Theories of conflict
Wie begegnet die antikapitalistische Bewegung neuen Herausforderungen?
Luca Casarini (Tute Bianche) diskutiert diese Fragen mit Alex
Callinicos, Mitglied der Socialist Workers Party (SWP).
Alex Callinicos: Schon in Prag wurde klar, dass Tute Bianche und SWP zwei Dinge gemeinsam
haben: die Erkenntnis, dass wir in eine neue Periode des Kampfes und des
Widerstands eintreten, und das Bedürfnis sich anders als die traditionelle Linke
zu organisieren.
Luca Casarini: Unser Weg war, ein Netzwerk zu bilden, das über die Autonomen hinausging,
weil wir zu dem Schluss gekommen waren, dass deren Politik am Ende ist. Die Tute
Bianche versuchten, die Sprache sowie das Verhältnis zu anderen politischen
Kräften und die Methoden des Kampfes zu verändern. In Genua haben die Tute
Bianche zwar ihr Ziel erreicht, aber es war nur ein Teilziel. Das Hauptziel war,
die Idee in die Gesellschaft zu tragen, dass es Konflikte gibt und immer geben
wird. Zudem haben wir vom EZLN gelernt, nach außen zu gehen und das Maß an
Konsens unter den Menschen zu vergrößern. Dazu haben wir die Praxis des zivilen
Ungehorsams entwickelt. Wir haben versucht, es anders zu machen als die alte
Linke, indem wir in die Netzwerke hinein gegangen sind und versucht haben, sie
von innen zu entwickeln, ohne Hegemonie auszuüben. Wir wollen Leute durch
Praxis, Intervention und Argumentieren überzeugen. Nach Genua sind wir in einer
neuen Phase, die Tute Bianche existieren nicht mehr wirklich. Jetzt versuchen
wir in den Sozial Foren in Italien Raum zu schaffen für das, was wir "sozialen
Ungehorsam" nennen.
Alex Callinicos: Für uns ist in jedem Kampf das entscheidende Element, die Menschen zu
ermutigen, für sich selbst zu kämpfen - im Sinne von Marx Vorstellung der
Selbstemanzipation der Arbeiterklasse. Darin überschneiden sich unsere
Herangehensweisen.
Aber es gibt zwei klassische Streitfragen, die nicht verschwunden sind: der
Staat und die Führung. Genua hat sehr deutlich das militärische Gesicht des
Staates gezeigt und das Ausmaß, in dem - wie globalisiert und dezentralisiert
das Kapital auch immer geworden sein mag - es sich letztlich immer noch auf
zentralisierte Macht stützt. Ihr bezieht euch auf Ideen über Vielfalt
(multitude) und Dezentralisation aus Negris und Hardts jüngster Arbeit "Empire".
Aber der dezentrale Netzwerkcharakter des Widerstands kann uns vergessen lassen,
dass wir diese zentralisierte Macht angreifen müssen. Es gibt Antworten, die
ausgedient haben: Die Geschichte der Roten Brigaden unterstreicht, wie
gefährlich die Macht des Staates ist - wie man zerschlagen wird, wenn man
militärische Antworten ausprobiert.
Dann ist da die Frage der Führung. Du sagst, ihr wollt vermeiden Avantgarde zu
sein. Das hängt davon ab, was ihr meint. Wenn ihr mit Avantgarde meint, wie die
K-Parteien die Arbeiterklasse als Rohmaterial für Wahlprojekte zu benutzen, oder
linke Gruppen, die sich zur Avantgarde proklamieren, während die Arbeiterklasse
nicht einmal von deren Existenz weiß, ist das abzulehnen.
Aber dennoch haben die Tute Bianche eine Funktion als Avantgarde gehabt. Du hast
gesagt, die Menschen folgen euren Initiativen. In jeder Bewegung wird es Dissens
und Kämpfe geben. Die SWP bezeichnet sich selber nicht als avantgardistische
Bewegung, aber wir lehnen diese Idee nicht ab. Wir treiben in der Bewegung
politische Diskurse über ihre Ziele voran.
