zeitung für den grossraum nürnberg - fürth - erlangen
 
Nr. 5             19. März 2001

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Editorial
 
Zum Geleit


 
Internationales
 
Schleppende Strafverfolgung der Nürnberger Justiz gegen argentinische Militärs


Kriegsverbrecher zum Einsatzleiter befördert

Das neue Antiterrorismus Gesetz in Spanien



 
Revolutionäre Zellen
 
Interview mit Klaus Viehmann: Die Justiz und die Revolutionären Zellen

 
 
Regionales
 
Das Nürnberger Scharrer Gymnasium will keine Brutstätte für Nazis sein - aber auch nicht für Antifas

Rülpser im Gästebuch der Ausstellung "Partigiani"

Eine Umfrage der Stadt Erlangen: Haben sie Kontakt mit Ausländern?


 
Bewegtes
 
Neues vom Castor
Spaniens neues AusländerInnengesetz

Freiheit für Thung


 
Kultur&Medien
 
pop und krieg

CD-Besprechung: Keine Macht für Niemand

Deutsch-Israelisches Radiomagazin bietet Brückenschläge und Kontroversen

Compilation von Punkplanet

Filmbüro Franken fördert den Nachwuchs

Spielespass im Altertum

Buch: John Lee Hooker, der Boogieman


 
Diskussion
 
Zum Verhältnis usw.


 
Kommentiertes
 
Über Finklsteins Buch "Holocaustindustrie"

Bündnis für Arbeit - Bündnis der Geisselnehmer

Wolfgang Schlicht über die Ereigisse des Monats


 
Kultur & Musik
 
Frauenkabarett: Glanz im unterentwickelten Norishausen


 
Veranstaltungen
 


Internationales

 

Koalition gegen Straflosigkeit

Jüdische Exilierte in Argentinien - Zweifache Opfer von Diktaturen?
Schleppende Strafverfolgung der Nürnberger Justiz gegen argentinische Militärs

Mercedes Benz Argentina, Mitglieder des Heeres und der Polizei, die ganze argentinische Militärjunta, gegen sie alle ermittelt die Nürnberger Justiz. Schleppend, wie die "Koalition gegen Straflosigkeit" ihr vorwirft, reichte sie die ersten Anzeigen bereits im Mai 1998 ein. Doch erst seit wenigen Wochen vernimmt die Staatsanwaltschaft erste ZeugInnen. Schwere Vorwürfe werden auch gegen die Deutsche Botschaft erhoben: Mangelnde Unterstützung bei der Suche nach Opfern der Militärs; ein und aus ging dort auch ein Mitarbeiter des argentinischen Sicherheitsdienstes, war gar Ansprechpartner für die Angehörigen.In Argentinien selbst verhindern Amnestiegesetze die Verfolgung der Täter. Deshalb versuchen Angehörige seit Jahren verstärkt in anderen Ländern, wenn nicht Gerechtigkeit, so doch wenigstens Strafverfahren gegen die Verantwortlichen zu erreichen.

Etwa 30.000 Menschen wurden während der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983 ermordet; viele von ihnen "Verschwundene", was Nachforschungen über ihr Schicksal meist unmöglich macht. Ein Trauma, das tiefe Spuren hinterlassen hat und bis heute in die argentinische Gesellschaft nachwirkt. Doch die verantwortlichen Militärs haben ihre Schäfchen ins Trockene gebracht und sich die Macht auch mit dem Ende der Militärjunta nicht aus der Hand nehmen lassen. Mit dem Schlusspunktgesetz und dem Befehlsnotstandgesetz sicherten sich die Mörder und Folterer der Diktatur 1986 und 1987 - unter Mithilfe der demokratisch legitimierten Regierungen - die Straffreiheit.

Eine Situation, mit der sich viele Angehörige der Opfer nicht zufrieden geben. So laufen derzeit vor Gerichten in Frankreich, Spanien, Italien, der Schweiz und der BRD Verfahren gegen die Täter. Möglich nur, weil auch nichtargentinische Staatsangehörige unter den Opfern sind. 90 davon sind Deutsche bzw. Deutschstämmige, deren Eltern als JüdInnen während der Nazi-Diktatur ausgebürgert worden waren. Auch in der BRD wurden 12 Anzeigen an die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth verwiesen. Doch während Ermittlungen in anderen Ländern zu ersten Verurteilungen und internationalen Haftbefehlen geführt haben, schleppen sich die Nachforschungen der Nürnberger Justiz bisher ergebnislos dahin.

