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Bewegung
Es ist uns immer gelungen, unseren Arsch heil nach Hause zu bringen
Ein Interview zur Mobilisierung gegen den G8-Gipfel in Genua
vom 20.-22. Juli.
Die raumzeit sprach mit Chiara und Federico aus Genua und Bologna.
Chiara ist an den Vorbereitungen beteiligt, beide rechnen sich
zu den Tute Bianche, den weißen Overalls:
einer Bewegung, die seit einiger Zeit ausgehend von Italien Aufsehen
erregt. So begleiteten z.B. 300 Tute Bianche die Delegation
der zapatistischen Comandantes durch Mexico. Auch an den letzten
Demonstrationen der AntiglobalisierungsgegnerInnen in Prag, Nizza
und Quebec nahmen Tute Bianche mit Aktionen teil.
raumzeit: Wie ist momentan die Situation in Genua und wie laufen die
Vorbereitungen? Chiara: Das G8-Treffen bedeutet für Genua den Belagerungszustand. 18.000 Polizisten und Soldaten
werden die 8 Großen schützen. Seit einem Jahr werden die BewohnerInnen der gesamten Altstadt quasi täglich
kontrolliert. Für die Zeit des Gipfels werden sie Passierscheine bekommen, da die Altstadt als sogenannte Rote Zone
Sperrzone sein wird. Allerdings bekommen nur Leute, die einen festen Wohnsitz nachweisen können, so ein Papier. Aber gerade in Genuas
Altstadt leben viele MigrantInnen, StudentInnen und alte Menschen, die keinen offiziellen Wohnsitz haben, diese müssen in der Zeit
während des Gipfels ihre Wohnungen verlassen. Etliche Illegalisierte sind schon verhaftet worden. Das Genova Social Forum,
das Vorbereitungsbündnis in Genua, hat beschlossen, diese Kriegserklärung mit zivilem Ungehorsam zu beantworten, in dem Sinn,
dass versucht werden wird, in die Sperrzone einzudringen mit dem Ziel, den Gipfel zu blockieren. rz: Der Begriff ziviler
Ungehorsam ist eng mit der Bewegung der Tute Bianche verbunden. Was verbirgt sich dahinter? Federico: Es ist
wichtig zu betonen, dass die Tute Bianche keine politische Organisation sind. Alle Menschen können sich diese Praxis
aneignen, niemand hat da ein Copyright drauf - und das ist gut so. Aber der Kern oder die aktivsten Gruppen, die diese Praxis betreiben,
sind die Centri Sociali in Italien und die Genossen von Ya Basta. Diese Zentren haben vor drei Jahren mit einer internen
Diskussion darüber begonnen, wie es möglich wäre, Aktion und Artikulation zu verbinden. Wir kamen auf die Idee, weiße
Overalls anzuziehen, als Symbol der Unsichtbarkeit. Zugleich ist Weiß die Summe aller Farben: Früher galt der Fabrikarbeiter mit
seinem blauen Overall (tuta blu) als zentrales Subjekt der Produktionsspähre. Heute gehen wir davon aus, dass im es Postfordismus
verschiedene Subjekte der Produktion gibt, die der weiße Overall symbolisieren soll: z.B. prekarisierte oder scheinselbständige
ArbeiterInnen. Auf der anderen Seite werden wir dadurch, dass wir die weißen Overalls tragen politisch sichtbar. rz:
Wie sehen Euere Aktionsformen aus? Federico: In den letzten Jahren gab es immer wieder Aktionen der Tute
Bianche, die große Beachtung in den Medien gefunden haben. Es wurden Bühnen bei öffentlichen Spektakeln, wie
Konzerten, besetzt, um politische Erklärungen zu verlesen. Aber ab einem gewissen Punkt begann die Diskussion darüber, dass diese
Form der Kommunikation nicht mehr ausreicht. Es reicht nicht, sich zu artikulieren, sondern es mussten erweiterte Formen des Kampfes
entwickelt werden. Und es war vor allem eine Parole der Zapatistas, die großen Einfluss hatte: Die Worte sind Waffen.
