Make Love and War
Nach dem langen Marsch durch den Arsch der Gesellschaft
Make Love and War, Wie Grüne und 68ziger die Republik verändern,
lautet der Titel des neusten Buches von Jürgen Elsässer.
Elsässer war bis Juni 1997 leitender Redakteur der
Berliner Tageszeitung "junge Welt" und ist seit April
1999 Redakteur des Monatsmagazins KONKRET.
Jürgen Elsässers Buch ist eine schonungslos zynische
Abrechnung mit den Motiven, Zielen und Ergebnissen der sogenannten
68er Bewegung, die den langen Marsch durch die Institutionen angetreten
hatte. Für Elsässer ist der Janis Joplin Refrain "
Freedom is another word for nothing left to lose" ebenso
das heimliche Motto dieser Bewegung wie "Oh Lord won´t you
buy me a Mercedes-Benz". Diese beiden Punkte, Freedom und
Mercedes Benz, sollen nach Meinung Elsässers jetzt weltweit
umgesetzt werden, notfalls mit Hilfe von Cruise Missiles. Wobei
Freedom am Beispiel der afghanischen Frauen für die Fischers
und Co bedeute, dass sie sich nach dem Terror der Taliban nun
von der Nordallianz drangsalieren lassen dürfen, um sich
vielleicht in ein paar Jahren in einen Big Brother Container flüchten
zu können, wie es Elsässer gewohnt zynisch formuliert.
Den Grundfehler der 68er Bewegung sieht er in der Entfernung der
Werte und Ziele von den "klassischen" linken Bewegungen.
In diesem Zusammenhang brandmarkt er die Individualisierung und
Entsolidarisierung der Gesellschaft, die dazu geführt habe,
dass linke Bewegungen kein Mobilisierungspotential mehr hätten.
Der Marsch durch die Institutionen musste notwendiger Weise scheitern.
Die 68er sind angetreten, die Republik grundlegend zu verändern.
Sie wollten den Muff aus Tausend Jahren beseitigen, Deutschland
moderner, demokratischer und weltoffener machen.
Elsässer wiederum glaubt, dass ihnen dies in gewisser Weise auch gelungen ist.
Dadurch, dass die 68er in Spitzenpositionen der Gesellschaft aufgestiegen sind,
hat sich tatsächlich etwas getan. Für Kriege benötigt mensch heute keine
homogene Volksgemeinschaft mehr, sondern auch mit der Spaßgesellschaft ist es
möglich, Serbien ins 19. Jahrhundert zurück zu bomben. Der Krieg tobt ja
schließlich nicht bei uns, wir feiern bis zum Abwinken, nach dem Kosovo-Krieg
gab es keine Militärparade, sondern die Love-Parade. Die SpießerInnen sind tot,
zumindest werden sie nicht mehr gebraucht. Rassistische Gesetzgebung, totaler
Überwachungsstaat und weltweite Kriegseinsätze machen heute, wie Elsässer
zynisch feststellt, der Ex-Straßenkämpfer und mittlerweile zum Außenminister und
heimatlosen Donauschwaben mutierte Joseph Fischer, der Ex-Juso und
Gorleben-Demonstrant Schröder, der Rockmusiker und Ex-Hippie Tony Blair, der
NATO-Gegner Javier Solana und der Trotzkist Lionel Jospin. Nur durch die
Tatsache bedingt, dass diese Generation in der Regierung angekommen ist, könne
es sich die BRD leisten, unverhohlen zu alter Großmachtpolitik zurückzukehren.
Sie erst liefern nach Meinung Elsässers die moralische Grundlage für
Kriegseinsätze. Dadurch, dass Scharping und Fischer Auschwitz im Kosovo entdeckt
haben wollten, wurde nach dieser Logik ein deutscher Angriff auf Serbien vor dem
Hintergrund der eigenen Geschichte zum moralischen Gebot und zur zwingenden
Notwendigkeit. Helmut Kohl und Klaus Kinkel haben die neue Weltmachtrolle der
BRD vor allem in Ex-Jugoslawien vorbereitet, zur konsequenten Durchsetzung
bedurfte es jedoch erst der Regierungsübernahme durch die 68er Parteien SPD und
Grüne. Während die Regierung Kohl auf der außenpolitischen Bühne noch relativ
behutsam aufgetreten ist, verkündeten Schröder und Fischer gleich bei ihrem
Amtsantritt, dass Deutschland in Zukunft (noch) "selbstbewusster" auftreten
werde. Elsässer nennt in diesem Zusammenhang auch den sogenannten Fischer-Plan
zur Reform der Europäischen Union. Dieser Plan sieht die aggressive Ausweitung
des deutschen regionalistischen Prinzips auf ganz Europa vor. Konsequenzen
werden laut Elsässer u.a. sein, dass die separatistischen Bewegungen Zulauf
erhalten, weil das regionalistische Prinzip zwangsläufig eine Ethnisierung der
Regionen zur Folge haben würde. Bei Frankreich, Italien und Spanien hatte dieser
Plan auch dementsprechendes Entsetzen hervorgerufen. Jürgen Elsässer hat in
vielen Punkten, die er an den 68ern kritisiert, Recht. Das Buch ist als zynische
Polemik gelungen, jedoch leider nicht sehr neu, da einige Themen in ähnlicher
Weise schon von ihm in KONKRET-Artikeln behandelt wurden. Die Kritik an den
68ern wirkt bisweilen bürgerlich und manchmal sogar spießig. Elsässer kritisiert
z.B. die mangelnde (weil geisteswissenschaftliche) Ausbildung vieler
GrünenfunktionärInnen. Haarsträubend sind die Verschwörungstheorien, die er für
die Erklärung der Anschläge vom 11.September entwirft und bei denen er sich vor
allem auf den früheren SPD-Bundesminister und selbsternannten
Geheimdienstexperten von Bülow beruft.
Markus Beyer
Jürgen Elsässer: Make Love And War - Wie Grüne und Achtundsechziger die Republik
verändern. Pahl-Rugenstein Verlag, 200 Seiten, 14,50 EUR
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