uniform während des Pogroms in den
jüdischen Häusern gehaust haben und wie ungeniert sie sich vor allem im Anwesen
Ansbacher/Aufseeser bedienten.
Umso unverständlicher mutet es an, wie Ilse Sponsel in ihrem Beitrag für das
"Erlangen"-Buch von Jürgen Sandweg zu der Einschätzung gelangen konnte, dass
"die Parteiorganisationen peinlich bemüht waren, den Verdacht der unrechtmäßigen
Bereicherung von Volksgenossen am jüdischen Schand-Reichtum zu vermeiden."
Die Enteignung
Lotte Ansbachers beiden Onkeln Siegmund und Isaak Aufseeser blieb im Gegensatz
zu anderen jüdischen Männern die KZ-Haft in Dachau erspart. Allerdings wurden
die Onkel mehrere Wochen in Nürnberg im Gefängnis festgehalten. Von dort wurde
Siegmund Aufseeser mit dem Wagen abgeholt und nach Erlangen ins Rathaus
gebracht.
"Dort hat man ihn dann mit einem Revolver bedroht und ihm gesagt: ‘Saujud, gibst
Du Dein Haus her!’.Was soll man auf so eine freundliche Aufforderung schon
antworten?", sagt Lotte Ansbacher bitter.
Das Anwesen Aufseeser wurde "arisiert". Grundlage für die "Arisierungen" war die
"Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens" vom 3.12.1938. Wie die
"Arisierungen" in Erlangen abliefen, kann man in dem bereits erwähnten
Vernehmungs-protokoll von Ludwig Aßländer vom 16. März 1939 im Staatsarchiv
Nürnberg nachlesen. Demzufolge wurden die jüdischen Besitzer von insgesamt zwölf
Erlanger Anwesen von Aßländer jeweils mit offiziellen Anschreiben auf dem
Briefpapier der Stadt Erlangen ins Rathaus vorgeladen. Dort führte Aßländer die
"Verhandlungen" mit den Besitzern alleine. Bedenken des Notars Reichold, die
unter Druck zustande gekommenen Vereinbarungen zu beurkunden, wischte Aßländer
vom Tisch. Dabei war mehr als offensichtlich, dass es mit dem "Verkauf" nicht
mit rechten Dingen zugegangen sein konnte. Weshalb sollte beispielsweise
Siegmund Aufseeser sein Haus Bismarckstraße 26 und das Hinterhaus mit der Nummer
20 zum Preis von RM 4 580,- (laut "Kaufangebot" vom 23.11.1938) hergeben? Diese
Summe entsprach gerade einmal zehn Prozent des Einheitswerts.
Proteste gegen die Enteignung waren vergeblich. Wer sich, wie der Erlanger
Fotograf Jakob Benesi, weigerte, hatte mit Gewalttätigkeiten zu rechnen. Über
die beschlagnahmten Fahrzeuge der Aufseesers (angeblich bekam die SA sie), von
den Mieteinnahmen, die Aßländer nach eigenem Bekunden von Aufseeser kassierte
oder von den 10.920 RM, die Aßländer "von den Juden S. und J. Aufseeser zur
Abdeckung einer Hypothek erhalten" hatte, hat man in Erlangen noch nie etwas
gehört oder gelesen. Höchste Zeit, dass dieses "dunkle Kapitel" auch in Erlangen
aufgearbeitet wird.
Die Flucht
"Die Häuser waren wir dann los. Aber die beiden Onkel durften dann ziemlich bald
nach Großbritannien ausreisen. Ein Großonkel von mir, ein Bruder meiner
Großmutter Fanny selig, hat das alles arrangiert. Wenig später sind dann meine
Tanten, meine Mutter und ich ausgereist." Bis heute begreift Lotte Ansbacher
nicht, wie ihre Angehörigen die politische Lage in Deutschland so lange
verkennen konnten. "Ich verstehe nicht, wie meine Onkel so blöd sein konnten,
solange in Deutschland zu bleiben. Das waren doch intelligente Menschen."
Dass es mit der Ausreise von Lotte Ansbacher, ihrer Mutter und den Tanten
überhaupt geklappt hatte, verdankten sie ihrem Dienstmädchen Katharina
Seeberger. "Die Rina hat uns das nötige Geld gegeben, damit wir wegfahren
konnten. Denn wir hatten nichts mehr", bekennt Lotte Ansbacher freimütig.
