"Gigi"- die Zeitschrift für sexuelle Emanzipation
Das herausragende Ereignis im linken Blätterwald
Gigi" nach dem Lesen einiger Ausgaben dieser Zeitung
von Begeisterungsstürmen überwältigt, greift
die Schreiberin nun zum Computer, um dem herausragendsten Ereignis
im Blätterwald neue AbonnentInnen zu werben. Wer oder was
ist "Gigi"?
Gigi" wurde als "Zeitschrift für Sexualpolitik
und kultur" Anfang 1999 von zwei "alten Schwulenaktivisten"
(so die Selbstdarstellung) sowie drei schwulen Studenten gegründet
und erschien erstmals im April jenen Jahres. Zwei Namen seien
hier erwähnt: Jürgen Nehm, ehemals Vorstand im Bundesverband
Homosexualität/BVH und Eike Stedefeld, Journalist und Buchautor.
"Gigi" entstand in der emanzipatorischen Schwulenszene
("oder dem, was davon übrig geblieben war", so
die Gründer), verstand sich aber nie als schwules Medium.
Vielmehr ging es um einen weiter gespannten emanzipatorischen
Kontext Dies spiegelt sich in der Kritik an der schwulen Bürgerrechtsbewegung
und ihrer konservativen Identitätspolitik, die im Zentrum
vieler Auseinandersetzungen steht, wider: "Es ist halt
ein emanzipatorischer Prozess, sich von deren politischer Enge
zu befreien - auch als Redaktion."
Im Mittelpunkt bei "Gigi" stehen, Themen wie Trans-
und Intersexualität, Rechtsruck der Lesben- und Schwulenbewegung,
Lebensformen- und Identitätspolitik, Prostitution und sexuelle
Gewalt. Anliegen der AutorInnen ist es, diese Themen in einen
gesamtgesellschaftlichen Rahmen zu stellen. Ob es sich dabei
um Rassismus, patriarchale Geschlechterrollen oder den übergeordneten
Zusammenhang einer "Vergesellschaftlichung durch den Wert"
handelt, auf alle Fälle gilt: "Eine Vernachlässigung
dieses Rahmens führt in die identitätspolitische Verdummung
und auf das Niveau von schwullesbischen Heimatblättchen."
Titel der alten Ausgaben - Antisemitismus, Identität, Bevölkerungspolitik,
Homo-Ehe, Intersexualität, Geschlecht und Gewalt, um ein
paar zu nennen - belegen dieses breite Themenspektrum und machen
die politische Perspektive deutlich.
Kurz vorstellen möchte ich Heft 9 "Geschlecht und
Gewalt - Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung":
Unter dem Titel "Genosse Vergewaltiger - Feministinnen
im Visier der Linken" beschäftigt sich Georg Klauda
mit dem allgemein gesellschaftlichen Rollback gegen den Feminismus,
und mit dem Umgang eines nicht unerheblichen Teils der autonomen
Szene mit sexualisierter Gewalt. "Die von der autonomen
Linken beim Thema Vergewaltigung gegen den radikalen Feminismus
in Anschlag gebrachten Argumente geben sich liberal und minoritär.
Dass sie das gerade Gegenteil sind, erweist ein Blick auf die
herrschende Meinung von 'gesundem Volksempfinden', Kriminologie
und Publizistik."
Der Autor kritisiert Camille Paglia, eine prominente Antifeministin
aus den USA, bezieht sich auf einen Artikel in der Zeitschrift
Bahamas von Krug und Wertmüller und analysiert kriminologische
Untersuchungen. Er benennt sehr klar, dass z.B. Krug und Wertmüller
herrschende antifeministische Klischees über Vergewaltigung
in ihrem Artikel reproduzieren (offenbar zur Entlastung der
Täter) und kritisiert den Täterschutz. Einige Aussagen,
die er dagegen setzt: "Es ist die bei Vergewaltigung ausbleibende
Hilfeleistung des persönlichen Umfeldes, aber auch des
Strafrechts, die für ein Opfer vermutlich am vernichtendsten
ist. Der Täterschutz (...) ist um so widerwärtiger
wenn er zur Reaktionsweise einer ganzen Szene gerinnt, die sich
mit ihm (...) aufgrund von bloßem Gruppenkonformismus aktiv
identifiziert." Weitere Aussagen beziehen sich auf die
Definitionsmacht der Frau und er kritisiert die sich in diesem
Zusammenhang meist sofort entwickelnde Glaubwürdigkeitsdiskussion.
Kriminologische Analysen und die Darstellung des Zusammenhangs
der Festigung patriarchaler Herrschaft durch sexualisierte Gewalt
/ Ehe / Geschlechterhierarchie und Zwangsheterosexualität
schließen sich an.
Die Artikel bestechen durch gute Recherchearbeit, enorm viel
Hintergrundinformation und sind in einer Sprache verpackt, die
gut lesbar und verständlich ist. Auch beißende Ironie
fehlt in den Artikeln selten.
Für den Nachhilfeunterricht zu Themen wie Feminismus, Sexismus,
Rassismus, Antisemitismus usw. für alle GenossInnen wärmstens
zu empfehlen. Abonniert zu Hauf - damit die nächsten Diskussionen
im Großraum konstruktiver und ergebnisreicher werden!
Adresse : Redaktion "Gigi", Postfach 080208, D-
10002 Berlin. 6 Ausgaben kosten 30 DM, eine gute Investition!
Trude
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