TESTCARD #9
POP UND KRIEG
Und lasst das Bild der großen Schlacht aus
dem Rausch aufschießen wie eine blutrote Blume, mit goldenen
Feuerstreifen geflammt. Das ist ein Kunstwerk, wie es Männern
Freude macht. Hier, wo die Leiden dunkler, aber auch die Lüste
brennender und wilder sind, während des Tanzes über
dem Abgrunde, lernt man das Blut schätzen und die dürftigen
Geister verachten, wenn man der Feuerprobe gewachsen ist. Und
das ist auch ein Auf- und Untergang ... Aber vorher wollen wir
ein Fest aus unserem Untergange machen, ein Fest, zu dem das
Geschütz der ganzen Welt einen brüllenden, noch niemals
gehörten Salut schießen soll.
Ernst Jünger hat's gewusst. Derselbe Jünger, der andernorts
als erster Popliterat dargestellt wird und dessen Fest freilich
noch nicht zu Ende ist.
Kurz: Pop und Krieg - gibt es da Zusammenhänge und was
mag sich daraus an Bewusstseinserhellendem ergeben? Dieser Frage
geht die neue Ausgabe der TESTCARD nach. Eine Art letzten Anlass
bot der Jugoslawienkrieg, an dem Deutschland sich tätlich
beteiligte. Nicht nur die vorgeschützten Begründungszusammenhänge,
sondern auch die mediale Inszenierung auf breiter Front ohne
eindeutige Regierungsdirektiven charakterisieren eine neue Form
von Selbstdarstellung Deutschlands. Dazu gehörte die Einbeziehung
der Guten Deutschen POPstars gegen Rechts, Nachrüstung
und Atomkraft auf Seiten der kriegsführenden Partei.
Pop, als Massenphänomen der vormals einigen Wenigen vorbehaltenen
Kultur mit dem Versprechen auf Glückserfüllung und
Krieg, der dann doch nur, aber dann im Einzelfall kräftig,
ein allseits gebilligter und gerechter sein darf: das geht natürlich
nicht bruchlos zusammen. Von der Fallhöhe dieser Zusammenhänge
ist im TESTCARD einiges zu lesen.
Vorweg noch soviel: Kriegsverherrlichung bleibt derzeit, anders
als vor dem 1. Weltkrieg,
und soweit sie ernst gemeint ist, eine Außenseiterposition.
Sie beschränkt sich auf Rechtsrock sowie einige Metal-
und Industrialspielarten, die dessen ideologischen Hintergrund
teilen.
Als Attitüde sorgt sie freilich seit den 90er Jahren für
steigende Verkaufszahlen in verschiedenen Genres. Der siegreiche
Kapitalismus - Ende der Geschichte - ohne Konterpart zurückgeworfen
aufs umfassende selbstkannibalistische Konkurrenzprinzip, fördert
die kriegerische Haltung nicht nur im Management, sondern gerade
da, wo die Niederlage mit prekäreren Folgen endet als einer
Millionenabfindung. Marcus Maida demonstriert anhand von Atari
Teenage Riot/Digital Hardcore die Widersprüche, die in
solchen Zusammenhängen auch aus einer Haltung korrekten
Aufruhrs erwachsen.
Pop: Kriegsfeindlich, kriegstauglich oder kriegsverherrlichend?
Konkret und eindeutig verläuft die Linie Pop/Krieg 'eh
nicht. Im Vietnamkrieg etwa wurde zugedröhnt Musik konsumiert,
deren SchöpferInnen sie gewiss nicht als Soundtrack zu
Gemetzel konzipiert hatten. Rock/Pop schafft eben illusionäre
Räume und in denen kann sich auch der Bomberpilot seiner
Unsterblichkeit sicher wähnen.
Zur Illustration im Film wird freilich eher auf die gehobenere
Spielart Klassik zurückgegriffen. Verwendbar ist fast alles,
da nicht ausreichend different kodiert.
