Glosse:
Asyl und Eierhaltung
Meine Frau ist ja streng katholisch erzogen. Ich will
aber hier in der Zeitung nicht unser Sexualleben ausbreiten,
das zugegeben manchmal schwierig ist. Ab und an liest sie nämlich
meine Artikel, obwohl sie das Bistumsblatt vorzieht, in dem
ich nicht veröffentliche. Und gelegentlich den "Tierfreund",
den sie seit ihrer Mädchenzeit abonniert hat.
Sie hat nämlich auch eine sehr humane Ader - die Erziehung,
wie ich schon erwähnte! Ich toleriere das, ja, ich schätze
es, wenn ich auch nicht alle ihre Einstellungen teile.
Als ich kürzlich mit einer ganzen Palette günstig
erworbener Hühnereier nach Hause kam, wäre es beinahe
zu einem weltanschaulich bedingten häuslichen Krieg gekommen.
"Zehn Fuffzich", sagte ich stolz und erwartete eigentlich
den anerkennenden Blick der sparsamen Hausfrau. Anstelle dessen
erntete ich einen Empörungsschrei: "Schatz, du weißt
doch, was die Massenhaltung für die armen Dinger bedeutet".
Ich schaute sie an - ich sah auf die Eier hinunter... Die aber
schmiegten sich schicksalsergeben und ohne erkennbaren Ausdruck
des Leides eines ans andere gereiht in ihre Kartonagebehausung.
Ich erforschte aufs Neue den Blick meiner Frau im Versuch zu
verstehen: "Liebling, ich weiß, dass die Kirche sich
für den Schutz des ungeborenen wie des geborenen Lebens
einsetzt, aber - Eier?"
Es war ein Missverständnis gewesen. Sie hatte die Hühner
gemeint, nicht deren ungeborene Leibesfrucht.
Ich äußerte die Ansicht, beim Eierkauf sei das Preis-Leistungsverhältnis
ausschlaggebend, nicht die Verhältnisse im Elternhaus der
Eier. Sie schilderte in drastischen Farben die unmenschlichen
Bedingungen in den Hühnerkäfigen die einen an Konzentrationslager
erinnerten. Der Streit endete unentschieden.
Gestern kam meine Frau mit einem Strauß Rosen, welchen
sie liebevoll auf dem Sideboard drapierte. "Die müssen
ja ein Vermögen gekostet haben", sagte ich beiläufig.
"Gar nicht", strahlte sie. Es stellte sich heraus,
dass sie eine einzige Rose für 3 DM bei einem Algerier
habe erwerben wollen, dieser ihr darauf, da er den Zug zu seiner
Asylbewerberunterkunft habe erreichen müssen, den Restbestand
seiner Handelsware für DM 10 angeboten habe. "Bist
du wahnsinnig", bemerkte ich, darum bemüht Milde in
meine Stimme zu legen. "Schrei mich nicht so an",
schrie sie mich an, "was sind denn schon 10 Mark für
so einen Riesenstrauß!"
Ich erklärte ihr weiter in sachlicher Tonlage, dass sie
sofort hätte Anzeige erstatten müssen, da dieser Ali
oder Jussuf seine Residenzpflicht verletzt habe, wenn er mit
dem Zug in seine Unterkunft zurückkehren musste. Das Wort
Residenzpflicht hatte meine Frau noch nicht gehört, da
sie von Politik nichts versteht und sich in solche Dinge auch
nicht einmischt. Ich musste ihr erläutern, dass man Asylbewerber
in Lagern unterbringe, dass sie keine Arbeit annehmen und sich
nicht von ihrer Residenz entfernen dürften. Nein, das Wort
Residenz habe nichts mit Schlössern zu tun. Im Gegenteil,
diese Unterkünfte seien sehr dürftig ausgestattet,
mit einem Dutzend Betten in jedem Zimmer und nur einer Toilette
auf der Etage. Schließlich dürfe man es diesen Leuten
nicht zu gemütlich machen, sonst kämen noch mehr und
es seien ohnehin schon zu viele. Das sah sie ein!
Meine Frau und ich haben jetzt einen Kompromiss geschlossen:
Sie kauft Rosen nur noch im Blumenladen und ich Eier ausschließlich
im Biomarkt. Ich liebe sie schließlich gerade wegen
ihres humanen Wesenszuges!
Michael Liebler
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