Olu Dara - Neighbourhoods
Mehr als 35 Jahre lang spielte er die zweite Geige,
bis er endlich, im stolzen Alter von 57 Jahren, sein erstes
Solo-Album aufnahm. Doch der Sänger, Songschreiber,
Gitarrist und Kornettist Olu Dara ist nicht nur in dieser
Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung.
Geboren wurde Olu Dara vor 60 Jahren in der Stadt Natchez
im US-Bundesstaat Mississippi. |
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Schon im Alter von sieben Jahren begann er, Trompete zu spielen
und probierte auch andere kreative Tätigkeiten wie Malen
und Schauspielen für sich aus. Nach dem College ging er
zur Navy. Nicht aus Begeisterung für die Armee etwa, sondern
weil sich ihm hier die Möglichkeit bot, zwei Neigungen
unter einen Hut zu bringen, nämlich das Reisen und das
Musizieren. Und so spielte er in Europa, Afrika, der Karibik,
oder wo immer ihn die Navy hinschickte, in Marschkapellen, Big
Bands oder kleinen Jazz-Ensembles. "In jedem Land, das
ich besuchte, gab es andere Klänge", erzählt
er, "Klänge, die ich noch nie gehört hatte. Ich
hatte nie zuvor afrikanische Musik gehört. Ich fand heraus,
dass es da eine definitive Verwandtschaft mit dem Mississippi-Blues
gibt. Aber diese Musik ist sehr fröhlich. Sogar wenn sie
über etwas Trauriges singen, wird man das nie bemerken,
solange man die Sprache nicht kennt. Das hat mich sehr berührt."
1963 kam Olu nach New York, wo er eine achtjährige Pause
einlegte und mehr Fan als Musiker war. Danach wurde er Mitglied
bei Art Blakey's Jazz Messengers. In den 70er Jahren war er
viel beschäftigt, er begleitete u.a. Brian Eno, James Blood
Ulmer, Taj Mahal, Cassandra Wilson und viele mehr. In den frühen
Achtzigern gründete er sein eigenes, siebenköpfiges
"Okra-Orchestra" und die vierköpfige "Natchezsippi
Dance Band". "Wir spielten die ganze Zeit, aber ich
kann an einer Hand abzählen, wie oft wir in den 15 Jahren
zum Proben zusammen kamen", erinnert sich Olu Dara. "Ich
will, dass wir einfach spontan bleiben".
Diese Spontaneität strahlt auch sein 98er Debüt
"In the world - from Natchez to New York" aus. Eine
selten gehörte Melange aus Blues, Jazz, afrikanischen Grooves
und karibischen Sounds, die, wenn sie überhaupt an jemanden
erinnert, am ehesten mit den Crossover-Experimenten Taj Mahals
zu vergleichen ist. Olu Dara ist ein hervorragender Geschichtenerzähler,
der seinen Stoff im Alltäglichen, im scheinbar Nichtigen
findet. Mit jedem Song erschließt sich dem Hörer eine
kleine Welt, und wenn es nur ein Geschmack, ein Geruch oder
der Zauber eines Augenblicks ist. "Ich denke nicht, dass
ich ein großes intellektuelles Statement machen muss"
sagt er selbst, "Ich mache einfach mich selbst und damit
die Welt glücklich."
Sein neues, zweites Album "Neighbourhoods" entspringt
der gleichen Philosophie. Seine reguläre Band hat er diesmal
um den omnipräsenten Dr. John an der Orgel bei einigen
Songs erweitert. Außerdem singt er mit seiner ehemaligen
Arbeitgeberin Cassandra Wilson ein wunderschönes Duett.
Im Großen und Ganzen hat Olu die Koordinaten hörbar
in Richtung Funk verschoben, wobei die afrikanisch-karibischen
Einflüsse immer noch präsent sind. Dazwischen finden
wir knarzigen Countryblues, jazzige Harmonien und sogar ein
hübsches kleines Seemannslied.
Auch wenn die Songs nicht durchgehend an die Klasse seines Debüts
heranreichen, so ist Olu Dara nach wie vor einer der charmantesten
und interessantesten Vertreter der weltoffenen Rootsmusik.
Peter Gruner
(CD: Olu Dara - "Neighbourhoods", Atlantic/Warner)
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