Und Coca-Cola soll damit nichts zu tun haben?
Drohungen, Verschleppungen, Folter bis hin zum Mord
Dario Azzelini sprach mit Luis Javier Correa, Präsident
der kolumbianischen Lebensmittelgewerkschaft Sinaltrainal:
Die kolumbianische Lebensmittelgewerkschaft Sinaltrainal
verlor während der vergangenen acht Jahre sieben ihrer in
verschiedenen Coca-Cola-Werken aktiven Gewerkschaftsführer.
Sie wurden, meist im Umfeld von Streiks, von paramilitärischen
Todesschwadronen entführt, gefoltert und ermordet. Im vergangenen
Jahr reichte Sinaltrainal in den USA eine Klage gegen den Konzern
ein. Viele Unternehmen gehören zu den Finanziers der rechtsextremen
Paramilitärs, die den Betriebsfrieden mit Waffen durchsetzen.
Der Paramilitärchef Carlos Castaño gibt unumwunden zu: "Wir
töten Gewerkschafter, weil sie die Leute vom Arbeiten abhalten".
Dario Azzellini: Unter welchen Bedingungen arbeiten Gewerkschafter
in Kolumbien?
Luis Javier Correa: In keinem Land der Welt sterben so viele Gewerkschafter
eines gewaltsamen Todes wie in Kolumbien. Drei von vier Gewerkschaftsangehörigen,
die weltweit aufgrund ihrer Aktivitäten ermordet werden,
stammen aus dem südamerikanischen Land. Fast 160 waren es
allein im vergangenen Jahr, nahezu 4000 im Laufe des vergangenen
Jahrzehnts. Auffällig ist dabei die Zunahme der Morde während
Arbeitskämpfen und Betriebskonflikten, d.h. Gewerkschaftsführer
sind meist bewaffnet, haben auf jeden Fall bewaffnete Leibwächter
und gepanzerte Fahrzeuge und auch die Gewerkschaftszentralen sind
gepanzert und mit Kameras ausgerüstet. Darüber hinaus
darf ein Gewerkschafter niemals in Routine verfallen, das wäre
sein sicherer Tod. Das bedeutet, er darf nie zweimal hintereinander
den gleichen Weg gehen, er darf keine regelmäßigen
Termine oder Zeitabläufe haben und er muss immer sehr aufmerksam
beobachten, was um ihn herum passiert. Aber selbst das kann sie
meistens nicht vor dem Tod retten. Als z.B. Anfang Dezember vergangenen
Jahres Aury Sará Marrugo, Vorsitzender der Erdölgewerkschaft
USO in Cartagena, entführt, brutal gefoltert und ermordet
wurde, waren daran 15 bestens bewaffnete und ausgerüstete
Paramilitärs beteiligt. Gegen eine solche Übermacht
kann man nicht viel unternehmen.
Azzellini: Wann begann der organisierte militärische Angriff auf die
Gewerkschaften?
Correa: In den 80er Jahren. Führend daran beteiligt sind transnationale
Unternehmen wie Coca-Cola und Nestlé. Bei Coca-Cola kam es in den letzten Jahren
immer wieder zu verschiedenen Übergriffen gegen gewerkschaftlich organisierte
Firmenarbeiter. Die Methoden reichen von Drohungen, Verschleppungen und Folter
bis hin zu Mord. Bei einer Feier 1996 mit viel Alkohol verkündete Mario
Mosquera, Firmenleiter von Panamco (der kolumbianische Coca-Cola-Abfüller) in
Carepa lauthals, dass er mit Hilfe der Paramilitärs der Gewerkschaft ein Ende
setzen werde. Seitdem sind in Carepa mehrere Gewerkschaftsaktivisten ermordet
worden und die Paramilitärs bewegen sich ungestört auf dem Werksgelände. Von der
kolumbianischen Regierung ist keine Hilfe zu erwarten. Bisher blieben alle diese
Verbrechen ungeahndet. Schlimmer noch: Als Coca-Cola einmal fünf
Gewerkschaftsführer des Terrorismus anklagte, wurden sie anderthalb Jahre lang
inhaftiert. Dann wurden sie einfach freigelassen, da der Vorwurf absurd war.
Aber sie bekamen keine Entschädigung und es wurde auch nicht erklärt, warum sie
überhaupt 18 Monate lang fest gehalten wurden.
Azzellini: Was steht hinter diesen Angriffen auf Gewerkschafter?
