zeitung für den grossraum nürnberg - fürth - erlangen
 
Nr. 7             14. Mai 2001

INHALT

Editorial
Medien
Widerständig
Kommentiertes
Debatten
Literarisches
Schöne Künste
Musik
Veranstaltung
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Editorial
 
Zum Geleit



 
Medien
 
Ausgezeichnet: 7 Preise für Medienmacherinnen aus Internet und Radio


Was aus dem linken Blätterwald herausragt



 
Widerständig
 
Interview mit einem Exbrigadisten aus dem Spanischen Bürgerkrieg


Fürth: Tätowierladen wird zur Nazizentrale


20. Juni: Demo im Internet


Unsere Staatsanwaltschaft schützt auch den Frieden abgerissener Häuser


Ärzte: Internationaler IPPNW-Kongress in Erlangen


Amnesty wird 40 JAhre alt


Urlaubskalender für politisch Aktive


Verfassungsungsbeschwerde: Kriegsdienstgegner besteht auf Meinungsfreiheit


Protest in der BRD: Flüchtlinge in unsichtbaren Ketten


Erlanger Grüne Liste boykottiert Fragebogenaktion: "Haben sie Kontakt zu Personen anderer Staatsbürgerschaft?"


Woche gegen Rassismus und Rechtsextremismus in Fürth



 
Kommentiertes
 
kulinarischer Kommentar zu Schröders Arbeitslosenschelte


Wolfgang Schlicht über Ereignisse des Monatsext


Nürnberger OB zeigt saubere Fingernägel im Internet



 
Debatten
 
Diskussion bei Radio Z: Sterbehilfe wurde in den Niederlanden gesetzlich geregelt


Statement: Heterosexismus in der Linken?


Zum LeserInnenbrief aus Raumzeit No 6



 
Literarisches
 
Leseprobe: 12 Heiligengeschichten für vor dem Einschlafen erzählt von PIGOR



 
Schöne Künste
 
Aufführung im Fürther Stadtheater: Selma oder die Reise um den Tisch


Die Gostenhofer Ateliertage


 
Musik
 
Olu Dara's Album: Neighbourhoodt


CD-Tipps aus der aktuellen Frühjahrskollektion



 
Veranstaltung
 
Der Veranstaltungskalender
Debatten

 

Carpe mortem

Vor wenigen Wochen wurde in den Niederlanden die Sterbehilfe gesetzlich geregelt. Legaler Mord oder Möglichkeit zum selbstbestimmten Sterben?

Die Diskussion über die Liberalisierung der Sterbehilfe in den Niederlanden erregt die Gemüter. Auf der einen Seite die Angst des Individuums vor einem durch den Medizinapparat endlos hinausgezögerten Sterben. Auf der anderen Seite eine gesellschaftliche Analyse: Dass durch das Verwertungs- und Profitmaximierungsprinzip dieses Gesetz zu einer menschenfeindlichen und inhumanen Praxis führen wird.
Die raumzeit dokumentiert Interviews und Diskussionsbeiträge, die bei Radio Z geführt wurden. (Ausführlicher findet sich diese Diskussion auf den Seiten des Nürnberger Radiosenders. Auf dem dortigen Online-Forum ist die Debatte noch im Gange.)

Michael Bauer, Geschäftsführer des Humanistischen Verbandes:

Wir befürworten das niederländische Modell nicht uneingeschränkt, das einmal vorweg. Wir haben in Deutschland eine besondere historische Situation durch die Euthanasie im Nationalsozialismus. Deswegen meinen wir, dass es zwar eine gesetzliche Regelung braucht, aber eine, die restriktiver ist als die niederländische Regelung.
Zu den Gründen: Wir sind für die Selbstbestimmung des Patienten/der Patientin, weil nach unserer Meinung der Mensch selbst im Mittelpunkt der Entscheidungen stehen muss. Deswegen streben wir an, dass eine ganze Palette von Möglichkeiten angeboten und auch ausgenutzt werden kann. Eine Möglichkeit davon kann die Sterbehilfe sein, unter ganz bestimmten Voraussetzungen; aber es ist mindestens genauso wichtig, den Bereich der Schmerzmedizin, den Hospizgedanken, die Sterbebegleitung auszubauen, um einen humanen Tod zu ermöglichen, z.B. bei schwerer Krankheit.

Sterbehilfe: Gefahr des Missbrauchs?

