Stewart Home: Blow Job
Ein Roman vollgepackt mit Gewalt, Anarchie, Revolution und Sex
"Blow Job" sei Stuarts bestes Buch bisher, versichert
mir der Zeremonienmeister der Stewart Home Society. Das sehe ich
nicht so. Für mich war "Purer Wahnsinn" das beste,
und überraschenderweise, auch das erste. Allerdings steht
fest, dass die Faszination von "Blow Job" diesmal stark
von der Beschreibung der Londoner Szene der Subkultur und rechter
und linker Theorien abhängt. Die vielen Anspielungen und
Andeutungen auf gewisse Personen und Gruppen fordern von der Leserin
ein bisschen Einblick und Vertrautheit um das größtmögliche
Vergnügen aus dem Buch herauszuholen. Aber auch ohne Einblick
in die vielen rhetorischen Querschläge und Tiefschläge
ist dieser Pulp Fiction Roman wieder vollgepackt mit Gewalt, Anarchie,
Revolution, Sex und diesmal eigentlich ziemlich wenig Perversion,
aber dafür wieder ein Haufen zerquetschter Nazis, und Skinheads,
die ihren Namen wenigstens noch verdienen!
Der Held - bzw. der Antiheld - je nach Überzeugung des Lesers, steuert wieder
mal als unnachgiebiger, konsequenter Extremist unaufhaltsam dem eigenen
Untergang zu, dabei sämtliche Freunde und Feindinnen mit sich reißend.
Als bei einer Kundgebung von Londoner Neonazis ein faschistisches Ehrenmal in
die Luft fliegt, wird prompt Swift Nick Carter, der ehemalige Anführer der
anarchistischen Class Justice (na, an welche politische Organisation erinnert
uns das?), der Tat verdächtigt. Doch Nick erledigt die Rechten mit Links.
Was kann denn über das Buch gesagt werden? Es kann nicht
einfach nur beschrieben werden, es muss gelesen werden. Zuviel
Wendungen, Verwirrungen und Überraschungen!
Auszüge: "Lies das!" befahl Vicki und händigte Hunn ein Blatt Papier aus. "Ich
bin ein Stück Scheiße", las er tonlos. "Ein äußerst mieses Stück Scheiße."
"Lies mit mehr Überzeugung", bellte Vicki und knallte einen Absatz ihrer Doc
Martens Stiefel in Hunns Rippen. Der jaulte auf und wiederholte den Satz mit
bedeutend mehr Gefühl. Und dabei erkannte er plötzlich, dass Vicki vollkommen
recht hatte - in Theorie und Praxis.
Die Politik aus der perversen Perspektive einer patriarchalischen
Gesellschaft hatte ausgeschissen! Der Hauptwiderspruch in der
modernen Welt, bestand nicht mehr zwischen den Rassen, sondern
zwischen den Geschlechtern. Hunn beschloss sofort, seine Gemeinde
zu versammeln, und sie dahingehend zu informieren, dass er als
Führer der Church of Adolf Hitler zurücktreten würde.
Vicki Douglas musste seinen Platz übernehmen, die Organisation
auflösen und als Church of Valerie Solanas wieder aufleben
lassen. Als Anerkennung für seine Kollaboration würde
Dschingis den männlichen Hilfstruppen beitreten dürfen.
Dann konnte er sich zurücklehnen, die Show genießen
und wie ein Stück Treibholz auf den Wogen tanzen, die das
männliche Geschlecht schließlich hinwegspülen
würden.
So in etwa in diesem Stil geht’s weiter, und dabei kriegen so ziemlich alle
Organisationen ihr Fett ab, die sich so im politischen Spektrum tummeln: Nazis,
Faschos, TrotzkistInnen, LeninistInnen, AnarchistInnen, Skinheads,
HausbesetzerInnen, Punks, Bullen, RechtsanwältInnen und so weiter und so fort.
Verblüffende Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und diverse Gruppen sind rein
zufällig und nichts weiter. Ein wunderbarer Spaß zu lesen, fantastisch überdreht
und doch an der Realität vorbeigeschrammt, sehr lebensnah und lebensfern,
wahrlich utopisch wünschenswert und abschreckend zugleich.
"Nachdem er diese Information von Narcissus hatte, wollte er mit diesem
Nazischwein kein Wort mehr wechseln. Am liebsten hätte er den Dreckskerl tot
geschlagen, aber diese Aktion hätte ihn zweifellos in große Schwierigkeiten
gebracht. Wenn die Feuerwehr kam und sie aus dem Lift befreite, sah es bestimmt
etwas merkwürdig aus, wenn sie dort einen Anarchisten neben einer Leiche sitzend
vorfanden."
Blow Job ist das dritte Buch, das im Nautilus Verlag von Stewart Home erscheint.
Nach dem Erstlingsroman "Pure Mania- Purer Wahnsinn; Sexual Perversion at ist
most!" folgte "Stellungskrieg" dem Schlachtruf: "Anarchie! Faulheit! Polymorphe
Perversion!"
Und nun, seit Februar 2001: "Blow Job". In Englisch sind außerdem als Roman:
"Red London" (Marx, Christ and Satan united in struggle!) und, als neustes Werk
"Cunt" (Fotze) erschienen, mit dem Titel zum Aufkleben auf dem Buchrücken, ihr
wisst schon warum.
Theoretische Bücher sind "Neoism, Plagiarism & Praxis", "What is Situationism?",
"Cranked up really high" (über Punk) und "The assault on Culture".
Ulla
Stewart Home: Bow Job. Roman. Edition Nautilus. TB, 222
Seiten. DM 29,80
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