Viva la Quince Brigada!
Interview mit dem Interbrigadisten Harry Fisher
raumzeit: Wie wird Ihr Kampf in den Internationalen
Brigaden in Spanien 1937 bis 1939 in der US-Öffentlichkeit
aufgenommen? Was ist über den damaligen Kampfgegen den
Faschismus überhaupt bekannt?
Harry Fisher: Man nimmt uns so gut wie nicht zur Kenntnis,
die Ereignisse von Spanien sollen von offizieller Seite her
totgeschwiegen werden. Das war früher anders, besonders
in der McCarthy-Ära, als man uns anfeindete und als Landesverräter
betrachtete. Wir wurden pauschal als Kommunisten diffamiert,
obwohl unter uns auch Anarchisten, Gewerkschafter, Antifaschisten
und andere waren.
Jahrelang bekam ich nicht einmal einen Pass! Heute setzt man
auf Verdrängung. Wenn überhaupt etwas bekannt ist,
dann in Zusammenhang mit Ernest Hemingways Buch Wem die
Stunde schlägt. Ich spreche öfters in Schulen
oder Universitäten und musste dabei feststellen, dass die
meisten Schüler noch nie vom spanischen Bürgerkrieg
gehört hatten. Selbst manche Lehrer wissen nicht, dass
es ihn gab. Aber darum mache ich ja diese Arbeit und versuche,
aufzuklären, wo immer ich kann.
raumzeit: Ihr Buch Comrades ist
sehr nüchtern und nicht heroisierend geschrieben, sie gestehen
sogar, dass sie einmal desertieren wollten. Woher kommt dieser
Unterschied zu anderen Büchern zum Thema, die die Interbrigaden
oft glorifizieren?
H.F.: Meine Kinder brachten mich darauf, als ich ihnen
von Spanien erzählte. Sie bestanden darauf, dass auch die
negativen Erlebnisse von damals dazugehörten, wenn ich
schon ein Buch schreiben wollte, und forderten Offenheit. Mich
überzeugte das Argument, dass die Gegenseite schon so viel
lügt, dass wenigstens wir Linken ehrlich sein müssen,
zu uns selbst und zur Nachwelt. Außerdem denke ich, dass
sich unsere gerechte Sache auch vermittelt, wenn ein paar weniger
schöne Anekdoten darin vorkommen. Das macht die Kämpfe
von damals lebendiger, greifbarer und menschlicher. Immerhin
führten wir einen Krieg, da kann niemand tadellos bleiben.
Ich möchte die Kämpfenden als Menschen darstellen,
die sie schließlich waren, um ihnen ein adäquates
Denkmal zu setzen. Krieg ist die Hölle, es gibt einfach
nichts anderes dazu zu sagen.
raumzeit: Wie viele Mitglieder der Lincoln-Brigade
leben heute noch und was tun sie?
H. F.: Knapp 110 Leute, alles Männer, da sich leider
keine Frauen unter uns befanden. Die meisten sind wie ich schon
um die 90 Jahre alt und viele leben in Altersheimen oder brauchen
Pflege. Es gibt aber auch noch etliche, die wie ich weiterhin
für eine gerechtere Welt ohne Ausbeutung kämpfen,
auf Veranstaltungen reden und versuchen, über die Ereignisse
von damals zu informieren und der Jugend zu erklären, weshalb
wir gegen den Faschismus kämpften. Die jüngere Generation
sollte diese Möglichkeit nutzen und uns befragen, so lange
es uns noch gibt, denn ich denke, dass man aus unseren Erfahrungen
Rückschlüsse für heutige Kämpfe ziehen kann.
raumzeit: Wie beurteilen Sie die Linke derzeit
in den USA?
H. F. : Sie ist sehr klein und schwach. Es tut sich wenig,
vor allem bei den Arbeitskämpfen. Ein positiver Ansatz
ist die Antiglobalisierungsbewegung. Über die Ereignisse
in Seattle habe ich mich 1999 sehr gefreut, vor allem, weil
viele junge Leute dabei waren. Auch die aktuellen Bilder aus
Quebec haben mir gut gefallen. Der Internationalismus dieser
neuen Bewegung ist ihre Stärke. Sonst sehe ich leider nicht
viel Hoffnungsvolles.
raumzeit: Wie ist Ihr Eindruck von Deutschland?
Immerhin befinden Sie sich nun auf Lesereise in dem Land, dass
damals die Franco-Putschisten unterstützte und gegen das
Sie kämpften?
H. F.: Lange Zeit war Deutschland ein Feindbild für
mich. Ich muss zugeben, dass alle Deutschen für mich Faschisten
waren, obwohl ich in Spanien Mitglieder des Thälmann-Bataillons
kennen gelernt hatte und auf Marx und Engels große Stücke
halte. Ich boykottierte deutsche Produkte. Aber durch das Erscheinen
meines Buches gerade in diesem Land habe ich meine Position
überdacht und mir ist bewusst geworden, dass ich ungerecht
war. Schließlich haben auch nicht alle Amerikaner Bomben
auf Vietnam geschmissen. Als der Übersetzer mich fragte,
ob er Die Deutschen durch Die deutschen Faschisten
ersetzen dürfte, habe ich zugestimmt. Der Kontakt zu antifaschistischen
Menschen in Deutschland auf dieser Lesereise tut mir gut. Man
lernt eben nie aus. Obwohl ich die Thesen darüber kenne,
wie wenig Widerstand gegen den Nationalsozialismus es hier gegeben
hat und wie viel Kollaboration.
raumzeit: Haben Sie etwas von den viel diskutierten
Auseinandersetzungen zwischen Anarchisten und Kommunisten in
Spanien mitbekommen? Von der Abschaffung der Milizen oder der
Verdrängung der Frauen von der Front?
H.F.: Kaum. Zu Frauen, die hauptsächlich Sanitätsdienst
leisteten, hatte ich keinen Kontakt, empfand es aber als große
Ungerechtigkeit, als ich hörte, dass sie nicht mehr mit
der Waffe kämpfen sollten. Mir war es als selbstverständlich
erschienen, dass sie Mitglieder der Milizen waren.
Wir hatten einen irischen Anarchisten, der sehr auf die kommunistische
Partei schimpfte, in unserer Einheit, und er wurde deshalb in
die USA zurückgeschickt, obwohl er ein hervorragender Kämpfer
und glühender Antifaschist war. Ich hatte ihm noch geraten,
vorsichtig zu sein, denn man musste schon aufpassen, was man
sagte, aber er fühlte sich sicher, weil er völlig
integriert war. Er sagte oft zu mir, wenn alle Kommunisten so
wie unsere Genossen in der Brigade wären, würde er
sofort in die Partei eintreten.
Harry Fisher, damals Gewerkschaftsaktivist und Mitglied des
kommunistischen Jugendverbandes YCL, war einer der rund 3000
US-Interbrigadisten der Lincoln-Brigade, die in Spanien gegen
Franco kämpften und hat über seine Zeit im Bürgerkrieg
das Buch Comrades geschrieben, das bei Pahl-Rugenstein
erschienen und für 36 DM erhältlich ist (siehe Buchbesprechung
in der raumzeit 6). Zur Zeit befindet er sich auf einer
Lesereise durch die BRD.
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