zeitung für den grossraum nürnberg - fürth - erlangen
 
Nr. 5             19. März 2001

INHALT

Editorial
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Editorial
 
Zum Geleit


 
Internationales
 
Schleppende Strafverfolgung der Nürnberger Justiz gegen argentinische Militärs


Kriegsverbrecher zum Einsatzleiter befördert

Das neue Antiterrorismus Gesetz in Spanien



 
Revolutionäre Zellen
 
Interview mit Klaus Viehmann: Die Justiz und die Revolutionären Zellen

 
 
Regionales
 
Das Nürnberger Scharrer Gymnasium will keine Brutstätte für Nazis sein - aber auch nicht für Antifas

Rülpser im Gästebuch der Ausstellung "Partigiani"

Eine Umfrage der Stadt Erlangen: Haben sie Kontakt mit Ausländern?


 
Bewegtes
 
Neues vom Castor
Spaniens neues AusländerInnengesetz

Freiheit für Thung


 
Kultur&Medien
 
pop und krieg

CD-Besprechung: Keine Macht für Niemand

Deutsch-Israelisches Radiomagazin bietet Brückenschläge und Kontroversen

Compilation von Punkplanet

Filmbüro Franken fördert den Nachwuchs

Spielespass im Altertum

Buch: John Lee Hooker, der Boogieman


 
Diskussion
 
Zum Verhältnis usw.


 
Kommentiertes
 
Über Finklsteins Buch "Holocaustindustrie"

Bündnis für Arbeit - Bündnis der Geisselnehmer

Wolfgang Schlicht über die Ereigisse des Monats


 
Kultur & Musik
 
Frauenkabarett: Glanz im unterentwickelten Norishausen


 
Veranstaltungen
 


Kultur&Medien

 

Die Erben der Scherben

Keine Macht für Niemand ist kein Familientreffen, aber ....?!

Darf man das? Sich an Idole wagen, die quasi in Stein gemeißelt für die bewegte Jugend und Protestkultur der 70er stehen, deren Songs, wie`s im Beiheft so schön heißt, immer noch "Demoburner" sind?

Natürlich sind die Originale unerreichbar, steht und fällt das Konzept Protest meets Pathos, aber wie! mit Rio Reiser das hat nicht zuletzt die künstlerisch umstrittene "Nachfolgeband" "Neues Glas aus alten Scherben" gezeigt. Sicher mag auch diese "Neufassung" des legendären Ton Steine Scherben-Albums "Keine Macht für Niemand" als wenig originell erscheinen, im schlechtesten Fall gar als Sakrileg. Nachspielen oder dekonstruieren, modernisieren oder was? DJ Koze, mit einem Beitrag eingeplant, hat sein Scheitern per Anrufbeantworter bekannt gegeben: "Weil, das schockt alles nicht. ... Das Lied selber finden wir schon geil, aber wir haben das total verkackt mit der Mucke." Und dann muss man das eben nicht veröffentlichen.

Aber - mal abgesehen von der gerade aktuellen 68er-Joseph-Fischer-Mescalero-und-die Folgen-Aufarbeitung (gähn), die dem ganzen Projekt noch mal eine ungeahnte Aktualität verleiht - vielleicht habt ihr ja auch erlebt, wie Scherben-Songs bei jedwedem halbwegs passenden linken Thema aus dem Druckkammerlautsprecher schallten oder auf dem Plattenteller der alternativen Radiostation landeten. Irgendwann habe ich es nicht mehr ertragen und meine Liebe zu dieser Band, die vom ansatzweise richtigen Leben im Falschen mit soviel Leidenschaft wie Gefühl sang, in irgendeiner symbolischen Ecke versteckt.

Die Erben fordern nun die Konfrontation

Auch wenn musikalisch nichts allzu Überraschendes geschieht, werden die Lieder in einen anderen Rahmen gerückt. Was sagen uns die Texte, die versuchten, Persönliches und Politisches zusammen zu denken, Paarbeziehungen ansatzweise mal nicht als Herrschaftsverhältnisse zu sehen, Texte, die von Feierabend und Zahltag sprechen, von Fabriken, von Enteignung des Kapitals in einer Zeit der Massenarbeitslosigkeit, der aufweichenden Flächentarife, Diskussionen über betriebliche Mitbestimmung, des schnellen Reichtums durch Börsenspekulationen, gelbe Aktien für angeblich alle und der Online-Jobs mit Firmenbeteiligung am Neuen Markt? Wie wenig (wie viel?) hat sich geändert? Wie wirkt das dreißig Jahre alte Wort, wenn es in modernste Technik gekleidet, fast unverändert von zumeist viel Jüngeren weitergetragen wird? In brachialen Gitarrenriffs daherkommt wie Gunjahs Version von "Paul Panzers Blues"?

Was sagt uns ex-DDR-Bürgerin Nina Hagen zehn Jahre nach dem Mauerfall, wenn sie eine gerade auch für ihre Verhältnisse höchst nüchterne Version von "Der Traum ist aus" abliefert? (Schön im Vergleich zu hören ist dasselbe Lied von Rio Reiser 1988 live in der Seelenbinderhalle ...) Schorsch Kamerun hat sich mit "Menschenjäger" ein seiner Ansicht nach zeitloses Stück gewählt. Dafür hat er in der musikalischen Umsetzung konsequent Strukturen gesprengt, die das Stück problemlos ins Jahr 2000 tragen, in dem immer noch Krieg geführt, gefoltert, Menschenrecht missachtet wird. Blixa Bargeld mutiert wohl endgültig zum Zitator und ersetzt entsprechend seinem Dandy-Habitus bei "Allein machen sie dich ein" das nicht mehr so richtig slanggemäße "Das is aber ´n ganz schöner Hammer, ey, Mann" durch Geräusche.

Am besten aber finde ich, wenn SBT feat. Ziska bei "Die letzte Schlacht gewinnen wir" Frauenstimmen mit dem Refrain anfangen: "Wir brauchen keinen starken Mann, wir sind selber stark genug. Wir wissen selber was zu tun ist, unser Kopf ist groß genug." Verfremdung, Irritation von Gender-Grenzen - und: Zusammen fügen, was wirklich zusammen gehört und was auch linke Kampfgeister anno 72 und später so gern übersehen haben: Die letzte Schlacht können wir nur zusammen gewinnen, Jungs und Mädels! Eine ZN-Platte: Zuhören und nachdenken, über die Verhältnisse, wie sie waren, wie sie sind - das könnte vielleicht sogar klarmachen, wie sie sein sollten ...?!

Tine Plesch

Die Erben der Scherben: "Keine Macht für Niemand."(Big Pop/Virgin)