Glosse:
"Kehrd wärd"
Während frühere Stadtoberhäupter meinten, sich
mit allem möglichen Unfug beschäftigen zu müssen
- man denke an diesen Nürnberger Doktor, dem der Oberlehrer
schon zu den Augen herausguckte und bei dem jedes 3. Wort Kultur
hieß - befassen sich aktuelle und künftige Bürgermeister
endlich mit dem Wesentlichen: mit Dreck.
So lächelt uns auf der weltweit beliebten Internetseite:
www.saubere-stadt.de
kein Geringerer als ein Oberbürgermeister Scholz entgegen,
und hält uns, wie wir das als Kinder getan, die Fingernägel
hin. Er sagt allerdings nicht "Schau, wie sauber dem Ludwig
seine sind!", wie man erwarten sollte, sondern: "Der
Kampf gegen Schmutz und Unrat in Wohnstraßen und Grünbereichen
ist nach wie vor eine vordringliche Aufgabe der Stadt". Würdevoll
und bedeutungsschwanger mit der Amtskette klimpernd.
Das aber, wie man wiederum meinen möchte, ist gar nicht seine eigene Auffassung. Es ist vielmehr die
Auffassung der Bürgerinnen und Bürger, die gemeinsam von Polizei, Stadt Nürnberg und Verkehrs-Aktiengesellschaft
darüber befragt wurden.
Na ja gut, mal ehrlich: Würden Sie sich trauen, wenn ihnen
die VAG und die Stadt Nürnberg persönlich gegenüberstehen,
Sie fragen: "Finden sie Dreck gut?" - und hinter denen
klappert die Polizei womöglich schon mit den Handschellen
- würden Sie sich trauen zu sagen: "Ja klar!".
Nein, würden sie natürlich nicht.
Wenig darunter erfahren wir allerdings, warum eigentlich der Kampf
gegen den Unrat so wichtig ist. Weil nämlich "das Sicherheitsgefühl
durch Verschmutzungen erheblich gestört wird". Einfältige
Gemüter würden nun wohl auf Aufklärungsarbeit setzen,
herumlaufen und sagen: "Hört mal Leute, seid doch nicht
blöde. Nur weil ihr an der einen Straßenecke mit dem
Absatz an einem weggeworfenen Kaugummi kleben geblieben seid,
müsst ihr nicht Sorge haben an der nächsten einem Massenmörder
in die Arme zu laufen. Massenmörder verzehren übrigens
überhaupt keine Kaugummis, das ist statistisch erwiesen.
Wahrscheinlich war das eher das Gör von nebenan!"
Natürlich ist die Logik dieser Argumentation nicht völlig
von der Hand zu weisen, aber der Kampf gegen Dreck stellt auch
eine friedenstiftende Maßnahme dar. Nie sah man politische
Gegner so einmütig, wie wieder vor einigen Tagen mit Schaufel
und Besen bei "Kehrd wärd". Ein wenig gezwungen
das Lächeln auf den Lippen der StadträtInnen, aber die
Junge Union um so begeisterter bei der Sache.
Bis vor meine Haustür kamen die Nachwuchs-Stoibers allerdings
nicht. Schade eigentlich! Der gelbe Sack mit den Bierdosen, den
ein mit Blaulicht vorüberfahrendes Polizeiauto kürzlich
umgefahren hatte, liegt nun immer noch über die Straße
verstreut. Ich frage mich wann das endlich jemand weg macht. Ich
habe jedenfalls zur Mahnung die flammenden Worte aus dem Grußwort
des Oberbürgermeisters aus dem Internet ausgedruckt und danebengehängt:
"Ohne die Einsicht der Bürger, selbst für die Sauberkeit
verantwortlich zu sein, stehen die städtischen Reinigungskräfte
auf verlorenem Posten. Nur gemeinsam kann es gelingen, Verschmutzung
zu beseitigen oder besser erst gar nicht entstehen zu lassen".
Michael Liebler
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