Monatsrückblick
Der Erste sitzt im Knast
Für die USA war Slobodan Milosevic beim Friedensabkommen von Dayton 1995 noch
ein Friedenspartner. Heute sitzt er vor einem von den USA eingesetzten Gericht,
das nicht den Voraussetzungen internationalen Rechts entspricht und sieht sich
so, wie ihn die westliche Politik 1995 sah: Als Friedensbringer. Er klagt
seinerseits NATO und westliche Politik an. Milosevic wird dadurch keine
verfolgte Unschuld. Er bleibt ein brutaler Kriegs- und Machtpolitiker. Blendet
das Gericht aber seinerseits die Schuldfrage von internationaler Politik und
NATO aus, wird es den Rest seiner Legitimation verlieren und betreibt
Geschichtsklitterung.
Der Zweite ist tot
In Afrika gibt es einen ehemaligen US-Freund weniger: Jonas Savimbi,
angolanischer Bürgerkrieger, ist tot. Während des kalten Krieges ausgewählt, die
Interessen der USA in Afrika mit einem heißen Bürgerkrieg, mit Massakern und
Grausamkeit zu vertreten, wurde Savimbi nach dem Zusammenbruch der UdSSR von den
USA abgelegt. Da Savimbi nie gegen den Kommunismus, sondern nur für seine Macht
und seine Pfründe im rohstoffreichen Angola gekämpft hatte, war die Niederlage
bei Wahlen für Savimbi Grund genug, den Krieg fortzusetzen. Zu Ende ist der
Krieg auch nach den Tod Savimbis nicht. Am wahrscheinlichsten ist ein Machtkampf
um die Nachfolge Savimbis innerhalb der Unita, eine Zersplitterung und eine
Fortsetzung des Leids für die Bevölkerung. In der sogenannten zivilisierten Welt
werden sich weiterhin genügend Geschäftsleute und Konzerne finden, die den neuen
War-Lords die Diamanten abkaufen und ihnen Waffen liefern.
Aber in Angola besteht zumindest Hoffnung, dass es anders kommt, dass die
regierende MPLA geschickt genug und die verbliebenen Führer der UNITA einsichtig
genug sind, den Krieg zu beenden.
Der Dritte lebt auch nicht mehr
Zu hoffen, die jetzige Regierung der USA würde abrücken vom absoluten Primat des
Kriegs als außenpolitischem Mittel, ist hingegen vergeblich. Dafür haben die USA
eine vorbildliche Tradition bei der nachträglichen Offenlegung von
Regierungsdokumenten. Natürlich kommt auch hier bei weitem nicht jeder Skandal
wenigstens nachträglich ans Licht der Öffentlichkeit, aber wir erfahren
Jahrzehnte nach dem Ende des Vietnam-Kriegs, in dem 3 Millionen vietnamesische
Menschen getötet und 2 Millionen durch den Gifteinsatz der USA dauerhaft
geschädigt wurden, dass der damalige Präsident Nixon mit dem Einsatz der
Atombombe liebäugelte. Der Bush-Regierung wird die Enthüllung gar nicht so
ungelegen kommen. So kann sie testen, wie groß die Empörung in der Welt darüber
tatsächlich ist. Denn über einen Atomwaffen-Einsatz hat die Bush-Regierung nicht
nur im Weißen Haus, sondern schon ganz öffentlich schwadroniert.
Der Vierte sitzt sicher
Sicher im Ministersessel sitzt Rudolf Scharping. Schließlich löffelt Scharping
brav jede Suppe aus, die andere ihm einbrocken: Den Scharping kann man auch mal
den Amis zum Abwatschen überlassen, die lieben so was. Und überhaupt: Welcher
ernsthafte Politiker würde jetzt freiwillig Scharpings Job übernehmen?
Zur Zeit sind die Parlamentarier ganz empört, dass Scharping sie nicht darüber
informierte, dass die deutsche KSK-Truppe in Afghanistan auf Menschenjagd ist.
Wahrscheinlich haben die Empörten ganz vergessen, dass sie die KSK-Truppe mit
ihrem Bundestagsbeschluss höchstpersönlich nach Afghanistan befohlen haben. Oder
sie sind im Nachhinein so erschrocken über ihren eigenen Beschluss, dass sie
jetzt ganz laut rufen: "Das waren gar nicht wir, das war ganz allein der böse,
dumme Scharping".
Schuld sein wird Scharping demnächst auch für die ständige Kostensteigerung beim
Eurofighter. Die Waffe wird uns allein 2003 neunhundert Millionen Euro kosten.
Seine Gesamtkosten sind durch die vom damaligen Team Rühe/Kohl im Vertrag
vereinbarte Gleitkostenklausel weiterhin nach oben offen.
Der Fünfte ist noch nicht tot
2003 Kanzler sein will Edmund Stoiber. Er weiß zwar immer noch nicht, wie er das
werden will, aber die Option auf die altbewährte bayerische Strategie mit
Ausländerhetze und Stammtisch-Hoheit will er sich auf alle Fälle offenhalten und
boykottiert deshalb das Zuwanderungsgesetz. Kurioserweise hat Stoiber recht,
wenn er behauptet, das Gesetz sei schlecht. Es ist schlecht, weil es fast alle
Forderungen der Union enthält, weil es einzig nach der Nützlichkeit fragt und
auf Verhinderung von Einwanderung ausgelegt ist, weil es auf der
diskriminierenden Mär aufgebaut ist, Migranten und Migrantinnen seien eine
Gefahr für die deutschen Eingeborenen.
Eine weitere tolle Idee von Stoiber ist, zur Förderung des Ostens und zur
Stärkung der Wirtschaft in den neuen Bundesländern Gesetze außer Kraft zu
setzen. Weltweit agierende Konzerne werden Stoiber gerne mit Rat und Tat bei der
Suche nach stillzulegenden Gesetzen beistehen. Auf einer Studienreise nach
Indien könnten die Unternehmen Stoiber zeigen, wie sie durch Verzicht auf
Kinderschutzgesetze Arbeitsplätze für 9 bis 12-Jährige geschaffen haben oder
durch Verzicht auf Sicherheitsstandards und Gewässerschutzgesetze viele neue
Arbeitsplätze in der Chemieindustrie entstanden - bis 1985 zum Beispiel in
Bophal.
Wolfgang Schlicht
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