zeitung für den grossraum nürnberg - fürth - erlangen
 
Nr. 5             19. März 2001

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Editorial
 
Zum Geleit


 
Internationales
 
Schleppende Strafverfolgung der Nürnberger Justiz gegen argentinische Militärs


Kriegsverbrecher zum Einsatzleiter befördert

Das neue Antiterrorismus Gesetz in Spanien



 
Revolutionäre Zellen
 
Interview mit Klaus Viehmann: Die Justiz und die Revolutionären Zellen

 
 
Regionales
 
Das Nürnberger Scharrer Gymnasium will keine Brutstätte für Nazis sein - aber auch nicht für Antifas

Rülpser im Gästebuch der Ausstellung "Partigiani"

Eine Umfrage der Stadt Erlangen: Haben sie Kontakt mit Ausländern?


 
Bewegtes
 
Neues vom Castor
Spaniens neues AusländerInnengesetz

Freiheit für Thung


 
Kultur&Medien
 
pop und krieg

CD-Besprechung: Keine Macht für Niemand

Deutsch-Israelisches Radiomagazin bietet Brückenschläge und Kontroversen

Compilation von Punkplanet

Filmbüro Franken fördert den Nachwuchs

Spielespass im Altertum

Buch: John Lee Hooker, der Boogieman


 
Diskussion
 
Zum Verhältnis usw.


 
Kommentiertes
 
Über Finklsteins Buch "Holocaustindustrie"

Bündnis für Arbeit - Bündnis der Geisselnehmer

Wolfgang Schlicht über die Ereigisse des Monats


 
Kultur & Musik
 
Frauenkabarett: Glanz im unterentwickelten Norishausen


 
Veranstaltungen
 


Kultur&Medien

 

TESTCARD #9

POP UND KRIEG

„Und lasst das Bild der großen Schlacht aus dem Rausch aufschießen wie eine blutrote Blume, mit goldenen Feuerstreifen geflammt. Das ist ein Kunstwerk, wie es Männern Freude macht. Hier, wo die Leiden dunkler, aber auch die Lüste brennender und wilder sind, während des Tanzes über dem Abgrunde, lernt man das Blut schätzen und die dürftigen Geister verachten, wenn man der Feuerprobe gewachsen ist. Und das ist auch ein Auf- und Untergang ... Aber vorher wollen wir ein Fest aus unserem Untergange machen, ein Fest, zu dem das Geschütz der ganzen Welt einen brüllenden, noch niemals gehörten Salut schießen soll.“

Ernst Jünger hat's gewusst. Derselbe Jünger, der andernorts als erster Popliterat dargestellt wird und dessen Fest freilich noch nicht zu Ende ist.
Kurz: Pop und Krieg - gibt es da Zusammenhänge und was mag sich daraus an Bewusstseinserhellendem ergeben? Dieser Frage geht die neue Ausgabe der TESTCARD nach. Eine Art letzten Anlass bot der Jugoslawienkrieg, an dem Deutschland sich tätlich beteiligte. Nicht nur die vorgeschützten Begründungszusammenhänge, sondern auch die mediale Inszenierung auf breiter Front ohne eindeutige Regierungsdirektiven charakterisieren eine neue Form von Selbstdarstellung Deutschlands. Dazu gehörte die Einbeziehung der Guten Deutschen POPstars gegen Rechts, Nachrüstung und Atomkraft auf Seiten der kriegsführenden Partei.

Pop, als Massenphänomen der vormals einigen Wenigen vorbehaltenen Kultur mit dem Versprechen auf Glückserfüllung und Krieg, der dann doch nur, aber dann im Einzelfall kräftig, ein allseits gebilligter und gerechter sein darf: das geht natürlich nicht bruchlos zusammen. Von der Fallhöhe dieser Zusammenhänge ist im TESTCARD einiges zu lesen.
Vorweg noch soviel: Kriegsverherrlichung bleibt derzeit, anders als vor dem 1. Weltkrieg,
und soweit sie ernst gemeint ist, eine Außenseiterposition. Sie beschränkt sich auf Rechtsrock sowie einige Metal- und Industrialspielarten, die dessen ideologischen Hintergrund teilen.