Luca Casarini: Wir benutzen Widersprüche innerhalb der Bewegung nicht, um Verhältnisse zu
destabilisieren. Unsere Rolle ist es, unsere Ideen zum Tragen zu bringen und wir
sind uns bewusst, selber von der Bewegung lernen zu können. Wenn wir über
Führung in einem Netzwerk reden, dann ist das eine völlig andere Sache als die
Führung einer Partei. Sie muss in der Lage sein, im Netzwerk zu arbeiten, ohne
es zu zerstören. Ein Netzwerk besteht aus vielen Zentren. Es kann allenfalls ein
zeitweiliges Zentrum haben. Wir müssen auch die Komplexität der Vielzahl von
Einstellungen in den multitudes ausdrücken. Der Schwarze Block z.B. hat in Genua
eine Art Avantgardismus ausgedrückt, die alle anderen als Masse behandelt hat.
So zerstörst du die Bewegung. Das Konzept der kulturellen Hegemonie ist wichtig.
Wir müssen uns so in diesem Netzwerk verhalten, dass wir die Konflikte mit dem
Staat und der Macht voran bringen. In den letzten Jahre tauchte das "schwache
Denken" auf - eine Abgrenzung von Macht, vom System, aber auch von jeder Idee
von Konflikt. Es war die reformistische Antwort auf die Niederlagen der 70er.
Die revolutionäre Antwort auf diese Niederlagen muss lauten, dass es ohne
Konflikt keine Hoffnung auf eine andere Welt gibt.
Der globale Wandel bedeutet, dass wir uns mit riesigen Veränderungen innerhalb
unserer eigenen Länder auseinander setzen müssen. In Genua war der italienische
Staat ein Anhängsel des globalen Systems. Die Polizei in Genua hat nicht ohne
das Einverständnis von Blair und Bush gehandelt hat. Es gibt supranationale
Strukturen, die auch der reichen "ersten" Welt bestimmte Politiken auferlegen,
aber es gibt auch Tendenzen, sich dem Mechanismus des globalen Marktes zu
widersetzen: kontinentales Gruppieren, wie den Euro, die Nafta etc..
Wir dürfen die Globalisierung nicht als ein reines Phänomen des Marktes sehen
und auch nicht als die große Wiederkehr multinationaler imperialistischer
Staaten, sondern müssen sie als eine neue Methode kapitalistischer Ausbeutung
sehen, die global ist.
Es gab die Phase des Thatcherismus, des ungezähmten freien Marktes. Wir hatten
dann eine Phase, wo es für das Kapital notwendig war, politische Kontrolle
bereitzustellen. Das begann in Seattle 1999. Die großen Führer wurden die
möglichen Akteure globalen Wandels. Diese Phase ist zu einem Ende gekommen. Aber
dann gab es den 11. September, der uns in eine neue Phase katapultiert hat. Die
Führer der Welt benötigen nicht länger eine Regierung, die am stärksten und am
reichsten ist, sondern sie brauchen eine, die die gerechteste ist. Sie wollen
sich selbst als die gerechte Zivilisation darstellen - und das ist eine
gewaltige ethische Konstruktion. Und es ist ein realer politischer Angriff, der
mehr auf imperiales als auf imperialistisches Vorgehen verweist.
Alex Callinicos: Es gibt noch mehr Kontinuität zur Vergangenheit. Es ist wahr, dass die
führenden kapitalistischen Mächte ihre Interventionen stärker politisch
koordinieren, als früher. Es ist auch wahr, dass wir in letzter Zeit einzelne
Nationalstaaten im Auftrag eines Kartells führender kapitalistischer Staaten
handeln sahen. In Genua schossen die Carabinieri im Auftrag des globalen
Kapitalismus, nicht nur seines italienischen Flügels.
Interventionen werden mehr und mehr durch Berufung auf Gerechtigkeit und
Menschenrechte gerechtfertigt. Aber ich denke, das begann vor dem 11.9. - im
Kosovo wurde der erste "humanitäre" Krieg geführt. Blair äußert oft, dass die
ökonomische Globalisierung eine politische Globalisierung erfordert, bei der die
führenden Staaten im Namen dessen agieren, was er universale Werte nennt. Und
viele bedauernswerte Länder werden im Namen der universalen Werte zerstört
werden.
