"Gestrüpp aus Querverweisen und ästhetischen Verwirrspielen"
Diskussion zum Verhältnis von Kultur und Politik
Peter: Ich will zunächst den Begriff
?Kultur" bzw. ?linke Kultur" bestimmen, denn Kultur ist mehr als die eine
oder andere Musikrichtung oder ein Kleidungsstil. Kultur ist Lebensgefühl,
Lebensgestaltung, der Ausdruck seiner/ihrer Lebensform mit allen Ausgestaltungen.
Aus dieser Sichtweise gibt es natürlich eine eigenständige Kultur
der autonomen linken Bewegung, allerdings nicht vereinheitlicht, sondern
mit tausend unterschiedlichen Facetten, über die diskutiert und gestritten
wird. Der Konsens ist wohl das eigene politische Denken und Handeln in
den Vordergrund zu rücken, Bewusstsein gegen die herrschenden Verhältnisse
zu vermitteln und zu schaffen bzw. Alternativen zum Bestehenden auszutesten.
Dazu gehören Lebens- und Wohnformen, sich ständig auszutauschen
und weiterzuentwickeln oder das nach Außen tragen von Meinungen und
der Ablehnung gegen das System und den Staat oder die eigene Utopie zum
Ausdruck zu bringen, wie etwa durch Demonstrationen und Riots, die politische
Gestaltung von Plakaten und Zeitungen, Konzerten, Lesungen, Austellungen.
Die Verbindung zu den Subkulturen Punk, Ska oder
Hardcore besteht bzw. bestand insbesondere im politischen Ausdruck, den
auch diese haben bzw. hatten, und oftmals in personellen Überschneidungen.
Doch mit der fortschreitenden Entpolitisierung bzw. der Kommerzialisierung
in den letzten 10 - 15 Jahren gibt es heute keine eindeutig linken, rebellischen
oder systemoppositionellen Subkulturen mehr. Die wenigen, bewusst politisch
agierenden Bands kommen allerdings zu einem großen Teil aus den oben
genannten Subkulturen und das verbindet natürlich immer noch.
Selbstverständlich ist mit der gesamtgesellschaftlichen
Entpolitisierung und Krise der Linken auch im Bezug auf ihre Ausdrucksform,
also ihre Kultur, viel an Attraktivität, Neuentwicklung und Ideenreichtum
stillständig bzw. rückläufig. Die kapitalistische Systematik,
hat es in den vergangenen Jahren immer mehr verstanden, vormals rebellische
und aufständische Kulturformen zu vereinnahmen, zu vermarkten, ja
sogar Profit damit zu machen. Diese Entwicklung geschieht aber auf allen
Ebenen, (siehe 68er-Bewegung, usw.). Die Linke ist bemüht, den bitteren
Status quo aufrechtzuerhalten und führt derzeit einen Abwehrkampf,
einen "Anti-Kampf", der sie gänzlich aufzufressen scheint. In dieser
Situation ist es schwer attraktiv und zukunftsorientiert zu handeln, aber
genau da sollte der Ansatz liegen, auch auf kultureller Ebene.
Tobias: Zur Klärung des Begriffes ?Kultur"
ist für mich erstmal ein Ansatz wichtig, der heute leider oft vergessen
wird: Nach Gramsci, einem italienischen Philosophen des frühen 20.
Jahrhunderts, ist ?Kultur" immer etwas, was ich mir selber schaffe, was
Ausdruck meines Lebens ist. Ich muss also selbst an der Schaffung beteiligt
sein, um auch Teil dieser Kultur sein zu können. Streng genommen ist
also der Kinobesuch, der Plattenkauf oder der Besuch einer Disco kein kultureller
Akt, sondern Konsum. Dieser Ansatz ist mir deshalb wichtig, weil dadurch
das Schaffen eines eigenen Kulturraumes schon zum politischen Handeln wird.