Es könnte einen solchen Missbrauch in der Tat geben. Dazu darf es natürlich nicht kommen. Auch deshalb muss eine gesetzliche Regelung gefunden werden. Die jetzige Situation ist eine rechtliche Unklarheit, die auf dem Rücken der Patienten ausgetragen wird. Die Entscheidung über die Sterbehilfe muss von dem Betroffenen selber ausgehen und während er diese Entscheidung trifft, muss er bei klarem Verstand sein. Das ist ganz selbstverständlich und, ich denke, auch zwingend notwendig. Weiterhin müssten bestimmte Kriterien eingebaut werden: Dass zwei unabhängige Ärzte überprüfen, ob die Situation, in der sich der Patient befindet, tatsächlich hoffnungslos ist. Es kann nicht darum gehen, Selbstmörder, die aus psychischen Gründen und aus psychischen Krisen, die vorübergehend und vielleicht auch heilbar wären, zum Selbstmord kommen wollen, zu helfen. Das wäre ganz falsch. Es geht nur darum, einen schmerzhaften, qualvollen, vielleicht für den Einzelnen auch sehr unwürdig empfundenen Tod zu vermeiden und eine humanere Lösung zu finden. Oder wenn Sie so wollen, den Zeitpunkt eines Todes, der ohnehin schon feststeht, etwas nach vorne zu verlagern. Mehr darf das nicht sein.

Wirtschaftliche Einflüsse?

Es geht uns darum zu ermöglichen, dass Menschen im Prozess einer sehr schweren Erkrankung, die ein Ende setzen wollen, das tun können. Wenn sie es wollen. Und natürlich muss geprüft werden, warum sie das wollen, das ist ganz selbstverständlich. Es ist auch richtig, zu befürchten, dass da Einflüsse kommen können. Dass natürlich, wenn sich die Situation der Krankenkassen noch weiter verschärfen sollte, es möglicherweise heißt: "Pass auf, du lebst sowieso nicht mehr lange, lass uns da mal ein Ende machen, dann sparen wir so und so viele tausend Mark". Das sind ganz grauenhafte Vorstellungen. Um eben das zu verhindern, muss es eine gesetzliche Lösung geben, die genau diese Dinge ausschließt.


Dinah Radtke, vom Zentrum für Selbstbestimmtes Leben Behinderter in Erlangen:

Ich bin generell gegen Sterbehilfe, gegen Euthanasie, was wörtlich übersetzt der schöne Tod heißt. Jemand anderes entscheidet, wann jemand, der vielleicht behindert oder todkrank ist, sterben soll. Ich finde, so etwas darf nicht sein. Es darf niemand anderes über das Leben eines Menschen bestimmen können. Niemand darf sich die Entscheidung anmaßen, wann jemand anderes sterben soll.

Akt der Selbstbestimmung?

Ich glaube nicht, dass aktive Sterbehilfe ein Akt der Selbstbestimmung ist, weil die Rahmenbedingungen prägend sind. Die Lebenssituation wird beeinflusst durch materielle Nöte, das Gefühl, für andere eine Belastung zu sein, Ängste, die durch diese gesellschaftliche Diskussion geschürt werden. Ängste vor Schmerzen, Atemnot, Abhängigkeit, Hilflosigkeit, dem Ausgeliefertsein ... Der Druck, der durch die äußeren Umstände und die Auseinandersetzung mit der Umgebung entsteht, führt dazu, dass keine wirklichen Möglichkeiten oder Perspektiven gesehen werden. Sie werden aber häufig auch nicht aufgezeigt bzw. sind nicht für alle erreichbar. Deshalb kann mensch nicht von einer eigenen und selbstbestimmten Entscheidung sprechen.
Wenn jemand eine chronische Krankheit hat, bei der wirklich keine lange Lebenserwartung mehr vorhanden ist, dann denke ich, dass Sterbebegleitung notwendig ist, aber nicht Tötung auf Verlangen. Dass mensch alles tun muss, um der- oder demjenigen den Tod zu erleichtern, das Sterben zu begleiten und sie/ihn von Schmerzen zu befreien. Aber ich denke, es darf nie sein, dass mensch jemanden tötet, selbst wenn es der so genannte Wille ist. Oft wird gesagt: "Die Situation ist so aussichtslos, da ist der Tod doch besser". Ich denke, so etwas darf es einfach nicht geben. Mensch muss wirklich alles versuchen, um die letzten Lebenstage und stunden angenehm zu machen.

Sterbehilfegesetz als Reproduktion gesellschaftlicher Verhältnisse, wo Menschen in Nutzbarkeit eingeordnet werden?

