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Das globale Gehirn
Versuche auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz im
Internet
Seit Jahrzehnten versuchen ForscherInnen fieberhaft, künstliche
Intelligenz zu erschaffen. Die Ergebnisse sind kläglich:
Jedes Kleinkind stellt die Programme an Schläue in den
Schatten. Doch in den nächsten Jahren könnte nahezu
unbemerkt und ganz unbeabsichtigt das erste intelligente, von
Menschen gemachte Wesen entstehen: das Internet.
Francis Heylighen, Computerwissenschaftler an der Freien
Universität Brüssel, spricht vom globalen Gehirn,
das da nach und nach heranwachse. Bisher ist die meiste Information
in diesem größten Wissensspeicher der menschlichen
Geschichte zwar unstrukturiert und passiv. Doch werden fieberhaft
Techniken entwickelt, sie zu ordnen und zu beleben. Mit ihnen
sei der Schritt zur denkenden Kreatur nicht mehr weit, meint
Heylighen.
Schon jetzt gibt es Suchmaschinen, die nicht stur Texte auf
Schlüsselwörter durchforsten, sondern auf Fragen antworten
(etwa www.subjex.com oder
www.askjeeves.com). Das
Programm Kenjin (www.kenjin.com) holt zu jedem Text, den man
im Computer bearbeitet, Verweise zu passenden Homepages auf
den Bildschirm. Und die Firma Webmind (www.webmind.com)
strickt an einer Software, die Informationen in Dateneinheiten
zerlegt, die sich selbst ordnen. Das soll die mühevolle
Suche im Datendschungel erheblich verkürzen.
Vorbild: menschliches Gehirn
Ähnlich wie das menschliche Gehirn ist das Internet hochgradig
vernetzt. Die Rolle der Verbindungsstellen der Nervenzellen,
der Synapsen, nehmen dabei die Hyperlinks ein, die - meist blau
markierten - Stellen auf einer Homepage, die einen per Mausclick
zu einer anderen Website bringen. Heute müssen sie noch
von der AutorIn der jeweiligen Seite erstellt werden. Diese
Verweise nach Bedarf entstehen oder auch wieder vergehen zu
lassen, daran tüftelt Johan Bollen vom Los Alamos National
Laboratory in New Mexico. Seine Software hebt die Links stärker
hervor, die oft benutzt werden. Diejenigen, die die BesucherInnen
einer Seite nur selten anklicken, verschwinden hingegen allmählich.
So entspinnt sich eine Vernetzung, die sich rein nach den Bedürfnissen
der NutzerInnen richtet. Vorbild ist das menschliche Gehirn:
Dort verstärkt sich die Verbindung zwischen zwei Nervenzellen,
wenn die eine häufig direkt nach der anderen gezündet
wird.
Zudem erzeugt Bollens Programm, das bereits auf einem Web Server
läuft, neue Verweise als Abkürzungen: Gehen genügend
Surfer von Seite A über B nach C, bildet es einen Link
direkt von A nach C. Zunächst wirkt die Software nur lokal:
Sie benötigt immer nur Informationen über Dokumente,
die maximal zwei Klicks entfernt sind. Doch entsteht Schritt
für Schritt eine globale Selbstorganisation. Zwei Homepages,
die vorher nur über eine lange Kette verbunden waren, können
miteinander verlinkt werden. In ähnlicher Weise ließen
sich automatisch Verweise anlegen, wenn Seiten zum Beispiel
viele Wörter gemeinsam enthalten oder andere Ähnlichkeiten
aufweisen. So könne es gelingen, den Informationswust des
Internets zu ordnen, ist Bollen überzeugt: "Wir können
das Wissen im Internet in ein riesiges assoziatives Netzwerk
bringen, das ständig von seinen Benutzern lernt.
Das Netz lernt denken
Dieses Netz sollen dann so genannte Softwareagenten durchstöbern,
Programme, die dabei alles herausfiltern, was interessant sein
könnte. Nach welchen Kriterien die Auswahl geschieht, kann
der/die NutzerIn selbst festlegen oder die Software bestimmt
es anhand von Aktivitäten am Computer. "Die Agenten
kommen zu einer Art Schlussfolgerung, sagt Heylighen.
Sie schüfen Verbindungen, die vorher nicht existierten,
das Netz begänne damit zu denken. Ein intelligentes Internet
müsste überdies selbst sein eigenes Wissen erweitern,
meint der belgische Forscher. Dazu sollte es Konzepte oder Regeln
ableiten können, die vorhandene Daten zusammenfassen. Tauchen
etwa, wenn es darum geht, wie man das Internet effizienter nutzen
kann, meist die Begriffe maschinell erzeugter Link und Softwareagent
auf, kann die Technik schließen, dass beide als Hilfen
zur besseren Orientierung im Netz gelten.
