zeitung für den grossraum nürnberg - fürth - erlangen
 
Nr. 7             14. Mai 2001

INHALT

Editorial
Medien
Widerständig
Kommentiertes
Debatten
Literarisches
Schöne Künste
Musik
Veranstaltung
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Editorial
 
Zum Geleit



 
Medien
 
Ausgezeichnet: 7 Preise für Medienmacherinnen aus Internet und Radio


Was aus dem linken Blätterwald herausragt



 
Widerständig
 
Interview mit einem Exbrigadisten aus dem Spanischen Bürgerkrieg


Fürth: Tätowierladen wird zur Nazizentrale


20. Juni: Demo im Internet


Unsere Staatsanwaltschaft schützt auch den Frieden abgerissener Häuser


Ärzte: Internationaler IPPNW-Kongress in Erlangen


Amnesty wird 40 JAhre alt


Urlaubskalender für politisch Aktive


Verfassungsungsbeschwerde: Kriegsdienstgegner besteht auf Meinungsfreiheit


Protest in der BRD: Flüchtlinge in unsichtbaren Ketten


Erlanger Grüne Liste boykottiert Fragebogenaktion: "Haben sie Kontakt zu Personen anderer Staatsbürgerschaft?"


Woche gegen Rassismus und Rechtsextremismus in Fürth



 
Kommentiertes
 
kulinarischer Kommentar zu Schröders Arbeitslosenschelte


Wolfgang Schlicht über Ereignisse des Monatsext


Nürnberger OB zeigt saubere Fingernägel im Internet



 
Debatten
 
Diskussion bei Radio Z: Sterbehilfe wurde in den Niederlanden gesetzlich geregelt


Statement: Heterosexismus in der Linken?


Zum LeserInnenbrief aus Raumzeit No 6



 
Literarisches
 
Leseprobe: 12 Heiligengeschichten für vor dem Einschlafen erzählt von PIGOR



 
Schöne Künste
 
Aufführung im Fürther Stadtheater: Selma oder die Reise um den Tisch


Die Gostenhofer Ateliertage


 
Musik
 
Olu Dara's Album: Neighbourhoodt


CD-Tipps aus der aktuellen Frühjahrskollektion



 
Veranstaltung
 
Der Veranstaltungskalender
Schöne Künste

 

Selma fällt unter den Tisch

Wege zu einer Vergessenen haben sie finden wollen, so Regisseur Fred Apke, Komponist Heinrich Hartl und Sängerin Jutta Czurda. Und so entstand für das Fürther Stadttheater eine „szenische Recherche mit Musik“ als Zugangsversuch. Vergessen ist Selma Meerbau-Eisinger, jenes Mädchen aus Czernowitz, das 1942 mit 18 Jahren im SS-Arbeitslager Michailowska starb. 57 Gedichte von ihr sind erhalten geblieben, die erst spät entdeckt wurden. Selma gehört nicht zu den vertriebenen Literaturschaffenden, deren Werke verbrannt wurden sie hatte gar keine Möglichkeit, bekannt zu werden.

Selma und Anne Frank scheinen Schwestern zu sein, von denen die eine dokumentiert, was die andere dichtet. „Es ist eine Lyrik, die man weinend vor Aufregung liest“, urteilte Hilde Domin. In der Tat sind es meist tieftraurige, zeittypische Gedichte, geprägt durch eine unerwiderte Liebe und durch das rege kulturelle Leben in der Hauptstadt der Bukowina, die einst ein jüdisches Zentrum war und Größen wie Paul Celan, Rose Ausländer oder Gregor Rezzori hervorbrachte. Oft werfen die Texte die Frage auf, welchem jungen Mädchen es nicht ähnlich erging. Aber da ist Selmas tragisches Schicksal genug Stoff, um ihr einen Abend zu widmen? Was, wenn sie noch lebte? Diese Frage wird auch von Hartl auf der Bühne gestellt, aber unbeantwortet gelassen.

