"Jetzt erst recht!"
Vor zwei Jahren wurde in Jerusalem von Eltern und PädagogInnen
eine zweisprachige Schule gegründet, in der jüdische,
moslimische und christliche Kinder ab der Vorschule zusammen unterrichtet
werden. Ein ähnliches Projekt gibt es nur noch in Galiläa,
im Norden Israels.
Die raumzeit führte mit Luna, die an dieser Schule Theaterprojekte
durchführt und Puppenspiel unterrichtet, ein Interview über
das Projekt und seine Bedeutung und Schwierigkeiten angesichts
der aktuellen Situation im Nahen Osten. Luna ist Mitglied der
Jerusalem-Redaktion des deutsch-israelischen Radiomagazins Tacheles.
Luna: Wir haben jetzt endlich einen Namen für die Schule gefunden, der ein
bisschen unser Konzept verdeutlich. Sie heißt "Hand in Hand". Es ist eine
zweisprachige Schule für jüdische, muslimische und christliche Kinder.
Zweisprachig heißt wirklich, dass allgemeine Fächer wie Mathematik auf Arabisch
und Hebräisch von zwei Lehrerinnen unterrichtet werden. Ich spreche hier bewusst
von Lehrerinnen, wir sind nämlich fast nur Frauen, jüdische und arabische. Ein
Phänomen, das sich dadurch erklärt, dass der Beruf so schlecht bezahlt ist, dass
ihn fast nur Frauen machen.
Die Idee hinter diesem Projekt ist einfach: Kinder aus den verschiedenen
Kulturen sollen zusammen aufwachsen und zusammen lernen. Sie sollen zweisprachig
aufwachsen und die jeweils anderen Kulturen kennen lernen. Dahinter steht die
Hoffnung, dass die Kinder, die im Umgang miteinander noch nicht so verbissen
sind, dass diese Ungezwungenheit, trotz verschiedener Hintergründe zusammen zu
leben, bleibt, dass das weitergeht. Fast alle Kinder sprechen innerhalb eines
Jahres beide Sprachen sehr gut und wechseln beim Sprechen zwischen Hebräisch und
Arabisch einfach so hin und her. Wobei es auch interessant ist zu beobachten,
dass die meisten arabischen Kinder schon etwas Hebräisch sprechen, wenn sie an
unsere Schule kommen, die jüdischen Kinder aber kein Arabisch.
Die Schule wurde von interessierten Eltern als Verein gegründet. Sie wird
teilweise von staatlicher Seite unterstützt, obwohl es eine Privatschule ist.
Wir haben mit einer Vorschulklasse angefangen und wachsen jetzt immer weiter.
Momentan geht es bis zur dritten Klasse und soll eigentlich bis zum Abitur
durchlaufen.
raumzeit: Macht sich die tagtägliche Verschlechterung der Situation in
Israel/Palästina bei euch in der Schule bemerkbar?
Luna: Ja, ganz stark. Man kann kein Kind von der täglichen Situation fernhalten.
Kurz nach Ausbruch der letzten Intifada kamen viel weniger Kinder in die Schule,
weil die allgemeine Angst um sich gegriffen hatte. In der dritten Klasse haben
mit dem Ausbruch der Intifada viele jüdische Eltern ihre Kinder aus der Klasse
genommen. Das waren die SchülerInnen, die am längsten an der Schule waren. Es
gab zwar auch lerntechnische Probleme, aber eben auch große
Meinungsverschiedenheiten unter den Eltern, die sich daraufhin entzweit haben.
Und somit sind in dieser Klasse nur noch zwei jüdische Kinder, dabei sollten die
Klassen eigentlich Hälfte Hälfte sein.
Die Kinder, die die Schule verlassen, haben natürlich schon Schwierigkeiten in
ihren neuen regulären Schulen. Ein Mädchen hat mir mal erzählt, dass sie
entsetzt war, als wieder ein Anschlag war und die Kinder "Scheiß Araber" sagten.
Sie hat sich dann eingemischt und gesagt "Was soll das? Ich habe mit Arabern
zusammen gelernt." Aber damit hat sie sich natürlich außerhalb der ganzen Klasse
gestellt.
Wir thematisieren die aktuelle Situation in verschiedenen Projekten, aber
eigentlich fließt sie in alle Fächer mit ein. Allerdings probieren wir auch,
nicht jegliches tägliches Geschehnis einfließen zu lassen. Da käme man hier in
Israel überhaupt nicht mehr zum Unterrichten und man muss den Kindern ja auch
einen kindlichen Freiraum lassen.
raumzeit: Heißt das, du glaubst nicht, dass die momentan eskalierende Lage den
Erfolg eures Konzeptes beeinträchtigt, dass die Kinder sich doch eher an Kinder
ihrer Kultur halten oder sich von den anderen abgrenzen?
Luna: Gar nicht, auch nicht durch die Intifada. Die Kinder treffen sich auch
weiterhin nach der Schule in gemischten Cliquen und das wird von den Eltern nach
wie vor unterstützt.
raumzeit: Ihr werdet also euer Projekt weiterführen?
Luna: Ja natürlich, die Stimmung ist momentan eher im Sinne von: Jetzt erst
recht!
raumzeit: Wie wird euer Projekt aufgenommen. Gibt es Kritik? Stößt es auf
Interesse bei anderen Lehrern, Behörden oder in der Gesellschaft?
Luna: Das Interesse von Seiten Israels und Palästinas ist sehr gering.