Ich denke, dass das auch viele PolitikerInnen kapiert haben, sonst würden
sie nicht eine kulturelle Einrichtung nach der anderen zu Grunde gehen
lassen und die übriggebliebenen immer mehr den Bedingungen der kapitalistischen
Marktordnung unterordnen.
So gedacht, liegt für mich ein politischer Ausdruck
oft schon im Aufrechterhalten einer (Sub)Kultur, die sich den marktwirtschaftlichen
Verhältnissen verweigert. Darüber hinaus muss aber durch Kultur
eine Ästhetik vermittelt werden, die eine Botschaft sendet, bereits
durch den ?Genuss" oder den Konsum derselben. Hier hat sich in den neunziger
Jahren einiges verschoben. So kann mensch beispielsweise Punk, Ska oder
Hardcore nicht mehr als dezidiert links auffassen, da ja rechte Skinheads
und Neonazis mit derselben Musik faschistische Botschaften propagieren.
In anderen Kulturbereichen (z. B. Kino und bildende Kunst) machte sich
die Marktwirtschaft mehr als noch vorher breit. Folge: Die Kultur hat sich
nicht an sich entpolitisiert, vielmehr sind die politische Botschaft und
deren Ausdruck in den Subkulturen auf eine subtilere Ebene gerutscht. Zur
Abgrenzung gegenüber denen, die mit den selben Mitteln etwas anderes
sagen, wird inzwischen eine starke Differenzierung benutzt. Das wird dann
besonders deutlich, wenn mensch die KünstlerInnen über die Absichten
hinter ihrem Schaffen befragt. Auf der KonsumentInnenseite bleibt aber
fast nur das Eintauchen in dieses Gestrüpp aus Querverweisen, versteckten
Botschaften und ästhetischen Verwirrspielen. Leider ist die Bereitschaft
dazu bei vielen ?Linken" sehr gering, dieses ?neue Zeugs" wird dann als
weniger politisch als die ?alte" Kultur gewertet. Schade, denn es gibt
hier viele Anschlussmöglichkeiten und wenn eine subtil-politische
Kultur mehr Rückhalt erfahren würde, könnte sie eine größere
Öffentlichkeit erreichen.
Peter: Zur Frage, ob KünstlerInnen heute
weniger politisch sind, als früher: Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung
wirkt sich natürlich auch auf "Kulturschaffende" aus, die nach meiner
Definition den kulturellen Aspekt ihres Handelns in den Vordergrund stellen
und dadurch aber immer auch politisch handeln, wenn auch oft nicht bewusst.
Nicht-politische Kultur ist politisch, da sie sich der gesellschaftlichen
Veränderung und Emanzipation verschließt.
Für eine emanzipatorische Kultur ist ein Bewusstsein
der Veränderbarkeit der Verhältnisse vonnöten und das, so
glaube ich, haben viele aufgegeben. In Nürnberg gibt es gegen die
Schließung von selbstverwalteten Einrichtungen kaum Widerstand, viele
versuchen sich durch Anpassung doch noch zu retten (was natürlich
ihr gutes Recht ist), für eine längerfristige Entwicklung für
eigenständige und selbstverwaltete Kultur ist damit allerdings wenig
zu holen. Die einzelnen kulturellen Initiativen und Aktivitäten können
natürlich nicht alle in eine Schublade gesteckt werden, aber bewusst
nach außen getragene Politik spielt oftmals kaum eine Rolle. Politische
Kulturschaffende wie z.B. Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen aus
Hamburg gibt es hier in Nürnberg eigentlich überhaupt nicht,
Menschen, die bewusst und offen versuchen, Kultur und Politik zu verbinden
und gesellschaftspolitische Themen über Kultur transportieren und
Bewusstsein vermitteln wollen. Kamerun wird zwar von vielen hochgelobt
und geschätzt, den Versuch, eine ähnliche Herangehensweise auch
hier in Nürnberg umzusetzen, vermisse ich allerdings gänzlich.