Für solche Zwischentöne ist wenig Zeit Allzu viel wird da in Kulissen-Versatzstücke, die aus einem Thron, einem Kristallleuchter und einem bühnenfüllenden Tisch bestehen, hineingezwängt. In Zusammenarbeit mit Michael Aue von der Nürnberger Medienwerkstatt entstand auf einer Reise in die Bukowina, wo man an Originalschauplätzen drehte, ein multimedialer Overkill. Im Hintergrund eine riesige Leinwand, über den Köpfen sechs Bildmonitore, aus dem Off eingespielt die Stimme einer Zeitzeugin, links ein Gewirr aus Notenpulten, an denen ein Streichquartett und ein Perkussionist Hartls Vertonungen der Gedichte spielen, rechts ein mannshoher Spiegel, der für allerlei Konfusionen sorgt. Mittendrin Jutta Czurda, die sich als Jutta selbst spielt, und Heinrich Hartl, der sein erfrischend sarkastisches schauspielerisches Debüt gibt.

Dargeboten wird eine Probensituation. Komponist und Darstellerin treffen sich auf der Probebühne und rätseln über Wege zu der Ermordeten. Immer wieder kommen Zweifel an dem Projektes auf, man will aufgeben. Thematisiert werden die Fahrt nach Czernowitz, die Beziehung der zwei Künstler zueinander und der Druck, ein Stück auf die Bühne zu bringen.
Und Selma? Im Hintergrund spukt sie als Person umher, dargestellt von Kathrina Teuffert, schiebt sich mit ihrem Fahrrad heran, tritt heftig in die Pedale, versteckt sich, wandert ziellos umher. Wir erleben sie jugendlich, in ihren Lejser verliebt, nach dem sie immer wieder ruft. Sie wirkt wie ein surrealer Traum, wie ein Dia, das an eines der Fotos erinnert, die von ihr erhalten sind.

Folgenschwer für die Inszenierung ist genau diese Differenz, dass Selma zwar auf der Bühne anwesend ist, jedoch als Nebenfigur unwirklich im Hintergrund bleibt. Um wen geht es hier eigentlich? Nur wenig Szenisches erzeugt Nachhaltigkeit, die poetische Substanz verliert sich in der multimedialen Übermacht der Bilder und der anstrengenden Parallelmontage von Handlung, Liedbearbeitung, Reiseskizze, Biographie und Literatur. Was ist durch Dauerberieselung gewonnen? In diesem Fall leider oft nur peinlich Banales und unnötige Doppelungen, wenn z.B. eine Schiffschaukel auf der Leinwand in groß und auf den Monitoren in klein zum „Wiegenlied“ eingeblendet wird. Selmas zarte Lyrik verliert den aussichtslosen Kampf gegen die Reizüberflutung. Auch der niedersinkende Kronleuchter, in dem sich Jutta Czurda versteckt, fördert nur hohles Pathos zutage. Wenn der mörderische Antisemitismus durch abgefilmte Flammen verdeutlicht und dazu die Gedichtzeile intoniert wird „und der Wind weht, und die Nacht wird kalt“, während das Mädchen ins Unendliche starrt, ist das Maß endgültig voll. Weniger ist eben manchmal doch mehr und fehlende Originalität lässt sich schwer durch einen Medien-Zirkus ersetzen.

Schade um das gut gemeinte Projekt und um Hartls schöne Vertonungen, die zwischen Spätromantik und Klezmer angesiedelt sind und den Lebenshunger ebenso wie die Traurigkeit des Mädchens widerspiegeln, wobei sie das Schtetl-Musik-Klischee weiträumig umgehen. Schade auch um die authentischen Kommentare der Zeitzeugin Pearl Fichman, die als einzige den Antisemitismus thematisieren aber völlig abgedrängt werden.

Weitere Vorstellungen von „Selma Oder die Reise um den Tisch“ am 2. und 3. sowie 22. und 23. Mai um 19.30 im Fürther Stadttheater.

A. D.