"Unsere Rina war ein herzensguter Mensch!" fügt sie hinzu. Ihre unverbrüchliche
Treue zur Familie Ansbacher hatte Katharina Seeberger, die seit 1926 im Haushalt
der Ansbachers tätig war, über viele Jahre unter Beweis gestellt. Auch nach dem
Pogrom war sie bei der Familie geblieben. Selbst eine Denunziation und ein
Verhör wegen des angeblichen Verstoßes gegen die "Rassengesetze" im Dezember
1938 hatte sie in ihrer Entscheidung nicht wankend machen können.
Ansbacher: "Die Ausreise aus Deutschland war herrlich! Endlich draußen!
Innerlich haben wir gejubelt!"
Die Familie ließ sich in London nieder. Die Onkel fanden eine Anstellung in der
Uhrengroß-handlung von Lotte Ansbachers Großonkel, und die Frauen, Lotte, ihre
Mutter und die Tanten Helene und Natalie Aufseeser schlugen sich mit Heimarbeit
durch. "Was sollten wir denn schon machen? Wir hatten ja nichts gelernt." Lotte
Ansbacher erinnert sich an Pompons für Pantoffeln, Schleifen für Haarspangen und
Gürtelschnallen, die sie in Heimarbeit erstellten. "Die Arbeit war nicht
besonders schön und wir haben bescheiden gelebt", so ihre Erinnerung. "Aber wir
wollten niemandem zur Last fallen. Dazu waren wir zu stolz."
Das Dritte Reich endete an einem strahlenden Frühlingstag, der Lotte Ansbacher
unvergessen bleibt.
Die "Wiedergutmachung"
Sehr bald nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs meldete sich ein Nürnberger
Rechtsanwalt bei der Familie Aufseeser/Ansbacher, der sich erbot, für die
Familie tätig zu werden. Es galt, den 1938 "arisierten" Besitz zurückzubekommen,
was kein leichtes Unterfangen war. Es vergingen Jahre und am Ende fand sich
Lotte Ansbacher als Alleinerbin wenigstens der beiden Häuser wieder. Um einen
weiteren Teil des früheren Besitzes prozessierte sie erfolglos bis in die
neunziger Jahre hinein. Doch Lotte Ansbacher läßt nicht locker: "Ich verlange,
dass man uns das wieder gibt, was man uns gestohlen hat!" Diesen Satz hört man
von ihr immer wieder, ebenso wie diesen: "Niemand macht sich eine Vorstellung
davon, was die Erlanger uns alles gestohlen haben!"
Umso erstaunlicher mutet es an, dass Lotte Ansbacher 1980 nach Erlangen
zurückkehrte.
Ansbacher: "Ich wollte nicht zurück in diese Stadt, nicht nach allem, was die
uns hier angetan hatten. Aber: Wo sollte ich hin?"
Ende der sechziger Jahre wurde bei Lotte Ansbacher eine beginnende
Netzhautablösung diagnostiziert. Sie fuhr zu Augenärzten in die Schweiz. Es
folgte Operation auf Operation. Vergeblich. Langsam aber sicher war sie am
Erblinden. In dieser Situation suchte sie die Nähe des letzten ihr verbliebenen
vertrauten Menschen. Es war Katharina Seeberger, die sie seit ihren Kindertagen
kannte und die ihr und ihrer Familie in schwerster Not beigestanden hatte, und
die nun in einer Wohnung im Haus der Ansbachers in der Bismarckstraße 20 lebte.
Zu ihr kehrte Lotte Ansbacher Anfang 1980 zurück und nahm ihr Eigentum wieder
persönlich in Besitz.
Die "Heim"kehr
Die Rückkehrerin Lotte Ansbacher wurde bei ihrer Ankunft in Erlangen von der
"Beauftragten der Stadt Erlangen für die Betreuung der ehemaligen jüdischen
Mitbürgerinnen und Mitbürger", Ilse Sponsel, in ihrer Wohnung in der
Bismarckstraße 20 persönlich begrüßt. Ein näherer Umgang sich zwischen Lotte
Ansbacher und Ilse Sponsel ergab sich nicht, wobei Lotte Ansbacher keinen Hehl
daraus macht, dass ihr Ilse Sponsel wenig sympathisch war.