Tobias: Einerseits hat sich hier, siehe oben,
die Ebene des Ausdrucks verschoben. Andererseits können KünstlerInnen
auch immer nur ein Teil und Spiegelbild dieser Gesellschaft sein. Wenn
die gesamte Gesellschaft sich entpolitisiert, dann wird dies im Kulturbereich
auch so sein. Besonders traurig macht mich das unkritische Verhältnis
gegenüber den Großkonzernen. Kultursponsoring im großen
Stil hat für mich nichts mit einer integeren Arbeit im kulturellen
Bereich zu tun. Gerade im Kunstbereich werden oft Grenzen überschritten.
Vielleicht haben viele Kulturschaffende noch nicht begriffen, wo die Macht
wirklich sitzt. Oder anders gesagt: Sponsoring durch die CSU wäre
unvorstellbar, aber Siemens geht für viele schon in Ordnung. Dumm
zwar, dass sich manche Projekte gar nicht mehr ohne die Unterstützung
von GeldgeberInnen umsetzen lassen, aber dann müssen vielleicht auch
die Maßstäbe dieser Kunst oder Kultur und ihre Zielrichtung
kritisch hinterfragt werden.
Die Selbstverpflichtung zum Do-it-yourself hat aber nichts mit Kleinkunst
oder der absoluten Ablehnung von Massenkultur zu tun. Wir sind, denke ich,
in den letzten 40 Jahren mit einer Populär- oder Pop-Kultur großgeworden.
Die Ausdrucksformen heutzutage sind von Pop beeinflusst. Trotzdem herrscht
bei links-politischen Veranstaltungen häufig die Meinung vor, ein
Bänkel-Protestsänger wäre das Nonplusultra, oder es wird
zum 24. Mal diese oder jene ?politisch korrekte" Band eingeladen. Aber
erstens interessiert genau diese Art von Musik häufig keine einzige
außenstehende Person, und zweitens vergibt mensch als Veranstalter
damit auch die Chance, mit anderen Kulturschaffenden in Kontakt zu treten.
Selbst wenn mensch dann eine Absage einfährt bei irgendwelchen lokalen
Berühmtheiten: Das wäre ja auch eine politische Aussage der Betreffenden.
In letzter Zeit hat sich aber auf regionaler Ebene einiges getan und vielleicht
sind manche ?Linke" auch überrascht, dass sie bei einigen MusikerInnen
oder DJs/DJanes offene Türen einrennen.
Peter: Ich merke, dass wir in einigen grundsätzlichen
Punkten übereinstimmen, was mich für die Zukunft hoffen lässt.
Mich freut es, dass wir eine gemeinsame Grundhaltung in Gramsci finden,
auffällig ist hier allerdings dein Sprachgebrauch, der eine - für
mich - entscheidende Aussagekraft negiert. Für dich war Gramsci "nur"
Philosoph, für mich war er in erster Linie Kommunist. Du sprichst
von "marktwirtschaftlichen Verhältnissen", ich von Kapitalismus, auch
Sprache ist Kultur und auch Sprache ist politischer Ausdruck. Ich habe
bei Konzertankündigungen und Bandbeschreibungen oft den Eindruck,
dass der offen politische Bezug bewusst außen vor gelassen wird,
vielleicht im Glauben, dass damit potentielle KonzertbesucherInnen/HörerInnen
verschreckt werden, weil es "out" ist, die Dinge beim Namen zu nennen und
die "subtilere Ebene", wie du es beschreibst, greifen soll. Eine äußerst
defensive Herangehensweise und z.T. auch nicht im Sinne der KünstlerInnen
selbst. Ein Beispiel dazu: Vor einigen Monaten war der New Yorker Künstler
Eric Drooker in Nürnberg. In diversen Veranstaltungsankündigungen
war seine politische Herangehens- und Denkweise leider nur zu erahnen.
