Mein
Leben ist mein Sonnentanz
Gefängnisaufzeichnungen
,,Schaut
her! Schaut her! Live! Genau vor Ihren Augen! Ein echter amerikanischer
Indianer! Sie dachten, alle US-amerikanischen Indianer seien bereits getötet
worden? Nein: wir haben einen echten hier! Mr. Leonard Peltier, in einem
Käfig. Mr.
Peltier! Sie sehen nicht wie ein Freak aus! Warum hat Uncle Sam Sie in
einen Käfig gesteckt? Es
ist alles Teil des heuchlerischen Gleichgewichts der Freakshow. Uncle Sam
hat Nelson Mandela aus seinem Käfig in der südafrikanischen Freakshow
freigelassen und darum muss hier ein anderer Freak in seinem Käfig
bleiben ..."
Ein kleiner Auszug aus dem Stück "Leonard Peltier in A Cage" aus der
CD "Tricks of the Shade" der US-Rap-Band The Goats - eine CD, die aufgebaut
war nach dem Muster früherer Jahrmarktsfreakshows, erschienen 1992.
1992 lehnte der 8. Circuit Court of Appeals - wie bereits 1991 - den Antrag
auf ein Wiederaufnahmeverfahren der Verhandlung gegen Leonard Peltier ab.
Trotz weiterer Versuche hat sich nichts geändert: Auch 1999 wurde
ein Antrag auf Wiederaufnahme abgelehnt: Leonard Peltier wird schließlich
der Beihilfe (!) zum Mord an zwei FBI-Agenten beschuldigt. Das hat ihm
die Gefängnisstrafe von zweimal lebenslänglich plus sieben Jahre
(wegen eines Fluchtversuchs) eingebracht. Als Peltier verhaftet wurde,
war er 32. Leonard Peltier sitzt im Jahr 2000 das 25. Jahr im Gefängnis
von Leavenworth, Kansas. Leonard Peltier ist inzwischen 55 Jahre alt, hat
Kieferprobleme, Diabetes und ist nach einem Schlaganfall auf einem Auge
fast blind.
Leonard Peltier hat das Verbrechen, dessen er beschuldigt wird, nicht begangen:
keinen Mord und auch keine Beihilfe. Eigentlich wissen das alle Beteiligten,
auch das FBI, auch die staatlichen Ankläger. Niemand weiß bis
heute genau, wer die beiden FBI-Beamten ermordet hat, damals, während
der Schießerei im Pine Ridge Reservat am 26. Juni1975. Das Reservat
war damals Schauplatz von Schießereien und Morden: bürgerkriegsähnliche
Auseinandersetzungen zwischen dem offiziellen Stammesrat sowie seiner paramilitärischen
Truppe "Guardians of the Oglala Nation" und den traditionalistischen Indianern,
unterstützt vom American Indian Movement. Es wird niemanden überraschen
zu erfahren, dass - wegen der Kämpfe nahezu unbemerkt - ein Stück
Land, in dem Uranvorkommen vermutet wurden, den Besitzer wechselte. Und
auch jene, die sich wenig mit der Geschichte der US-amerikanischen Indianer
befasst haben, werden im neuen Besitzer kaum indianische Menschen vermuten.
Auch wenn bis heute unbekannt ist, wer die Agenten Jack Coler und Ronald
Williams erschossen hat, und die Staatsanwaltschaft dies auch öffentlich
eingestanden hat, so haben die US-Behörden doch einen Schuldigen:
Leonard Peltier, US-amerikanischer Ureinwohner und engagiert im American
Indian Movement (AIM), aufgewachsen in einer Zeit, in der indianische Kinder
in staatliche Schulen gesteckt wurden, in denen es ihnen verboten war,
ihre Sprache zu sprechen und ihre Religion auszuüben. Das AIM - oder
aim, wie Ziel - hatte sich Ende der 60er Jahre gegründet, nachdem
der US-Staat indianische Reservationen z.T. aufgelöst und ihre BewohnerInnen
in die Städte umgesiedelt hatte.
"Aber das ungewollte Ergebnis der Umsiedlung war, dass es zwischen der
Außenwelt und der Isolation der Reservate zu einem neuen Ideen- und
Gedankenaustausch kam. Die neue, unterprivilegierte Klasse der `urbanen
Indianer"'entwickelte schnell politisches Gespür und wurde Teil des
breiten Spektrums an aktivistischen oder gar militanten Bewegungen, die
sich damals in allen Gesellschaftschichten bildeten. Anstatt defensiv auf
die Parolen des weißen Mannes, `Auflösung' und `Umsiedelung',
zu reagieren, begannen die Indianer innerhalb und außerhalb der Reservate,
ernsthaft und leidenschaftlich über `Souveränität', `Vertragsrechte',
`Wiedergutmachungen' und die `Rückgabe des Landes unserer Ahnen' zu
diskutieren." (Peltier, S. 125)
Die AIM-AktivistInnen organisierten z.B. einige spektakuläre Aktionen
wie die Besetzung der leerstehenden ehemaligen Gefängnisinsel Alcatraz
(1969), die Besetzung des gleichfalls ungenutzten Fort Lawton bei Seattle
(1970) - aus dem später wirklich ein indianisches Kulturzentrum wurde
- oder den "Trail of Broken Treaties" - den Marsch der gebrochenen Verträge
- nach Washington (1972). An den letztgenannten Aktionen war Peltier beteiligt,
genauso wie er zu jenen AIM-Mitgliedern gehörte, die den bedrohten
traditionell orientierten Indianern 1975 im Pine Ridge Reservat zu Hilfe
eilten.