Als Attitüde sorgt sie freilich seit den 90er Jahren für steigende Verkaufszahlen in verschiedenen Genres. Der siegreiche Kapitalismus - Ende der Geschichte - ohne Konterpart zurückgeworfen aufs umfassende selbstkannibalistische Konkurrenzprinzip, fördert die kriegerische Haltung nicht nur im Management, sondern gerade da, wo die Niederlage mit prekäreren Folgen endet als einer Millionenabfindung. Marcus Maida demonstriert anhand von Atari Teenage Riot/Digital Hardcore die Widersprüche, die in solchen Zusammenhängen auch aus einer Haltung korrekten Aufruhrs erwachsen.

Pop: Kriegsfeindlich, kriegstauglich oder kriegsverherrlichend?

Konkret und eindeutig verläuft die Linie Pop/Krieg 'eh nicht. Im Vietnamkrieg etwa wurde zugedröhnt Musik konsumiert, deren SchöpferInnen sie gewiss nicht als Soundtrack zu Gemetzel konzipiert hatten. Rock/Pop schafft eben illusionäre Räume und in denen kann sich auch der Bomberpilot seiner Unsterblichkeit sicher wähnen.
Zur Illustration im Film wird freilich eher auf die gehobenere Spielart Klassik zurückgegriffen. Verwendbar ist fast alles, da nicht ausreichend different kodiert.
Umgekehrt muss sich gar nicht um Propagandamusik z.B. Hitlerdeutschlands
bemüht werden - es sei denn in der Form eines zum Klassiker geronnenen
Durchhaltechansons. Festgehalten zu werden verdient freilich auch dies: Ohne Krieg kein Pop.

Fast alles an Material, Hardware, Technik, was den unaufhaltsamen Aufstieg der Popkultur erst möglich machte, verdankt sich militärischen Entwicklungen. So verwundert es nicht, dass sich musikalischer Mainstream durchweg den Verhältnissen gegenüber affirmativ, allenfalls neutral und eskapistisch verhält. Das gilt selbst bei seinen Formen des Antikriegssongs, der eben ganz allgemein und ohne die Verhältnisse des Kapitalismus beim Namen zu nennen dem Krieg abschwört: Von Verteidigung des eigenen Platzes an der Sonne war ja nie die Rede. So lassen Songs von - willkürlich herausgegriffen - „Aufstehn“ bis „Give Peace a Chance“ zwar jedem Gutmenschen warm ums Herz werden, verführen gar zu gelegentlichen Formen zivilen Ungehorsams, aber lässt sich mit ihnen die Welt verändern? Im Ernst wer verlangt das etwa vom Pop?

Ersetzen einige Zeilen, einige Noten in rhythmischer Anordnung kritische Analysen der Realität? Auch so kommt mensch dem Phänomen nicht näher. Denn Popkultur vermag einiges mehr an Haltung und Einsichten zu vermitteln, als ihr gerne zugestanden wird soweit es nicht beim bewusstlosen Konsumieren bleibt.
Roger Behrens' Essay über Entertainment des Schreckens geht Fragen der Inszenierung beider Phänomene nach und zeigt, wie schwierig es für Musik ist, in einer militarisierten Gesellschaft eben nicht auch für den Krieg tauglich zu sein.
Susann Witt-Stahls Buch „But his soul goes marching on“ ist mit Einleitung und Schlusskapitel vertreten. Ihm ist das Jünger-Zitat des Anfangs entnommen. Witt-Stahl
untersucht das Verhältnis von Krieg und Musikkultur historisch, thematisiert es ausführlich am Beispiel des Vietnam-Kriegs. Dem schließt sich eine vertiefende e-mail-Diskussion mit Roger Behrens an.

Pop und Krieg im Soundcheck ist das Thema von Tine Plesch. Krieg ist hier nach innen bezogen, in den Alltag, die Geschlechterverhältnisse und andere Formen der Unterdrückung. Denn klar ist auch, ein Blick bloß aufs Grosse und Ganze übersieht gerne die Praxiserfahrungen der Nähe. Ausführlich geht sie anhand von Nina Simones Autobiographie auf die bürgerkriegsartigen Verhältnisse in den USA ein. Zu erwarten, dass da zu Geschichte geronnenes dokumentiert wird, ist sicher eine Illusion. Lindsay Coopers Kompositionen zeigen eine weniger direkte, reflektiertere Art der Auseinandersetzung, Wahrnehmung eben aus größerer Distanz. Wie sich ein Lied über Krieg schließlich durch die Zeit weiterentwickelt, zeigt Bernadette Hengst (Die Braut haut ins Auge) im Interview. Mit Meira Asher aus Israel, jetzt in Berlin lebend, kommt eine Position ins Spiel, die beides erfahren hat: Das Erleiden wie das Ausüben von Gewalt.
Auftritt Luigi Russolo. Anhand dieses beschrienen italienischen Futuristen und Geräuschkünstlers geht Johannes Ullmaier der Frage nach, ob Bruitismus per se kriegstreibend ist.