Nach ihrer Rückkehr befand Lotte Ansbacher, dass es mit ihren beiden Häusern im
argen liegen würde. Der Verwalter, den sie eingestellt hatte, erschien ihr wenig
vertrauenswürdig. Sie verdächtigte ihn, einen Teil der Miete in die eigene
Tasche zu stecken. Zudem waren die Mieter, die er ins Haus geholt hatte, ihr
nicht genehm. Wenn Lotte Ansbacher heute von ihren ehemaligen Mietern spricht,
dann nur unter dem Begriff "Chaoten". Inwieweit es tatsächlich welche waren,
konnte sie mit eigenen Augen nicht überprüfen. Jedenfalls waren ihr diese
Mieter, die Fahrräder, Autoteile und ausrangierte Möbel im Hof abstellten, über
die die blinde Frau dann stolperte und über die sich andere Mieter angeblich
beschwerten, immer weniger genehm. Ein abgestelltes Sofa, in dem sich, so
behauptet es Lotte Ansbacher, Ungeziefer eingenistet hatte, rief ihren
erbitterten Zorn hervor.
Lotte Ansbacher hatte so ihre Vorstellungen, wie ideale Mieter aussehen sollten.
Ihre Mieter entsprachen diesem Bild nicht. Deshalb stand für Lotte Ansbacher
fest, dass sie sich dieser Mieter so schnell wie möglich entledigen wollte. Sie
verfasste Kündigungen. Denen wurde nicht entsprochen. Sie schrieb neue
Kündigungen, die ebenfalls nichts fruchteten. Sie schaltete Rechtsanwälte ein,
die ihrerseits Kündigungen verfasste, die aber vor Gericht nicht standhielten.
Lotte Ansbacher betrieb den Kampf gegen die unliebsamen Mieter mit großer
Unerbittlichkeit. Dass ihren Klagen vor Gericht nicht entsprochen wurde, führte
sie weniger auf das deutsche Mietrecht zurück, als auf einen latenten
Antisemitismus. "Wer gibt schon einer Jüdin Recht?"
Da Lotte Ansbacher ihre Mieter nicht los wurde, sann sie auf eine andere Form
der Abhilfe. Sie entschloss sich, die beiden Häuser zu verkaufen. Der
bevorstehende Verkauf der Häuser schreckte die Mieter auf. Sie witterten einen
Immobilienhai, dem sie das Terrain nicht überlassen wollten. Die Stadt Erlangen
schaltete sich in das "Hausproblem" ein.
Ansbacher: "Der Hahlweg war mal da und hat sich alles angesehen. Aber geholfen
hat er mir nicht. Wer hilft schon einer Jüdin? Die Stadt hat mir dann angeboten,
die beiden Häuser zu kaufen. DM 700 000 hat man mir geboten oder waren es gar
DM 800 000,-? Die Stadt Erlangen hat haargenau gewusst, dass ich verkaufen muss,
da wollten sie halt auch noch ein Schnäppchen machen."
Die Stadt Erlangen wurde nicht Eigentümerin der beiden Häuser. Lotte Ansbacher
verkaufte an einen Investor, der sich, so Ansbacher, als wenig seriös entpuppte.
Angeblich schuldet er ihr heute noch Geld.
Der falsche Freund
Während ihrer Streitigkeiten mit ihren Mietern hatte Lotte Ansbacher die
Bekanntschaft eines Erlanger Polizeibeamten gemacht, der sich scheinbar rührend
ihrer Sorgen und Nöte annahm: Er hieß Ralph Enderle und brachte Lotte Ansbacher
in den nächsten Jahren um den Rest ihres Vermögens.
Ansbacher: "Wieso das passieren konnte? Ich habe eben nicht einen Menschen mehr
gehabt, der mir im geringsten geholfen hat. Und ich war vollständig blind! Kein
Mensch hat mir geholfen. Niemand! Darum bin ich auf den reingefallen!"
Der Polizeibeamte Enderle sollte Lotte Ansbacher gegen die unliebsamen Mieter
beistehen. Diese wollten das Haus nach dem Verkauf nicht räumen. Enderle begann
sich bald auf anderen Gebieten nützlich und zunehmend unent-behrlich zu machen.