Egal wer sich für Leonard Peltier eingesetzt hat - dazu gehören
z.B. auch ein Desmond Tutu oder das Europäische Parlament - es hat
nichts genützt. Ein Buch über seinen Fall durfte acht Jahre lang
nicht erscheinen. Immer mehr Fakten werden bekannt, die seine Unschuld
beweisen, sowie die skandalöse Manipulation von Beweismaterial und
ZeugInnen enthüllen - bis hin zum Mord an AIM-Aktivistin Anna Mae
Aquash, die sich weigerte, eine Falschaussage gegen Peltier zu machen.
All das hat nicht zu einem Wiederaufnahmeverfahren geführt. Leonard
Peltier hat von klein auf in seinem Leben die Erfahrung gemacht, schuld
zu sein, weil er Indianer ist. Leonard Peltier versucht, sich davon nicht
verbittern zu lassen.
"Das erste, was du hier drinnen verstehen musst, ist, dass du nie etwas
verstehst. Eines ist klar, sie wollen nicht, dass es dir je gut geht, noch
wollen sie, dass du je ein Gefühl von Sicherheit bekommst. Und das
bekommst du ganz sicher auch nicht. Sicherheit ist eine Sache, die du in
einem Hochsicherheitsgefängnis nie haben wirst.
Jetzt, in dieser winterlichen Nacht werfe ich mir die grobe, graue Wolldecke
über die Knie und stopfe mir ein Handtuch in den Nacken, um die Kälte
abzuhalten. Ich behalte die Socken unter der Decke an, zumindest, bis ich
wirklich schlafen will. So gut es geht, kritzele ich mit einem Bleistiftstummel,
von dem jemand den Radiergummi abgekaut hat, auf diesem gelben staatlichen
Schreibblock aus dem Gefängniskiosk herum. Im Halbdunkel kann man
seine eigene Handschrift kaum erkennen, aber es geht schon.
"Da seine bisherigen Schriften immer allzu spezifisch auf bestimmte Aspekte
seines Falls gerichtet waren, hat Peltier nun ein Buch veröffentlicht,
in dem er nicht nur seinen Fall noch einmal aufrollt, sondern in das nach
seinem Bekunden die gesamte Bandbreite seiner Gedanken eingegangen ist:
Er erzählt von seinem Leben und dem Leben der IndianerInnen, von ihrer
Spiritualität und Religion; er berichtet, wie er versucht, mit dem
Gefängnisleben und der Aussicht Zeit seines Lebens in Haft zu sein,
fertig zu werden, setzt sich auseinander mit dem Schmerz und den Demütigungen,
die man ihm zufügt, mit der Schuld, die ihm aufgedrängt wird,
und der Schuld, die jene eben prägt, die immer schon schuld waren,
weil sie einfach da waren. Und Peltier denkt über eine mögliche
Zukunft nach, die den indianischen Menschen gerecht wird. Manches mag uns
an diesem Buch mit dem Titel "Mein Leben ist mein Sonnentanz" fremd erscheinen,
unzugänglich in unserem Rationalismus: Sind es doch gerade die Riten
des Sonnentanzes und des Schwitzhüttenbades, die ihm die Kraft geben,
im Gefängnis psychisch ungebrochen zu überleben, sich darüberhinaus,
soweit als möglich, auch noch für andere zu engagieren. Leonard
Peltier erklärt sich, wendet sich immer an uns, seine Leserinnen und
Leser - auch mal in Gedichtform, übrigens. Es ist also auch an uns,
uns mit den Aspekten dieses Buchs zu beschäftigen, die über Schlagworte
wie "Justizopfer" oder politische Kampfparolen hinausgehen.
Ach ja: Die beharrliche Weigerung der US-Behörden, neue Erkenntnisse
in Handeln übergehen zu lassen, wie z.B. die Zeugin, die ihre Aussage
widerruft, weil sie unter Drohungen vom FBI von ihr erpresst wurde oder
ein Vorsitzender Richter zweier früherer Berufungsverfahren, der sich
bei Präsident Clinton schriftlich für eine Aufhebung des Urteils
gegen Peltier eingesetzt hat, mögen noch mehr Befremden hervorrufen,
als die geistig-seelische Kraft, die der Sonnentanz dem US-Häftling
# 89637-132 gegeben hat.
Neben dem vom Tode bedrohten schwarzen Journalisten Mumia Abu-Jamal ist
die Geschichte des Chippewa/Sioux Indianers Leonard Peltier ein weiterer
Skandal, der alles Lügen straft, was sich die Vereinigten Staaten
an hehren Ansprüchen in ihre Verfassung schreiben. Und nur die Verfassung
ganz gleichberechtigt auch für IndianerInnen gelten zu lassen, schreibt
Leonard Peltier, wäre doch schon ein großer Fortschritt.
Klar ist eines: Die Lektüre sollte auch etwas Handeln zur Folge haben.
Das ist recht einfach, weil der deutschen Ausgabe eine Karte an US-Präsident
Clinton beiliegt, die nur noch mit Absender und Briefmarke versehen werden
muss und ausßerdem im Buch selbst die Adresse des Verteidigungskomitees
mitsamt e-mail Adresse abgedruckt ist. Wer übrigens mehr dieser Karten
will, braucht sich bloß an die Gesellschaft für bedrohte Völker
zu wenden.Leonard Peltiers Buch ist bereits Ende 99 erschienen. Nahezu
zeitgleich mit der amerikanischen Ausgabe wurde bei 2001 auch die deutsche
Übersetzung veröffentlicht: "Mein Leben ist mein Sonnentanz".
DM 25.-
Tine
Plesch
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