zeitung für den grossraum nürnberg - fürth - erlangen
 
Nr. 7             14. Mai 2001

INHALT

Editorial
Medien
Widerständig
Kommentiertes
Debatten
Literarisches
Schöne Künste
Musik
Veranstaltung
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Editorial
 
Zum Geleit



 
Medien
 
Ausgezeichnet: 7 Preise für Medienmacherinnen aus Internet und Radio


Was aus dem linken Blätterwald herausragt



 
Widerständig
 
Interview mit einem Exbrigadisten aus dem Spanischen Bürgerkrieg


Fürth: Tätowierladen wird zur Nazizentrale


20. Juni: Demo im Internet


Unsere Staatsanwaltschaft schützt auch den Frieden abgerissener Häuser


Ärzte: Internationaler IPPNW-Kongress in Erlangen


Amnesty wird 40 JAhre alt


Urlaubskalender für politisch Aktive


Verfassungsungsbeschwerde: Kriegsdienstgegner besteht auf Meinungsfreiheit


Protest in der BRD: Flüchtlinge in unsichtbaren Ketten


Erlanger Grüne Liste boykottiert Fragebogenaktion: "Haben sie Kontakt zu Personen anderer Staatsbürgerschaft?"


Woche gegen Rassismus und Rechtsextremismus in Fürth



 
Kommentiertes
 
kulinarischer Kommentar zu Schröders Arbeitslosenschelte


Wolfgang Schlicht über Ereignisse des Monatsext


Nürnberger OB zeigt saubere Fingernägel im Internet



 
Debatten
 
Diskussion bei Radio Z: Sterbehilfe wurde in den Niederlanden gesetzlich geregelt


Statement: Heterosexismus in der Linken?


Zum LeserInnenbrief aus Raumzeit No 6



 
Literarisches
 
Leseprobe: 12 Heiligengeschichten für vor dem Einschlafen erzählt von PIGOR



 
Schöne Künste
 
Aufführung im Fürther Stadtheater: Selma oder die Reise um den Tisch


Die Gostenhofer Ateliertage


 
Musik
 
Olu Dara's Album: Neighbourhoodt


CD-Tipps aus der aktuellen Frühjahrskollektion



 
Veranstaltung
 
Der Veranstaltungskalender
Widerständiges

 

Viva la Quince Brigada!

Interview mit dem Interbrigadisten Harry Fisher

raumzeit: Wie wird Ihr Kampf in den Internationalen Brigaden in Spanien 1937 bis 1939 in der US-Öffentlichkeit aufgenommen? Was ist über den damaligen Kampfgegen den Faschismus überhaupt bekannt?

Harry Fisher: Man nimmt uns so gut wie nicht zur Kenntnis, die Ereignisse von Spanien sollen von offizieller Seite her totgeschwiegen werden. Das war früher anders, besonders in der McCarthy-Ära, als man uns anfeindete und als Landesverräter betrachtete. Wir wurden pauschal als Kommunisten diffamiert, obwohl unter uns auch Anarchisten, Gewerkschafter, Antifaschisten und andere waren.

Jahrelang bekam ich nicht einmal einen Pass! Heute setzt man auf Verdrängung. Wenn überhaupt etwas bekannt ist, dann in Zusammenhang mit Ernest Hemingways Buch „Wem die Stunde schlägt“. Ich spreche öfters in Schulen oder Universitäten und musste dabei feststellen, dass die meisten Schüler noch nie vom spanischen Bürgerkrieg gehört hatten. Selbst manche Lehrer wissen nicht, dass es ihn gab. Aber darum mache ich ja diese Arbeit und versuche, aufzuklären, wo immer ich kann.

raumzeit: Ihr Buch „Comrades“ ist sehr nüchtern und nicht heroisierend geschrieben, sie gestehen sogar, dass sie einmal desertieren wollten. Woher kommt dieser Unterschied zu anderen Büchern zum Thema, die die Interbrigaden oft glorifizieren?

H.F.: Meine Kinder brachten mich darauf, als ich ihnen von Spanien erzählte. Sie bestanden darauf, dass auch die negativen Erlebnisse von damals dazugehörten, wenn ich schon ein Buch schreiben wollte, und forderten Offenheit. Mich überzeugte das Argument, dass die Gegenseite schon so viel lügt, dass wenigstens wir Linken ehrlich sein müssen, zu uns selbst und zur Nachwelt. Außerdem denke ich, dass sich unsere gerechte Sache auch vermittelt, wenn ein paar weniger schöne Anekdoten darin vorkommen. Das macht die Kämpfe von damals lebendiger, greifbarer und menschlicher. Immerhin führten wir einen Krieg, da kann niemand tadellos bleiben. Ich möchte die Kämpfenden als Menschen darstellen, die sie schließlich waren, um ihnen ein adäquates Denkmal zu setzen. Krieg ist die Hölle, es gibt einfach nichts anderes dazu zu sagen.

raumzeit: Wie viele Mitglieder der Lincoln-Brigade leben heute noch und was tun sie?