Auf heftige Kritik stößt dies bei der "Koalition gegen Straflosigkeit", die sich 1997 auf Anregung des argentinischen Schriftstellers und Friedensnobelpreisträgers Adolfo Pérez Esquivel gründete. Er schlug vor, ähnlich wie in Spanien und Italien, Anzeige gegen die Verantwortlichen zu erstatten.

Die "Koalition gegen Straflosigkeit" hält es vor allem für völlig unzureichend, jetzt noch länger auf eine Rechtshilfe ausgerechnet von der argentinischen Justiz zu warten, da diese den Militärs trotz schwerster Verbrechen Straffreiheit gewährt. Haftbefehle fordert sie weiterhin vergeblich - und das, obwohl die Identität der Täter oft bekannt ist. Ellen Marx, Mutter der 1976 ermordeten Leonor Gertrudis Marx erhielt kürzlich Einblick in "Listen von den Menschen, die direkt und indirekt verantwortlich sind. Wer indirekt verantwortlich war, wussten wir immer, das war Suarez Mason, der Oberste des Militärs, und die direkten Täter, die haben dort auch unterschrieben, dass sie an dem betreffenden Tag, diesen und jenen entführt haben".Die 79-jährige Ellen Marx wurde Ende Januar erstmals als Zeugin befragt. Kein leichter Schritt für Ellen Marx, ausgerechnet auf die deutsche Justiz zu bauen. Musste sie als Jüdin doch 1939 aus Nazi-Deutschland flüchten und war später ausgebürgert worden. 2000 beabsichtigte die Nürnberger Staatsanwaltschaft denn auch, die 4 Verfahren im Fall der deutsch-jüdischen Ermordeten einzustellen - wegen "fehlender Zuständigkeit", so die Begründung.Mangelndes Taktgefühl oder sich aus der Verantwortung stehlen? Nach Ansicht von Rechtsanwalt Wolfgang Kaleck, einer der Anzeigenerstatter, "darf die für unwirksam erklärte Zwangsausbürgerung dieser Familien durch das Hitlerregime nicht dazu führen, ausgerechnet diese zweifachen Opfer von Diktaturen heute vom Schutz des deutschen Strafrechts auszuschließen". Die Nürnberger Justizbehörden lenkten ein und zogen die Einstellung zurück.

Sicherheitsagent in der Deutschen Botschaft

Als "äußerst schwierige Ermittlungen" bezeichnet Staatsanwalt Wankel die Ermittlungen und gibt zu bedenken, "dass im Ausland ermittelt werden muss, dass fast die gesamten Unterlagen übersetzt werden müssen und dass man sich auch immer erst ein Bild machen muss, was hier relevant ist und was nicht".Keine einfachen Nachforschungen, sicherlich. Auch nicht im Hinblick auf andere Hindernisse, die einer raschen Aufklärung möglicherweise im Wege stehen. Könnte die Suche nach den Schuldigen doch auch die zwielichtige Rolle der Deutschen Botschaft zu Tage fördern.Während einige Regierungen ihre StaatsbürgerInnen durch schnelles Eingreifen aus den Fängen der Militärs retten konnten, ist der BRD zumindest Unfähigkeit, wenn nicht Mittäterschaft vorzuwerfen. Besonders deutlich im Fall der 1977 ermordeten Elisabeth Käsemann. Durch ihre Stadtteilarbeit den Militärs ein Dorn im Auge, geriet sie Mitte der 70er Jahre endgültig ins Visier der Regierenden. Sie besorgte gefährdeten Menschen gefälschte Papiere und half ihnen bei der Flucht aus Argentinien. Am 9. März 1977 wurde sie festgenommen und in ein Folterzentrum gebracht. Ihre zwei Tage später entführte britische Freundin Diana Houston wurde aufgrund der Intervention der britischen Regierung, nach Folterung, Vergewaltigung und Scheinexekution wieder freigelassen. Anders bei Elisabeth Käsemann. Einzige Reaktion der Deutschen Botschaft in Buenos Aires auf Nachfragen über ihren Verbleib: "Eine Dame Käsemann in Argentinien ist nicht bekannt und dort seit 8 Jahren auch nicht gemeldet". Eine nachweisbar falsche Aussage, hatte sie doch kurz zuvor bei eben dieser Botschaft einen Pass beantragt. Tage später forderte ihr Vater das Auswärtige Amt auf, Hinweisen nachzugehen, dass sich seine Tochter im geheimen Verhaftungszentrum "Campo Palermo" befand. Die lapidare Antwort des Auswärtigen Amtes: "Ein Lager dieses Namens ist uns nicht bekannt".

