Wie man am schnellsten in den Himmel kommt
12 Heiligengeschichten für vor
dem Einschlafen erzählt von PIGOR
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Auf 160 Seiten behebt der Chansonist und
Satiriker (bekannt durch: Pigor singt - Eichhorn muss
begleiten) einen akuten Mangel: Moderne Zeiten brauchen
moderne Heilige
Thomas Pigor
Wie man am schnellsten in den Himmel kommt
12 Heiligengeschichten für vor dem Einschlafen erzählt
von PIGOR
24.80 DM
Eichborn Verlag,
Frankfurt am Main, März 2001
ISBN 3-8218-3550-8
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Eine Leseprobe
Hinweis für Katholiken:
Die folgenden Geschichten könnten unter Umständen
ihre religiösen Gefühle verletzen. Als echter
Katholik lesen Sie jetzt natürlich gerade wegen dieser
Warnung weiter. Auf der Suche nach scharfen Stellen empfehlen
wir Ihnen aber auch die bekannten und unbekannten Heiligengeschichten
der letzten 2000 Jahre.
....den Ortsverein der Grünen von Wendelstein heiligzusprechen
- ein angesichts der politischen Divergenzen zwischen Grüner
und kirchlicher Politik verwegener Versuch.
Was die Heiligsprechungskommission am meisten beeindruckte,
waren die lückenlosen, ordnungsgemäßen Protokolle,
die die Grünen von Wendelstein über ihre Arbeit angefertigt
hatten. Es waren 11,80 Meter Aktenordner, die vorgelegt wurden,
und diese Heiligsprechung ist wieder ein Beweis dafür,
dass genaue Protokollführung die Voraussetzung ist für
das berufliche Weiterkommen im Dies- und im Jenseits.
Selbst Gegner und Gegnerinnen der Demokratie werden zugeben
müssen, dass mit der Einführung dieser Staatsform
das Erstellen von Papieren immer einen ungeheuren Aufschwung
nimmt. Monarchien und Diktaturen kommen mit weit weniger Papier
aus, denn was Geheimdienste oder Lagerkommandanten und Lagerkommandantinnen
an Papier produzieren, ist lächerlich gegen die gesammelten
Sitzungsprotokolle des Landesverbandes einer kleinen demokratischen
Partei.
Die heiligen Grünen von St. Wendelstein protokollierten
alles, was ihnen unter die Finger kam, sie luden sich ordnungsgemäß
ein, erschienen pünktlich, wählten einen Versammlungsleiter
oder eine Versammlungsleiterin, den Protokollführer beziehungsweise
die Protokollführerin, legten dann die Tagesordnung fest
und genehmigten jeder Sitzung das Protokoll der vorhergehenden,
was wiederum im Protokoll vermerkt wurde. (...)
Im Oktober konnte dann Bernd berichten, dass der Sportverein
sein Fußballfeld für Festlichkeiten nicht mehr zur
Verfügung stellte, da nach dem Sommerfest der SPD-Ortsverein
Glassplitter auf dem Rasen gefunden worden seien. Dies sei laut
dem Vereinsvorsitzenden eine Folge der Abschaffung von Plastikbechern
und Papptellern, jener überflüssigen Mode, die neuerdings
bei den Festorganisatoren der Region Einzug gehalten hätte.
Über dieses Thema hätten sich Bernd, der einen grauen
Pullover mit V-Ausschnitt trug, und der Sportvereinsvorsitzende,
der Mitglied der CSU war, kräftig in die Haare bekommen,
und jetzt sei an eine Vermietung des Platzes überhaupt
nicht mehr zu denken.
Die politische Arbeit ist nicht leicht für eine kleine
Partei in den traditionalistisch-konservativ geprägten
Regionen des deutschen Südens, und nur selten lassen sich
grüne Positionen gegen die mafiösen, bornierten Strukturen
einer Mehrheitspartei durchsetzen, die das öffentliche
Leben weitgehend kontrolliert.
