"White Sound" in Motion
Ein Streifzug durch die neonazistische Musikszene in Franken
"Musik ist das ideale Mittel, Jugendlichen den Nationalsozialismus
näher zubringen, besser als dies in politischen Veranstaltungen
gemacht werden kann, kann damit Ideologie transportiert werden",
so Ian Stuart, der mittlerweile verstorbene Mitbegründer
des internationalen Nazi-Skin-Netzwerkes "Blood & Honour"
(B&H) und Frontmann der britischen Nazi-Kultband "Skrewdriver".
Damit hat er die ideologische Bedeutung des Rechtsrock für
die rechtsextreme Szene auf den Punkt gebracht.
Diese Musik, mit ihren rassistischen und menschenverachtenden Texten, wird aber
nur von denen akzeptiert werden, die zumindest Versatzstücke dieses
Gedankengutes bereits verinnerlicht haben. Dafür muss man nicht als Skinhead
durch die Gegend laufen. Diejenigen, die in jeder geringsten Abweichung von der
Norm, sei es aufgrund von körperlicher oder geistiger "Behinderung", Aussehen,
Sprache, Kultur oder sexueller Orientierung eine Gefahr erkennen, werden auch in
den Inhalten der "White Power"-Musik nichts abstoßendes finden -und als
potentielle KundInnen in Frage kommen. Obwohl sich die Szene gerne in der Rolle
der tabubrechenden Rebellen sieht, die gegen jeden und alles, vor allem aber
gegen das System kämpfen, ist bei genauer Betrachtung genau das Gegenteil der
Fall. Die Szene identifiziert sich mit den Werten Leistung, Status und Karriere
und unterscheidet sich darin nicht im Geringsten von dem Gros der Bevölkerung.
Die neonazistischen AktivistInnen haben damit die Möglichkeit Jugendlichen, die
angesichts der Musikstile als die Zielgruppe bezeichnet werden können, dort
"abzuholen", wo diese stehen - mitten in der Gesellschaft.
Rechtsrock - ein Millionen-Geschäft
Positiver "Nebeneffekt" des "White Noise"-Business für die Szene sind die
enormen Gewinnspannen, die mit dem Verkauf von CDs und Platten bzw. den dazu
gehörigen Accessoires, wie z.B. T-Shirts oder Aufnähern, erzielt werden. Zu
erwerben sind die Produkte über ein engmaschiges Netzwerk aus Szene-Läden,
Versänden und Musik-Labels. Diese Infrastruktur hat die zusätzliche wichtige
Funktion der Anlaufstelle für Interessierte, die noch nicht die Szene
eingebunden sind, um Informationen über Aktivitäten, wie Demonstrationen oder
Konzerte, zu erhalten. Die Gewinne werden zum Einen für den Ausbau der eigenen
Strukturen und zum Anderen für die Verbesserung der Produktionsmöglichkeiten
verwendet. Mit Professionalisierung und Steigerung der Gewinne einher gegangen
ist aber auch eine "Verkapitalisierung" des Marktes. Damit ist gemeint, dass
immer häufiger finanzielle Aspekte den ideologischen in den Hintergrund gedrängt
haben. Es ist mittlerweile auch üblich, Szene- Marken, wie z. B. "Consdaple"
oder "Walhalla", registrieren zu lassen. Der Nürnberger Willi Franz hat z. B.
die Marken "Zone H", "Bomberpilot Deutschland" und "Nordwind Deutschland" auf
sich anmelden lassen.
Regelmäßig kommt es zu Boykott-Aufrufen gegen den einen oder anderen Versand,
weil den Betreibern vorgeworfen wird, sie würden sich auf Kosten der Szene
bereichern. Diese Vorwürfe bieten dabei zwei Vorteile. Erstens nützt es dem
eigenen Geldbeutel, wenn die Konkurrenz schlecht gemacht wird und zweitens haben
sie einen enormen Integrationswert. Jugendliche, die deswegen bei einem Versand
nicht mehr einkaufen, fühlen sich besonders "underground", sprich zum harten und
wahren Kern der Szene gehörend.
In Bezug auf die Stilrichtungen der rechtsextremen Musikszene ist das Angebot in
den letzten Jahren größer geworden. So gibt es mittlerweile neben den bekannten
Richtungen, wie Oi! oder Dark Wave bzw. Neofolk rechte Black Metal-, Punk-,
Dancefloor- und Gabba-Bands und Projekte (Gabba = Hardcore-Techno, Anm. M.K.).
Außerdem verdichten sich Gerüchte über rechte Hip-Hop-Acts. Dieser Musikstil
wird sich wohl in der Szene wegen seiner Wurzeln weniger durchsetzen.
