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FigurenTheaterFestival -
immer wieder anders, immer wieder gut!
Mit mehr als 100 Vorstellungen von über 60 Gruppen
aus 14 Ländern ist der zehntägige Theatermarathon
FigurenTheaterFestival" der Städte Nürnberg,
Fürth, Erlangen und Schwabach längst zu einem herausragenden
internationalen Forum für das Theater der Bilder, Figuren
und Objekte geworden.
Das größte Festival seiner Art in Deutschland mit
europaweiter Bedeutung zeigte vom 11. bis zum 20. Mai bereits
zum 12. Mal die ganze Bandbreite und Vielfalt anderen
Theaters", das sich im Grenzbereich zwischen dramatischer
und bildender Kunst bewegt und ganz selbstverständlich
Bildertheater, Schauspiel, Pantomime, Neue Medien und vieles
mehr einbezieht. Als das Festival 1979 seine Anfänge in
Erlangen nahm, konnte noch kaum jemand die wachsende Bedeutung
dieses Genres voraussehen.
Highlights waren in diesem Jahr Neville Tranters gefeierte Puppenversion
von Molière", aber auch nachdenkliche Produktionen
wie Servaes Nelissens Aquarium" (Niederlande) über
Leben und Sterben in Krankenhäusern und Pförtnerlogen
sowie die schwarzhumorigen Moving People" aus Großbritannien,
die mit ihrer ätzenden Satire Episodes" auf
die herrschenden Zustände selbst Monty Python locker in
den Schatten stellten und messerscharf das Empire zerlegten.
Was die menschlichen Gliedmaßen alles Faszinierendes, Mimisches,
Kabarettistisches und Schauspielerisches können, bewies
Anne Klinges Theater mit Hand und Fuß", als
sie sich der klassischen Zauberflöte" annahm.
Erstaunlich, wie viel Komik ein Tamino-Fuß haben kann,
und selbst das berühmte Bildnis seiner angebeteten Pamina
wurde durch ein blondlockiges Fußgesicht verkörpert.
Entgegen gängiger Klischees waren die meisten Darbietungen
des diesjährigen Festivals für Erwachsene bestimmt,
doch war auch für Kinder wieder einiges geboten. Allen
voran seien die Lokalmatadoren vom Salz & Pfeffer
Theater" genannt, die mit ihrer Produktion Glittras
Auftrag" eine reizende Stunde Engelskunde um die Schutzengelhexe,
die einen kleinen Jungen behütet, auf die Bühne brachten.
Die phantasievollen Puppen, die das Stück so richtig sehenswert
machten, stammen von der preisgekrönten Kinderbuch-Illustratorin
Jacky Gleich aus Berlin. Eine Altersstufe jünger waren
die Kinder, die sich für Chapeau Claque" aus
Wiehl und ihre Mischung aus Marionettenspiel und Zauberei begeisterten.
Auch Wo ist mein Bär" vom Berliner Theater
auf der Zitadelle", das komplett in einer überdimensionalen
Kiste mit menschlicher Spieldosenfigur spielt, dürfte die
Jüngsten erfreut haben.
Das Gegenstück bildete der richtig schweinerne Christoph
Bochdansky aus Wien, in dessen Zwielicht" alles eindeutig
zweideutig war, doch auch etwas banal. Der weibliche Unterleib
als Blume ist nicht gerade neu - und so verlor er den Kampf
gegen den Kitsch, auch wenn immerhin einige Tabus thematisiert
wurden.
Ansonsten wurden auch in diesem Jahr die Klassiker respektlos
verhackstückt. Da gab es die Schillerschen Räuber"
als amüsantes Gummitierensemble zu sehen, da wurde mit
dem Theater des Lachens" aus Büchners Dantons
Tod" ein humorvoll- unpolitisches Clownspiel mit nur 3
Personen, Mozarts Bastien und Bastienne" baumelten
(etwas harmlos) beim Puppentheater Caspari" an seidenen
Fäden und die Nashörner" von Ionesco tobten
in Pappmaschee über die Bühne (hoch ambitioniert die
Produktion der Berliner Ernst Busch- Hochschule).
Schön böse wurde der Münchner Josef Pretterer
in seinem Puppenstück Schön krank" um eine
ebensolche Talkshow. Bei ihm hielt sich makabrer Humor, schlechter
Geschmack und Boshaftigkeit gekonnt die Waage, so dass das Publikum
sich in einem wenig schmeichelhaften Zerrspiegel erleben konnte.
Geschmackssache! In diese Kategorie fiel auch der Hühnerkrimi"
des Materialtheaters" aus Stuttgart. Zwar waren es
nur Plastikeingeweide, die da über die Bühne flogen,
aber immerhin...
Etwas unter ging Fred Delfgaauws Don Q", da er zwar
ideenreich umgesetzt, aber rein auf Holländisch ohne Verständnishilfen
dargeboten wurde.
Besondere Beachtung verdienen zwei Darbietungen: Kinder
der Bestie" vom gemischt deutsch-israelischen Team Teatron"
und figuren theater tübingen" und Toothless"
von Kazuko Hohki aus Japan. Beide Produktionen befassen sich
mit der Erinnerung, doch während die in London lebende
Hohki ihrer verstorbenen Mutter, einer berühmten Priesterin
und Entertainerin des modernen Japans gedenkt und dazu die alte
Form des Kamishibai, des reisenden Papiertheaters, wieder belebt,
stellen erstere die komplexe Frage: Wie verarbeitet die zweite
Generation nach dem Holocaust das, was die Eltern erlebt haben?
Während Hohki ihren stechenden Schmerz durch eine zärtliche
und gefühlvolle Erzählweise lindert und so bei der
Tragikkomik ankommt, surreal und lyrisch zugleich, ist das bei
Teatron" nicht mehr möglich. Mit der Geschichte
wird nicht gespielt, sie wird vielmehr distanzierend vorgezeigt.
SS-Männer erscheinen z.B. als Stiefelpaar oder als künstliche
Hände, um bald wieder im Nebel zu verschwimmen. Aus einem
Koffer voll Sand entsteigt zögernd und zierlich eine Skelett-
Marionette: Großvater Anschel. Sein nach der Geschichte
fragender Enkel wird abwechselnd durch den Schauspieler Yehuda
Almagor und durch eine Handpuppe, die den Koffer durchwühlt,
dargestellt. So wird namenloser Schrecken benannt, um ihn zu
bannen, so wird eine selten erlebte Nüchternheit und Brisanz
erreicht - einmalig!
Gerade solche Produktionen sind es, die schon mal Lust aufs
nächstes Mal machen.
Claudia Schuller
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