Nazis besorgt über Naziattacke?
Rechtsextreme aus Herzogenaurach wollten die raumzeit unter Druck setzen
Eingeschüchtert werden sollten wohl InserentInnen der raumzeit mit einem
Schreiben, das ihnen im Februar ins Haus flatterte: Angeblich, um auf die
linksradikale Orientierung des Blattes aufmerksam zu machen, ging der
"Informationsbrief" einer "Infogruppe gegen linke Gewalt" an AnzeigenkundInnen
und Verkaufsstellen.
Auch AnwohnerInnen der Erlanger Feldstraße, in der sich das raumzeit-Büro
befindet, fanden ein ähnlich lautendes Flugblatt in ihren Briefkästen.
"Weitere Anschläge in der Feldstraße zu erwarten?", titelten die VerfasserInnen
aus der Herzogenauracher Neonaziszene. Eine Anspielung auf einen Vorfall im
Oktober, als die Schaufenster unseres Büros eingeworfen wurden und sich eine
großmäulige Erklärung zum "nationalen Widerstand" bekannt hatte.
Dass in den beiden neuen Flugblättern eine Drohung enthalten sei, will man bei
der Polizei nicht öffentlich einräumen. Der Verfasser drücke lediglich seine
Besorgnis aus, so die offizielle Erklärung der Behörde. Zwar ist der
presserechtlich Verantwortliche der Flugblätter einschlägig vorbestraft, auch im
Herbst verfolgte die Behörde jedoch die Strategie, nicht zu viel Wirbel zu
machen um das, was bürgerliche Berichterstattung gerne als eine Art
"Bandenkrieg" zwischen Linken und Rechten schildert: Nämlich die jahrelangen
Erfahrungen, die Herzogenauracher Jugendliche mit gewalttätigen Rechten machten.
Möglicherweise kehrt auch die Herzogenauracher Polizei solche Dinge gerne unter
den Tisch: "Wenn wir nicht nachbohren, dann erfahren wir oft gar nichts von
rechtsextremen Vorfällen", kritisiert die Herzogenauracher Stadträtin Karin
Peucker-Göbel. Wer das Bild eines Bandenkrieges zeichne, habe eine falsche
Vorstellung, so die grüne Politikerin: "Ohne diese jungen Leute, die sich gegen
Rechte zur Wehr setzen, wären wir arm dran", sagt sie.
Aus Protest gegen zahlreiche Übergriffe, die lärmende Präsenz der Neonazis in
der mittelfränkischen Kleinstadt und eine "Mahnwache" der NPD, rief sie im Mai
des Vorjahres gemeinsam mit anderen zur Demonstration auf. Ein Fürther Lehrer,
der mit mehreren SchülerInnen die Gegenkundgebung unterstützte, konnte sich bei
dieser Gelegenheit von der offenen Gewaltbereitschaft der Herzogenauracher Nazis
überzeugen.
"In der Nähe der Kundgebung war es zu einem kleinen Tumult gekommen, in dessen
Mittelpunkt ein Neonazi in seinem Auto stand", berichtet er. "Ich war mit einer
kleinen Gruppe dorthin gegangen, als der Fahrer auf den Gehsteig fuhr und direkt
auf uns zu steuerte. Erst ein Ampelmast, hinter den wir uns flüchteten, stoppte
seine Fahrt." Der Rechte muss sich am 18. April vor Gericht verantworten. Ein
Zufall, dass noch ein weiterer NPD-Sympathisant fast orts- und zeitgleich sein
Auto in gleicher Weise offenbar als Waffe gegen linke DemonstrantInnen nutzen
wollte? Dieser wurde bereits im Februar wegen gefährlichen Eingriffs in den
Straßenverkehr verurteilt.
Karin Peucker-Göbel sichert den linken Jugendlichen auch weiterhin ihre
Unterstützung gegen die rechte Szene zu. Wenn es nach ihr ginge, wäre eine
Forderung der jungen Leute längst erfüllt: Ein autonomer Treffpunkt, an dem sich
ein kulturelles und politisches Gegengewicht entwickeln ließe, so meinen diese,
wäre die beste Medizin gegen Rechts.
MiL
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