Von JägerInnen, nicht nur für SammlerInnen
Compilation-Tipps aus der aktuellen Frühjahrs-Kollektion
Compilations oder Sampler sind immer eine nette Gelegenheit
für Plattenfirmen, ihr Programm vorzustellen oder sich
als KuratorInnen ultimativer, mixtape-ähnlicher Zusammenstellungen
zu betätigen. Ähnlich wie in der Modebranche hat sich
schon fast ein Saisondenken eingeschlichen, denn neben dem herbstlichen
Vorweihnachtsgeschäft treibt besonders das Frühjahr
die schönsten Compilation-Blüten. Wir haben ein paar
Empfehlungen mit frühlingsfrischer Musik zusammengestellt.
Zuallererst
und sozusagen der Abräumer der Saison ist die Zusammenstellung
Calling All Kings And Queens des amerikanischen
Mr. Lady-Labels. Ex-Team Dresch-Sängerin Kaia, die dieses
Label leitet, compiliert die Bands aus ihrem Umfeld und viele
unbekannte aus dem U.S.-Gitarrenunderground. Allerdings mit
einer Prämisse: hier sind fast nur Frauen zu Gange. Schließlich
ist Mr. Lady das - mit Recht - selbsternannte musikalische Zentralorgan
der feministisch/lesbischen Szene in den USA. Aber nenn' es
nicht Queercore, nenn' es nicht Riot Grrrrl, das hier ist einfach
Musik, sehr gut und sehr abwechslungsreich. Mit dabei sind SLEATER-KINNEY,
THE BUTCHIES, LE TIGRE, AMY RAY (von den INDIGO GIRLS) und viele
weniger Bekannte, z. B. die grandiosen CALIFORNIA LIGHTENING.
Die CD mit insgesamt 18 Songs gibt's in Deutschland leider nur
per Import (z. B. beim Flight 13-Mailorder, www.flight13.com).
Nächstes Schmankerl und momentan eine der besten Compilations
mit elektronischer Musik ist die zweite Folge der von Stefan
Betke alias POLE zusammengestellten Reihe Staedtizism
(scape/EFA). Gegenüber der ersten Folge tut der aktuellen
Ausgabe ein Mehr an songhaften Tracks gut, tiefer Dub und melancholische
Melodien finden hier auf teilweise bezaubernde Weise zueinander.
Besonders toll ist dies den Herrschaften JAN JELINEK, SAD ROCKETS
und der dänischen Mini-Supergroup SYSTEM gelungen, aber
auch die Tracks von BURNT FRIEDMANN, KIT CLAYTON oder LOW RES
lassen keine Wünsche offen. Außerdem werden hier Newcomer
wie NOLTE oder BUS vorgestellt, deren Stücke einiges für
die Zukunft erhoffen lassen.
Ganz anders als der urbane Dub von Staedtizism 2
ist die Compilation Folky - Acoustic Music In Digital
Times (Spectrum Works/Groove Attack). Hier zieht frische
Landluft durch's Zimmer, allerdings in berückend eleganter
Weise. Zusammengestellt von Lars Vegas (eine Hälfte des
Kölner Downbeat-Duos KARMA) steht auf Folky
die akustische Gitarre im Vordergrund - elektronische Klänge
bleiben Beiwerk oder fehlen bei einigen Tracks völlig.
Hier wird im Geiste eines TOMMY GUERRERO oder des großen
Soul-Folk-Sängers TERRY CALLIER musiziert. Mit dabei sind
u. a. ZERO 7, KING BRITT und die Augsburger LES GAMMAS. Zum
Pflichtkauf wird die Compilation durch das geniale Mi
Novela Autobiogràfica der spanischen Gruppe LE MANS,
das hier zum ersten Mal auf CD erscheint. Ein traumhafter sonnendurchfluteter
Indie-Popsong! Folky - 11 Songs für einen Frühling
zwischen Sehnsucht, Coolness und Eleganz.
Zurück in die Stadt, genauer gesagt an den Hamburger Hafen.