Umgekehrt muss sich gar nicht um Propagandamusik z.B. Hitlerdeutschlands
bemüht werden - es sei denn in der Form eines zum Klassiker
geronnenen
Durchhaltechansons. Festgehalten zu werden verdient freilich
auch dies: Ohne Krieg kein Pop.
Fast alles an Material, Hardware, Technik, was den unaufhaltsamen
Aufstieg der Popkultur erst möglich machte, verdankt sich
militärischen Entwicklungen. So verwundert es nicht, dass
sich musikalischer Mainstream durchweg den Verhältnissen
gegenüber affirmativ, allenfalls neutral und eskapistisch
verhält. Das gilt selbst bei seinen Formen des Antikriegssongs,
der eben ganz allgemein und ohne die Verhältnisse des Kapitalismus
beim Namen zu nennen dem Krieg abschwört: Von Verteidigung
des eigenen Platzes an der Sonne war ja nie die Rede. So lassen
Songs von - willkürlich herausgegriffen - Aufstehn
bis Give Peace a Chance zwar jedem Gutmenschen warm
ums Herz werden, verführen gar zu gelegentlichen Formen
zivilen Ungehorsams, aber lässt sich mit ihnen die Welt
verändern? Im Ernst wer verlangt das etwa vom Pop?
Ersetzen einige Zeilen, einige Noten in rhythmischer Anordnung
kritische Analysen der Realität? Auch so kommt mensch dem
Phänomen nicht näher. Denn Popkultur vermag einiges
mehr an Haltung und Einsichten zu vermitteln, als ihr gerne
zugestanden wird soweit es nicht beim bewusstlosen Konsumieren
bleibt.
Roger Behrens' Essay über Entertainment des Schreckens
geht Fragen der Inszenierung beider Phänomene nach und
zeigt, wie schwierig es für Musik ist, in einer militarisierten
Gesellschaft eben nicht auch für den Krieg tauglich zu
sein.
Susann Witt-Stahls Buch But his soul goes marching on
ist mit Einleitung und Schlusskapitel vertreten. Ihm ist das
Jünger-Zitat des Anfangs entnommen. Witt-Stahl
untersucht das Verhältnis von Krieg und Musikkultur historisch,
thematisiert es ausführlich am Beispiel des Vietnam-Kriegs.
Dem schließt sich eine vertiefende e-mail-Diskussion mit
Roger Behrens an.
Pop und Krieg im Soundcheck ist das Thema von Tine Plesch. Krieg
ist hier nach innen bezogen, in den Alltag, die Geschlechterverhältnisse
und andere Formen der Unterdrückung. Denn klar ist auch,
ein Blick bloß aufs Grosse und Ganze übersieht gerne
die Praxiserfahrungen der Nähe. Ausführlich geht sie
anhand von Nina Simones Autobiographie auf die bürgerkriegsartigen
Verhältnisse in den USA ein. Zu erwarten, dass da zu Geschichte
geronnenes dokumentiert wird, ist sicher eine Illusion. Lindsay
Coopers Kompositionen zeigen eine weniger direkte, reflektiertere
Art der Auseinandersetzung, Wahrnehmung eben aus größerer
Distanz. Wie sich ein Lied über Krieg schließlich
durch die Zeit weiterentwickelt, zeigt Bernadette Hengst (Die
Braut haut ins Auge) im Interview. Mit Meira Asher aus Israel,
jetzt in Berlin lebend, kommt eine Position ins Spiel, die beides
erfahren hat: Das Erleiden wie das Ausüben von Gewalt.
Auftritt Luigi Russolo. Anhand dieses beschrienen italienischen
Futuristen und Geräuschkünstlers geht Johannes Ullmaier
der Frage nach, ob Bruitismus per se kriegstreibend ist.
Mächtige Feuer sind Thema von Dietmar Dath, genauer der
Ort, in dem Moderne und Gegenmoderne in Eins fallen: Die Kriegsfantasie.