Ein wichtiger Punkt. Häufig ist dann folgende Situation: Wenn es jemandem schlecht geht, dann sagen vielleicht die Ärzte oder die Verwandten: Dir geht es schlecht und wenn derjenige dann sagt: "Ich will nicht mehr leben", dann wird vielleicht doch zu schnell gesagt: "Ja, das können wir verstehen, wir wollen dir helfen". Aber es geht auch darum, dass vielleicht andere Interessen dahinter stehen wirtschaftliche, dass es vielleicht zu teuer ist, noch Schmerzbekämpfung zu machen, oder so wie sich jetzt manche Kostenträger weigern, die Rechnungen zu bezahlen. Es wird immer schlimmer: Jemand kann für die letzten Lebenswochen nicht im Hospiz bleiben, weil die Kassen sagen: "Das ist zu teuer." Die Frau oder der Mann müssen dann in ein Pflegeheim, in ein Altenheim, und ich finde so etwas einfach untragbar. Es ist auch so ein Nutzen abzuwägen: Die Verwandten ertragen es nicht, eine Sterbebegleitung zu machen und sagen dann: "Es ist besser, einen schnellen Tod herbeizuführen". Jetzt vielleicht nicht einmal unbedingt wegen dem Aufwand, sondern weil es in unserer Gesellschaft lästig ist, mit dem Tod umzugehen oder sich mit dem Tod auseinander zu setzen.

Euthanasieprogramm der Nazis

Die Erinnerung an das "Dritte Reich" bedeutet für uns als Deutsche die Pflicht, darauf aufmerksam zu machen, dass so etwas nicht sein darf. Aus welchen vorgeschobenen Gründen auch immer. Ich würde auf jeden Fall politisch dafür eintreten, so etwas zu verhindern. So lange es nicht den Anspruch auf eine optimale Versorgung gibt und diese gewährleistet wird, ist eine freie Entscheidung unmöglich.

In der anschließenden Diskussion meldeten sich RedakteurInnen von Radio Z zu Wort. Ihre Hauptstatements:

Michaela Baetz:

In der aktuellen Diskussion um die so genannte Sterbehilfe steht das individuelle Selbstbestimmungsrecht im Vordergrund. Unserer Ansicht nach spielen allerdings die gesellschaftlichen Bedingungen eine wichtige Rolle. Wenn Leuten der Eindruck vermittelt wird, nur leistungsfähige Menschen seien wertvoll und wer krank und alt ist, fällt anderen sowieso nur zur Last, dann wird den Leuten quasi nahegelegt, ihrem Leben ein Ende zu machen. Hinter der Forderung nach der Legalisierung der so genannten Sterbehilfe in der BRD stehen wirtschaftliche Interessen und Bedürfnisse der medizinischen Forschung. Diese Faktoren müssen beleuchtet werden. Zudem halten wir eine linke Debatte für wichtig, jenseits der Kritik der Kirchen (Nur Gott kann Leben nehmen und geben) und der BefürworterInnen der Sterbehilfe (Jeder hat ein Recht auf Selbstbestimmung).

Pointy:
Wenn ein unheilbar kranker Mensch, dessen Leben nur noch aus Leiden und Ertragen besteht, unter den gegebenen Umständen sterben möchte, finde ich das natürlich verständlich. Allerdings stellt sich da die Frage, ob mittels Umverteilung vorhandener Gelder nicht ein weitgehend leidensfreies Sterben möglich wäre. Eine aktive Sterbehilfe, also das gezielte Töten eines Menschen, umgeht die vorhandenen Probleme (vor allem den Personalmangel in den Krankenhäusern und Altenheimen) auf unverschämt einfache Weise. Grundsätzlich würde ich mir wünschen, dass das Thema Tod endlich enttabuisiert wird und somit wieder mehr zur "Familiensache" wird. Es ist doch wohl wichtiger für uns alle, das Abschiednehmen und Gehen Lassen zu lernen, als das "fachgerechte Entsorgen" von Menschen.

Michael Beck:
Sterbehilfe bedeutet für mich Sterbebegleitung, wie sie in Hospizen praktiziert wird, nicht "aktive Tötung", wie sie jetzt in den Niederlanden legalisiert wurde.
Mensch sollte dafür kämpfen, die unwürdigen Bedingungen, unter denen viele Menschen leben und sterben, zu ändern. Dazu gehört beispielsweise eine Unterstützung der Hospizbewegung. Es ist ein Unding, dass die Krankenkassen sich häufig weigern das Hospiz zu bezahlen, die Menschen dann in Pflegeheime müssen. Schmerztherapie muss gefördert und vorhandene Mittel endlich richtig eingesetzt werden. In der Praxis ist es so, dass Menschen sterben wollen, weil sie niemanden zur Last fallen wollen, sie nichts mehr "leisten" können, weil sie Angst vor Schmerzen haben, weil sie einsam sind. Das gilt es zu beheben.
Zum Schluss möchte ich noch kurz Oliver Tolmain zitieren: "Es ist kein Zufall, dass die Protagonisten der ‚Euthanasie' unter den Ethikern zumeist auch Befürworter einer unbeschränkten Anwendung gentechnischer und reproduktionsmedizinischer Verfahren sind. Die Bioethik propagiert die Optimierung des Körpers (und in absehbarer Zeit wahrscheinlich auch die des Gehirns)".