Lost in Cyberspace? Radio Z hilft!
Mit Reportagen im Internet geht der Alternativsender neue Wege. Damit
mit den spannenden Experimenten nicht bald Schluss ist, werden
ehrenamtliche Online-RedakteurInnen gesucht.
Folgt man dem derzeit modernen Diskurs, so handelt es sich beim
Internet um einen quasi hierarchiefreien Raum, der praktisch alles
ermöglicht: Kommunikation superschnell und günstig,
grenzenlos und gleichberechtigt. Interessante Kontakte mit gleich
Gesinnten, neue soziale Zusammenhänge, die die alten, oft
weggebrochenen, ersetzen können und die postmoderne Isolation
aufheben. Und vor allem gute Infos zu jedem nur erdenklichen Thema.
Doch die Realität sieht anders aus: Das Netz bildet die herrschenden
gesellschaftlichen Strukturen ab. Es wird ebenso wie die Welt
von männlichen, weißen und wohlhabenden Wesen dominiert,
die Informationen spuckt es tonnenweise und unübersichtlich
aus (zumeist die unwichtigen, nach denen man gar nicht gesucht
hat), die bunten Bilder kosten teure Onlinezeit, der gleiche Werbemüll
wie im Fernsehen erscheint nun eben am PC und die Chat-Kontakte
erschöpfen sich in unverbindlichen Floskeln oder sind rein
pragmatisch. Nur wenig findet sich im Netz, das "anders"
im positiven Sinn ist, das bewusst und politisch motiviert versuchen
würde, diese Schemata zu durchbrechen.
Zu diesen Seiten gehört neben Nadir,
Indymedia,
der Linken
Seite oder dem PUK-Projekt
auch die Internet-Präsenz von Radio Z, Bayerns einzigem freiem
Radio, das sich im Cyberspace ebenso wie im Äther der Gegeninformation
verpflichtet hat. Unter www.radio-z.net
finden sich erwartungsgemäß Dinge, die andere Medien
verschweigen
Aber auch anders aufbereitet als auf der 95,8 Mhz (täglich ab 14 Uhr): "Es ist
schon eine völlig andere Arbeitsweise, ob ich einen Text für das Netz oder für
das Sprechen im Radio schreibe", so Michael von der Radio Z Internet-Redaktion.
"Im Netz kommt einerseits das grafische Element hinzu, andererseits muss man im
Satzbau keine Rücksichten auf die Sprechbarkeit nehmen."
War anfangs noch das Ziel, gesendete Beiträge im Netz zu archivieren, um sie
festzuhalten und auch Leuten zugänglich zu machen, die sie nicht im Radio hören
konnten, wollte man also verhindern, dass wichtige Inhalte sich einfach auf Nie
mehr Wiederhören "versendeten", so ist man heute schon mehrere Schritte weiter:
"Online finden sich Beiträge, die nie gesendet wurden oder zumindest in ganz
anderer Form. Wir stellen neu zusammen und bearbeiten das Material von Grund
auf", erläutert Michael. Es haben sich sogar neue journalistische Formen wie
etwa die Online-Reportage als eigenständiger Stil herauskristallisiert. Radio
Z-MitarbeiterInnen berichten mittlerweile häufig von wichtigen Ereignissen und
Kampfschauplätzen und sind kurz darauf im Netz schon zu hören. "Hier wollen wir
vermeiden, in allzu hektischen Aktivismus zu verfallen und jede Kleinigkeit zu
vermelden. Niemandem ist z.B. damit gedient, wenn er jeden Schritt einer Demo
online mitverfolgen kann und weiß, an welcher Straßenecke sie sich zu welcher
Minute befindet. Wichtig ist, ebenso wie im Radio, die Vermittlung: Das heißt
durch den eigenen Bericht die Ereignisse überschaubar zu machen und Einblicke in
die Hintergründe zu geben", meint Michael. Durch eine journalistische
Bearbeitung der Themen, die dem Medium Internet gerecht wird, konnte das
Z-Internetangebot ein ganz eigenes Profil entwickeln.
