| Von
großen Töchtern und kleinen Frauen
Angewandte
Frauengeschichte
Zwei
Frauen stehen sich gegenüber, zwei sehr unterschiedliche Frauen. Die
eine trägt ein zerrissenes Kleid, in der Bildersprache des Mittelalters
nicht nur Zeichen von Armut, sondern auch von Sündhaftigkeit. Ihr
langes, offenes Haar, das ihr auf die Schultern fällt, der Schlitz
im Kleid, wodurch ihr Bein zu sehen ist und das Dekolleté zeigen
ein Übriges: Diese Frau gehört nicht der mittelalterlichen upper
class an. Der Wanderstab in ihrer Hand zeichnet sie als ein Fahrende aus
und nicht nur das: Noch heute meint man mit ,,am Stock gehen" sich in einer
miesen Lage zu befinden.
Ganz anders die Frau ihr gegenüber: Ihr Kleid ist lang, es berührt
den Boden. So viel Stoff konnte sie sich also leisten und außerdem:
Wenn das Kleid schmutzig wird, hat sie noch ein anderes, das sie wechseln
kann. Ihr Haar hängt nicht lose um die Schultern, sondern züchtig
hat sie es zusammengeflochten, und sie trägt ein kleines Barett auf
dem Kopf: Sie ist verheiratet, gut situiert sozusagen, denn die verheiratete
Frau muss beim Verlassen des Hauses eine Haube tragen. Während man
es Männern nicht ansehen kann, ob sie schon vergeben oder noch zu
haben sind, werden Frauen über einen Mann definiert: Auf den ersten
Blick kann man erkennen, ob sie schon einen Mann haben oder vielleicht
noch keinen, oder ob etwa keiner mehr da ist.
Frauen, das wird allein an Hand ihrer äußeren Erscheinung deutlich,
wurden nicht ausschließlich nur über ihr Geschlecht definiert,
sondern auch über ihre Herkunft, ihre religiöse Orientierung,
über ihre gesellschaftliche Stellung und materielle Absicherung. Es
gab folglich große soziale Unterschiede und Gegensätze - auch
unter Frauen.
Diese stilisierte Darstellung steht am Beginn der Ausstellung ,,Stadt der
Frauen. Sigenas `Schwestern` im mittelalterlichen Nürnberg", die die
Geschichte von Frauen in der spätmittelalterlichen Stadt zum Inhalt
hat. Die `Schwestern` sind aus zwei Gründen in Anführungszeichen
gesetzt. Zum einen handelt es sich freilich nicht um die leiblichen Schwestern
der Leibeigenen Sigena, die 1050 freigelassen wurde und wegen deren Freilassungsurkunde
Nürnberg seinen 950jährigen Geburtstag feiert. Zum anderen waren
die Frauen, die nach 1050 in dieser Stadt lebten, eben auch im übertragenen
Sinne nicht alle ,,Schwestern". Man sollte da schon genau hinschauen. ,,Die"
Frau in der Geschichte hat es nie gegeben. Schlimm genug, dass wir zu Beginn
des 21. Jahrhunderts immer noch eine gesonderte Frauengeschichtsausstellung
brauchen, die weibliche Seite der Geschichte noch lange nicht selbstverständlicher
Bestandteil jeglicher Darstellung geworden ist. Und das ist auch in Kürze
nicht zu erwarten.
Eine
vermeintlich allgemeine Geschichte und der Alltag des kleinen Mannes
Was nicht so alles läuft zum Nürnberger Stadtjubiläum, für
alle ist da doch was dabei. Und es ist trotz allem immer noch erstaunlich,
dass es ein 950jähriges Jubiläum möglich macht, die Geschichte
von Frauen in den Vordergrund zu rücken. Auch wenn das letztendlich
überhaupt nichts verändert. Vielleicht war es gerade deswegen
möglich? Denn weiterhin heißt es im Jahr 2000: ,,Nürnberg
feiert 950 jähriges Stadtfest. Es hat im Laufe seiner Stadtgeschichte
Söhne hervorgebracht, die zu Meistern ihres Faches wurden ..." Seufz.
Und das trotz aller Überzeugungsarbeit. Nun denn.
Dabei ist die Frauengeschichte doch schon weit über das Stadium hinaus,
den großen Söhnen lediglich die großen Töchter an
die Seite stellen zu wollen. Auch wenn das (selbst) weibliche ,,Volk" immer
wieder nach diesen großen Figuren schreit. Dieser ,,additive" Ansatz,
der ausschließlich außergewöhnliche Frauen berücksichtigt,
sagt über die soziale Realität von Frauen letztendlich bekanntermaßen
wenig aus.
