zeitung für den grossraum nürnberg - fürth - erlangen
 
Nr. 7             14. Mai 2001

INHALT

Editorial
Medien
Widerständig
Kommentiertes
Debatten
Literarisches
Schöne Künste
Musik
Veranstaltung
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Editorial
 
Zum Geleit



 
Medien
 
Ausgezeichnet: 7 Preise für Medienmacherinnen aus Internet und Radio


Was aus dem linken Blätterwald herausragt



 
Widerständig
 
Interview mit einem Exbrigadisten aus dem Spanischen Bürgerkrieg


Fürth: Tätowierladen wird zur Nazizentrale


20. Juni: Demo im Internet


Unsere Staatsanwaltschaft schützt auch den Frieden abgerissener Häuser


Ärzte: Internationaler IPPNW-Kongress in Erlangen


Amnesty wird 40 JAhre alt


Urlaubskalender für politisch Aktive


Verfassungsungsbeschwerde: Kriegsdienstgegner besteht auf Meinungsfreiheit


Protest in der BRD: Flüchtlinge in unsichtbaren Ketten


Erlanger Grüne Liste boykottiert Fragebogenaktion: "Haben sie Kontakt zu Personen anderer Staatsbürgerschaft?"


Woche gegen Rassismus und Rechtsextremismus in Fürth



 
Kommentiertes
 
kulinarischer Kommentar zu Schröders Arbeitslosenschelte


Wolfgang Schlicht über Ereignisse des Monatsext


Nürnberger OB zeigt saubere Fingernägel im Internet



 
Debatten
 
Diskussion bei Radio Z: Sterbehilfe wurde in den Niederlanden gesetzlich geregelt


Statement: Heterosexismus in der Linken?


Zum LeserInnenbrief aus Raumzeit No 6



 
Literarisches
 
Leseprobe: 12 Heiligengeschichten für vor dem Einschlafen erzählt von PIGOR



 
Schöne Künste
 
Aufführung im Fürther Stadtheater: Selma oder die Reise um den Tisch


Die Gostenhofer Ateliertage


 
Musik
 
Olu Dara's Album: Neighbourhoodt


CD-Tipps aus der aktuellen Frühjahrskollektion



 
Veranstaltung
 
Der Veranstaltungskalender
Musik

 

Von JägerInnen, nicht nur für SammlerInnen

Compilation-Tipps aus der aktuellen Frühjahrs-Kollektion

Compilations oder Sampler sind immer eine nette Gelegenheit für Plattenfirmen, ihr Programm vorzustellen oder sich als KuratorInnen ultimativer, mixtape-ähnlicher Zusammenstellungen zu betätigen. Ähnlich wie in der Modebranche hat sich schon fast ein Saisondenken eingeschlichen, denn neben dem herbstlichen Vorweihnachtsgeschäft treibt besonders das Frühjahr die schönsten Compilation-Blüten. Wir haben ein paar Empfehlungen mit frühlingsfrischer Musik zusammengestellt.

Zuallererst und sozusagen der Abräumer der Saison ist die Zusammenstellung „Calling All Kings And Queens“ des amerikanischen Mr. Lady-Labels. Ex-Team Dresch-Sängerin Kaia, die dieses Label leitet, compiliert die Bands aus ihrem Umfeld und viele unbekannte aus dem U.S.-Gitarrenunderground. Allerdings mit einer Prämisse: hier sind fast nur Frauen zu Gange. Schließlich ist Mr. Lady das - mit Recht - selbsternannte musikalische Zentralorgan der feministisch/lesbischen Szene in den USA. Aber nenn' es nicht Queercore, nenn' es nicht Riot Grrrrl, das hier ist einfach Musik, sehr gut und sehr abwechslungsreich. Mit dabei sind SLEATER-KINNEY, THE BUTCHIES, LE TIGRE, AMY RAY (von den INDIGO GIRLS) und viele weniger Bekannte, z. B. die grandiosen CALIFORNIA LIGHTENING. Die CD mit insgesamt 18 Songs gibt's in Deutschland leider nur per Import (z. B. beim Flight 13-Mailorder, www.flight13.com).

Nächstes Schmankerl und momentan eine der besten Compilations mit elektronischer Musik ist die zweite Folge der von Stefan Betke alias POLE zusammengestellten Reihe „Staedtizism“ (scape/EFA). Gegenüber der ersten Folge tut der aktuellen Ausgabe ein Mehr an songhaften Tracks gut, tiefer Dub und melancholische Melodien finden hier auf teilweise bezaubernde Weise zueinander. Besonders toll ist dies den Herrschaften JAN JELINEK, SAD ROCKETS und der dänischen Mini-Supergroup SYSTEM gelungen, aber auch die Tracks von BURNT FRIEDMANN, KIT CLAYTON oder LOW RES lassen keine Wünsche offen. Außerdem werden hier Newcomer wie NOLTE oder BUS vorgestellt, deren Stücke einiges für die Zukunft erhoffen lassen.

Ganz anders als der urbane Dub von „Staedtizism 2“ ist die Compilation „Folky - Acoustic Music In Digital Times“ (Spectrum Works/Groove Attack). Hier zieht frische Landluft durch's Zimmer, allerdings in berückend eleganter Weise. Zusammengestellt von Lars Vegas (eine Hälfte des Kölner Downbeat-Duos KARMA) steht auf „Folky“ die akustische Gitarre im Vordergrund - elektronische Klänge bleiben Beiwerk oder fehlen bei einigen Tracks völlig. Hier wird im Geiste eines TOMMY GUERRERO oder des großen Soul-Folk-Sängers TERRY CALLIER musiziert. Mit dabei sind u. a. ZERO 7, KING BRITT und die Augsburger LES GAMMAS. Zum Pflichtkauf wird die Compilation durch das geniale „Mi Novela Autobiogràfica“ der spanischen Gruppe LE MANS, das hier zum ersten Mal auf CD erscheint. Ein traumhafter sonnendurchfluteter Indie-Popsong! „Folky“ - 11 Songs für einen Frühling zwischen Sehnsucht, Coolness und Eleganz.

