Der Alternative Medienpreis 2001
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Am 28. April verliehen Radio Z und die Nürnberger Medienakademie
in der Tafelhalle zum 2. Mal den Alternativen Medienpreis.Zu
ehren waren in diesem Jahr gleich 7 PreisträgerInnen, da
neben den Beiträgen alternativer RadiomacherInnen das Engagement
nichtkommerzieller BetreiberInnen von Internetprojekten gewürdigt
wurde.
Mit 3000 DM dotiert war der erste Radiopreis, der an Antonia
Arnold und Rainer Meyer von der Redaktion Retropolis des Münchner
Aus- und Fortbildungskanals ging. Ihr Beitrag "Die Stunde
des Films" behandelt kein harmloses Kapitel deutscher Filmgeschichte.
Die heftigen Reaktionen auf die Absicht des Fürther Jüdischen
Museums, den Nazi-Hetzfilm "Jud Süß" zu
zeigen, die bis hin zu Rücktrittsforderungen an Museumsleiter
Bernhard Purin reichten, hatten den Anstoß gegeben, monatelang
zu antisemitischen NS-Propagandafilmen zu recherchieren.
Dutzende solcher Filme sahen sich Meyer und Arnold an und untersuchten
die Methoden der NazifilmerInnen. "Es gibt darunter Filme,
die sind erschreckend gut gemacht. Irgendwann waren wir an dem
Punkt angelangt aufzugeben. Wir fragten uns, ob man sie nicht
doch besser dem Vergessen überlassen sollte. Aber wir fanden
auch heraus, dass sich das Zeug überall wieder findet",
sagte Meyer auf einer Pressekonferenz. Von der Nachkriegszeit
bis heute seien die Spuren zu entdecken, die die Nazis im deutschen
Film hinterlassen hätten. Sein Resümee vor dem Publikum
in der Tafelhalle: Es sei richtig und wichtig diese Filme zu
zeigen und ihre Methoden zu erklären. Den Beitrag in der
jüdischen Sendung "Chuzpe" zu senden, an der
Meyer ebenfalls mitarbeitet, hätten sie allerdings vermieden,
damit niemand sagen könne: "Wenn schon ein Jude sagt,
man darf solche Filme ansehen, dann sind sie ja offenbar in
Ordnung".
Mit der Bürgerfunksendung "Rasant" aus Bielefeld
erhielt eine Behindertenredaktion den 2. Hörfunkpreis.
In der eingereichten Reportage zeigten die "Rasant"-RedakteurInnen,
dass sich trotz niedrigem Budget mit viel Engagement und journalistischem
Know-How auszeichnungswürdige Radioarbeit machen lässt.
Die Redaktion von "Rasant" versteht sich als Plattform
für Themen, die sonst in den Medien nicht vorkommen. Thema
des ausgezeichneten Beitrags war der 5. Mai, der internationale
Tag zur Gleichstellung von Behinderten.
Auf "Dünnes Eis" begaben sich Hubert Brieden
und Heidi Dettinger vom Freien
Radio Flora in Hannover in ihrem Beitrag über Antisemitismus.
In schonungsloser Offenheit deckten sie ein Stück antisemitische
Wirklichkeit in einer westdeutschen Kleinstadt auf und erhielten
dafür den 3. Preis.
"Virtueller Treffpunkt der Betriebslinken"
Vielleicht zeigte die Zahl der Internetbeiträge, die mit
30 Bewerbungen weit unter der Zahl der Hörfunkeinsendungen
lag, dass der alternative Journalismus im Netz noch nicht allzu
selbstbewusst auftritt. Die Jury vergab in dieser Sparte keinen
ersten Preis, dafür zwei Zweite und einen Dritten. Damit
wurde auch ausgedrückt, dass keine der bewerteten Beiträge
alle Kriterien der Ausschreibung erfüllte.
Immerhin erstaunten die Internetprojekte, die in die engere
Auswahl gekommen waren, durch das große Engagement, das
Einzelne für die Arbeit an ihren Internetseiten aufbringen.