Nachdem in den 70ern, angeregt durch die Frauenbewegung - die ja einst
recht bedeutsam - erkannt worden war, dass die bisherige Geschichte, die
uns als ,,allgemeine" verkauft wurde, tatsächlich die Geschichte besonders
der ,,großen" und ,,bedeutenden" Männer darstellte, kam die
Suche nach den Frauen in der Geschichte ins Spiel. Das war eine Entwicklung,
die fast parallel zur Entstehung der Alltags- und Sozialgeschichte verlief,
zur Geschichte des nun ,,kleinen" Mannes. Bald fiel Historikerinnen und
anderen ,,bewegten" Frauen auf, dass auch mit diesem geschichtlichen Ansatz
Frauen nach wie vor vernachlässigt wurden: die Arbeiterinnen, die
Hausfrauen, die Prostituierten, die obdachlosen Frauen und die alleinerziehenden
Mütter.
Der
,,Beitrag der Frau"
Die
historische Frauenforschung entwickelte in der Folgezeit den ,,kontributorischen
Ansatz". Hierbei wurde Material über Frauen in der Geschichte gesammelt,
um sie ebenso wie Männer als historische Subjekte, als aktiv Handelnde
darstellen zu können. Es wurde nach den Frauen in der Französischen
Revolution gefragt, in der 1848er Bewegung usw. usf. Natürlich konnte
dadurch der Beweis erbracht werden, dass Frauen Bedeutendes zur Entwicklung
der Menschheit beigetragen haben. Doch das war eben das Problem: Untersucht
wurde ,,der Beitrag" der Frauen zu von Männern initiierten Ereignissen.
Und dieser Beitrag wurde nach der Wirkung beurteilt, die sie auf die bereits
bestehende männlich geprägte Bewegung hatte, der weibliche Beitrag
wurde mit Maßstäben beurteilt, die für Männer Geltung
hatten.
Doch zog man hieraus Konsequenzen. Der nächste Schritt war die Untersuchung
politischer Aktionen von Frauen in eigener Sache: Die Alte Frauenbewegung,
die Stimmrechtsbewegung oder die Organisierung der Arbeiterinnen, um nur
einige zu nennen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen konnten sich sehen
lassen. Das Problem hierbei war lediglich, dass so manches Mal einfach
alles, was Frauen dachten und taten als relevant und außerordentlich
und vor allem als positiv angesehen wurde. Dass Frauen Täterinnen,
Mitläuferinnen und auch willige Vollstreckerinnen in der Geschichte
waren, wurde hierbei nur all zu oft übersehen.Was also tun?
Die
Kategorie ,,Geschlecht"
Natürlich
musste der Blick auf die Geschichte ein anderer werden, um das Handeln
von Frauen überhaupt wahrnehmen zu können. Dazu wurde als eines
der wichtigsten Werkzeuge zur Analyse von Geschichte durch die historische
Frauenforschung die Kategorie ,,Geschlecht" (gender, soziales Geschlecht)
eingeführt und zwar mit der Forderung, dies übergreifend in alle
Bereiche der Geschichte einzuführen. Die Kategorie ,,Geschlecht" wurde
dabei den durch die Sozialgeschichte neu eingeführten Kategorien wie
Klasse, Ethnie, Stand usw. nicht bloß hinzugefügt, sondern sie
wurde diesen Kategorien vorangestellt, d.h. innerhalb der Untersuchung
einer Klasse musste nach dem Geschlecht gefragt werden. Die Beziehung zwischen
den Geschlechtern ist ein primärer Aspekt sozialer Organisation. Weibliche
und männliche Identitäten werden kulturell festgelegt. Die sich
daraus ergebenden Unterschiede zwischen den Geschlechtern bilden (1) hierarchische
Gesellschaftsstrukturen und umgekehrt bilden (2) hierarchische Gesellschaftsstrukturen
Unterschiede zwischen den Geschlechtern.
Die historischen Erfahrungen von Frauen und Männern unterscheiden
sich somit meist ganz beträchtlich voneinander aufgrund der herrschenden
Realitäten. Und dies bleibt wohl auch vorerst noch gültig, obwohl
die Frage nach einer möglichen kollektiven Identität von Frauen
verneint werden muss, da es keine universale, fundamentale, für alle
Frauen gleiche historische Erfahrung gibt. Weder gibt es DIE Frau, noch
EINE Weiblichkeit.