Insbesondere kümmerte er sich um Lotte Ansbachers Vermögens-angelegenheiten.
Ansbacher: "Ich habe gedacht, einem Polizeibeamten kann man trauen! Wenn man der
Polizei nicht mehr trauen kann, wem soll man dann überhaupt noch trauen?"
Als Lotte Ansbacher endlich Verdacht schöpfte, war es zu spät. Immer wieder
hatte die Raiffeisenbank Erlangen Ralph Enderle, der sich von Lotte Ansbacher
uneingeschränkte Vollmachten hatte erteilen lassen, ihr Geld ausgehändigt.
Solange bis nichts mehr da war. Verdacht will die Bank in all den Jahren keinen
geschöpft haben.
"Vielleicht war es der Bank ja auch einfach egal, was mit dem Geld der Jüdin
passierte", meint Lotte Ansbacher bitter. "Jedenfalls bin ich der Meinung, dass
sie mir - einer Blinden gegenüber - besondere Sorgfalt hätte walten lassen
müssen." Doch die Bank wies jede Verantwortung für den entstandenen Schaden weit
von sich.
Heute ist Lotte Ansbacher auf Beihilfe zum Lebensunterhalt angewiesen. Nun hat
sie große Angst, dass man ihr auch noch den letzten Rest ihrer Habe stiehlt. Bei
der Polizei hat sie sich erkundigt, wie sie ihre Wohnung vor Eindringlingen
sichern kann. Doch die Beamten nehmen Lotte Ansbacher und ihre Befürchtungen
nicht ernst. Und wenn sie bei der Polizei Hilfe sucht, weil ihr eine der
Studentinnen, die sie einmal in der Woche zu Erledigungen begleitet, eine
neugekaufte Flasche Cognac unterschlägt, dann wird sie von den Beamten
hingehalten.
Die Totgeschwiegene
Das Schicksal, das der in Erlangen lebenden Jüdin Lotte Ansbacher widerfuhr,
passt schlecht zu dem Bild, das die Stadt Erlangen von sich und ihrem Umgang
mit ihren ehemaligen jüdischen Bürgern zu vermitteln versucht. Immer wieder
erfährt man durch die Presse von freundlichen Empfängen, die den ehemaligen
jüdischen Bürgern bereitet werden, wenn diese hin und wieder zu Besuch kommen.
Auf großformatigen Fotos sieht man da zuweilen den Oberbürgermeister mit seiner
Amtskette neben einer gerührt wirkenden alten Dame stehen, die auch gleich ihren
Mann, ihre Tochter, ihren Schwiegersohn und ihre Enkelin mit nach Erlangen
gebracht hat.
Lotte Ansbacher entlocken Schilderungen über solche Empfänge im Rathaus nur
zynische Kommentare. "Was wissen die Leute, die seit Jahren in USA leben und
jetzt für ein paar Tage hier her kommen, schon davon, wie es hier in dieser
Stadt wirklich zugeht. Die wissen doch gar nicht, was hier los ist. Von wem denn
auch?"
Auch Lotte Ansbacher war bei ihrer Rückkehr nach Erlangen 1980 zu einem Empfang
ins Rathaus eingeladen worden.
Ansbacher: "Aber ich bin nicht hingegangen. Ich wollte nicht ins Rathaus. Ich
hatte keinen Lust mich da vorführen und abfotografieren zu lassen, noch dazu, wo
ich blind bin. Ich wollte auch nicht, dass sich irgendjemand mit mir wichtig
macht. Später hat es dann geheißen, ich sei zu diesem Empfang nicht gekommen,
weil ich krank war, aber das stimmt nicht! Ich wollte da nicht hin. Und im
übrigen: Die Stadt Erlangen hat mir ja auch damals keinen Abschied gegeben!"
Auf die Tatsache, dass sie die Rolle der glücklichen jüdischen Heimkehrerin zu
spielen verschmäht hatte, führt Lotte Ansbacher den Umstand zurück, dass sie von
der Stadt Erlangen nie informiert, geschweige denn eingeladen wurde, wenn
ehemalige jüdische Erlangerinnen und Erlanger wie Edith Schwarz (geb. Fränkel),
deren Bruder Ernst Fränkel, Irmgard Klawansky (geb. Loewi) oder deren Schwester
Marga Hahn zu Besuch kamen. Auch von der Visite von Ilse Mannheimer (geb.