Kein Einzelfall, wie die Aussagen zahlreicher Angehöriger bestätigen. Aber auch nicht weiter verwunderlich, fungierte in der Deutschen Botschaft doch ausgerechnet ein argentinischer Sicherheitsagent als Ansprechpartner für die Angehörigen. Nach ersten Hinweisen auf die dubiose Figur des "Major Peyrano" forschte Esteban Cuya vom Nürnberger Menschenrechtszentrum nach und forderte die Bundesregierung auf, Auskunft über ihn zu geben und die Archive der Botschaft zu öffnen. Die argentinische Zeitung "Pagina 12" kam dem zuvor. Sie enthüllte Anfang 1999 Peyranos wahre Identität: Carlos Antonio Españadero, Ex-Offizier des militärischen Geheimdienstes. Er gab zu, in der Deutschen Botschaft die Klagen der Angehörigen deutscher Verschwundener bearbeitet zu haben. "Deutsche Mitwirkung beim argentinischen Genozid" titelten argentinische Zeitungen daraufhin - nicht zu Unrecht, zumal auch Deutschstämmige und emigrierte Nazis unter den Tätern waren. Ende Februar 2000 wurde Españadero vor ein argentinisches Gericht zitiert. Seine Aussagen und ihre Erfahrungen in der Botschaft lassen für Angehörige nur einen Schluss zu: "Nicht Hilfe bei der Suche nach den verschwundenen Deutschen war das Ziel der Treffen zwischen dem Sicherheitsagenten und Familienangehörigen in der deutschen Botschaft, sondern das Aushorchen der Familienangehörigen für das Militär".

Akten unter Verschluss

Eine Linie, die sich auch in den folgenden Jahre nicht änderte. Über 20 Jahre lang hielt die Deutsche Botschaft in Buenos Aires ihre Akten über deutsche Verschwundene unter Verschluss. Erst seit 1999 und nur auf vielfachen Druck hin kann dieses Material nun eingesehen werden.Bezeichnend für Rechtsanwalt Konstantin Thun von der "Koalition gegen Straflosigkeit" auch, dass überhaupt erst nach 25 Jahre mit Ermittlungen begonnen wurde: "Die deutsche Justiz hat sich damit der völlig unzureichenden deutschen Außenpolitik angeschlossen, der die Unterstützung der Militärdiktaturen wichtiger als die Hilfe für deren Opfer war".Nicht nur die deutsche Außenpolitik pflegte gute Beziehungen zur Militärjunta. Auch für deutsche Firmen waren mit der Diktatur "bessere Zeiten" angebrochen, hatte die argentinische Arbeiterbewegung in den Jahren davor doch politische Erfolge erzielen können. Nun verschwanden kritische GewerkschafterInnen von der Bildfläche, auf dem Betriebsgelände von Ford bestand gar ein eigenes Folterzentrum. Hand in Hand ging auch die Zusammenarbeit zwischen Mercedes Benz und den Militärs beim Verschwinden lassen missliebiger GewerkschafterInnen. Eine der Anzeigen in Nürnberg richtet sich gegen Juan Tasselkraut, früherer Werksleiter einer Mercedes Benz-Niederlassung in Argentinien. Angelastet wird ihm der Mord an mindestens 8 Gewerkschaftern.

Der Geschäftsbericht des Unternehmens von 1977 drückt die veränderte Situation nach dem Militärputsch anders aus:"Die politische und wirtschaftliche Stabilisierung in Argentinien seit Frühjahr 1976 sowie die getroffenen geschäftspolitischen Maßnahmen haben sich positiv aus das Unternehmen ausgewirkt". Frühjahr 1976 - der Beginn der Militärdiktatur.Maike Dimar

Infos im Netz: http://menschenrechte.org

Am 21. März 2001 veranstaltet die "Koalition gegen Straflosigkeit" ein Öffentliches Hearing zum Thema: "25 Jahre Militärputsch und Völkermord in Argentinien"Ort: Reichstagsgebäude in Berlin, Raum 2 S 015, 12:00 - 16:30 Uhr