Die Frage nach weiblicher Erfahrung muss also davon ausgehen, dass diese
Erfahrungen nicht weniger kompliziert und zahlreich sind als die von Männern.
Daraus
ergibt sich eine soziale Erklärung für verschiedene Verhaltensweisen
und ungleiche Bedingungen für Frauen und Männer, keine biologistische
oder charakterologische. Untersucht wird also, wie Weiblichkeit in der
Geschichte und daraus folgernd in der Gegenwart konstruiert wird. Das Geschlecht
ist nichts natürliches, unhistorisches, sondern es wird als etwas
konstruiertes, wandelbares, historisch gewachsenes und gemachtes betrachtet.
Und hiermit sind wir endlich bei der Geschlechtergeschichte angelangt.
Doch wie bekanntlich allgemein in der gender-Debatte äußerst
konträr debattiert wird, so ist man sich auch in der historischen
Frauen- und Geschlechterforschung nicht einig, ob durch die Einführung
der so genannten ,,Geschlechtergeschichte" sie nicht wieder mal eiskalt
und klammheimlich hinauskatapultiert werden, die Frauen aus der Geschichte.
Denn die Frage nach der historischen Konstruktion von Männlichkeit
ist ja durchaus legitim und spannend - es fragt sich nur, ob sich die Frauenforscherinnen
dieses Themas annehmen müssen oder ob das nicht besser andere übernehmen.
Keine
Stabilisierung des Status quo
Um wieder auf das Anfangsthema zurückzukommen: Die Ausstellung ,,Stadt
der Frauen. Sigenas `Schwestern` im mittelalterlichen Nürnberg" zeigt
nun ein Stück Geschichte von Frauen der unterschiedlichsten Schichten
und sozialen Zusammenhänge, sie zeigt, wie Geschlecht ,,gemacht" wird,
beispielsweise durch die Anordnung von Wappen, bei der die rechte die bessere
Seite ist und dort fast ausnahmslos die Wappen der Männer plaziert
sind: Die Frauen wussten, dass sie sich dieser auch optisch immer wieder
in Szene gesetzten Geschlechterhierarchie unterzuordnen hatten. In der
Ausstellung werden - mit einer Ausnahme - nicht die Ausnahmefrauen gezeigt,
sondern es geht um eine Sozial- und Alltagsgeschichte von Frauen, nicht
um mainstream-Geschichte.
Es
geht um Normverstöße, um Scheidung, Ehebruch und um Fluchen
gegen die ,,Herren aus dem Rat" Es werden Fragen aufgeworfen, die auch
heute von Relevanz sind, wie die nach Gewalt gegen Frauen, in der Öffentlichkeit,
in der Ehe, und es geht um sexuellen Missbrauch - denn obwohl dieser Begriff
freilich modern ist, sprechen die Quellen beredt von diesem Delikt. Und
nicht von ungefähr wurde Prostitution unter dem Punkt ,,Arbeit und
Beruf" dargestellt, und nicht - wie meist üblich - den ,,Randgruppen"
zugeordnet. Es ist notwendig, die Geschichtsforschung und -darstellung
immer wieder auf ihren Sinn und Zweck für heute zu befragen. Forschung
ausschließlich um ihrer selbst willen kann fatale Folgen haben: ,,Eine
vermeintlich unengagierte Geschichtsschreibung engagiert sich im Zweifel
für Konservatismus, Gleichgültigkeit oder eine Stabilsierung
des Status quo". (Irene Leicht)
s.b.
Über
den Buchhandel erhältlich: Das
Buch zur Ausstellung: Sigenas
`Schwestern` im mittelalterlichen Nürnberg. Frauen in der spätmittelalterlichen
Stadt.
Von
Nadja
Bennewitz, mit Beiträgen von Ulrike Bergmann, Britta-Juliane
Kruse, Aline Liebenberg, Barbara Morschl, Gabriele Wood, Nbg. 2000.
DM
29.80, ISBN 3-00-005841-9
Das
Hörspiel auf CD: Sigenas
mittelalterliche `Schwestern`. Von Arbeit, Flöhen, Ehebruch. Von Nadja
Bennewitz und Ulrike Bergmann, Nürnberg 2000.
Eine
Produktion von RADIO Z DM
28.00, ISSN 1437-952
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