Für uns heißt das, sich nicht nur mit Worten zu bewaffnen, sondern dass es nötig ist, sich aufzulehnen, um sich Gehör
zu verschaffen. Und so entstand in Italien die Praxis des zivilen Ungehorsams, allerdings in neuer Form: nicht nur passiver Widerstand,
sondern phantasievoller Einsatz unserer Körper, um das gesetzte Ziel zu erreichen. rz: Kannst du uns ein Beispiel
einer Aktion der Tute Bianche nennen? Federico: Es gab letztes Jahr in Mailand eine große Demonstration
gegen ein Abschiebelager. Damals hatten die Tute Bianche im Vorfeld öffentlich angekündigt, dass sie das Verbot der
Behörden, bis vor das Tor des Lagers in der Via Corelli zu ziehen, missachten werden. Des weiteren wurde angekündigt, dass man
sich mit Helmen und Schaumstoff als Körperschutz ausstatten wird, und versucht werden wird mit Hilfe von LKW-Reifen-Schläuche die
Polizeiketten zu durchbrechen. Es ist gelungen, die Schließung dieses Lagers zu erreichen, da hinter 300 Tute Bianche
10.000 Menschen diese Form des zivilen Ungehorsams praktiziert haben. In Bologna gelang es, einen Nazi-Kongress zu beenden. Tute
Bianche, die neben ihrer Schutzausrüstung auch Plexiglasschilde verwendeten und Volleyball-Netze, um Tränengasgranaten der
Polizei abzufangen und zurückzuwerfen, konnten die Polizeiabsperrung vor dem Treffpunkt der Nazis durchbrechen. Es gab sehr harte
Auseinandersetzungen mit der Polizei. Aber als diese vorbei waren, nahmen viel mehr Menschen als zu Beginn an der Demonstration teil, die
dann zum Treffpunkt der Nazis vorrückten, worauf deren Treffen abgebrochen wurde. rz: Was für Aktionen wird es
während der drei Tage in Genua geben? Chiara: Für den 19. Juli, den Tag vor der Eröffnung des Gipfels,
mobilisieren MigrantInnenorganisationen international zu einer Demo für uneingeschränkte Bewegungsfreiheit und ihre Rechte.
Für den 20. sind dann Aktionen zivilen Ungehorsams geplant: Versuche, in die Sperrzone einzudringen, um den Gipfel zu blockieren.
Es sollen phantasievolle Instrumente zum Einsatz kommen zum Beispiel ein selbstgebautes Katapult, mit dem vergammelter Fisch hinter
die Polizeiabsperrung geschleudert werden soll. Wir diskutieren gerade via Internet (www.tutebianche.org) mit der gesamten Bewegung
die Frage, ob das Eindringen in die Sperrzone als Akt des zivilen Ungehorsams von möglichst Vielen als richtig mitgetragen wird. Und
ob es richtig ist, sich gegen Angriffe der Polizei mit Mitteln der Selbstverteidigung und entsprechender Ausrüstung zu schützen.
Menschen aus dem Ausland sollten dazu wissen, dass Helme, Gasmasken und passive Bewaffnung in Italien nicht verboten sind. Allerdings sind
zur Zeit alle Gegendemonstrationen verboten. Den Schluss der Aktionen soll dann ein karnevalesker Umzug am 21.
bilden. rz: Was bedeutet das? Chiara: Nun das wird man sehen. Alle 350 Gruppen des Genova Social
Forum, die die Gegenaktionen unterstützen, haben vom ersten Tag an gesagt, dass sie die Demonstrationsverbote missachten
werden. rz: Mit wie vielen DemonstrantInnen rechnet Ihr? Chiara: Bis heute haben über 200.000
Menschen erklärt, sich an der Blockade des G8 beteiligen zu wollen. Wir laden Euch ein, Euere Ferien in Genua zu verbringen. Die
Regierung und die kommunalen Behörden haben die BürgerInnen Genuas aufgefordert, in den Tagen des Gipfels weg zu fahren und
anderswo Ferien zu machen. Deshalb laden wir zum Urlaub in Genua ein. Bereits ab dem 25. Juni wird es, wie in Prag, ein sogenanntes
Konvergenzzentrum geben, um zu diskutieren und sich zu vernetzen und praktische Dinge wie Schlafplätze zu organisieren. Deshalb laden
wir euch ein, so bald wie möglich nach Genua zu kommen.
rz: Vielen Dank!
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