Correa: Anfang der 90er Jahre arbeiteten in den verschiedenen
Coca-Cola-Niederlassungen Kolumbiens etwas über 10.000 Arbeiter, sie verfügten
alle über unbefristete Verträge und ein durchschnittliches Einkommen von 600-700
US-Dollar. Heute, nach einer grundlegenden Umstrukturierung des Unternehmens,
haben nur noch etwa 2.500 Arbeiter Verträge von Coca-Cola, aber nur 500 davon
feste Verträge, weitere 7.500 sind über Subunternehmer beschäftigt. Ihr
durchschnittliches Monatseinkommen beträgt nur noch etwa 150 US-Dollar. Die
einst im kolumbianischen Vergleich guten Arbeitsbedingungen bei Coca-Cola
veränderten sich in nur zehn Jahren allesamt zum Schlechten. Dazu musste auch
die Gewerkschaftsbewegung zerschlagen werden, die diese Bedingungen erkämpft
hatte und sich auch gegen die Umstrukturierung zur Wehr setzte. Im Umfeld zweier
Streiks wurden bei Coca-Cola Kolumbien 1995/1996 sieben unserer
Gewerkschaftsführer ermordet, über 50 mussten ihre Regionen verlassen und über
6.000 der insgesamt 10.000 Beschäftigten wurden während des vergangenen
Jahrzehnts ausgetauscht. Die Zahl unsrer Mitglieder bei Coca-Cola sank von
ehemals 2.500 auf nur noch knappe 500. Doch auch den mit Hilfe des Unternehmens
gegründeten neuen Mini-Gewerkschaften, die im Sinne von Coca-Cola handeln
sollen, ergeht es nicht gut, sobald sie zu viel fordern. Im vergangenen Jahr
musste die unternehmertreue Kleinstgewerkschaft Sinaltrainbec diese Erfahrung
machen, als zwei ihrer Vertreter von Paramilitärs ermordet wurden.
Azzellini: 2001 reichte die Gewerkschaft Sinaltrainal eine Zivilklage gegen den
Konzern in Florida ein. Wie sieht es aktuell aus?
Correa: Die Klage wurde zugelassen und befindet sich in der Phase der
Beweisaufnahme. Wir wollen erreichen, dass die Verantwortung des Konzerns für
die Übergriffe und Morde an Gewerkschaftern festgestellt wird, eine moralische
und ökonomische Entschädigung für die Opfer erfolgt und auf die Situation der
Gewerkschaften in Kolumbien aufmerksam gemacht wird. Unterstützt werden wir
dabei von dem 20 Millionen Mitglieder fassenden US-amerikanischen
Gewerkschaftsdachverband AFL-CIO, den Transportarbeitern der Teamsters, der
Metallarbeitergewerkschaft, der internationalen Union der
Lebensmittelarbeitergewerkschaften (IUL). Doch die Klage allein ist unserer
Ansicht nach nicht ausreichend. Gemeinsam mit den genannten Gewerkschaften und
dem kanadischen Gewerkschaftsdachverband WCA, vielen schwarzen Gemeinden,
protestantischen Kirchen und zahlreichen weiteren Organisationen bereiten wir
für den 22. Juli in Atlanta/Georgia, wo sich die Coca-Cola-Firmenzentrale
befindet, ein öffentliches Tribunal gegen Coca-Cola vor. Solche Tribunale wollen
wir auch am 10. Oktober in Brüssel und am 5. Dezember in Bogotà veranstalten.
Coca-Cola soll mit dieser globalen Kampagne gezwungen werden, einen
Verhaltenskodex mit den Gewerkschaften zu unterschreiben, der derartige
Menschen- und Arbeitsrechtverletzungen wie in der Vergangenheit ausschließt.
Azzellini: Wie hat Coca-Cola auf die Klage reagiert?
Correa: Coca-Cola scheint sehr um das eigene Image besorgt zu sein. Sie streiten
jede Verantwortung und Verwicklung in die Geschehnisse ab und haben eine Klage
wegen Verleumdung und übler Nachrede gegen uns eingereicht. Auch die
US-Regierung hat sich sehr für den Fall interessiert. Jetzt bekommen wir ständig
Besuch von Vertretern des US-Außenministeriums und der US-Botschaft in
Kolumbien, die uns sagen, die Weltlage sei nicht so, wie wir sie sehen und wir
sollten noch einmal überlegen, ob es nicht außergerichtliche Alternativen gibt,
um Probleme zu lösen. Im Januar wurde in Bogotà auch ein ehemaliger
Coca-Cola-Arbeiter von Paramilitärs entführt und bedroht. Es wurde ihm gesagt
wenn er seine Aktivitäten fortsetze, würden sie ihn töten. Zwei weiteren
Ex-Coca-Cola-Arbeiter, die in dem Verfahren als Zeugen auftreten sollen, ließen
sie ausrichten, sie würden von ihnen gesucht, um sie zu ermorden. Und der
Konzern soll damit nichts zu tun haben?
