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Neger", Mohren", Bimbos"
Rassismus in der Kinderliteratur - eine Spurensuche am
Beispiel Afrikas
Pippi Langstrumpf sorgte in den fünfziger Jahren für
Wirbel, da sie dem bisher gültigen Bild des aufopferungsvollen
und ans Heim gefesselten Mädchens tatkräftig widerspricht.
Soweit so gut, wäre da nicht die Reise ins ferne Taka-Tuka-Land.
Gemeinsam mit ihrem Vater, dem Negerkönig",
herrscht sie über 126 Eingeborene, die sich in Baströckchen
kleiden, große Ohrringe tragen, ständig am Trommeln
sind und sich mit ihrem kindlichen Gemüt fröhlich
dem weißen König unterwerfen. Dieses Buch, das fast
jedeR kennt, zeigt wie weit rassistische Darstellungen im deutschsprachigen
Kinder- und Jugendbuch verbreitet sind. Den meisten dürfte
auch das immer währende Sterben der zehn kleinen
Negerlein" noch gut im Gedächtnis sein. Das Lied,
dessen erster deutscher Text 1884 erschien (dem Jahr in dem
in Berlin die Kongokonferenz über die Aufteilung Afrikas
am grünen Tisch entschied), ist bis heute in unterschiedlichen
Varianten im Buchhandel erhältlich. Vordergründig
ist es ein Lied zum Lernen von Zahlen, welches ganz nebenbei
die Botschaft vermittelt, dass Menschen aus Afrika zu Ordnung
und Disziplin erzogen werden müssen. Die Illustrationen
weisen so ziemlich jedes Klischee auf. Angefangen vom immer
gleichen Aussehen, dem Kindchenschema, übertrieben wulstigen
Lippen bis hin zum Baströckchen.
Reisen im Auftrag von Staat und Kirche
Die ersten Berichte für Kinder waren im vorletzten Jahrhundert
Reiseberichte, in denen die Wilden" als schöne,
wenn auch andersartige Menschen beschrieben wurden. Diese Bewertung
änderte sich mit dem Beginn der deutschen Kolonialherrschaft
1883/84. Die Reiseberichte dienten zwar weiter als Vorlage,
wurden aber eingebunden in eine rassistische Rechtfertigung
der wirtschaftlichen Ausbeutung der Kolonien. Höhepunkt
war die Zurschaustellung ie Zurschaustelllung afrikanischer
Menschen in Menagerien und Zoos zusammen mit afrikanischen Tieren,
wie etwa bei den Hagenbeckschen Völkerschauen. Auf der
Expo von 1897 in Brüssel wurden 40.000 Schwarze aus dem
belgisch besetzten Kongo als Attraktion präsentiert. Dies
fand seinen Ausdruck auch in der Kinderliteratur, so taucht
in dem Bilderbuch Auf dem Lande" von Gertrud Caspari,
sonst ohne thematischen Bezug zu Afrika, ein Negerjunge
im Türkenanzug" als Jahrmarktsattraktion auf. Bei
der Expo 2000 in Hannover wurden zwar keine Menschen ausgestellt,
aber es wurde ein ähnlich folkloristisches Bild von Afrika
reproduziert. Gegenstand der frühen Reiseberichte für
Kinder waren oft Jagd und Tiere. Weiterhin boomte es an Abenteuergeschichten,
die häufig von deutschen Kolonialmilitärs geschrieben
wurden. Das Leben in den Kolonien war eine einzige Kette von
Abenteuern, die allesamt deutsche Helden und Sieger kannten.
Die wirtschaftlichen Interessen wurden klar benannt, so schrieb
der Lehrer Richard Roth in seiner Einleitung zu Stanleys
Reise durch den dunklen Weltteil": ... um unserem
Erdteil neue Handelswege zu erschließen, woraus er großen
Nutzen ziehen kann, um Gesittung und Bildung immer weiter zu
tragen, um - und dies ist nicht nebensächlich - für
das Christentum immer mehr Boden zu gewinnen". Das Buch
berichtet von der Afrikadurchquerung von Henry Morton Stanley
(1874-77) von Sansibar bis zur Kongomündung, die er im
Auftrag Belgiens unternahm. Nach seiner Beschreibung führen
die so genannten Wilden völlig grundlos Kriege und überfallen
die Karawane. Die sich nicht freiwillig unterwerfen, werden
als hässliche Diebe beschrieben, deren Hinterlist und Heimtücke
das Zerstören ihrer Dörfer rechtfertigt. Diejenigen,
die gar Widerstand leisten, werden zu Kannibalen, zu schmutzigem,
gefräßigen Gesindel, welches man hassen muss. Damals
erschien auch die so genannte Traktatliteratur mit der Doppelfunktion
der Darstellung der missionarischen Arbeit bei gleichzeitiger
Erziehung zur Mission.
