Wir betreiben gerade keinen Märtyrerkult!
Antwort auf den Leserbrief von Tuncay zu "Stammheim am
Bosporus"
in der Raumzeit vom 16. April 2000
Zur Kritik an der Überschrift:
Die Überschrift wurde zwar nicht von uns, sondern von
der Redaktion gesetzt - sicherlich deshalb, weil unsere ursprüngliche
Überschrift (Hungerstreik der politischen Gefangenen in
der Türkei nach der gewaltsamen Durchsetzung des Isolationssystems
ausgeweitet - aber wie kann eine Lösung noch erreicht werden?)
zwar den Sachverhalt und die Hauptfrage ziemlich konkret fasste,
aber als Überschrift wohl zu sperrig war und deshalb diese
griffige Überschrift "Stammheim am Bosporus"
naheliegend schien; trotzdem ein paar Worte dazu. Die Redaktion
versuchte wahrscheinlich durch Schlagworte, mit denen die Leserschaft
etwas verbindet, Interesse am Artikel zu wecken. Da boten sich
natürlich "Stammheim" an, damit weiß jede/r,
um was es geht. Da wahrscheinlich bei "Bosporus" die
meisten an die Türkei denken - wie Du ja selbst einräumst,
aber kritisierst - war diese Wahl auch nicht so verkehrt, selbst
wenn die türkische Regierung ihren Sitz nicht am Bosporus
hat. Eigentlich ist ja auch der Regierungssitz nicht ausschlaggebend.
Theoretisch hätte man also den Ort der Zusammenkünfte
des Nationalen Sicherheitsrats MGK oder des
Generalstabs nehmen können, da sie immer noch die Politik
in der Türkei bestimmen, aber welche Leser/innen der Raumzeit
würden mit diesen Namen etwas verbinden?
Rassismus jedenfalls können wir in der "falschen"
Bezeichnung "Bosporus" nicht erkennen! Und das müsste
auch aus dem ganzen Artikel klarwerden, denn es wird ja das
System Stammheim und die BRD als Lehrmeisterin und Unterstützerin
bei der Einführung dieses menschenverachtenden Isolationssystems
kritisiert, und nicht wie Du unterstelltst - die "kranke
Türkei". Ganz im Gegenteil, es geht um ihre angebliche
"Modernisierung", also ihre Anpassung an die "europäischen
Standards"; also gerade nicht um "Krankheit"
oder "Rückständigkeit" im Sinne der Herrschenden.
Zur Kritik an der Kritik an der PKK:
Darüber, dass ekan den Kampf der PKK als aufgegeben und
ihre Haltung zum türkischen Staat als versöhnt betrachtet,
brauchst Du Dich nicht aufzuregen. Es ist leider eine Tatsache,
die auch Du
nicht bestreiten kannst, wenn Du selbst - richtig - sagst, dass
das Massaker in den Gefängnissen im Dezember 2000 und die
Folgen die größte Niederlage der Linken darstellt.
Das und die herrschenden Verhältnisse in der Türkei
beweisen, dass es mit der von Öcalan behaupteten "demokratischen
Republik" nicht weit her sein kann. In unserem Artikel
zu den Gefängnissen sind wir auf die PKK nur unter dem
Aspekt eingegangen, welche Rolle ihre Haltung bei den Gefängniskämpfen
spielt. Das war in diesem Zusammenhang notwendig.
Es gäbe noch viel mehr dazu zu sagen (was wir an anderer
Stelle auch getan haben), hätte aber den Umfang und das
Thema des Artikels zu den Gefängnissen gesprengt.
Zur Kritik an der türkischen Linken:
Es müsste Dir aufgefallen sein, dass wir gerade keine
Todesverherrlichung und keinen Märtyrerkult betreiben,
dass diese Worte in unserem Artikel kein einziges Mal vorkommen.
Außerdem haben wir auch nicht von "Nazilagern"
und "Holocaust" geredet. Diesen Schuh ziehen wir uns
nicht an! Wir sind der Meinung, dass wir versucht haben, einen
sachlichen Artikel zu schreiben, um den Leser/innen der Raumzeit
die Situation und die Hintergründe zu vermitteln, um die
es in dem Gefängniskampf geht. Es geht vor allem um Solidarität
mit allen linken kämpfenden
Gefangenen, ohne dass wir deshalb ihre Ideologie übernehmen
müssten. Wir haben schließlich unsere eigene und verstehen
uns nicht als Sprachrohr einer der türkischen Organisationen.
Dass wir nicht so vom sicheren "Sieg" überzeugt
sind, zeigt schließlich unsere Frage, wie eine Lösung
noch erreicht werden kann, denn darum geht und muss es uns ja
gehen, nicht darum, dass "heldenhafte Märtyrer"
geschaffen werden. Dass wir in dieser Frage auch mit Gefangenen
gesprochen und (gegen Ende des Artikels) ihre Sichtweise zitieren
ist selbstverständlich; schließlich müssen sie
die Möglichkeit haben, den von ihnen geführten Kampf
und ihre Strategie zu erklären, um ihn einschätzen
zu können. Wir haben nicht dazu aufgerufen "Schafft
mehr Märtyrer", sondern dazu, zu verhindern, dass
es noch mehr Tote gibt: Durch internationale Solidarität
und durch Angreifen der Verantwortlichen auch in der BRD.
Das muss in dieser Situation auch die Intention sein, und nicht
die - berechtigte - Kritik an der türkischen Linken, die,
wenn WIR sie geäußert hätten, in Deinen Augen
sicher auch wieder "rassistisch" gewesen wäre.
Im aktuellen Gefängniskampf kämpfen die linken politischen
Gefangenen in der Türkei ums Überleben, das ihnen
vom STAAT verwehrt und geraubt wird. Deshalb sehen wir unsere
Aufgabe in der Solidarität mit ihrem Kampf. Wir teilen
eben nicht die Sichtweise des türkischen (und deutschen)
Staates und ihrer bürgerlichen Presse, dass angeblich die
linken Organisationen für Tote verantwortlich seien und
die Gefangenen vor diesen durch die Isolation "geschützt"
werden müssten. Deshalb ist es verkehrt, in diesem Zusammenhang
in das gleiche Horn zu blasen und die Betroffenen des Terrors
anzugreifen. Es geht darum, die Täter, die
für den Tod der Gefangenen verantwortlich sind, klar zu
benennen, und das sind die Herrschenden in der Türkei,
BRD, EU..., nicht diejenigen, die gegen sie kämpfen.
ekan (einige kommunistInnen aus nürnberg)
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