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Pappnasen statt Sellerieschnitzel
Ein kulinarischer Kommentar zur Faulheitsdebatte
Schröder greift auf eine lange Tradition zurück,
wenn er sagt: Es gibt kein Recht auf Faulheit. Denn die SPD
war von jeher die "Partei der Arbeit", nicht der zur
Arbeit Gezwungenen. Marx-Schwiegersohn Lafargue erkannte: "Eine
seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder,
in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht. Diese Sucht
ist die Liebe zur Arbeit, die rasende, bis zur Erschöpfung
der Individuen und ihrer Nachkommen gehende Arbeitssucht".
Dabei hatte die Anklage des Müßiggangs zur Geburtsstunde
der Sozialdemokratie noch eine ganz andere Bedeutung. Der Adel,
der von den Raubzügen ihrer Vorfahren lebte, das waren
die Faulen. Die Forderung, alle sollten etwas leisten für
die Gesellschaft, richtete sich also gegen die Herrschenden,
nicht gegen die Beherrschten.
Schröder aber greift ausgerechnet die sozialen VerliererInnen
an. Das wiederum ist eine andere Tradition, eine die Helmut
Kohl 16 Jahre lang pflegte: Die Sozialschmarotzer, die Arbeitsverweigerer
seien daran schuld, wenn es mit Deutschland und der Wirtschaft
bergab geht.
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Wie wäre es, wenn man über ein "Recht auf Faulheit"
wirklich einmal ernsthaft nachdenken würde, oder darüber,
was Arbeit von ihr unterscheidet?
Wenn ich mir ein Schnitzel in die Pfanne haue - VegetarierInnen
mögen sich an dieser Stelle getrost ein Sellerieschnitzel
vorstellen - dann ist das Arbeit. Aber: Einwand! Eine egoistische
Arbeit, die nur mir selbst nutzt.
Wenn ich aber für 10 Leute Schnitzel brate ist das dann
wohl die Arbeit, die Schröder so richtig gut findet? Nein,
Schnitzel braten gehört ins Reich der Freizeit, und Freizeit
darf nur geniessen, wer auch anständig schuftet. Die Arbeitslosen,
so die landläufige Meinung, sollen gefälligst unter
ihrer übermäßigen Freizeit leiden.
Was braucht es noch, damit Arbeit Arbeit ist: Sie muss für
die gesamte Gesellschaft nützlich sein! Aha nun sind wir
auf heißer Fährte. Ein Arbeitsloser, der 10 Sellerieschnitzel
brät ist und bleibt ein Arbeitsloser. Eine Fließbandarbeiterin,
die beispielsweise Nasenlöcher in rote Pappnasen bohrt,
nennt hingegen eine anständige Arbeit ihr eigen, denn solches
Tun ist gesamtgesellschaftlich nützliche und wirklich sinnvolle
Arbeit....
Wirklich? Um die Suche nach der richtigen Definition für
richtige Arbeit abzukürzen: es geht dabei überhaupt
nicht um Sinn oder Unsinn einer Tätigkeit. Einzig allein
jene Arbeit, die zur Wertschöpfung beiträgt, ist die
Arbeit, die Schröder meint. Ein Interesse, den Sinn des
Lebens allein von solcher Arbeit abhängig zu machen, haben
natürlich allein diejenigen, die von dieser unserer Arbeit
profitieren.
Wer sich also kein Schild um den Hals hängt: "Ich
nehme jede Arbeit an", genießt meine vollste Sympathie.
Wer die Möglichkeit hat und nutzt, in seiner Arbeitslosigkeit
einmal im Leben Zeit für etwas sinnvolles zu nutzen, ist
zu beglückwünschen. Oder um es mit Lafargue zu sagen:
Nieder mit dem Recht auf Arbeit, es lebe das Recht auf Faulheit:
"O Faulheit Mutter der Künste und der edlen Tugenden,
sei du der Balsam für die Schmerzen der Menschheit".
Michael Liebler
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