Ybbotaprag.
Heute. Geschenke. Schupo...
Essays,
Fließ- und Endlostexte von Annett Göschner
Das Buch wurde 1999 von Börsenverein des deutschen Buchhandels zum
schönsten Buch des Jahres gekürt. Das mag am schlichten Grauweiss
des Einbands liegen, an der dicken griffigen riffeligen Pappe und vor allem,
vielleicht?, daran, dass dieses Buch sofort beginnt: keine Schmutztitel
und wie all das, was an Seiten kommt, bevor der Text beginnt, in der Verlagsfachsprache
heißt - was übrigens beim Lesen zu erfahren ist. Auch alles
andere, z.B. wo die Autorin ihre Texte bereits veröffentlicht hat
oder die Inhaltsübersicht, sind ganz korrekt vorhanden und doch unerwartet
zu finden. Da, wo sonst auf dem Klappentext viel zu wenig Information über
Autorin oder Autor geboten wird oder Pressezitate zu Werbezwecken aneinandergereiht
stehen, da sind wir schon mitten im Text - über einen Fotografen,
Arwed Messmer, der Landschaft - die Landschaft der Ex-DDR - zwischen zwei
Blicken sieht:
"So wie auf den Fotos wird man sie, kehrte man an den Ort der Aufnahme
zurück, nicht mehr wiederfinden. Es sind Orte an denen die alten Losungen
schon abmontiert sind und die neuen bunten Werbeflächen die kaputten
Wände und Schuttplätze noch nicht verdecken. Die Sicht ist für
diesen kurzen Zeitabschnitt frei. Aber der Abbau hat begonnen, Zäune
sind eingerissen, Mauern abgetragen, Glas zerbrochen.
"Nicht umsonst mag dieser Text am Anfang stehen: Annett Gröschners
Beschreibung dieser Fotos, eigentlich ein Erfassen der Intention des Fotografen,
spiegelt ihr eigenes Vorgehen - Kartographie eines Niemandslands zwischen
zwei Staaten, zwei politischen Systemen, zwei Zeiten - BRDDR: Landschaften
der Erinnerung, der Gefühle, der vergessenen Orte und Gradmesser der
Veränderung. Gröschner schreibt mit klarem Blick und oft lakonischer
Sprache, mit Ironie und Empathie, vor allem aber mit unglaublicher historischer
Präzision, die sie Kleinarbeit in Archiven verdankt. Und so lernen
wir das kennen, was auch mal die DDR war - auch wenn es sich auf Magdeburg
beschränkt und auf das, was wir für Berlin halten, nun die Hauptstadt
genannt, so wie´s zu DDR Zeiten auch üblich war. Annett Gröschner
erzählt die Geschichte einer Straße anhand der Grundbücher,
verfolgt die vergeblichen Wanderungen und Wandlungen des Hotels Esplanade
am Potsdamer Platz, entmythologisiert den Oderbruch - nicht nur Ort eines
nahezu showmäßigen Überflutungseinsatzes gesamtdeutscher
Soldaten, sondern auch Ort von Massengräbern aus dem 2. Weltkrieg,
in denen Deutsche und Russen liegen, deren Leichen, Knochen, Uniformfetzen
von russischen und deutschen Soldaten ausgegraben werden, als Deutsche
und Russen identifiziert werden, um auf korrekten Friedhöfen beigesetzt
zu werden. Annett Gröschner fährt in kleine Städtchen im
Umfeld des großen Berlin - zum Beispiel nach Wünsdorf, eine
Stadt, die schon vor dem ersten Weltkrieg ausschließlich zu militärischen
Zwecken gebaut wurde und diesen Zweck bis etwa 1994 erfüllte, als
die letzten russischen Soldaten gegangen waren und ein Radio in einer leeren
Kaserne plärrte, ein Ort, an dem wohl auch andere Rechnungen beglichen
wurden:
"Ein paar Häuser weiter ... da ist das Blut bis an die Decke gespritzt
und in der Ecke des Bettes liegt ein bräunlich verkrustetes Lakenknäuel.
An den Wänden Bleistiftzahlen, wie man sie aus Krimis kennt. Ein Film
wird hier nicht gedreht worden sein, sonst röche es nicht so süßlich.
Die Wachleute zucken mit den Schultern, keine Ahnung, vielleicht Mafia
oder so was."