Wer allerdings auf der Veranstaltung war, weiß, dass er die Dinge
bewusst beim Namen nennt und nichts verschleiert. Hier geht es nicht um
das Abdreschen von Parolen und Schlagwörtern, hier geht es ganz einfach
darum, die Realität auszusprechen und diese zu vermitteln. Genau das
ist es was mich stört: Das (bewusste) Ausklammern und Verschleiern
politischer Standpunkte. Die Zensur im eigenen Kopf ist es, die wieder
durchbrochen werden muss, gefordert ist der Mut zur klaren politischen
Aussage.
Tobias: Dein Beispiel der Goldenen Zitronen
hätte ich sicher auch gewählt. Was in Hamburg um die Wohlfahrtsausschüsse
passiert, finde ich sehr wirksam und inhaltlich absolut wegweisend. Dies
liegt aber sicher nicht nur daran, dass hier politisch arbeitende KünstlerInnen
?etwas machen", sondern dass auch die richtigen Leute sich zusammenschließen.
Wie kann nun Politik und Kultur hier im Großraum
wieder näher zusammengebracht werden? Zum einen sind (noch) Möglichkeiten,
oder zumindest Örtlichkeiten, da, an denen eine Zusammenarbeit möglich
ist. Zum anderen könnten vielleicht nur neu erschlossene Räume
und Konstellationen etwas wirklich entscheidendes in Bewegung setzen. Ich
denke, dass die Bewegung von beiden Seiten passieren muss, auch wenn es
sich für mich so darstellt, dass viele Kulturschaffende eine Ahnung
von Politik haben - aber nur wenige linke politisch Aktive eine Beziehung
zu kultureller Ästhetik. Vielleicht weisen die jüngsten gemeinsamen
Aktivitäten (wie der 13. Mai in Fürth) in die richtige Richtung.
Peter: Die Bewegung dazu muss von beiden Seiten
kommen, das ist richtig. Die Voraussetzungen sind zum einen, sich auszutauschen,
zu diskutieren, sich über Toleranz und Offenheit näher zu kommen
- von beiden Seiten. Verschiedene Kritikpunkte gegenüber "Kulturschaffenden"
(z.B. Vermarktung, Sponsoring) kann ich nur genauso sehen.
Zum anderen muss aber auch die (autonome) Linke ihr
derzeitiges Verhältnis zu Kultur hinterfragen und Kulturarbeit als
zentralen Aspekt autonomer Politik wiederentdecken. Solikonzerte sind nämlich
mehr als eine Finanzierungsmöglichkeit politischer Arbeit, sie sind
Teil des Ausdrucks autonomer Politik und Kultur.
Tobias: Also: warum nicht selbst beginnen,
Musik machen, Malen, sich in die Programmarbeit bei den einschlägigen
Veranstaltergruppen mit einbringen, Kino-Gruppen unterwandern, sich über
den neuesten ?heißen Scheiß" informieren? Sicher, für
politische Veranstaltungen geht viel Zeit drauf. Aber genauso geht es den
Kulturveranstaltenden: Von der Programmarbeit ausgelaugt (mensch will da
ja einen gewissen Status aufrechterhalten) bleibt keine Zeit und Energie
mehr für explizit politische Arbeit. Trotzdem: das Selbermachen ist
einfach besser als das Warten-dass-Andere-es-machen.
Peter: Neue, selbstverwaltete und selbstbestimmte
Räume, unabhängig von städtischem/staatlichem Einfluss und
unabhängig von dubiosen GeldgeberInnen würden den gemeinsamen
Austausch und die gemeinsame Weiterentwicklung mehr als fördern, das
wissen allerdings auch die, die diese Zentren schließen. Dass die
Entwicklung und Durchsetzung solcher Räume immer Thema sein muss,
ist klar, eine Zusammenarbeit ist allerdings auch heute schon möglich:
In den bestehenden Einrichtungen und im öffentlichen Raum, (auf der
Straße, in Parks), über alte und neue, legale und illegale Aktionsformen
- klar, es gibt viel zu tun, aber packen wir es doch einfach an ... . |