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"der (im)perfekte mensch" - eine imperfekte Ausstellung
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Noch bis 12. August 2001 zeigt das Dresdner Hygienemuseum in
Zusammenarbeit mit der Aktion Mensch die Sonderausstellung "Der
(im)perfekte Mensch". Im Mittelpunkt steht am Beispiel
des historischen und aktuellen Umgangs mit behinderten Menschen
die Auseinandersetzung mit dem herrschenden Begriff von Normalität
- so die VeranstalterInnen.
Behinderung wurde von je her ins gesellschaftliche Abseits gedrängt.
Die Verweigerung der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben wird
dadurch begründet, dass behinderte Menschen den normativen
Vorgaben der Gesellschaft nicht standhalten könnten. Das
Sichtbarsein von Behinderung wurde und wird als störend
empfunden, weil in ihr die Kehrseite des leistungsorientierten
Individuums vermutet wird. Durch Bevormundung versucht sich
die Gesellschaft den Irritationen, die sich aus der Konfrontation
ergeben, zu entziehen. Die Verwahrung von behinderten Menschen
in Sondereinrichtungen ist Ausdruck dieses Doppelcharakters
von Aussonderung und caritativem Fürsorgedenken.
Umso erfreulicher erscheint es, dass zwei Institutionen, die
in der Vergangenheit programmatisch diese Sichtweise vertraten,
mit dieser Ausstellung das Thema wieder ins Zentrum der Gesellschaft
zurückholen wollen.
Die fünf Bereiche des Ausstellungsrundgangs
Die Ausstellung bedient einen idealtypischen Begriff von "Normalität",
welche ihre Erfüllung in der Selbstvervollkommnung des
Menschen sieht. Auf "Altären", die zentrale gesellschaftliche
Leitidealen wie z.B. Schönheit, Gesundheit, Leistungsfähigkeit
symbolisieren, wird die Glücksverheißung, die den
Idealen eingeschrieben ist, zur Diskussion gestellt. Der/Die
BesucherIn betritt darauf eine Naturinszenierung mit Schafen
und Zypressen. Ein aufsteigender Weg führt durch "Arkadien",
das den Künsten als Projektionsfläche für Freiheit,
Harmonie und Schönheit diente. Symbolisch wird hier der
Weg des Menschen vom "Mängelwesen" zur Zivilisation,
zur "Menschwerdung des Menschen" durch die Entwicklung
von Hilfsmitteln beschritten. Er endet in einem Spiegelgang,
der den Menschen auf die Frage nach sich selbst zurückwirft.
Die Installation "Raus mit der Sprache" soll die Grenze
dieser Idealisierung kennzeichnen. Verbale Lautsprache ist die
"normale" Kommunikationsform. Dass sie ein Ausschlussinstrument
ist, machen diverse akustische und visuelle Einblendungen deutlich.
Im Sinne der Erfahrungspädagogik kann man sich hier in
einen Rollstuhl setzen und miterleben wie über einen hinweg
und für einen gesprochen wird. An sieben Monitoren können
alternative Kommunikationsformen wie Gebärden-, Lormésprache
oder Scanning kennengelernt werden.
In einem sich anschließenden Erlebnispark soll die Vielzahl
der verbalen und non-verbalen Kommunikations- und Erfahrungsmöglichkeiten
veranschaulicht werden. Er umfasst Bereiche wie (Nicht-)Sehen,
Hören, Verstehen, Berührtwerden und Bewegen. Zusätzlich
erzählen verschiedene Menschen, wie sie ihre Behinderung
wahrnehmen und sich der an sie gerichteten gesellschaftlichen
Anforderungen und Zuschreibungen erwehren.
Eine Mauer begrenzt die Erlebniswelt und verengt den Blick auf
die Geschichte der Wahrnehmung von Ausgrenzung von Behinderten.
Aufgebaut als klassischer Anstaltsraum mit weißen Fliesen
und symmetrisch gestellten Anstaltsbetten, der am Ende mehr
und mehr aufbricht, wird die Entwicklung von den Anfängen
der Verwahrung hin zur emanzipatorischen Behindertenbewegung
nachgezeichnet. Farblich abgesetzt in schwarz gekachelten Stellen
ist hierbei die Vernichtung von sogenanntem "lebensunwerten"
Leben durch den Nationalsozialismus.
