| Man
rief Arbeitskräfte und es kamen Menschen
Die
Erste Generation der ,,Gastarbeiter" in Nürnberg - Ausstellung im
Arbeitsamt
Lange
bevor die ersten sog. GastarbeiterInnen aus Italien 1955 von der BRD angeworben
werden, ist sowohl Ein- wie auch Auswanderung üblich. Um 1900 gibt
es ca. 8 Millionen ,,German-Americans", die von der amerikanischen Öffentlichkeit
als wenig integrationswillig kritisiert werden. Umgekehrt wird am Ende
der "Großen Depression" das Deutsche Reich zum zweitgrößten
"Arbeitseinfuhrland" der Welt; allein eine halbe Million "Ruhrpolen" sind
im Bergbau und in der Stahlproduktion tätig.
Arbeitsmigration
Das
"Wirtschaftswunder" führt schon bald zu einem Arbeitskräftemangel
in der BRD. Zwei Alternativen werden diskutiert: Die stärkere Einbindung
von Frauen in das Erwerbsleben oder die Anwerbung von ausländischen
Arbeitskräften. Man(n) entscheidet sich für Zweiteres.
Zuständig für die Rekrutierung ausländischer Arbeitskräfte
ist die Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg. Bei der Organisierung
kann auf alte Kenntnisse zurückgegriffen werden. ,,Auch 1955 hatten
wir schon Erfahrungen, das war eigentlich nichts neues. Denn auch die Reichsanstalt
hatte 1937 in fast den gleichen Ländern Vertretungen für Arbeitsvermittlung",
erklärt Heinz Seidel von der Bundesanstalt.
Zehn
Jahre nach dem Ende von NS-Herrschaft und Rassenwahn unterzeichnet die
deutsche Regierung 1955 das erste Anwerbeabkommen mit Italien. Es folgen
Abkommen mit weiteren Ländern.
Bis 1967 kommen 14.684 GastarbeiterInnen nach Nürnberg, davon rund
ein Drittel Frauen. Juan Cabrera kommt 1960 aus Andalusien: ,,Deutschland
war exotisch, hatte den Geruch vom Dritten Reich. Wir dachten an Autorität
und Hitler, dass die Polizei sehr ernsthaft ist, es wenig Sonne und viele
Kartoffeln gibt. Solche Klischees hatten fast alle Ausländer."
Die
Reise nach Deutschland
Registriert
werden die BewerberInnen in den Verbindungsstellen der Bundesanstalt für
Arbeit in den jeweiligen Ländern.
,,Ein Registerbeamter unterzog den Bewerber einem kurzen berufsbezogenen
Test und trug ihn in das Formblatt F 41 ein, die `Karte für Bewerber
um einen Arbeitsplatz im Ausland'. Außerdem füllte er das Formblatt
F 6 /B, die `Arbeiterindexkarte', aus, die lediglich Angaben über
Beruf, Zweitberuf, Registrierungsdatum und -nummer enthielt. Dann wurde
der Bewerber unter dem aktuellen Datum und mit laufender Nummer in das
Formblatt F 19 ..." (Fremde Heimat. eine Geschichte der Einwanderung aus
der Türkei, Klartext Verlag, Essen 1998).
Bereits in den Vertretungen für Arbeitsvermittlung in ihren Heimatländern
müssen die BewerberInnen einen ausführlichen Gesundheits-Check
über sich ergehen lassen. Aufgrund von Zahnuntersuchung, Blutdruckmessung,
Urinproben und Röntgenaufnahmen wird über die Eignung entschieden.
Zudem müssen die BewerberInnen vor deutschen ÄrztInnen ,,einfache
körperliche Übungen" vollbringen. Es entsteht ein schwunghafter
Handel mit Medikamenten, Laborergebnissen und Urinproben von ,,garantiert
Gesunden".
Die Arbeitskräfte aus der Türkei fahren von Istanbul 50 Stunden
mit der Bahn. Sie erhalten vor der Abfahrt ein Verpflegungspaket mit Konservendosen
und einer Zweieinhalb-Liter-Wasserflasche. Aus Kostengründen setzt
die Bundesbahn anfänglich Nahverkehrswagen ein, denen jeglicher Komfort
fehlt. Mit Rücksicht auf die um Modernität bemühte junge
Bundesrepublik wird der Begriff ,,Transport" durch ,,Sammelreise" ersetzt,
um nicht Erinnerungen an Menschentransporte vergangener Zeiten zu wecken.
,,Benötigt,
aber nicht willkommen" - ,,Gastarbeiter" in Deutschland
Die NN rufen 1960 zu ,,Takt" gegenüber den etwa 5000 ,,Gastarbeitern"
im Raum Nürnberg auf, denn ,,wir brauchen sie - nötiger noch
als sie uns".
Der weitere Umgang mit den MigrantInnen entspricht dem beschönigenden
Begriff ,,Gastarbeiter" schon viel weniger. Von Anfang an ist klar, was
darunter zu verstehen ist: Arbeiter auf Zeit. Der Arbeitsvertrag ist meist
auf ein Jahr (oder zwei) begrenzt, Abschiebungen werden mit einer "Verwurzelungsgefahr"
begründet. Die Gemeinschaftsunterkünfte stehen unter paramilitärischer
Überwachung, und für die GastarbeiterInnen besteht keine freie
Wahl des Arbeitsplatzes.
Mit deutscher Gründlichkeit wird von Anfang an darauf geachtet, dass
die Unterbringung in den firmeneigenen Sammelunterkünften den Vorschriften
entspricht. Die Anzahl der Kochplatten ist ebenso festgelegt wie die Wohnfläche
pro Kopf in Quadratmetern. Die Probleme sind allerdings anders gelagert.