David Hollis und Mag Wompel erhielten einen zweiten Preis für
ihren "virtuellen Treffpunkt der Betriebslinken"
www.labournet.de, den sie seit mehr als zwei Jahren zu zweit
betreiben.
Während mancherorts Betriebsräte und Gewerkschafter
noch mit den Mitteln von vorvorgestern arbeiten, hat die Arbeitgeberseite
längst technisch aufgerüstet. Doch sie hat die Rechnung
ohne das Labournet Germany gemacht", lobten die LaudatorInnen
Gabriele Hooffacker und Rena Tangens in der Tafelhalle das Duo.
Labournet leistet mehr als Berichterstattung: Wenn in Südafrika
ArbeiterInnen von Entlassung bedroht und von ihrer Gewerkschaft
im Stich gelassen werden, sorgt Labournet für weltweite
Solidarität: E-Mail-Proteste an den Konzern und die Herstellung
von Öffentlichkeit sind von praktischem Wert für die
Betroffenen. Am Beispiel des Streiks bei Opel in Bochum gegen
drohende Entlassungen wegen der Fusion mit Fiat erläutert
Mag Wompel, wie über Labournet der direkte Kontakt zwischen
ArbeiterInnen in Italien und der BRD zustande kam. Grenzüberschreitende
Solidarität sei wichtiger als die Gründung immer größerer
Dachverbände, meinen die LabournetbetreiberInnen.
Mit Nikolaus Röttger wurde einer der Gründer von e-politik
ebenfalls mit einem zweiten Preis bedacht. e-politik, von
drei Studenten der Politikwissenschaften ursprünglich gegründet,
um universitäre Texte auszutauschen, wuchs zu einem Onlinemagazin
mit einem Riesenteam ehrenamtlicher MitarbeiterInnen, das sich
zwar nicht allzu weit nach links wagt, aber mit einer breiten
Themenpalette und aktueller Berichterstattung im studentischen
Jargon glänzt.
Satirische Müllperlen
Radikal und aus der Masse der Netzveröffentlichungen herausragend
hingegen frauennews.de.
Jana Arakeljan, die Trägerin eines 3. Preises, betreibt
ihre Plattform für Frauenthemen im Alleingang. Beachtenswert
sind vor allem ihr Archive mit Arbeiten zu "Frauen im Dritten
Reich". Mit mehr als 500 Titeln ist die Bücherliste,
die Jana Arakeljan zusammengestellt hat, eine der umfassendsten
zu diesem Thema. Unbekannte Texte finden sich auf dieser Seite
genauso wie veröffentlichtlichungswerte Erklärungen
und Flugblätter. Tipps zu Bildung, Freizeit und Kultur
speziell für Frauen vervollständigen das Angebot der
Frauennews.
Schließlich wurde mit der "muellseite.de"
noch eine satirische Perle des deutschsprachigen Internet mit
einem dritten Preis bedacht. Jürgen Graf zeigt, dass das
Internet so doof ist, wie seine NutzerInnen. Ob es die absurden
Übersetzungsleistungen der Sprachenmaschine "Babel"
sind, die erschreckende und erheiternde Sinnleere mancher privaten
Homepage, die bodenlose Abwesenheit von Ästhetik in den
Bannern christlicher Sekten, oder die Absurdität einer
ins Internet übertragenen Bürokratie, die sich als
interaktiv und bürgernah ausgeben möchte: Jürgen
Graf verleiht den Trash-Award für den Mut zur unfreiwilligen
Komik. Leider entwischte mir der Internet-Satiriker auf dem
Buffet nach der Preisverleihung, bevor ich ihn auf die hervorragend
komischen Leistungen der Nürnberger Internetpräsenz
www.saubere-stadt.de
aufmerksam machen konnte. Doch was nicht ist, kann ja noch werden.
Michael Liebler
PS: Von der Qualität der ausgezeichneten Beiträge
kann sich selbst überzeugen, wer über einen Realplayer
verfügt. Auf den Seiten von Radio
Z finden sich die Hörbeiträge, sowie jeweils eine
Kleine Präsentation der InternetpreisträgerInnen unter
http://www.radio-z.net/ap_2001
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