Unheimlich viel Besuch bekommen wir aus dem Ausland, z.B. aus den USA oder aus
Ländern wie Peru, die sich aus dem Blickwinkel der multikulturellen Erziehung
für unser Projekt interessieren.
Kritik bekommen wir von allen Seiten. Das Gebäude, das wir von der Stadt
Jerusalem zugewiesen bekommen haben, hat nicht den besten Standort. Es liegt in
einem Stadtteil von Jerusalem, der eher von rechts eingestellter Bevölkerung
bewohnt wird, was einige Gefahren in sich birgt. Wir sind von beiden Seiten
nicht nur gut angesehen - nicht von der arabischen und nicht von der jüdischen
Seite. Es gibt von beiden Seiten sowie von links und rechts Kritik.
raumzeit: Wie sieht diese Kritik oder sehen diese Kritiken inhaltlich aus?
Luna: Die vordergründige Kritik ist natürlich das Konzept selber, dass man
Kinder aus beiden Kulturkreisen zusammen aufwachsen lässt, weil die meisten
Israelis und Palästinenser ein Zweistaatensystem haben wollen und
multikulturelle Ideen nicht unterstützen. Diese Kritik kommt von links und
rechts, wobei die Linken noch hinzufügen, dass die arabische Kultur ihrer
Meinung nach mehr Abstriche macht als die jüdische. Das sehe ich persönlich
allerdings nicht so.
raumzeit: Du arbeitest ja nun schon seit zwei Jahren in diesem Projekt. Ist bei
dir inzwischen so etwas wie eine gewisse Ernüchterung eingetreten?
Luna: Es waren eher die Anfangsschwierigkeiten, die natürlich da waren. Vom
Konzept her hört sich das alles sehr einfach an, aber die Umsetzung ist
schwierig. In wie weit werden Bilder gezeigt von palästinensischen
Intifada-KämpferInnen mit Steinen, soll so ein Plakat aufgehängt werden?
Inwieweit werden Bilder gezeigt von Flüchtlingen? Was bedeutet der
Unabhängigkeitstag Israels? Das ist ja gleichzeitig für die Palästinenser der
Tag, an dem sie ihr Land verloren haben. Feiert man diesen Tag zusammen oder
trennt man die Kinder für solche Feierlichkeiten? Was passiert, wenn der
gefallenen israelischen Soldaten gedacht wird? Konzeptuell ist das sehr leicht
fest zu legen. Doch wenn es dann ins Detail geht, dann gehen die Geister schnell
auseinander.
raumzeit: Wie wird mit all diesen Themen und den unterschiedlichen Auffassungen
im Lehrerkollegium umgegangen?
Luna: Wir haben sehr viele Teamsitzungen und psychologische Besprechungen, da
wir auf ganz andere Konflikte eingehen müssen. In wie weit können wir über
Probleme reden, in wie weit bauen wir so eine Insel auf, auf der wir die Politik
draußen lassen? Klar, in dem Moment, wo wir anfangen, über Politik zu
diskutieren, kommen die Unterschiede sehr stark zum Vorschein und deshalb werden
brenzlige Themen zusammen mit den Psychologen besprochen.
raumzeit: Kannst du uns abschließend noch etwas über deine konkrete Arbeit als
Kunstpädagogin erzählen?
Luna: Ich unterrichte Kunst und Puppentheater. Darüber hinaus gibt es auch noch
Theaterunterricht. All diese Unterrichtsfächer sind bei uns sehr wichtig, weil
viele Probleme durch Spiel und Improvisation bearbeitet werden können, in dem
Kinder einen Weg finden, sich auszudrücken und sich mitzuteilen. Unsere Kinder
sind sehr unruhig wegen der politischen Situation. Die haben unheimlich viel
Energie und müssen viel rauslassen. Deswegen haben sie auch sehr viel Sport,
aber auch Tanz oder Bauchtanz.
Ich habe in meiner Arbeit vollkommen freie Hand, d.h. ich bin an keinen Lehrplan
gebunden.
raumzeit: Bedeutet das, dass bei euch der Kunstunterricht oder Theaterprojekte
auch in der Hauptsache von den gesellschaftlichen Konflikten dominiert werden?
Luna: Nein, zum Glück überwiegen "normale" Kinderthemen. Bei den Improvisationen
ist es allerdings schon so, dass hauptsächlich die Konflikte an den Tag kommen.
Ein Beispiel: Wir haben eine Puppentheateraufführung durch Improvisation
erstellt. Der Rahmen war ein großes Haus mit verschiedenen Räumen und
verschiedenen Situationen. Eine Situation war das Kaffeehaus im Erdgeschoss und
da saßen ein arabischer Junge und ein jüdisches Mädchen mit ihren Puppen und
unterhalten sich. Unter anderem geht es um ein israelisches Lied mit der Zeile
"Und dann bekommen wir einen Jungen und den nennen wir Israel" und der Junge
sagt mit seiner Puppe "Warum denn Israel und nicht Palästina" und das Mädchen
antwortet "Na, weil es Palästina ja gar nicht gibt", und dann streiten sie sich.
Das Mädchen überlegt sich anschließend, dass das doch nicht ganz richtig war und
schlägt dem Jungen eine Idee vor und singt also das Lied noch einmal eben mit
der Zeile "Wir werden zwei Kinder haben: Einen Jungen, den nennen wir Israel und
eine Tochter, die nennen wir Palästina."
Und die Eltern saßen natürlich da - mit Tränen in den Augen.
Bloß, ob die Toleranz später auch noch so groß ist, wenn sich gemischte Pärchen
bilden, da wäre ich mir nicht so sicher.
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