zeitung für den grossraum nürnberg - fürth - erlangen
 
Nr. 7             14. Mai 2001

INHALT

Editorial
Medien
Widerständig
Kommentiertes
Debatten
Literarisches
Schöne Künste
Musik
Veranstaltung
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Editorial
 
Zum Geleit



 
Medien
 
Ausgezeichnet: 7 Preise für Medienmacherinnen aus Internet und Radio


Was aus dem linken Blätterwald herausragt



 
Widerständig
 
Interview mit einem Exbrigadisten aus dem Spanischen Bürgerkrieg


Fürth: Tätowierladen wird zur Nazizentrale


20. Juni: Demo im Internet


Unsere Staatsanwaltschaft schützt auch den Frieden abgerissener Häuser


Ärzte: Internationaler IPPNW-Kongress in Erlangen


Amnesty wird 40 JAhre alt


Urlaubskalender für politisch Aktive


Verfassungsungsbeschwerde: Kriegsdienstgegner besteht auf Meinungsfreiheit


Protest in der BRD: Flüchtlinge in unsichtbaren Ketten


Erlanger Grüne Liste boykottiert Fragebogenaktion: "Haben sie Kontakt zu Personen anderer Staatsbürgerschaft?"


Woche gegen Rassismus und Rechtsextremismus in Fürth



 
Kommentiertes
 
kulinarischer Kommentar zu Schröders Arbeitslosenschelte


Wolfgang Schlicht über Ereignisse des Monatsext


Nürnberger OB zeigt saubere Fingernägel im Internet



 
Debatten
 
Diskussion bei Radio Z: Sterbehilfe wurde in den Niederlanden gesetzlich geregelt


Statement: Heterosexismus in der Linken?


Zum LeserInnenbrief aus Raumzeit No 6



 
Literarisches
 
Leseprobe: 12 Heiligengeschichten für vor dem Einschlafen erzählt von PIGOR



 
Schöne Künste
 
Aufführung im Fürther Stadtheater: Selma oder die Reise um den Tisch


Die Gostenhofer Ateliertage


 
Musik
 
Olu Dara's Album: Neighbourhoodt


CD-Tipps aus der aktuellen Frühjahrskollektion



 
Veranstaltung
 
Der Veranstaltungskalender
Kommentiertes

 

Monatsrückblick

Schade, dass Jelzin nicht mehr russischer Präsident ist. Er und Präsident Bush junior wären das Dream-Team der internationalen Diplomatie geworden. So wie früher gerätselt wurde, ob die Äußerungen Jelzins ernst gemeint waren oder ob er einfach schon zu besoffen war, so wird heute gerätselt, ob Bush meint, was er sagt oder ob er einfach nicht kapiert, um was es geht. Und so hätten sie im Duo diplomatische Verwüstungen zusammenreden können und in klaren Momenten hätte Bush Jelzin erklären können, wie er vom Alkohol loskam und Jelzin hätte kontern können: „Was hilft's dir, du redest ja auch nüchtern ständig Unsinn daher”.

Über Jelzins verbale Peinlichkeiten und Ausrutscher wurde meist großzügig hinweggesehen. Bushs Problem ist, dass er ernst genommen wird. Und so führte Bushs Äußerung, die USA würden alles tun, um Taiwan gegen China zu unterstützen, zu weiterer Verärgerung in China und zu Verwirrung bei den befreundeten Regierungen. Das Problem ist, dass Bushs Äußerungen ernst genommen werden müssen. Denn die politische Klasse der USA war keineswegs durchgängig peinlich berührt, dass ihr Präsident über einen möglichen Krieg gegen China schwadronierte.

Es gibt genug einflussreiche rechtsgerichtete PolitikerInnen in den USA, die hierzu Beifall klatschten, ebenso wie zu Bushs verbalen Ausfällen nach der Landung des US-Spionageflugzeugs in China. Erst als er auf Anraten seiner BeraterInnen den Mund hielt, konnten die DiplomatInnen auf beiden Seiten eine Lösung finden: Ein eher allgemein gehaltenes „very sorry” der USA gegen die Freilassung der Flugzeug-Crew. Doch kaum hatte diese China verlassen, begann Bush wieder loszupoltern: Ätsch-bätsch, die Entschuldigung war gar nicht ernst gemeint. Die chinesische Führung wird daraus lernen: Beim nächsten Konflikt wird sie sich weit weniger kompromissbereit zeigen.