Azzellini: Wie sieht die Verwicklung des Staates in diese Verbrechen aus?
Correa: Die Paramilitärs sind integraler Bestandteil staatlicher Strategien. Die
Verbindungen der Armee zu den Paramilitärs sind so eng, dass die
US-amerikanische Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" im vergangenen
Jahr die Paramilitärs als die "VI. Division der Streitkräfte" bezeichnete. Ein
sehr konkretes Beispiel: Im Dezember 2000 wurde ein Mordanschlag auf den
Vorsitzenden der Gewerkschaft der staatlichen Angestellten, Wilson Borja,
verübt. Er entging dem Tod nur knapp und bei dem Feuergefecht zwischen seinen
Leibwächtern und den Attentätern wurde ein Paramilitär erschossen. In seinem
Mobiltelefon waren die Telefonnummern mehrerer hoher Repräsentanten der
Sicherheitskräfte und der Armee gespeichert und mittlerweile wird gegen einen
Polizeikapitän und Militärangehörige ermittelt ... Doch vermutlich wird auch
dieses Verbrechen ungestraft bleiben.
Azzellini: Welche Folgen wird der Abbruch der Gespräche mit der Guerilla FARC
durch den kolumbianischen Präsidenten Andrés Pastrana für die Gewerkschaften und
für soziale Bewegungen haben?
Antwort: Der Paramilitarismus hat nun noch freiere Hand bei Angriffen auf
soziale Bewegungen und Gewerkschaften. Der Abbruch der Gespräche wird als
Vorwand dienen. Die Offensive gegen uns wird sicher intensiver werden. Das heißt
für uns: Wir müssen unsere Einheit stärken und nach Arbeitsweisen suchen, um der
Situation entgegen zu treten. Wir müssen auch innerhalb der
Gewerkschaftsbewegung den Kampf gegen die extreme Rechte aufnehmen. Es gibt ja
bereits einige Gewerkschaften, die von den Paramilitärs übernommen wurden,
nachdem ihre alte Führung ermordet oder ins Exil gezwungen wurde, und diese
Gewerkschaften treten in Kolumbien wie international als Arbeitervertretungen
auf. Wir müssen dafür sorgen, dass ihre Führer in der Gewerkschaftsbewegung
isoliert werden.
Letztlich müssen wir dazu kommen, eine linke soziale und politische Bewegung
aufzubauen, die Alternativen und Vorschläge für die Lösung des Konflikts
entwickeln kann.
Azzellini: Für die Präsidentschaftswahlen Ende Mai kandidiert unter anderem auch
der ehemalige Vorsitzende eures Gewerkschaftsdachverbandes CUT, Lucho Garzón. Er
wird von der breit gefächerten "Gesellschaftlichen und politischen Front"
unterstützt. Wie steht Sinaltrainal zu der Kandidatur?
Correa: Wir unterstützen als Gewerkschaft den Aufbau der "Gesellschaftlichen und
politischen Front". Es ist ein wichtiger Freiraum, der gestärkt werden muss. Wir
sehen aber auch die Gefahr einer Bürokratisierung und denken, der Aufbau sollte
stärker von unten erfolgen. Die Wahlkampagne selbst führen wir allerdings nicht
mit. Wir gehen davon aus, dass in Kolumbien die Voraussetzungen dafür nicht
existieren.
Azzellini: Welche Vorschläge hat Sinaltrainal für die Zukunft Kolumbiens?
Correa: Aus unserer Sicht als Gewerkschaft im Lebensmittelsektor
denken wir, dass es notwendig ist, die Monopole aufzulösen,
eine Landreform durchzuführen, das Land zu demokratisieren,
den Zentralismus des Staates abzuschaffen und den Regionen mehr
Entscheidungsspielräume zu geben. Die Produktion sollte darauf
ausgerichtet sein, eine regionale und nationale Lebensmittelsouveränität
zu erzielen ... Wir wollen ein Modell demokratischer Entwicklung,
das dem neoliberalen Modell entgegensteht. Kolumbien gehört
zu den reichsten Ländern der Welt, was Bodenschätze,
Wasser, Anbauflächen, Biodiversität usw. betrifft und
gleichzeitig leben 26 der 43 Millionen Einwohner unterhalb der
Armutsgrenze, acht Millionen von ihnen gelten als mittellos und
vier Millionen sterben an Hunger. Trotz seines immensen Reichtums
gehört Kolumbien zu den zehn Ländern der Erde, in denen
am meisten Menschen hungern.
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