H. F.: Knapp 110 Leute, alles Männer, da sich leider keine Frauen unter uns befanden. Die meisten sind wie ich schon um die 90 Jahre alt und viele leben in Altersheimen oder brauchen Pflege. Es gibt aber auch noch etliche, die wie ich weiterhin für eine gerechtere Welt ohne Ausbeutung kämpfen, auf Veranstaltungen reden und versuchen, über die Ereignisse von damals zu informieren und der Jugend zu erklären, weshalb wir gegen den Faschismus kämpften. Die jüngere Generation sollte diese Möglichkeit nutzen und uns befragen, so lange es uns noch gibt, denn ich denke, dass man aus unseren Erfahrungen Rückschlüsse für heutige Kämpfe ziehen kann.

raumzeit: Wie beurteilen Sie die Linke derzeit in den USA?

H. F. : Sie ist sehr klein und schwach. Es tut sich wenig, vor allem bei den Arbeitskämpfen. Ein positiver Ansatz ist die Antiglobalisierungsbewegung. Über die Ereignisse in Seattle habe ich mich 1999 sehr gefreut, vor allem, weil viele junge Leute dabei waren. Auch die aktuellen Bilder aus Quebec haben mir gut gefallen. Der Internationalismus dieser neuen Bewegung ist ihre Stärke. Sonst sehe ich leider nicht viel Hoffnungsvolles.

raumzeit: Wie ist Ihr Eindruck von Deutschland? Immerhin befinden Sie sich nun auf Lesereise in dem Land, dass damals die Franco-Putschisten unterstützte und gegen das Sie kämpften?

H. F.: Lange Zeit war Deutschland ein Feindbild für mich. Ich muss zugeben, dass alle Deutschen für mich Faschisten waren, obwohl ich in Spanien Mitglieder des Thälmann-Bataillons kennen gelernt hatte und auf Marx und Engels große Stücke halte. Ich boykottierte deutsche Produkte. Aber durch das Erscheinen meines Buches gerade in diesem Land habe ich meine Position überdacht und mir ist bewusst geworden, dass ich ungerecht war. Schließlich haben auch nicht alle Amerikaner Bomben auf Vietnam geschmissen. Als der Übersetzer mich fragte, ob er „Die Deutschen“ durch „Die deutschen Faschisten“ ersetzen dürfte, habe ich zugestimmt. Der Kontakt zu antifaschistischen Menschen in Deutschland auf dieser Lesereise tut mir gut. Man lernt eben nie aus. Obwohl ich die Thesen darüber kenne, wie wenig Widerstand gegen den Nationalsozialismus es hier gegeben hat und wie viel Kollaboration.

raumzeit: Haben Sie etwas von den viel diskutierten Auseinandersetzungen zwischen Anarchisten und Kommunisten in Spanien mitbekommen? Von der Abschaffung der Milizen oder der Verdrängung der Frauen von der Front?

H.F.: Kaum. Zu Frauen, die hauptsächlich Sanitätsdienst leisteten, hatte ich keinen Kontakt, empfand es aber als große Ungerechtigkeit, als ich hörte, dass sie nicht mehr mit der Waffe kämpfen sollten. Mir war es als selbstverständlich erschienen, dass sie Mitglieder der Milizen waren.
Wir hatten einen irischen Anarchisten, der sehr auf die kommunistische Partei schimpfte, in unserer Einheit, und er wurde deshalb in die USA zurückgeschickt, obwohl er ein hervorragender Kämpfer und glühender Antifaschist war. Ich hatte ihm noch geraten, vorsichtig zu sein, denn man musste schon aufpassen, was man sagte, aber er fühlte sich sicher, weil er völlig integriert war. Er sagte oft zu mir, wenn alle Kommunisten so wie unsere Genossen in der Brigade wären, würde er sofort in die Partei eintreten.

Harry Fisher, damals Gewerkschaftsaktivist und Mitglied des kommunistischen Jugendverbandes YCL, war einer der rund 3000 US-Interbrigadisten der Lincoln-Brigade, die in Spanien gegen Franco kämpften und hat über seine Zeit im Bürgerkrieg das Buch „Comrades“ geschrieben, das bei Pahl-Rugenstein erschienen und für 36 DM erhältlich ist (siehe Buchbesprechung in der raumzeit 6). Zur Zeit befindet er sich auf einer Lesereise durch die BRD.