Das smart internetkönne schon bald Wirklichkeit
sein, kündigt Heylighen an: "Es bleibt nicht mehr
viel zu tun. Daten und Programme stünden bereit oder
würden gerade entwickelt - meist von privaten Firmen. Anders
als in herkömmlichen Projekten zu künstlicher Intelligenz
muss beim globalen Gehirn niemand künstliche Intelligenz
als Ziel verfolgen. Nicht einmal Forschungsgelder werden gebraucht.
Schlagkräftige Navigationshilfen lassen sich kommerziell
vermarkten. Denn wer sich im Netz zurechtfinden will, ist immer
mehr auf ausgeklügelte Software angewiesen.
Die klassische Messlatte für künstliche Intelligenz
ist der Turing Test, der nach dem britischen Mathematiker und
Computerpionier Alan Turing benannt ist: Bei ihm sitzen ProbandInnen
vor Bildschirm und Tastatur und wissen nicht, ob sie mit einem
Rechner oder einer anderen Person kommunizieren. Können
sie keinen Unterschied erkennen, gilt die Maschine als intelligent.
Bei bestimmten Themen schaffen es Computer schon heute, sich
wie Menschen zu geben. Aber wehe, der Kontext wechselt. Dann
versagen die Programme jämmerlich. Ließen sich nun
über das Internet viele beschränkte Intelligenzien,
jede mit ihrem eigenen Spezialgebiet, zusammenschließen,
könnten sie gemeinsam den Turing Test bestehen.
Eine Differenz zum Austausch mit Menschen bliebe indes: Man
muss sich erst über Modem und Telefonkabel ins Netz einloggen,
um dann auf der Tastatur zu tippen und vom Monitor zu lesen.
"Das ist ziemlich langsam und unbeholfen, wenn man es mit
der Geschwindigkeit und Flexibilität vergleicht, mit der
unser Gehirn Gedanken verarbeitet, sagt Heylighen. Doch
drahtlose Verbindung, tragbare Geräte und Steuerung über
Sprache und Gesten sind längst erfunden, und die Industrie
verbessert sie ständig. Die Zeiten, in denen wir rund um
die Uhr online sind, scheinen nicht mehr fern zu sein.
Der Superorganismus
Auf der Homepage von Heylighens Global-Brain-Gruppe (pespmc1.vub.ac.be/GBRAIN-L.html)
diskutieren WissenschaftlerInnen bereits, ob die Menschheit
so zu einem Superorganismus mutiere mit dem Internet als Gehirn.
Die Grundidee dazu ist schon über hundert Jahre alt und
geht auf die Beobachtung in der Natur zurück, dass viele
Einheiten eine Struktur höherer Ebene bilden können.
Einfachstes Beispiel ist eine tierische oder pflanzliche Zelle:
Sie besteht aus rund zehn Milliarden Molekülen. Oder das
menschliche Gehirn, das sich aus rund zehn Milliarden Nervenzellen
zusammensetzt. In beiden Fällen sind den Bestandteilen
die Eigenschaften der Gesamtheit nicht anzusehen.
Zwar hängen die Moleküle einer Zelle und die Nerven
eines Gehirns enger zusammen als die Menschheit mit ihren sechs
Milliarden Köpfen. Doch je weiter Wissenschaft und Technik
voranschreiten, desto mehr müssen sich die Menschen spezialisieren
und sind auf enge Kooperation angewiesen. Ein ständig präsentes
Internet schüfe die Voraussetzung dazu. Wird sich so also
ein Superorganismus neuer Qualität formieren? Ob wir das
jemals beantworten können, scheint fraglich. Das neue Wesen
wäre uns so fremd wie dem Molekül das Leben oder der
Nervenzelle das Bewusstsein. Doch bedrohlich wirkt die Vorstellung
schon, sich von einer fremden Intelligenz abhängig zu machen,
die der Mensch nicht vollständig verstehen kann.
Heylighens Vision reicht indes noch weiter. Er denkt daran,
menschliche Gehirne direkt ans Internet anzuschließen.
Dass sich das mehr nach Science-fiction als nach ernsthafter
Wissenschaft anhört, gesteht der Belgier ein. Doch gebe
es sämtliche Techniken dazu bereits, zum Teil allerdings
in in rudimentärer Form. So haben Versuchspersonen bereits
allein durch Gedanken einen Pfeil über den Bildschirm bewegt.
Sensoren maßen ihre Gehirnwellen, eine Software interpretierte
die Werte und übersetzte sie in Computerbefehle. Auch mit
Chips, die in den menschlichen Körper implantiert und mit
Nervenzellen verbunden werden, experimentieren WissenschaftlerInnen.
Heylighen spinnt aus, wie die Welt aussehen könnte, wenn
die Forschungen weiter vorangetrieben sind: Sobald sich ein
Gedanke im Gehirn bilde, werde er übersetzt, das Internet
auf brauchbare Informationen dazu durchforstet und das Ergebnis
der Recherche zurück ins Gehirn gespielt. Es genügte
dann, an "Internet besser nutzen zu denken, um sofort
alles über ausgefuchste Suchmaschinen, maschinell erzeugte
Links und Softwareagenten im Kopf zu haben.
Schöne neue Welt.
Wolfgang Blum
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