Und Bush arbeitet weiter an einer Verschlechterung der US-chinesischen Beziehungen: durch Waffenlieferungen an Taiwan, die gleich noch die Zusage deutscher U-Boot-Lieferungen enthalten. Und durch den Versuch, eine Verurteilung Chinas durch die UN-Menschenrechtskommission zu erreichen. Die US-Regierung setzte vor der Abstimmung dort vertretene Staaten unter Druck, um dieses Ziel zu erreichen. Nun hätte China durchaus eine Verurteilung wegen Menschenrechtsverletzungen verdient. Und der Einsatz gegen Folter und Unterdrückung ist allemal eine Verschlechterung bi-lateraler Beziehungen wert. Das Dumme an der Sache ist jedoch, dass eine Verurteilung wirkungslos geblieben wäre, weil offensichtlich ist, dass es den USA nicht um die Ächtung von Menschenrechtsverletzungen geht, sondern um die Ächtung Chinas. Weil die USA internationale Abkommen und Regelungen missachten, wenn es um die Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land geht.

Weil eine Verurteilung zum Beispiel des strategischen Partners Türkei völlig ausgeschlossen ist. Obwohl dort wie in China Menschen wegen Ausübung des Rechts auf freie Meinungsäußerung inhaftiert und ermordet werden, auf den Polizeiwachen und in den Gefängnissen systematisch gefoltert wird. Doch diese zahlreichen Menschenrechtsverletzungen des türkischen Staates werden nicht nur international, sondern auch von dem größten Teil der türkischen Bevölkerung teilnahmslos hingenommen. Hunderte von Toten bei den Gefängnisrevolten der letzten Jahre und sterbende Hungerstreikende werden ignoriert. Massenproteste gibt es in der Türkei erst, seit das Finanz- und Wirtschaftssystem zu kollabieren droht.

Bei der deutschen CDU kollabierte die illegale Partei-Finanzierung wieder ein Stückchen. Ex-CDU-Schatzmeister Kiep fand eine streunende Million auf seinen Konten. Die Union hat die Million erstmal ohne weitere Fragen einkassiert. Ein Vereinskassierer, der nach Jahren ankommt und sagt: „Ach übrigens, ich habe da noch eine Million auf meinem Konto, die dem Verein gehört”, würde wegen Unterschlagung angeklagt. Für die CDU war das hingegen anfangs ein ganz normaler Vorgang. Erst nach dem negativen öffentlichen Echo reagierte die Unionsführung verärgert. Und einige forderten den Parteiausschluss Kieps. Nicht weil er die Million auf seinem Konto hatte, sondern weil er sie ganz offiziell zurückgegeben hat.

Die CSU hingegen bleibt bei den eigenen Skandalen weiter ungerührt und bastelt am kommenden Bundestagswahlkampf. Zähneknirschend hat sie sich abgefunden, dass es nach Deutschland Einwandernde gibt. Immerhin können sie ja problemlos in Nützliche, die geduldet werden und Unnütze, gegen die gehetzt werden kann, aufgeteilt werden. Trotzdem bleiben alle suspekt für die CSU: „Einwanderer kommen nicht in unserem Interesse”, warnt Glos. Und sie seien gefährlich, wenn sie aus fremden Kulturen kommen. Der ideale Einwanderer aus CSU-Sicht käme nur hierher, um Deutschland bei der Bewältigung seiner Probleme zu helfen, und er wäre bayrisch deutsch-national sozialisiert. Aber beides: altruistisch und echt bayerisch - das gibt's halt weder im Ausland noch in Bayern selbst.

Aber auch die SPD möchte gern an deutschen Stammtischen zitiert werden und fordert Zwangssprachkurse für Türken in Deutschland. Warum nicht auch gleich für Haitianer, Nord-Kaukasier, Schweizer oder Oberpfälzer, das wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Aber es ging bei dem Vorschlag ja nur um Beifall für die in der Forderung enthaltene Diskriminierung einer Bevölkerungsgruppe.

Das gleiche Ziel verfolgte des Kanzlers Bild-Zeitungs-Attacke „Kein Recht auf Faulheit für Arbeitslose”. Durch sein Eintreten für ein neues Betriebsverfassungsgesetz von ArbeitgebervertreterInnen und der Springer-Presse als linker Sozialist attackiert, gibt Schröder nun den rechten Populisten, in der Hoffnung, das Balancieren am rechten Rand würde ihn optisch wieder in die Mitte rücken. Und er will die Schuld für die Arbeitslosigkeit den Arbeitslosen in die Schuhe schieben, damit seine eigene Tatenlosigkeit bei der Zielsetzung einer gerechteren Verteilung der bezahlten Arbeit und der Schaffung von mehr offenen Stellen nicht so auffällt. Und schon gar nicht rüttelt Schröder an dem Denkverbot, ob die Republik nicht reich genug ist, um sich Arbeitslosigkeit ohne Armut leisten zu können. Dann wäre nämlich Arbeitslosigkeit gar kein so großes Problem mehr.

Wolfgang Schlicht