Deutsch-Bamberg in Neu-Ostafrika
"Geschichte quer" - die jährlich erscheinende Zeitung
der bayerischen Geschichtswerkstätten diesmal zu Immigration
und Emigration in Bayern
Haben Sie gewusst, dass mit dem Bau der Eisenbahn im 19. Jahrhundert für
Bambergs Gärtner ein großes Problem entstand, das einige von ihnen fast um die
Existenz gebracht hätte? "Geschichte quer", die jährlich erscheinende
Zeitschrift der bayerischen Geschichtswerkstätten, hat in ihrer aktuellen
neunten Ausgabe nicht nur dieses gleichermaßen kuriose wie vergessene Kapitel
der oberfränkischen Geschichte aus dem Dunkel der Archive gehoben.
Gemeint ist nicht die massive Ansiedlung von Industriebetrieben auf bis dahin
zum Gemüseanbau reservierten Feldern, sondern der Grundwasserspiegel, der im
Zuge der verkehrstechnischen Erschließung immer mehr sank, und dass deshalb die
bis dato üblichen Anbaumethoden nicht mehr Erträge garantierten, die ausreichend
Gewinn abgeworfen hätten. Im Winter 1913 schlug Robert Meyer bei einem Vortrag
im "Gartenbauverein" seinen Kollegen vor, die Konkurrenz unter den Gemüsebauern
zu entschärfen, indem 50 von ihnen in die Kolonie Deutsch-Ostafrika auswandern,
dort Land in Besitz nehmen und mit Unterstützung der Stadt ein Neu-Bamberg
gründen sollten. Neu-Bamberg blieb auf Weisung der Berliner Kolonialbehörde ein
imperialistischer Traum. Von Ostafrika wusste man schon damals, dass es für den
Gemüseanbau im europäischen Stil denkbar ungeeignet war und ohnehin war 1913
längst alles fruchtbare Land an Plantagen vergeben. Zynischerweise entschärfte
sich dennoch bald der Konkurrenzdruck, denn zahlreiche Junggärtner kehrten nicht
aus den Schützengräben des 1. Weltkriegs zurück.
Zement- und Marmorzone: Gostenhof
Aspekte der Emigration aus und der Immigration nach Bayern sind die historischen
Felder, in denen die gewerkschaftsnahen Geschichtswerkstätten dieses Jahr
minutiös geforscht haben. Das Thema wurde bewusst gewählt. Der Verband sieht
sich traditionell als Stellvertreter der kleinen Leute, die von alters her ein
Spielball der Interessen der politischen Obrigkeit sind, und sah sich deshalb
schon fast gezwungen, auf die Leitkultur-Debatte publizistisch zu reagieren.
"Wer die eigene Familiengeschichte über einen Zeitraum von 200 Jahren oder mehr
zurückverfolgt", heißt es im Editorial, "wird irgendwann auf einen oder mehrere
Auswander/innen stoßen, die in der Fremde eine bessere Zukunft erhofften und
vielleicht auch fanden." Wirtschaftliche und politische "Migration ist somit
eine gesellschaftliche Konstante", die in unterschiedlichen Ausprägungen schon
immer das Gesellschaftsgefüge in Bayern mit geprägt habe. Positive Impulse und
schmerzhafte Erfahrung hielten sich stets die Waage. Ein Beispiel für die
Fruchtbarkeit von Einwanderung ist der Terrazzo, ein aufwendiger Estrich aus
Zement und Marmor, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu den Inbegriffen
bürgerlicher Wohnkultur zählte. Italienische Wanderhandwerker hatten ihn nach
Deutschland gebracht. Im schon damals für sein kosmopolitisches Flair bekannten
Nürnberger Problemstadtteil Gostenhof entstand das deutsche Zentrum einer allein
von Migranten geschaffenen Handwerkskultur, die bald zu den Standards des
deutschen Hausbaus gehörte und voin denen die Meisten sich so schnell
assimilierten, dass sie auf der Seite Deutschlands in den 1. Weltkrieg zogen.
"Geschichte quer" untersucht des weiteren u.a. saisonale Arbeitsmigration am
Beispiel von ErntehelferInnen, die vor dem 1. Weltkrieg jeden September aus ganz
Süddeutschland in das mittelfränkische Hopfenmekka Spalt zogen - unter ihnen
viele Kinder und Jugendliche. Am Beispiel Bamberg wird der Komplex der
osteuropäischen ZwangsarbeiterInnen des Nazi-Reichs und die Verdrängung dieses
schmerzlichen Kapitels der deutschen Geschichte aufgerollt. Erinnert wird an den
Weg des Fürther Juden Emil Höchster 1939 über England nach Australien und an das
Exil des vergessenen fränkischen Antifaschisten, Schriftstellers und Pfarrers
Georg Moenius. Die Integration vertriebener Sudetendeutscher führt in die
Nachkriegszeit, Beiträge über den heutigen staatlichen Umgang mit
AsylbewerberInnen und MigrantInnen spannen den Bogen bis in die Gegenwart und
fordern dazu auf, aus der Geschichte der einfachen Menschen für die Zukunft zu
lernen.
Martin Droschke
Geschichte quer. Schöne neue Heimat?, Heft 9 (2001) . 66 Seiten, DM
10, Euro 6.-. Bezug: Alibri Verlag, Postfach 100 361, 63703 Aschaffenburg,
Tel/Fax: 06021/58 17 34, e-mail: alibri@compuserve.com
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