Hopfenmaier) im Jahr 1984 oder den Besuchen von Adolf Dingfelder und Max
Fleischmann erfuhr sie nichts.
"Nein, man hat mich nicht eingeladen, obwohl ich einige von den Leuten sehr
gerne wieder getroffen hätte. Den Max Fleischmann zum Beispiel, mit dem wir sehr
befreundet waren." Bitter setzt Lotte Ansbacher hinzu: "Ich werde in dieser
Stadt und von dieser Stadt naja, totgeschwiegen - nicht ganz - aber fast."
Dass Lotte Ansbachers Existenz in Erlangen gerade von Leuten unterschlagen wird,
die es besser wissen müssten, beweist ein Zeitungsartikel von Ilse Sponsel vom
3. März 1983 in den "Erlanger Nachrichten". Darin kann man lesen: "Heute leben
im Stadtgebiet keine alteingesessenen Juden mehr".
Der neue Betsaal
Die jüdische Gemeinde, die sich 1997 überwiegend aus jüdischen
Kontingentflüchtlingen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion neugegründet
hat, erinnerte sich der alten jüdischen Dame und lud sie zu ihrer Chanukka- und
Purimfeier und später auch zum Sederabend an Pessach ein. Im April 2000 erlebte
Erlangen dann die Einweihung eines neuen jüdischen Betsaals.
Diesem Ereignis vorausgegangen waren langwierige und zähe Verhandlungen mit der
Stadt Erlangen, die sich erst sehr spät und nur auf Druck von außen ihrer
historischen Verantwortung stellte. Ein Antrag der GL-Stadtratsfraktion hatte
kurz vor der geplanten Einweihung den Durchbruch gebracht. Mit dem Hinweis auf
die während des Pogroms geraubten Kultgegenstände und Thorarollen der ehemaligen
Kultusgemeinde, stellte die Stadt im März 2000 der jüdischen Gemeinde ein
Darlehen in Höhe von DM 50 000,- zur Anschaffung einer neuen Thorarolle zur
Verfügung.
"Most generous!", lautete Lotte Ansbachers sarkastischer Kommentar zu diesem
Darlehen. "DM 50 000 sind wirklich sehr großzügig, wenn man bedenkt, was sie uns
alles gestohlen haben!"
Am Sonntag, den 2. April 2000 stand Lotte Ansbacher in ihrem schönsten
Kleid am geöffneten Fenster des neuen Betsaales in der Hauptstraße
34. Die Sonne schien. Von unten von der Straße erklangen
fröhliche hebräische Gesänge. Unter einem Baldachin
wurde die neue Thorarolle herbei getragen und vor der Haustür
tanzte der Rabbiner ausgelassen in seinem Gebetsmantel. Lotte
Ansbacher konnte die Szene nicht sehen, aber sie freute sich sichtlich
daran. Dies obwohl sie große Bedenken hinsichtlich des Neuanfangs
einer jüdischen Gemeinde in Erlangen hat. Ansbacher: "Die
armen russischen Juden, ausgerechnet nach Erlangen bringt man
sie!
Die Einweihung des Betsaals verlief feierlich. Alle obligaten
Würdenträger waren gekommen. Danach hatte es einen kleinen
Stehempfang im Nebenraum des Betsaals gegeben. Auch Lotte Ansbacher
hatte daran teilgenommen. Sogar mit Oberbürgermeister Balleis
hatte sie sich unterhalten. Freundlich hatte sich der großgewachsene
OB zu der kleinen Frau Ansbacher herunter gebeugt und ihr sein
Ohr geliehen. Und Lotte Ansbacher hatte beherzt die Gelegenheit
ergriffen und ihm ihr Leid geklagt. Der OB versprach Hilfe. Auf
diese wartet Lotte Ansbacher jedoch bis heute.
Die Toten
Bewegend war es für die alte Dame geworden, als der Rabbiner
bei der Einweihung des neuen Betsaals aus dem neuangelegten Memorbuch
der jüdischen Gemeinde Erlangen die Namen der 29 ehemaligen
Gemeindemitglieder vorgelesen hatte, die im Dritten Reich von
den Nazis ermordet worden waren. Es sind dies: Amalie Bauer geb.