Kinderbücher für die Eroberer von morgen
Mit dem Hererokrieg 1904/05 trat auch die Kinderliteratur in
eine neue Phase. Der gezielte deutsche Vernichtungskrieg wurde
zum Gegenstand von Abenteuerbüchern. Das Vokabular änderte
sich und
Schwarze wurden zu Mordbuben und schwarzen Teufeln, die anonymisiert
und in Massen erschienen. die weißen Siedler angriffen.
Anders als in der Realität wurden aus Deutschen in den
Büchern nun Opfer, die sich verteidigen mussten. Afrika
war in den Siedlerromanen als das Land der großen Abenteuer
und Freiheit, vor allem auch für Frauen. Die Kolonialliteratur
für die weibliche Jugend" hatte das Ziel, Mädchen
für die Kolonien zu werben. Auch nach dem Ersten Weltkrieg
warben Kinderbücher für die Wiedereroberung der Kolonien.
Eine Verherrlichung des deutschen Terrors in Afrika war dabei
eine vaterländische Ehrensache. Die Nazis nahmen zum Beispiel
das Kinderbuch Heia Safari" von General Paul von
Lettow-Vorbeck, einem der großen Herero-Schlächter,
in alle Schulbüchereien auf. Neun Auflagen erreichte es
bis 1952. General Paul von Lettow-Vorbeck wird in seiner Heimatstadt
Saarlouis, deren Ehrenbürger er ist, bis heute gerühmt.
Die kolonialrevisionistische Bewegung der NS-Zeit schuf einen
Markt für die immer gleichen Kolonialerzählungen,
die wieder und wieder aufgelegt wurden.
Kinderbücher in DDR und BRD
In der DDR herrschte nach dem Zweiten Weltkrieg ein günstiges
kulturpolitisches Umfeld für Kinder- und Jugendliteratur.
Viel früher als in der BRD haben Schwarze eigenständige
Gesichtszüge, sind Subjekte von sozialen Kämpfen vor
dem Hintergrund staatlicher Konflikte und historischer Ereignisse:
sei es der Kampf der Kikuyu in Kenia oder der Kampf gegen Apartheid.
Ludwig Renns Nobi" oder Götz Richters Savvy
Triologie" stehen für einen neue Art von Abenteuerliteratur,
mit Helden aus Afrika selbst. Zahlreiche Geschichten- und Märchensammlungen
afrikanischer KünstlerInnen wurden publiziert.
In der BRD tummeln sich bis in die siebziger Jahre hinein immer
noch die Mohren. Expeditionsberichte wurden wieder und wieder
aufgelegt. Nicht selten spielten exotische einheimische Tiere
die Hauptrolle, als gäbe es in Afrika keine Menschen. So
schreibt Ilse Friedrich noch 1953 in Mädchen mit
Tropenhelm" von Deutsch-Ostafrika. Die Helden in ihren
Büchern sind immer Weiße. Sogar noch 1972 erschien
mit der Neuauflage von Julia aus Afrika" von Lothar
Reppert-Rauten ein Buch über ein weißes Mädchen
auf einer Farm in Südafrika, ohne dass mit einem Wort das
Apartheidsystem erwähnt wird. Der kundige Verfasser hat
es laut Verlagswerbung verstanden, den jungen Lesern das idyllische
Leben auf einer Farm in Südafrika nahe zu bringen.
Erst Ende der 70er Jahre erschienen vermehrt positiv zu wertende
Kinderbücher mit einem differenzierten Bild von Afrika.
Mehr dazu in der nächsten raumzeit.
Gertrud Selzer
Gertrud Selzer ist Mitarbeiterin der Aktion 3. Welt Saar, Weiskirchener
Str. 24, 66679 Losheim, Tel. 06 872 - 99 30 56, e-mail: a3wsaar@t-online.de
Ihr Vortrag zum Thema steht für Veranstaltungen zur Verfügung.
Tipp zum weiterlesen:
Gottfried Mergner, Ansgar Häfner (Hg.) Der Afrikaner im
deutschen Kinder- und Jugendbuch bis 1945, Hamburg 1989
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