Ein Problem von Hardts und Negris Analyse ist, dass sie das Ausmaß der
Konflikte, die unter den führenden kapitalistischen Mächten noch bestehen,
unterschätzen. Du sprichst z.B. von den Blöcken Nafta und Euro. Das Interessante
ist, dass die USA sich selbst als Führer beider Blöcke sehen - sie sind tief
involviert in den Prozess der europäischen Integration und in das Asian-Pacific
Economic Forum. Die USA sind nicht in einem dezentralisierten Empire
verschwunden. Sie sind immer noch das größte Zentrum kapitalistischer Macht in
der Welt. Die gegenwärtige Krise ist unter diesem Gesichtspunkt interessant,
weil die Führer an universale Werte appellieren - "infinite justice" und
"enduring freedom". Aber eines der Hauptziele der militärischen Aktionen wird
die Behauptung der Macht der USA sein, die nicht von multilateralen Strukturen
eingeschränkt werden wollen.
Das zeigt, was immer noch ein Merkmal des gegenwärtigen Kapitalismus ist: die
Konflikte innerhalb der kapitalistischen Klasse und die Weise, in der die
verschiedenen Segmente der kapitalistischen Klasse fortfahren, sich auf die
Macht ihres eigenen Nationalstaats zu verlassen. Dies wird untermauert, wenn wir
auf die geopolitischen Rivalitäten zwischen den USA, Russland und China blicken.
Ein großer Teil des US-Establishments sieht China als die große ökonomische und
strategische Bedrohung. Die Teilung der Welt in rivalisierende Machtzentren
besteht fort, und in dem Maß, wie Hardt und Negri sagen, wir wären darüber
hinaus, können sie uns irreführen.
Luca Casarini: Was du gesagt hast widerspricht aber nicht dem Konzept von Empire, denn
Empire beinhaltet Imperialismus. Es ist noch keine Realität, sondern es ist eine
Tendenz. Das hilft zu verstehen, dass nichts mehr offensichtlich ist.
Um uns der täglichen politischen Arbeit zuzuwenden - wir haben festgestellt,
dass es sehr nützlich ist, neue Kategorien einzuführen. Wir müssen zeigen, dass
es in all den Prozessen große Widersprüche gibt. Wir müssen nicht nur eine
universale Idee der Bewegung finden, sondern auch eine universale Idee des
Systems.
Die Bewegung hat bis jetzt den Krieg nicht diskutiert - real hat sie über den
Markt, die politische Regulierung des Marktes, über das Finanzwesen und Geld
geredet. Aber ohne Krieg könnten all diese Prozesse nicht zusammengehalten
werden. Marcos spricht vom vierten Krieg, vom permanenten Krieg niedriger
Intensität. Diese Theorie ist nützlich, die aktuelle Tendenz zu verstehen, die
auch das Konzept von Frieden verändert. Denn wenn wir permanenten globalen Krieg
haben, muss komplett neu überdacht werden was Frieden heißt, weil Frieden nicht
länger die Abwesenheit von Krieg bedeutet.
Alex Callinicos: Die Vorstellung, dass wir in einer befriedeten Welt leben, ist obszön. Dies
wirft die Fragen nach dem Zusammenhang zwischen all diesen Kriegen und der
Struktur des Systems auf. Es ist ein sehr wichtiger Test für die Bewegung gegen
die kapitalistische Globalisierung, weil sie zunächst keine Position zu Krieg
und imperialer Macht beziehen musste. Der Test wird zeigen, ob die Bewegung
versteht, dass sie, um eine effektive anti-kapitalistische Bewegung zu sein,
ebenso eine anti-imperialistische Bewegung sein muss. Die Aussichten sind gut,
dass, wenn wir adäquat auf diese Krise antworten, die Bewegung stärker daraus
hervorgehen kann und dass sie auch ein tieferes politisches Verständnis bekommt.
Socialist Review 258, 12/2001
http://www.sozialismus-von-unten.de/archiv/text/bianchi_swp.htm
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