Annett Gröschner erzählt aber nicht nur von Häusern, Straßen
und Städten, sondern auch von Frauen - genauso vergessen und um die
eigene Geschichte betrogen wie die Häuser, Straßen, Städte.
Die "Geschichte der SED, Abteilung Frauen. Eine Farce" berichtet von Gründung
und einheitssozialistisch-patriarchaler Vereinnahmung des Demokratischen
Frauenbundes Deutschland. Annett Gröschner schreibt über Christa
Reinig, eine hier wie dort und jetzt vergessene Schriftstellerin. Und schreibt
über den Krieg ihrer Mutter, den Zweiten Weltkrieg, die Zerstörung
Magdeburgs, die Haut der Großmutter vom Körper gelöst durch
eine Phosphorbombe, im Garten verstreut: "die Haut gerettet, die Großmutter
nicht". "Geboren am Ostkreuz" ist die Geschichte von Inge Müller,
der ersten Frau des Dramatikers Heiner Müller, die sich lang schon
umgebracht hatte, als alle, die glaubten, wer zu sein, zu Heiners M's.
Beerdigung gingen. Auch die kriegt übrigens einen Text: "Kurzer Film
über das Tot sein". Annett Gröschner denkt über Inge Viett
nach und das, was sie stört an ihrem Buch: die allzu affirmative Akzeptanz
sozialistischer Parolen. Und fast am schönsten, weil tragisch, komisch
und so realistisch, ist das, was Margaret Siedow erzählt ehemalige
Stieleisherstellerin, die ihren Kittel im Spind der Speiseeisfabrik hängen
ließ, um dort dann doch nie mehr gebraucht zu werden.
Aber da sind noch andere Texte: Sie handeln von Ost-West-Begegnungen, von
Beschimpfungen an der Mauer, Provokationen, wie Ost es sah, Aufrufe zur
Freiheit, auch als Freiheit des Wortes, wie West es sah. Annett Gröschner
geht ins Arbeitsamt, fährt auf eine GermanistInnentagung und reist,
als wilde Künstlerin vom Prenzelberg, mit anderen wilden KünstlerInnenn
zu einer Lesung nach Heidelberg. Ihre Texte handeln vom Fremdsein in den
deutschen Staaten, die doch angeblich einer sind, was aber eben nicht stimmt.
Das ist erstens wahr und zweitens, finde ich, gar nicht so schlimm, wenn
eine wie Annett Gröschner davon schreibt. Durchdacht. Mit klarem Standpunkt.
Feministisch. Kritisch gegenüber dem Vertrauten wie dem Anderen. Annett
Gröschner beurteilt nicht und urteilt nicht, sie sucht die Komik einer
Realität, die oft genug eigentlich Anlass zu Wut gäbe. Aber statt
Dogmatik gibt es Kleinarbeit, die die Augen von selbst öffnet. Weil
Annett Gröschner sich nämlich die Mühe macht, zu recherchieren,
zu stöbern, das Kleingedruckte zu lesen, das wir so gerne um des großen
Wurfes willen überlesen. Darum müssen wir auch ihre Fußnoten
lesen, die einiges erklären und ergänzen. Außen und innen
ein Spiegel, Spurensuche, Geschichte, impliziter Kommentar. Und das liest
sich auch spannend und erklärt mehr als die 79. Veranstaltung zur
zehnjährigen Wiedervereinigung.
Annett Gröschner hat einige Texte in Konkursbüchern und im freitag
veröffentlicht, und die meisten anderen in der Berliner Zeitschrift
"Sklaven Migranten Briganten Kombattanten". Das mag SzenekennerInnen sicher
was sagen. Ich aber rate euch ab, ihr, die ihr lest, ihr Durchblicker (denn
ihr seid meist männlich) irgendeinen ideologischen Kleinkrieg anzuzetteln.
Ich weiß, die Linke streitet gerne. Aber: Lest lieber das schönste
Buch des Jahres 1999. Der Titel ist übrigens unaussprechlich und verdankt
sich computergenerierten Textformatierungs- und Dateiumwandlungsproblemen.
Annett
Göschner. Ybbotaprag. Heute. Geschenke. Schupo. Schimpfen. Hetze.
Sprüche. Demonstrativ. sex. Ddrbürg. Gethierkatt. Ausgewählte
Essays, Fließ- und Endlostexte, 1989-98, Edition Kontexte, Berlin,
39.80
Tine
Plesch
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