Dort hat seit Mitte der Neunziger der Golden Pudel Club sein
Domizil. Das Ding ist ja eigentlich nichts anderes als eine
Baracke mit Bar und Soundanlage. Zu etwas Besonderem wird es
aber durch den eigenen Stil der Betreiber ROCKO SCHAMONI und
SCHORSCH KAMERUN. Die beiden wagen auf der Doppel-CD Operation
Pudel 2001 (L'age d'or/Zomba) den Versuch, ihr Night-Life-Konzept
aus Exzess, Political Correctness, Humor und Anspruch in Sampler-Form
zu gießen. Mit durchschnittlichem Erfolg. Zwar kann mensch
sich hier unendlich im Namedropping ergehen (28 Tracks von Menschen
wie KNARF RELLÖM feat. JAN DELAY, MOUSE ON MARS, STEREO
TOTAL, den EGO EXPRESS-Leuten, TURNER, HANS NIESWANDT und dem
ganzen Hamburger Klüngel unter verschiedenen Pseudonymen),
wirklich Großes leisten hier aber nur wenige. Viele der
Stücke sind übrigens elektronisch und eher für
den Dancefloor, Hamburger Schule-Fans sollten also nicht blind
zugreifen. Ziemlich versponnen das Ganze, aber für eine
gute Sache: alle Erlöse gehen an das Solidaritätsbündnis
Free Mumia Abu-Jamal.
Auch versponnen: plötzlich sind 80er-Jahre 8-Bit-Sounds
der letzte Schrei. Die Nerds von heute entdecken den Commodore
64 neu, ob als Musikinstrument für ihre eigenen Produktionen
oder als kultige Spielekonsole mit Retro-Charme. Nach dem Micromusic-Sampler
Ende letzten Jahres steht nun eine Zusammenstellung mit Musik
aus Original C64-Spielen an. Input 64 (Enduro/L'age
d'or/Zomba) versammelt die bedeutensten Komponisten von damals
- Leute wie JEROEM TEL, ROB HUBBARD oder CHRIS HUELSBECK, die
heute (natürlich) niemand mehr kennt. Aus den Boxen kullern
putzige Klangwürfelchen und Grobmotorik-Beats, wie sie
heute niemand mehr hinbekommt. Rockender Retro-Humor at it's
best, allerdings inklusive erhöhtem Nerv-Faktor.
Noch weiter in der Vergangenheit gräbt das Londoner Label
Soul Jazz Records (Vertrieb: Indigo) - und bringt dabei regelmäßig
Kostbarkeiten zu Tage. Ein Soul Jazz-Sampler ist immer ein Fest
für FreundInnen der (vornehmlich schwarzen) Musik der 60er
und 70er Jahre. Studio One Rockers ist eine ultimative
Zusammenstellung von Tracks aus der Blütezeit des jamaikanischen
Studio One-Labels. Songs wie No, No, No von DAWN
PENN, Skylarking von HORACE ANDY oder Feel
Like Jumping von MARCIA GRIFFITHS sind allesamt Klassiker,
als Zugabe gibt es unbekannteres von Größen wie JACKIE
MITTOO, den SKATALITES oder ERNEST RANGLIN zu hören. Reggae,
Ska und Rocksteady von höchster Qualität. Ein ausführliches
Interview mit Studio One-Gründer Clement Coxsone
Dodd findet sich im Beiheft. Zweiter Tipp aus dem Hause Soul
Jazz Records ist die Compilation Philadelphia Roots
mit Songs aus den Jahren 1967 bis 1973. Hier werden die Wurzeln
des Philly-Sounds beleuchtet und viele unbekannte
Songs wieder ans Tageslicht gebracht. Produktionen aus Philadelphia
gaben in den 70er Jahren den Ton in den amerikanichen R'n'B-Charts
an, Gruppen wie die O'JAYS oder HAROLD MELVIN & THE BLUE
NOTES landeten einen Hit nach dem anderen. Auf Philadelphia
Roots lässt sich, auch anhand des ausführlichen
Beiheftes, der Aufstieg dieser Stadt zum zeitweiligen Mekka
für Funk und Soul nachvollziehen.
Ebenfalls einen guten Ruf für exzellente Wiederveröffentlichungen
hat das Label Harmless (Vertrieb: Edel Contraire). Auf der neuesten
Zusammenstellung, dem zweiten Teil der Serie I Am A Good
Woman ist ebenfalls feinster Soul und Funk von Ende der
60er/Anfang der 70er Jahre vertreten, hier ausschließlich
von Frauen interpretiert. Dem Untertitel Funk Classics
From Sassy Soul Sisters werden die beteiligten Künstlerinnen
wie ANN PEBBLES, MARIE QUEENIE LYONS, BETTY DAVIS
oder ARETHA FRANKLIN auf groovigste Weise gerecht und mit NIKKI
GIOVANNI's Ego Tripping ist einer der poetisch-selbstbewusstesten
Songs von afroamerikanischen Frauen über afroamerikanische
Frauen wieder regulär erhältlich. Schon allein für
letzteres gebührt Harmless ein herzliches Dankeschön.
Tobias Lindemann
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