Im letzten Raum, als "Lichtung" bezeichnet, wendet
sich die Ausstellung der Zukunft des "Mensch-Seins"
und seiner Zurichtung, wie sie in aktuellen Diskursen über
Bioethik, Patente, vorgeburtliche Diagnostik und Sterbehilfe
verhandelt wird, zu. An unzähligen Kopfhörern kann
man sich Statements zu diesen Themen anhören, die die Bandbreite
der im Diskurs vertretenen Meinungen widerspiegeln. Hier setzen
sich noch einmal Menschen mit Behinderungen mit ihren Lebensbedingungen
auseinander bzw. mit der Frage nach dem Mensch-Sein.
Schwierige Traditionslinien
Die MacherInnen sind sich des Dilemmas durchaus bewusst, in
welche "schwierigen Traditionslinien" sich die Ausstellung
begibt - verwiesen sei auf die Zurschaustellung von "Abnormem"
auf Jahrmärkten oder in medizinischem Lehrmaterial. Dennoch
halten sie daran fest, "behinderten Menschen zu mehr Akzeptanz
zu verhelfen". Damit bleibt logischerweise der Blickwinkel
auf dem von der Norm wegdefinierten "Imperfekten"
haften und bedient damit die kritisierten voyeuristischen Betrachtungsweisen.
Der Opferstatus wird so festgeschrieben. Als Ausstellung für
"Normale", die das "Un-Normale" besser verstehen
lernen sollen, stellt sie Behinderung als einziges Diskriminierungsmerkmal
vor. Andere Ausgrenzungsmechanismen wie Geschlecht, sexuelle
Orientierung, ethnische und rassistische Zuschreibungen oder
Klassenzugehörigkeit werden ausgeblendet. Der Begriff "Behinderung"
selbst ist schon eine Vereinfachung, hinter dem die differenzierten
Bedürfnisse und Begebenheiten der Individuen verschwinden.
Die grundsätzliche Opposition etwa der "Krüppelbewegung"
zu den Leitidealen der gesellschaftlichen "Normalität"
fällt ebenso weg wie die Aufdeckung der reellen Barrieren,
wie Treppen, Türen, fehlende Leitsysteme oder unzureichende
finanzielle Unterstützung, mit denen behinderte Menschen
sich im alltäglichen Leben herumzuschlagen haben.
Das "umfassende Recht auf Unvollkommenheit", für
das die Ausstellung nach Vorstellung der MacherInnen werben
will, beschränkt sich auf den Zugang zu den gesellschaftlich
postulierten Normen. Es mag wichtig sein, dass behinderte Menschen
einen (barrierefreien) Zugang zum ersten Arbeitsmarkt haben
und dass Hilfsmittel ihnen das geforderte Funktionieren im gesellschaftlichen
Leben erleichtern, allerdings werden damit die Beschränkungen,
die der normierende Blick in sich trägt, nicht aufgehoben.
Schwachstellen der Präsentation
Der Erlebnispark bietet viele Möglichkeiten, die "normalen"
Wege von Erfahrung zu verlassen und zu hinterfragen, bleibt
aber in Ansätzen stecken. Bspw. wird gelegentlich der Raum
abgedunkelt, um die Illusion von Blind-Sein zu erzeugen. Natürlich
nicht vollständig, so dass der Effekt, die Empfindungen
einer blinden Schwimmerin zu vermitteln, nicht eingelöst
wird. Das Konzept des Erlebnisparks und vorhergehender Räume
vertraut auf einprägsame Installationen - was spätestens
mit der Darstellung der Geschichte von Ausgrenzung "a-normaler"
Menschen nicht mehr aufgeht. Die Lichtung am Ende der Ausstellung
und die zahlreichen Video-Clips, in denen Behinderte ihre Erfahrungen
formulieren, erfordert ein hohes Maß an Zeit und Konzentration.
Dies kann von den meisten BesucherInnen nicht geleistet werden.
So geraten die historische Entwicklung der Ausgrenzung und der
Ausblick auf die Auseinandersetzung um die zukünftige Definition
des Mensch-Seins in den Hintergrund. Der letzte Raum mit seiner
offenen Konzeption, die das Spannungsfeld der aktuellen Diskussionen
um die Zurichtung des Menschen aufzeigen will, bezieht nur versteckt
Stellung. Gut gewesen wäre, den Zukunftsvisionen, die sich
an einer "Perfektionierung" des Menschen orientieren,
eine klare Absage zu erteilen und damit dem Plädoyer für
ein Recht auf Unvollkommenheit Nachdruck zu verleihen.
Da die Ausstellung keinen Ausgang hat, muß der/die BesucherIn
wieder zurück zu den Altären gehen. Die Bezeichnung
"Rundgang" erhält damit einen wohl eher ungewollten
Beigeschmack.
Axel Ebinger
Thomas Springer
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