So erinnert sich Mesin Begay aus Jugoslawien noch gut an seine Anfangszeit
in der Bundesrepublik: ,,Ich hatte Heimweh, weil ich immer fremd war. Das
lag nicht daran, dass ich im Ausland war. Sondern ich war fremd, bis ich
Kontakt mit Menschen hatte. Dann fühlte ich mich wohl." Durch die
sogenannte Rotation (nach wenigen Jahren müssen die ArbeitsmigrantInnen
ausreisen und neue Arbeitskräfte werden angeworben) werden Integration
und langfristiger Aufenthalt verhindert.
Die BRD versteht sich grundsätzlich nicht als Einwanderungsland und
verhängt 1971 einen Anwerbestopp. Ab November 1973 sollen die ArbeitsmigrantInnen,
die bereits im Land sind, mit ihrer Arbeitsverlängerung gleichzeitig
eine Erklärung unterschreiben, die sie nach weiteren zwei Jahre zur
Ausreise verpflichtet. In Nürnberg gründen MigrantInnen als Reaktion
darauf eine ,,Kommission zur Verteidigung der Rechte ausländischer
Arbeitnehmer". Für die veränderte wirtschaftliche Lage und die
zunehmende Arbeitslosigkeit braucht es einen Sündenbock.
Von ,,Masseneinwanderung" und ,,dem Ausländerproblem" ist die Rede,
von ,,überlasteten Siedlungsgebieten". Neue Beschränkungen für
ArbeitsmigrantInnen werden erlassen. Die Bundesanstalt für Arbeit
in Nürnberg weist darauf hin, dass ,,Deutsche grundsätzlich bei
der Vermittlung von Stellen" bevorzugt würden (NN, 29.1.1975). Wird
eine Arbeitserlaubnis dennoch verlängert, dann handelt es sich meist
um wirtschaftliche Interessen der deutschen Arbeitgeber. In bestimmten
Berufen seien ,,die Ausländer zur Zeit überhaupt nicht zu ersetzen"
(NN, 24.3.1976), erklärt ein großer Maschinenbaubetrieb in Nürnberg.
Zu dieser Zeit leben in Nürnberg rund 58.300 MigrantInnen, was einem
Bevölkerungsanteil von 11,5 Prozent entspricht.
,,Anspruchslos
und geschickt" - Weibliche Arbeitskräfte
,,Rassige `Zugvögel' aus dem Süden: fleißig, sehr genügsam
und lebensfroh" titeln die Nürnberger Nachrichten 1964. Wie ihre männlichen
Kollegen so werden auch die weiblichen ausländischen Arbeitskräfte
mit zahlreichen Stereotypen versehen. Im Jahr 1964 leben in Nürnberg
4.422 Arbeitsmigrantinnen aus 13 Nationen. In den folgenden Jahren steigt
der Frauenanteil an, die Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften
ist hoch. Weibliche Arbeitskräfte werden in den 60er Jahren v.a. als
Pflegepersonal und Reinigungskräfte angeworben. In der Elektroindustrie
werden Arbeitsmigrantinnen beschäftigt, ,,weil Frauen eben die feinmechanische
Montagearbeit sehr viel besser hinkriegen", vor allem die Hände der
griechischen und türkischen Frauen seien, so heißt es, ,,kleiner
und geschickter".
Viele verheiratete Frauen reisen mit dem Ziel in die BRD, ihre Ehemänner
nachzuholen. Zahlreiche bürokratische Hürden sind zu bewältigen,
nicht immer lässt sich der Nachzug realisieren. Manche Migrantinnen
nehmen von dem Versprechen auch von sich aus bald Abstand.
Eine
Biographie
Juan Cabrera kommt 1960 in die BRD. ,,Ich hatte keine Aufenthaltserlaubnis,
keinen Wohnsitz und keine Arbeitsgenehmigung, das ist ein Teufelskreis",
erinnert sich Cabrera an den schwierigen Start. ,,Angefangen habe ich dann
als Tellerwäscher in einem italienischen Restaurant und wurde zwar
nicht Millionär, erhielt aber immerhin bald über die Anwerbung
ausländischer Arbeitskräfte eine Anstellung als Hilfsarbeiter
in einer Maschinenfabrik" Die MigrantInnen aus Spanien wurden damals in
der BRD als Verbündete gesehen - entsprechend den politischen Bündnissen
im zweiten Weltkrieg. ,,Die braune Soße war da und ist da", kommentiert
Cabrera. Doch er ist nicht erst Migrant, seit er nach Deutschland kam.
Die Familie muss nach dem Krieg den Bauernhof in Andalusien verlassen,
weil sie als politisch Linke dort keine Pacht mehr erhält. Der junge
Juan hat wenig Schulbildung und kaum eine Perspektive, engagiert sich im
Alter von 17 Jahren gegen das Franco-Regime. Um dem Militärdienst
zu entkommen, ,,bin ich einfach abgehauen, ich hatte keinen Reisepass und
landete schließlich im Gefängnis". Einige Jahre später
gelingt schließlich doch noch die Ausreise. Heute hat Cabrera die
deutsche Staatsbürgerschaft und sitzt für die Grünen im
Stadtrat.
Dieser
Text wurde der Broschüre XENOS - Fremde in Nürnberg entnommen.
Den selben Titel trägt eine Ausstellung, die das Institut für
Medien- und Projektarbeit IMEDANA erstellt hat. Die Ausstellung ist im
Arbeitsamt Nürnberg zu besichtigen und umfasst neben dem Thema Arbeitsmigration,
noch andere Bereiche wie Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma und AussiedlerInnen.
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