Ausgeführt ist das an Hand so gegensätzlicher Gestalten
wie des englischen Avantgardisten, Literaten und Malers Wyndham
Lewis - er war zeitweise dem Faschismus nicht fern - und des
Rassisten, Mörders und Musikers Kristian Vikernes (Burzum).
Einblicke in eine sonderbare Szene mit qua Herkunft vielfach
kodierter Problematik gibt Keith Harris' Artikel über Israels
Extreme Metal-Bands.
Hörspielkunst als Medium popkultureller Auseinandersetzung
mit Krieg ist gleich mehrfach vertreten. Einmal durch ein Gespräch
mit dem Autor und Musiker Albrecht Kunze, ferner durch Christine
Braunersreuthers und Marcus Maidas Untersuchung über die
Trilogie Deutsche Krieger von Ammer/Einheit und
schließlich unterzieht Braunersreuther Ernst Horns Golfkriegshörspiel
The Skies over Baghdad einer genaueren Betrachtung.
Horn ergreift nicht eigentlich Partei in seinem Stück,
ihn interessiert vielmehr die inszenierte mediale Vermittlung
eines gewalttätigen Akts, eben des Kriegs gegen Saddam
Hussein und seine damals neuartige Aura von Virtualität.
Dass die zum Großteil auch nur eine Fiktion war, sozusagen
die Kehrseite von Orson Welles' Hörspiel War of the
Worlds, steht auf einem anderen Blatt. Festzuhalten bleibt,
dass ein größerer Zusammenhang, wie er in einem Hörspiel
entsteht, weniger leicht instrumentalisierbar und ideologisch
verwertbar ist als ein Song. Daher sendete der BR nur zwei Teile
der Krieger-Trilogie von Ammer/Einheit: der Ulrike Meinhof gewidmete
Part blieb komplett außen vor.
Straßenkampfattitüde und gleichzeitige Vorführung
der eigenen Verletzlichkeit
bilden ein besonderes Kapitel: Punk, jedenfalls in den ersten
Phasen. Warum das war und nicht mehr so ist, thematisiert Martin
Büsser in Rebel in Society.
In sonderbare Gefilde ewigen Kampfes begibt sich Frank Apunkt
Schneider. Er durchstreift erschöpfend die Auen des Sacropop
und stößt dabei auf wunderliche Habitate. Mehr, als
wir je über dieses Thema wissen wollten: ZUGABE, Frank!Ü
bergang zu einem gerade aktuellen Thema: Frauen beim Militär.
Deutschland ist da ein Nachzügler und ob der Emanzipation
gerade diese Bresche geschlagen werden musste, ist angesichts
anderer Defizite doch sehr zweifelhaft. Michaela Hampfs Beitrag
verhandelt das Thema Soldatinnen in der US Army während
des 2.Weltkriegs, die in eigenen Verbänden organisiert
wurden und verschiedensten Vorurteilen ausgesetzt waren.
Elena Lange (Stella) schließlich widmet sich sehr persönlich
dem jüngsten Kapitel deutscher Militärhistorie, dem
Einsatz gegen Jugoslawien. Sie zeichnet die vorgeführten
Bedeutungswechsel nach, die diesen Krieg legitimieren sollten,
setzt sie in Bezug zu einer Vergangenheit, deren ProtagonistInnen
und vor allem Opfer noch längst nicht alle tot sind. Eine
notwendige Lehrstunde, freilich hätten die Verantwortlichen
alles genauso auch vorher wissen können ... aber die Musterschülerrolle
hat anders ausgefüllt werden sollen.
C´est la guerre: Ein Friedenseinsatz. Konkrete Bitterkeit
ist bei allem vorhandenen hohen Reflexionsniveau der Aufsätze
auch ein gutes movens ...
Hans Plesch
TESTCARD #9, Pop und Krieg. Ventil Verlag. 289 Seiten. 28,-
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