Der "Neue Deutsche Härte"-Sektor kann zwar nicht als rechtsextrem bezeichnet
werden, es macht aber trotzdem Sinn diesen zu erwähnen. Mit Bands wie Rammstein
und Joachim Witt, ist NS-Ästhetik wieder hoffähig gemacht worden. Rammstein hat
im Video zu dem Song "Stripped" Ausschnitte aus dem Olympia-Film der
NS-Filmemacherin Leni Riefenstahl verwendet. Auch Joachim Witt nutzt das Medium
Video, um die sozial-darwinistischen Inhalte des Songs "Die Flut" noch zu
verstärken. Das Video zeigt einen weiß gekleideten "Herrenmenschen", der über
eine durch den Schlamm kriechende Menschenmenge hinweg schreitet. Dazu ergänzend
der Refrain des Liedes, in dem Witt auf die Flut wartet, die all den Schlamm
endlich wegspült.
Odin statt Jesus
Die Region um Nürnberg ist, neben dem Ruhrpott und Thüringen, zu einem der
Zentren für die rechtsextreme Death- bzw. Pagan-Metal-Szene in Deutschland
geworden. Populär geworden ist diese Stilrichtung für Neonazis im Zuge zweier
Mord-Prozesse gegen NS- Black-Metaller in Norwegen und Thüringen. Steckenpferd
der deutschen Szene ist Hendrik Möbus, Sänger der Band Absurd und einer der
Angeklagten im Thüringer Prozess. Er hatte Mitte der 90er zusammen mit den
anderen Bandmitgliedern den 15jährigen Sandro Beyer ermordet, der in die Clique
um Absurd aufgenommen werden wollte, von ihnen aber als nicht würdig genug
abgelehnt worden war. Der Mord ist in der Presse als "Satanistenmord von
Sondershausen" in die Geschichte eingegangen. Möbus prahlt heute, dass sie mit
dem Mord "dem Leben eines lebensunwerten Geschöpfes ein Ende" gesetzt hätten. In
der Szene ist er zu einer Kultfigur geworden, weil er seinen Worten Taten folgen
ließ und getötet hat.
Im Nürnberger Fanzine "Der Landser", das von den "Nationalisten Nürnberg"
herausgegeben wird, ist Black- und Pagan-Metal (Pagan-Metal = Heiden- Metal;
Anm. M.K.) bzw. Germanentum im Allgemeinen ein Schwerpunkt-Thema. So findet man
dort Runen-Kunde und Abhandlungen über die Germanen an sich. Regelmäßig werden
in einer extra-Sparte CDs aus dem Bereich Black- und Pagan-Metal vorgestellt.
Auch ist die Black-Metal-Combo "Totenburg" interviewt worden. Mit einem
abgedruckten Plakat der "Deutschen Heidnischen Front" (D.H.F.) forderten sie
"Freiheit für Varg Vikerness". Dieser kann als der Begründer des "National
Socialist Black Metal"-Movement bezeichnet werden. Wegen Mord an dem Sänger der
nicht NS- Black-Metal-Band "Mayhem" und mehrerer Brandanschläge auf Kirchen, hat
er seinen Lebensmittelpunkt momentan in ein Gefängnis verlegen müssen. Als
Motive für den Mord nannte Vikerness dessen kommunistische Gesinnung und
Homosexualität, die seinem Verständnis nach "widernatürlich" ist. Die DHF ist
der deutsche Ableger des von Vikerness initiierten internationalen Netzwerkes
der "Allgemeinen Heidnischen Front".
In Münnerstadt/Bad Kissingen erscheint das Fanzine "Kreuzritter", das von der
gleichnamigen Kameradschaft herausgegeben wird. Das Zine ist in drei Teile
gegliedert: erster Teil ist "für die Nationale Jugend", der zweite hat den Namen
"Blutaar" und ist für die "Black Metal Szene" gedacht. Der letzte Teil trägt den
Titel "NPD-Kurier" und ist die Zeitung des NPD Kreisverbandes Bad Kissingen/Rhön
Grabfeld. Mit dieser Kombination soll der "Zusammenhalt zwischen BM und NS"
gefördert werden.
Im Raum Ansbach gibt es eine Band namens "Final Solution", die sich selbst als
"WP (White Power; Anm. M.K.) Death-/Black-Metal Band" beschreibt.
In vielen Teilen Deutschlands gehört es mittlerweile für Jugendliche zum
Allgemeingut, Cassetten oder CDs von neonazistischen Bands zu besitzen und sogar
deren Texte auswendig zu kennen. Einer rechten Bewegung gelang es im Verlauf von
10 Jahren erschreckend erfolgreich, vor allem in ostdeutschen Regionen, aber
auch in einigen ländlichen Gegenden Frankens, den Ton anzugeben; sowohl auf den
Straßen als auch in den Clubs. Und der "White Sound", der durch diese Clubs
rockt, der menschenverachtende und rassistische Zungenschlag, er spielte dabei
keine kleine Rolle.
Marco Kuhn
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