Neuburger, Ernestine Bauer geb. Stern, Josef Bauer, Lotte Bauer,
Simon Bauer, Gottliebe Benesi geb. Katz, Alfred Cohn, Rosa Cohn
geb. Moch, Adolf Dreifuß, Josef Flink, Betty Hopfenmaier
geb. Aufseeser, Hella Hopfenmaier, Max Hopfenmaier, Wilma Katz
geb. Tausig, Hildegard Laink-Vissing geb. Katz, Ludwig Loewi,
Siegmund Meyer, Jenni Rotenstein, Simon Rotenstein, Sofie Rotenstein
geb. Paper, Frieda Uhlfelder geb. Flink, Josef Uhlfelder, Ingeborg
Walg geb. Hopfenmaier, Thekla Wassermann, Klothilde Weglein geb.
Katzenberger, Samuel Weglein, Isaak Weinstock,
Ignatz Wild, Paula Wild geb. Schiff. Nicht aufgeführt im
Gedenkbuch der jüdischen Gemeinde sind die katholischen Angehörigen
von Gottliebe Benesi: ihr Mann Jakob und ihre Kinder Erich, Hannelore
und Hildegard.
Unter den Opfern, die die jüdische Gemeinde von Erlangen
betrauert, befinden sich auch vier Angehörige von Lotte Ansbacher.
Beim Namen Ingeborg Walg geborene Hopfenmaier hatte die alte Frau
mit den Tränen gekämpft.
Ansbacher: Die Inge, das war meine Kusine gewesen. Sie
war ein Jahr älter als ich und sie war ein bildschönes
Mädchen. Und ich mochte sie sehr gerne. Ihre Mutter Betty
war eine Schwester meiner Mutter. Sie hatte den Max Hopfenmaier
geheiratet. Der hat mit Farben und Ölen gehandelt. Gewohnt
haben sie in der Pfarrstraße. Dann hatte die Inge noch eine
jüngere Schwester, die Hella. 1937 ist zuerst der Max Hopfenmaier
und später dann die ganze Familie nach Rotterdam gezogen.
Die Inge ist von dort aus nach England gegangen, wo sie in einem
Kinderheim als nurse gearbeitet hat. Als der Krieg
ausbrach, ist sie zurück nach Holland zu ihrer Familie gefahren.
Sie hat dann einen jungen Mann kennengelernt, der aus einer sehr
guten jüdischen Familie stammte. Walg hat er geheißen.
Seine Familie hat einen Lebensmittel-großhandel in Den Haag
betrieben. Die beiden haben geheiratet. Als die Nazis nach Holland
kamen, mussten meine Tante Betty, ihr Mann und meine Kusine Hella
nach Utrecht umziehen. Später sind sie dann in ein Lager
gekommen. Dort hat die Inge noch ein kleines Mädchen zur
Welt gebracht, das aber schon im Lager gestorben ist. Sie sind
dann alle nach Sobibor deportiert und ermordet worden. Und meine
Mutter, die hat sich in England solche Sorgen um ihre Schwester
Betty und ihre Familie gemacht. Tagelang hat sie am Fenster gesessen
und hat gewartet. Denn es sind ja immer mal wieder Schiffe von
Holland nach England durch gekommen. Aber sie waren nie dabei.
Vor lauter Gram und Kummer ist meine Mutter dann gestorben.
Das Schicksal von Inge Walg und ihrer kleinen Familie ist in Erlangen
nicht bekannt. Die Daten, die sich über sie und ihre Angehörigen
im Gedenkbuch für die Erlanger Opfer der Shoa
befinden, sind lückenhaft und teilweise falsch.
Lotte Ansbacher will im Frühjahr den jüdischen Friedhof
in der Rudelsweiherstraße besuchen und auf dem Grab ihres
Großvaters einen Rosenstrauch pflanzen. Im Herbst 2001 hat
die jüdische Gemeinde von Erlangen ihren Friedhof offiziell
wieder in Besitz genommen. Aber Lotte Ansbacher möchte dort
nicht bestattet werden. Nicht in dieser Stadt! Ich möchte
in dieser Stadt nicht begraben sein!
Dr. Christiane Kolbet
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