So ergänzt es Angebote wie Indymedia, bei denen die politische Wirkung im
Vordergrund steht, die es etwa ermöglichen, schnell zu warnen und Solidarität zu
organisieren, wenn es - wie in Genua - massive Übergriffe gibt.
Die Funktionen der gut und übersichtlich aufgebauten Seite sind vielfältig:
Nachlesen, was wann wie passiert ist, ist auf den Sonderseiten zu
Großereignissen wie dem G 8 Gipfel vom 20-22. Juni in Genua, dem Besuch
Berlusconis am Nürnberger CSU-Parteitag am 12-13 Oktober oder der Münchener
Sicherheitskonferenz vom 1-3 Februar, möglich. Zur Theoriebildung können online
gestellte Radio Z-Schwerpunkte beitragen, bei der Recherche kann die
ausführliche Linkliste helfen: Die anderen freien Radios sind vertreten, die
Z-Redaktionen stellen sich vor, damit die von der Vielfalt verwirrte Hörerin den
Überblick über das charmante Z-Chaos behält. Das ebenso reichhaltige Z-Programm
ist abrufbar, die Antifa-Redaktion Attack informiert über rechte Gefahren und
linke Gegenwehr. Für die Aktualität sorgen täglich die Z-Nachrichten als Text.
Es kann über Sterbehilfe und andere brisante Themen diskutiert werden, die
aktuellsten Hörbeiträge liegen gleich vorne auf und die HörerInnenhitparade
Gipfelsturm präsentiert Hits und Neues vom Musikmarkt. Fast schon
selbstverständlich erscheint es, im LIVESTREAM das gerade laufende Programm via
PC hören oder online Mitglied im Z-Verein RADIO e.V. werden zu können.
Auf allzu bunte, sich langsam aufbauende Bildchen und anderen nervenden
Schnickschnack wird dankenswerterweise ebenso verzichtet wie auf die das Netz
zunehmend überflutenden Werbebanner.
Schade wäre es freilich, wenn Radio Z sein Angebot im Netz künftig wieder
zurückfahren müsste, weil das dreiköpfige Team, das einen immensen Teil seiner
Freizeit investierte, aus beruflichen Gründen die Arbeit in dieser Form nicht
mehr leisten kann. "Wir hoffen aber auf neue MitstreiterInnen, um weitermachen
zu können", meint Michael.
Schließlich könnte dem Z-Online-Konzept die Zukunft gehören, besonders in
Zeiten, wo immer mehr Anbieter Geld verdienen wollen und beim Besuch ihrer
Seiten zur Kasse bitten wie das Spiegel-Online-Archiv, die Süddeutsche Zeitung
und andere kommerzielle Medien. Im Netz will niemand für Information zusätzlich
zur Grundgebühr zahlen. Die Kriterien, die etwa der Printjournalismus für die
Gültigkeit einer Information oder die Seriosität einer Recherche formuliert,
treten im Netz in den Hintergrund. Egal, welche politischen oder sonstigen
Standpunkte jemand vertritt - die Offenheit für linke Websites steigt
kontinuierlich, auch unter professionellen JournalistInnen. Die rund 500
BesucherInnen täglich auf den Z-Seiten beweisen es ebenso wie mehr als 5000
Besuche während des Münchner Protestes gegen die NATO-Sicherheitskonferenz. Es
ist eben leichter, eine Mail zu schreiben und eine Seite aufzurufen, als sich in
einen Info-Laden zu wagen. Und darum funktioniert Guerilla heute digital.
Addy S.
Wer Lust hat, bei der neu zu gründenden Online-Redaktion
mitzumachen, muss übrigens keine Computervorkenntnisse mitbringen.
Anfragen unter web@radio-z.net
oder 0911 - 45 00 60.
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