Safeta, die mit ihrem dicken schwarzen Wollpullover und ihren
langen schwarzen Haaren phantastisch aussah, wie Bernd fand,
der einen grauen Pullover mit V-Ausschnitt trug, gelang es schließlich
auf eigenes Betreiben hin, eine Genehmigung für das Sommerfest
auf dem Freizeitgelände am Wendelsteiner See zu erhalten.
Auf Vorschlag Bernds autorisierte der Ortsverein im nachhinein
ihr etwas eigenmächtiges Vorgehen, und so wurde das Fest
auf den 25. Januar festgelegt. Man hatte sich nach längerer
Diskussion von der Idee eines Sommerfestes verabschiedet und
wollte lieber jetzt Nägel mit Köpfen machen, als noch
mehr Zeit verstreichen zu lassen. Kai hatte vorgeschlagen, zu
einem "Januarputsch" auf dem zugefrorenen See einzuladen,
und bis auf Lutz hatten alle diesem Vorschlag zugestimmt. Er
trug schwarze, halbhohe Schnürstiefel mit abgeflachter
Kappe, Kai hingegen dick gefütterte, braune Camelboots
mit einer Profilsohle, die auf dem Fußboden deutliche Abdrücke
von Schmutzwasser hinterließ. Cornelius trug während
der Sitzung eine grüne Skilatzhose und blaue Plastikschuhe,
war aber nicht anwesend. (...)
Der Märtyrertod des Ortsverbands Niemand aus der übrigen
Parteilandschaft bemerkte das Verschwinden des grünen Ortsverbandes
und seiner Sympathisanten. Erst Gabis Mann machte sich am anderen
Morgen auf die Suche und fand in der Mitte des Sees, denn in
der Nacht waren die Temperaturen gesunken und die Eisdecke hatte
sich wieder geschlossen, den eingefrorenen Kinderwagen mit dem
toten Florian.
Der böse Kommentar eines CSU- und Sportvereinsmitglieds,
dass man, wäre Gabis Mann auch auf das Fest gegangen, das
Verschwinden der Grünen erst bei den nächsten Wahlen
bemerkt hätte, ist nicht repräsentativ und bleibt
deshalb hier unerwähnt. Eine vom Pächter der örtlichen
Gastwirtschaft durchgeführte Berechnung des Wähler-
und Wählerinnenverhaltens in der Gemeinde ergab, dass das
schwarze Schaf mit untergegangen sein musste.
Bei der Durchsicht der Protokolle fiel der Kommission eine gewisse
Claudia auf, deren Anwesenheit bei allen Sitzungen zwar im Protokoll
vermerkt war, deren Leiche auch identifiziert werden konnte,
die sich aber nie irgendwie aktenkundig geäußert hatte.
Anscheinen war sie von den anderen kontinuierlich übersehen
worden. Der Untergang der heiligen Grünen von Wendelstein
gilt als Symbol für die Kälte in Deutschland, speziell
in Süddeutschland.
Dem Ortsverein wurde das Schutzpatronat für Politiker und
Politikerinnen wieder aberkannt, nachdem festgestellt wurde,
dass sie von den Politikern und Politikerinnen nichtgrüner
Couleur so gut wie gar nicht angerufen wurden. Heute sind die
Grünen von Wendelstein die Schutzheiligen der Splitterparteien.
Ihnen zu Ehren macht man bei den Kommunalwahlen auf seinem Stimmzettel
ein Kreuz bei einem völlig aussichtslosen Kandidaten oder
einer völlig aussichtslosen Kandidatin. Ihr Festtag fällt
immer mit den Kommunalwahlen zusammen, wird also alle vier Jahre
von den Landeswahlleitern und Landeswahlleiterinnen festgelegt.
Thomas Pigor
Wie man am schnellsten in den Himmel kommt
12 Heiligengeschichten für vor dem Einschlafen erzählt
von PIGOR
24.80 DM
Eichborn Verlag, Frankfurt
am Main, März 2001
ISBN 3-8218-3550-8
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