Zurück in die Stadt, genauer gesagt an den Hamburger Hafen. Dort hat seit Mitte der Neunziger der Golden Pudel Club sein Domizil. Das Ding ist ja eigentlich nichts anderes als eine Baracke mit Bar und Soundanlage. Zu etwas Besonderem wird es aber durch den eigenen Stil der Betreiber ROCKO SCHAMONI und SCHORSCH KAMERUN. Die beiden wagen auf der Doppel-CD „Operation Pudel 2001“ (L'age d'or/Zomba) den Versuch, ihr Night-Life-Konzept aus Exzess, Political Correctness, Humor und Anspruch in Sampler-Form zu gießen. Mit durchschnittlichem Erfolg. Zwar kann mensch sich hier unendlich im Namedropping ergehen (28 Tracks von Menschen wie KNARF RELLÖM feat. JAN DELAY, MOUSE ON MARS, STEREO TOTAL, den EGO EXPRESS-Leuten, TURNER, HANS NIESWANDT und dem ganzen Hamburger Klüngel unter verschiedenen Pseudonymen), wirklich Großes leisten hier aber nur wenige. Viele der Stücke sind übrigens elektronisch und eher für den Dancefloor, Hamburger Schule-Fans sollten also nicht blind zugreifen. Ziemlich versponnen das Ganze, aber für eine gute Sache: alle Erlöse gehen an das „Solidaritätsbündnis Free Mumia Abu-Jamal.“

Auch versponnen: plötzlich sind 80er-Jahre 8-Bit-Sounds der letzte Schrei. Die Nerds von heute entdecken den Commodore 64 neu, ob als Musikinstrument für ihre eigenen Produktionen oder als kultige Spielekonsole mit Retro-Charme. Nach dem Micromusic-Sampler Ende letzten Jahres steht nun eine Zusammenstellung mit Musik aus Original C64-Spielen an. „Input 64“ (Enduro/L'age d'or/Zomba) versammelt die bedeutensten Komponisten von „damals“ - Leute wie JEROEM TEL, ROB HUBBARD oder CHRIS HUELSBECK, die heute (natürlich) niemand mehr kennt. Aus den Boxen kullern putzige Klangwürfelchen und Grobmotorik-Beats, wie sie heute niemand mehr hinbekommt. Rockender Retro-Humor at it's best, allerdings inklusive erhöhtem Nerv-Faktor.

Noch weiter in der Vergangenheit gräbt das Londoner Label Soul Jazz Records (Vertrieb: Indigo) - und bringt dabei regelmäßig Kostbarkeiten zu Tage. Ein Soul Jazz-Sampler ist immer ein Fest für FreundInnen der (vornehmlich schwarzen) Musik der 60er und 70er Jahre. „Studio One Rockers“ ist eine ultimative Zusammenstellung von Tracks aus der Blütezeit des jamaikanischen Studio One-Labels. Songs wie „No, No, No“ von DAWN PENN, „Skylarking“ von HORACE ANDY oder „Feel Like Jumping“ von MARCIA GRIFFITHS sind allesamt Klassiker, als Zugabe gibt es unbekannteres von Größen wie JACKIE MITTOO, den SKATALITES oder ERNEST RANGLIN zu hören. Reggae, Ska und Rocksteady von höchster Qualität. Ein ausführliches Interview mit Studio One-Gründer Clement „Coxsone“ Dodd findet sich im Beiheft. Zweiter Tipp aus dem Hause Soul Jazz Records ist die Compilation „Philadelphia Roots“ mit Songs aus den Jahren 1967 bis 1973. Hier werden die Wurzeln des „Philly-Sounds“ beleuchtet und viele unbekannte Songs wieder ans Tageslicht gebracht. Produktionen aus Philadelphia gaben in den 70er Jahren den Ton in den amerikanichen R'n'B-Charts an, Gruppen wie die O'JAYS oder HAROLD MELVIN & THE BLUE NOTES landeten einen Hit nach dem anderen. Auf „Philadelphia Roots“ lässt sich, auch anhand des ausführlichen Beiheftes, der Aufstieg dieser Stadt zum zeitweiligen Mekka für Funk und Soul nachvollziehen.

Ebenfalls einen guten Ruf für exzellente Wiederveröffentlichungen hat das Label Harmless (Vertrieb: Edel Contraire). Auf der neuesten Zusammenstellung, dem zweiten Teil der Serie „I Am A Good Woman“ ist ebenfalls feinster Soul und Funk von Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre vertreten, hier ausschließlich von Frauen interpretiert. Dem Untertitel „Funk Classics From Sassy Soul Sisters“ werden die beteiligten Künstlerinnen wie ANN PEBBLES, MARIE „QUEENIE“ LYONS, BETTY DAVIS oder ARETHA FRANKLIN auf groovigste Weise gerecht und mit NIKKI GIOVANNI's „Ego Tripping“ ist einer der poetisch-selbstbewusstesten Songs von afroamerikanischen Frauen über afroamerikanische Frauen wieder regulär erhältlich. Schon allein für letzteres gebührt Harmless ein herzliches Dankeschön.

Tobias Lindemann