Selma fällt unter den Tisch
Wege zu einer Vergessenen haben sie finden wollen, so Regisseur
Fred Apke, Komponist Heinrich Hartl und Sängerin Jutta
Czurda. Und so entstand für das Fürther Stadttheater
eine szenische Recherche mit Musik als Zugangsversuch.
Vergessen ist Selma Meerbau-Eisinger, jenes Mädchen aus
Czernowitz, das 1942 mit 18 Jahren im SS-Arbeitslager Michailowska
starb. 57 Gedichte von ihr sind erhalten geblieben, die erst
spät entdeckt wurden. Selma gehört nicht zu den vertriebenen
Literaturschaffenden, deren Werke verbrannt wurden sie hatte
gar keine Möglichkeit, bekannt zu werden.
Selma und Anne Frank scheinen Schwestern zu sein, von denen
die eine dokumentiert, was die andere dichtet. Es ist
eine Lyrik, die man weinend vor Aufregung liest, urteilte
Hilde Domin. In der Tat sind es meist tieftraurige, zeittypische
Gedichte, geprägt durch eine unerwiderte Liebe und durch
das rege kulturelle Leben in der Hauptstadt der Bukowina, die
einst ein jüdisches Zentrum war und Größen wie
Paul Celan, Rose Ausländer oder Gregor Rezzori hervorbrachte.
Oft werfen die Texte die Frage auf, welchem jungen Mädchen
es nicht ähnlich erging. Aber da ist Selmas tragisches
Schicksal genug Stoff, um ihr einen Abend zu widmen? Was, wenn
sie noch lebte? Diese Frage wird auch von Hartl auf der Bühne
gestellt, aber unbeantwortet gelassen.
Für solche Zwischentöne ist wenig Zeit Allzu viel
wird da in Kulissen-Versatzstücke, die aus einem Thron,
einem Kristallleuchter und einem bühnenfüllenden Tisch
bestehen, hineingezwängt. In Zusammenarbeit mit Michael
Aue von der Nürnberger Medienwerkstatt entstand auf einer
Reise in die Bukowina, wo man an Originalschauplätzen drehte,
ein multimedialer Overkill. Im Hintergrund eine riesige Leinwand,
über den Köpfen sechs Bildmonitore, aus dem Off eingespielt
die Stimme einer Zeitzeugin, links ein Gewirr aus Notenpulten,
an denen ein Streichquartett und ein Perkussionist Hartls Vertonungen
der Gedichte spielen, rechts ein mannshoher Spiegel, der für
allerlei Konfusionen sorgt. Mittendrin Jutta Czurda, die sich
als Jutta selbst spielt, und Heinrich Hartl, der sein erfrischend
sarkastisches schauspielerisches Debüt gibt.
Dargeboten wird eine Probensituation. Komponist und Darstellerin
treffen sich auf der Probebühne und rätseln über
Wege zu der Ermordeten. Immer wieder kommen Zweifel an dem Projektes
auf, man will aufgeben. Thematisiert werden die Fahrt nach Czernowitz,
die Beziehung der zwei Künstler zueinander und der Druck,
ein Stück auf die Bühne zu bringen.
Und Selma? Im Hintergrund spukt sie als Person umher, dargestellt
von Kathrina Teuffert, schiebt sich mit ihrem Fahrrad heran,
tritt heftig in die Pedale, versteckt sich, wandert ziellos
umher. Wir erleben sie jugendlich, in ihren Lejser verliebt,
nach dem sie immer wieder ruft. Sie wirkt wie ein surrealer
Traum, wie ein Dia, das an eines der Fotos erinnert, die von
ihr erhalten sind.
Folgenschwer für die Inszenierung ist genau diese Differenz,
dass Selma zwar auf der Bühne anwesend ist, jedoch als
Nebenfigur unwirklich im Hintergrund bleibt. Um wen geht es
hier eigentlich? Nur wenig Szenisches erzeugt Nachhaltigkeit,
die poetische Substanz verliert sich in der multimedialen Übermacht
der Bilder und der anstrengenden Parallelmontage von Handlung,
Liedbearbeitung, Reiseskizze, Biographie und Literatur. Was
ist durch Dauerberieselung gewonnen? In diesem Fall leider oft
nur peinlich Banales und unnötige Doppelungen, wenn z.B.
eine Schiffschaukel auf der Leinwand in groß und auf den
Monitoren in klein zum Wiegenlied eingeblendet wird.
Selmas zarte Lyrik verliert den aussichtslosen Kampf gegen die
Reizüberflutung. Auch der niedersinkende Kronleuchter,
in dem sich Jutta Czurda versteckt, fördert nur hohles
Pathos zutage. Wenn der mörderische Antisemitismus durch
abgefilmte Flammen verdeutlicht und dazu die Gedichtzeile intoniert
wird und der Wind weht, und die Nacht wird kalt,
während das Mädchen ins Unendliche starrt, ist das
Maß endgültig voll. Weniger ist eben manchmal doch
mehr und fehlende Originalität lässt sich schwer durch
einen Medien-Zirkus ersetzen.
Schade um das gut gemeinte Projekt und um Hartls schöne
Vertonungen, die zwischen Spätromantik und Klezmer angesiedelt
sind und den Lebenshunger ebenso wie die Traurigkeit des Mädchens
widerspiegeln, wobei sie das Schtetl-Musik-Klischee weiträumig
umgehen. Schade auch um die authentischen Kommentare der Zeitzeugin
Pearl Fichman, die als einzige den Antisemitismus thematisieren
aber völlig abgedrängt werden.
Weitere Vorstellungen von Selma Oder die Reise um den
Tisch am 2. und 3. sowie 22. und 23. Mai um 19.30 im Fürther
Stadttheater.
A. D.
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