Mächtige Feuer sind Thema von Dietmar Dath, genauer der Ort, in dem Moderne und Gegenmoderne in Eins fallen: Die Kriegsfantasie. Ausgeführt ist das an Hand so gegensätzlicher Gestalten wie des englischen Avantgardisten, Literaten und Malers Wyndham Lewis - er war zeitweise dem Faschismus nicht fern - und des Rassisten, Mörders und Musikers Kristian Vikernes („Burzum“).
Einblicke in eine sonderbare Szene mit qua Herkunft vielfach kodierter Problematik gibt Keith Harris' Artikel über Israels Extreme Metal-Bands.

Hörspielkunst als Medium popkultureller Auseinandersetzung mit Krieg ist gleich mehrfach vertreten. Einmal durch ein Gespräch mit dem Autor und Musiker Albrecht Kunze, ferner durch Christine Braunersreuthers und Marcus Maidas Untersuchung über die Trilogie „Deutsche Krieger“ von Ammer/Einheit und schließlich unterzieht Braunersreuther Ernst Horns Golfkriegshörspiel „The Skies over Baghdad“ einer genaueren Betrachtung. Horn ergreift nicht eigentlich Partei in seinem Stück, ihn interessiert vielmehr die inszenierte mediale Vermittlung eines gewalttätigen Akts, eben des Kriegs gegen Saddam Hussein und seine damals neuartige Aura von Virtualität. Dass die zum Großteil auch nur eine Fiktion war, sozusagen die Kehrseite von Orson Welles' Hörspiel „War of the Worlds“, steht auf einem anderen Blatt. Festzuhalten bleibt, dass ein größerer Zusammenhang, wie er in einem Hörspiel entsteht, weniger leicht instrumentalisierbar und ideologisch verwertbar ist als ein Song. Daher sendete der BR nur zwei Teile der Krieger-Trilogie von Ammer/Einheit: der Ulrike Meinhof gewidmete Part blieb komplett außen vor.

Straßenkampfattitüde und gleichzeitige Vorführung der eigenen Verletzlichkeit
bilden ein besonderes Kapitel: Punk, jedenfalls in den ersten Phasen. Warum das war und nicht mehr so ist, thematisiert Martin Büsser in „Rebel in Society“.
In sonderbare Gefilde ewigen Kampfes begibt sich Frank Apunkt Schneider. Er durchstreift erschöpfend die Auen des Sacropop und stößt dabei auf wunderliche Habitate. Mehr, als wir je über dieses Thema wissen wollten: ZUGABE, Frank!Ü
bergang zu einem gerade aktuellen Thema: Frauen beim Militär. Deutschland ist da ein Nachzügler und ob der Emanzipation gerade diese Bresche geschlagen werden musste, ist angesichts anderer Defizite doch sehr zweifelhaft. Michaela Hampfs Beitrag verhandelt das Thema Soldatinnen in der US Army während des 2.Weltkriegs, die in eigenen Verbänden organisiert wurden und verschiedensten Vorurteilen ausgesetzt waren.

Elena Lange (Stella) schließlich widmet sich sehr persönlich dem jüngsten Kapitel deutscher Militärhistorie, dem Einsatz gegen Jugoslawien. Sie zeichnet die vorgeführten Bedeutungswechsel nach, die diesen Krieg legitimieren sollten, setzt sie in Bezug zu einer Vergangenheit, deren ProtagonistInnen und vor allem Opfer noch längst nicht alle tot sind. Eine notwendige Lehrstunde, freilich hätten die Verantwortlichen alles genauso auch vorher wissen können ... aber die Musterschülerrolle hat anders ausgefüllt werden sollen.
C´est la guerre: Ein Friedenseinsatz. Konkrete Bitterkeit ist bei allem vorhandenen hohen Reflexionsniveau der Aufsätze auch ein gutes movens ...

Hans Plesch
TESTCARD #9, Pop und Krieg. Ventil Verlag. 289 Seiten. 28,-